Die Zeit(arbeit) eilt
Nachdem ich erst den Paketdienst verworfen und danach den Staplerschein erworben hatte, sollte es nun Zeitarbeit sein. Als einer der unzähligen unausgebildeten Arbeitslosen in Berlin bin ich auf die Idee natürlich nicht freiwillig gekommen. So sonderlich viel hilft einem das Abiturzeugnis in der Tasche dann eben auch nicht, wenn man 26 Jahre alt ist und im Grunde selbst nicht so genau weiß, was man eigentlich kann. Wie jeder selbstbewusste Mensch schätzte ich meine Begabungen zwar überaus großzügig ein, alleine die Vermittlung potenziellen Arbeitgebern gegenüber war nie so mein Ding.
So wurde ich immer für mein gutes Englisch gelobt, wenn ich mal gezwungen war, es anzuwenden – in jedem Profil gab ich dennoch nur „Grundkenntnisse“ an und hoffte, dass diese etwas tiefstapelnde Einschätzung niemanden über meine Vier in diesem Fach stolpern lassen würde.
Aber Zeitarbeit boomte und viel Geld brauchte ich auch nicht. Also habe ich mich mal frohen Mutes in den Kampf gestürzt. Die Ernüchterung kam ziemlich umgehend. Einen hohen Lohn hätte ich nie erwartet und ich war seinerzeit noch völlig im Fieber ob der niedrigen Lebenshaltungskosten in Berlin.
Nach meinem ersten Besuch bei einer Zeitarbeitsfirma – im übrigen eine große, renommierte und von diversen Testern für gut befundene – habe ich mit den Tränen kämpfen müssen. Der Stundenlohn von deutlich unter sieben Euro alleine war es nicht, viel mehr ärgerte mich, dass keine Option bestehen sollte, das wie bisher gewohnt durch mehr Arbeit auszugleichen. Unterm Strich blieb ein dreistelliger Bruttobetrag pro Monat, einer bei dem meine Berechnungen ergaben, dass ich davon allenfalls notdürftig überleben können würde. Und um das zu erreichen, musste ich nicht nur Vollzeit arbeiten, sondern überdies flexibel sein und mein ganzes Leben nach eventuellen Aufträgen ausrichten. Derzeit wären nun leider keine Aufträge vorhanden, aber sie würden sich melden, wenn ich grundsätzlich Interesse hätte.
Niedergeschlagen und ohnehin leicht vor mich hinkränkelnd ging ich nach Hause und dachte darüber nach, ob ich wirklich bereit wäre, mich für ein paar Kröten hin- und herschubsen zu lassen, wie es irgendwelchen Leuten gefällt, die auch noch so blöd waren, zu glauben, ich wäre so blöd und würde glauben, das sei eine tatsächliche Karrierechance. Diese Phase dauerte so ungefähr bis zum darauf folgenden Nachmittag an, als ich in der Küche stand und mir schniefend und hustend eine Suppe zubereitete.
In diesem Moment klingelte das Telefon.
Am anderen Ende der Leitung befand sich eine hypernervöse und total begeisterte junge Frau, die sich als Mitarbeiterin jener Zeitarbeitsfirma erwies. Sie könne mir eine gute Nachricht überbringen, meinte sie: Ich hätte nun Arbeit. Sie hätten einen Kunden, der könnte unter anderem mich gebrauchen und ich solle doch vorbeikommen, um den Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Wann? Jetzt gleich!
Ich war krank, hatte Essen auf dem Herd stehen, Pläne für den Nachmittag und am nächsten Tag einen Vorstellungstermin bei einer anderen Firma. Also hab ich die junge Dame in ihrem Enthusiasmus ein wenig gebremst und gesagt, dass mich das sehr freuen würde, ich allerdings zufällig für die nächsten 24 Stunden noch so etwas wie ein mir verbliebenes Restleben hätte. Nur netter natürlich.
„Aber hier steht, Sie wollen arbeiten?“
Und das hat die ernst gemeint. Den Arbeitsvertrag sollte ich schnell noch unterschreiben, weil ja bereits am nächsten Morgen Schichtbeginn sei. So wäre das eben, es sei ja klar, dass man bei Zeitarbeit flexibel sein müsse …
An dieser Stelle sei noch einmal erwähnt, dass das alles nicht etwa Teil eines Arbeitsverhältnisses war, sondern dieses Quietscheentchen auf Koks mich nun mit der geforderten Flexibilität zu erpressen versuchte, bevor ich überhaupt bei ihnen angefangen hatte.
Viel schlimmer noch: Trotz der oberflächlichen Freundlichkeit, bei der ich mir regelrecht vorstellen konnte, wie sie sich beim Telefonieren von einem Kollegen die Mundwinkel nach oben ziehen ließ, um nicht mit dem Lächeln aufzuhören, gab sie mir zu verstehen, dass ich beim Ausschlagen dieses Angebotes natürlich umgehend aus der Bewerberdatenbank gelöscht werden würde.
Mein Puls befand sich inzwischen auf einem Level, das bei Leistungssportlern noch beeindruckend ausgesehen hätte und ich teilte ihr ebenso scheißfreundlich mit, dass es dann wohl das Beste wäre, wenn sie meine Daten löscht.
Während meine Suppe auf dem Herd langsam unruhig wurde, verwarf ich ihre Beschwichtigungsversuche und stellte nochmal klar, dass ich zweifelsohne an Arbeit interessiert sei, aber sicher nicht ihr zuliebe unbezahlt ein halbes Jahr lang Bereitschaftsdienst schieben würde. Ich hätte auch andere Verpflichtungen und damit wäre es das wohl.
Ihr letztes Angebot war eine Viertelstunde Bedenkzeit, die sie mir für eine Meinungsänderung zugestand. Zurückgerufen habe ich selbstverständlich nie und der letzte Kontakt mit der Firma war nach ein paar Wochen deren Rücksendung meiner Bewerbungsunterlagen, nicht ohne ein Schreiben (inzwischen unter neuem Firmennamen), in dem sie ihr Bedauern ausdrückten. Ablage P, der nächste bitte!
(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)