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Autor: Sash

Von Straßen träumen

Von Straßen träumen

„Eines Tages werdet ihr feststellen …“

Nicht auszuhalten!

Wie wahrscheinlich alle aufgrund von akuter Jugendlichkeit nicht Fluchtberechtigten, die sich jemals seit 1945 in einem deutschen Klassenzimmer aufgehalten haben – und wenn man nur arglos hineingeschlichen ist, um etwas Kreide zu klauen – habe auch ich immer wieder den Satz gehört, dass die Schule „die schönste Zeit des Lebens“ ist. Und dass ich sie mir bestimmt mal zurückwünschen würde.

Und nichts ist verachtenswerter an Lehrern als die Tatsache, dass sie damit Recht haben und sich diesen Spruch trotzdem nicht abgewöhnen. Denn natürlich hatten wir Schüler unsere schwierigeren Zeiten nicht im Kunstunterricht oder während einer der vielen Pausen. Oben Genanntes aber immer dann gesagt zu bekommen, wenn man mal wirklich im Stress war, bewirkte bei mir, dass ich die Schule keineswegs mehr lieb gewann, dafür aber mein zukünftiges Leben umso mehr fürchtete.

So sehr ich natürlich zu schätzen wusste, was mir beigebracht wurde, war der Abschied von der Schule auch ein lang ersehnter Abschied vom institutionalisierten Lernen gewesen. Es hätte tausende Studienfächer in diesem Land gegeben, die mich prinzipiell des Wissens wegen gereizt hätten, aber es war eine unglaubliche Erlösung, ein Leben zu beginnen, das klare Grenzen zwischen der Arbeitszeit und dem Feierabend kannte. Nie wieder wollte ich aufwachen und mir denken:

„Mist, du hättest auch noch ein bisschen mehr lernen sollen!“

Natürlich sind unter diesen Vorgaben alle Ausbildungsideen irgendwie liegen geblieben. Im Grunde gefiel mir der Status Quo, mir gefiel die Zweiteilung meines Lebens in Arbeit und, äh ja: Leben.

Nach, beziehungsweise schon während meines kurzen Ausfluges in die Zeitarbeit in Berlin wurde mir aber klar, dass ich mich vielleicht doch darauf einlassen sollte, für einen guten Job auch mal wieder ein bisschen Lernerei auf mich zu nehmen. Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, hätte ich wohl eher einen Vertrag für einen Posten als Erntehelfer für die Spargelsaison unterschrieben.

Für eine Rückkehr in den Behindertenfahrdienst war es unabdinglich, meinem in Stuttgart schon erworbenen Personenbeförderungsschein die Ortskundeprüfung für Berlin hinzuzufügen. Der Sinn dahinter war schwer erkennbar. Völlig ohne Sinn sollte ich also die knapp 900 km² von Berlin auswendig lernen, um ein paar Schüler morgens vom immergleichen A zum immergleichen B zu bringen? Aber ich war verzweifelt genug, es zu versuchen. Bloß nie wieder Assistant Chief of Pneumo-Blasting sein!

Ich war mir der Absurdität wohl bewusst, in einer Millionenstadt die Ortskundeprüfung abzulegen, in der ich zum einen erst seit einem halben Jahr lebte und zum anderen lehrreiche Stadtbummel mied wie der Teufel das Weihwasser.

Zunächst einmal googelte ich ein bisschen. Das schien mir angenehmer zu sein, als geistig völlig unbewaffnet irgendwelchen Menschen gegenüberzutreten, die Ahnung von der Materie hatten.

Und was das kleine Suchmaschinchen da ausspuckte, war absurd. Ich bin umgehend vom Stuhl gekippt.

OK, nicht wirklich. Aber ich hätte es tun sollen, eine angemessenere Reaktion existiert schlicht nicht. Das, was es zu lernen galt, war unübersichtlich viel. Und doch nur Berlin.

Dass ich die Prüfung brauchte, war Irrsinn. Dieser Irrsinn quadrierte sich durch die Anforderungen, die da gestellt wurden. Zunächst freute ich mich darüber, dass ich nicht das gleiche Pensum zu absolvieren hatte wie ein Taxifahrer. Und bitte mal im Ernst: Wieso hätte ich Taxifahrer werden sollen?

Diese Freude jedoch hielt auch nur kurz. Letztlich musste ich zwar als Krankenwagenfahrer nur eine von zwei Prüfungen ablegen – allerdings die schwerere, die das Wissen der leichteren ohnehin mehr oder minder beinhaltete. Wer sich das ausgedacht hatte, war ganz offensichtlich ein Bürokratie-Genie ersten Ranges.

Mit diesen Informationen bewaffnet, torkelte ich durch die Daten und widerrief meine vorherige Meinung:

Wenn ich schon den Stadtplan einer mir völlig unbekannten Stadt (und ich hatte zu dieser Zeit wirklich erst mühsam gelernt, meinen eigenen Wohnsitz in angemessener Zeit auf einem Stadtplan zu lokalisieren) auswendig lernen sollte, dann doch gleich richtig!

Ja, ich beschloss, gleich die „richtige“ Ortskundeprüfung zu machen – die, mit der man auch taxifahren kann. Und wenn wir schon dabei wären, könnte ich das ja auch gleich ausprobieren.

Natürlich wusste ich über diesen Job so gut wie nichts, aber immerhin hatte ich mich in betrunkenem Zustand schon hier und da mal mit einem Taxifahrer unterhalten. Abgesehen davon, dass sie immer eine gewisse Angst vor mir mit meinen zwei Metern zu haben schienen, kamen sie mir lustig vor. Und hey: Lustig war ich auch!

Frisch motiviert und von meiner Freundin mit einigen einschlägigen Adressen aus der Zeitung versorgt, begann ich meine Suche nach einem potenziellen Ausbilder, nach einer Taxischule. So wie jeder halbwegs denkende Mensch wusste ich, dass das Taxigewerbe grundsätzlich vor Betrügern und Abzockern nur so strotzt und wollte äußerste Vorsicht walten lassen bei meiner Wahl. Entsprechend nervös war ich, als ich dann einige Tage später auf eine am Telefon ausgesprochene Einladung vor der Türe einer Taxischule stand.

Das Haus kam mir schon einmal nicht sonderlich vertrauenerweckend vor, meine Warnglocken schienen also noch intakt zu sein. Das jedoch änderte sich hinter der Tür. Dem liebevollen und harter Arbeit geschuldeten Chaos entsprang ein gut gekleideter Mann um die Fünfzig, der unter Zuhilfenahme eines Rollkragenpullovers jeden Steve-Jobs-Ähnlichkeits-Wettbewerb gewonnenen hätte.

Ungefähr eine halbe Stunde später wusste ich, dass ich hier nicht nur meine Ausbildung zur Ortskundeprüfung machen, sondern anschließend auch arbeiten wollte. Als Taxifahrer.

Der freundliche Mann mit der bedächtigen Sprechweise hatte nämlich ganz gelassen hingenommen, dass ich erst seit einem Jahr in Berlin weilte und mich paradoxerweise mit der Aussage motiviert, dass die Prüfung ohnehin so schwierig sei, dass man sie auch als Berliner nicht einfacher bestehen würde als als Auswärtiger.

Man muss sich das für die Erlangung des „Ortskenntnisnachweises“ in Berlin nötige Wissen ungefähr so umfangreich vorstellen wie ein durchschnittliches sozialwissenschaftliches Studium. Mit dem Unterschied, dass die benötigte Fachliteratur ungleich günstiger ist und von Unkundigen mit banalen Stadtplänen verwechselt werden könnte. Insbesondere, weil meistens „Stadtplan“ draufsteht.

Nach meiner jahrelangen Lernabstinenz war ich trotz des offensichtlich mehr als trockenen Lernstoffes ganz angetan davon, mir Berlin zunächst auf dem Papier zu erarbeiten.

Bevor ich einen Vertrag unterschreiben durfte, erhielt ich aber die Chance, darüber nachzudenken, zu Hause ein paar Übungslektionen zu machen und am folgenden Montag zu einem der Kurse zu kommen.

So betrat ich das immer noch nicht ganz seriös aussehende Haus ein paar Tage später erneut, inzwischen überzeugter als zuvor. Dass ich im Grunde nur wusste, dass ich nichts wusste, war mir bekannt – das Ausmaß meines Unwissens indes prasselte in Form unzähliger Straßennamen bereits nach Minuten auf mich ein.

Und mit mir im Raum saßen augenscheinlich erwachsene Menschen und starrten angestrengt grübelnd in Stadtpläne. In Stadtpläne! Kann man sich nicht ausdenken, sowas!

Plötzlich jedenfalls drehte sich alles um „Objekte“. Das Brandenburger Tor war ein Objekt, der Flughafen Tempelhof bis zu seiner Schließung auch. Ebenso ein paar für mich fragwürdig klingende Dinge wie das Kumpelnest 3000 und die Bar jeder Vernunft. Dass mir eine Menge bevorstand, war wirklich unübersehbar.

Fortan wurde mein Leben wieder zur Schule. Während ich ein bisschen Zeit damit verbrachte, das Arbeitsamt zu vertrösten, bestand der Rest meines Daseins bald aus Objekten, Routen und Stadtplänen. Zu Hause oder im zweimal wöchentlich stattfindenden Kurs brütete ich unentwegt über den kürzesten Verbindungen zwischen verschiedenen Sehenswürdigkeiten, die ich immer noch eher aus dem Fernsehen, denn aus meiner Wirklichkeit kannte. Ich bastelte mir Eselsbrücken für Adressen, prägte mir Routen ein, die man für mehrere Fahrten brauchen konnte und fieberte mit unruhigem Magen den Prüfungen entgegen.

Es ging das Gerücht um, jeder Anwärter würde irgendwann von Zielfahrten und Adressen träumen und bei mir war es in der ersten warmen Nacht 2008 soweit. Nach unruhigem Schlaf erwachte ich und anstatt wie früher mit meiner Morgenlatte herumzuexperimentieren, fragte ich mich, wie ich bitte vom Auguste-Viktoria-Klinikum zum Hauptbahnhof komme. Und spätestens beim Kanzleramt ist ohnehin Schluss mit jeder Erektion.

Mein Lehrer in der Taxischule verstand sich hauptsächlich darauf, uns Angst zu machen vor der schwierigen Prüfung. Ohne dabei jedoch unsympathisch zu sein. Er schwor uns darauf ein, geradezu unanständig genau zu sein. Nicht nur sollten wir uns auf unser Wissen verlassen können, mehr als eingehend warnte er uns zudem vor der Inkompetenz der Prüfer. Ich verstand mich schnell sehr gut mit ihm und wenn er die kürzeste Route zum „größten Volksverblöder seit Goebbels“ wissen wollte, navigierte ich auf dem Stadtplan mehr oder weniger zielsicher zur Axel-Springer-Straße und das Lob für schnelles Lernen blieb nicht aus. Insgesamt war der Kurs eine gemütliche Runde, beileibe besser als das literarische Quartett, nur etwas enger in der Themenauswahl.

Dennoch lag über all der Knuffigkeit stets der Erfolgsdruck. Nicht seitens meiner zukünftigen Arbeitgeber! Es war eher mein Geldbeutel, der immer beharrlicher schrie und mich zur Vollendung des ganzen Theaters zwang. Und war er es nicht, war es der Geldbeutel meines Vaters, der mich nach wie vor und mit immer größerem Einsatz co-finanzierte.

Mein Zimmer wurde nun optisch dominiert von einem großen Stadtplan an der Wand und einzelne Kartenausschnitte zierten verschiedene Möbelstücke. Meine Gedanken verfingen sich in Wegbeschreibungen, die in der Tat jeden Durchschnitts-Berliner überfordert hätten und selbst meine Freundin, hier geboren, musste bald anerkennend gestehen, dass sie wohl künftig mich Zugewanderten nach dem Weg fragen müsste, wenn es mal wichtig wäre.

Manche Routen beherrschte ich perfekt, manche Stadtteile lagen mir indes gar nicht. Die Karteikärtchen mit den Objekten verteilten sich auf verschiedenste Plätze, die alle unterschiedliche Lernfortschritte symbolisierten und für unbedarfte Besucher musste mein Reich aussehen, als würde dort ein Messi mit einem schwer kontrollierbaren Karten-Fetisch wohnen.

Mein Lehrer, der selbst Kartenmaterial zum Lernen herausgab, sah mich irgendwann nur noch selten. Ich verlagerte meine Arbeitsstätte ganz nach Hause, sparte mir damit das Geld für die Fahrkarten und ein paar Stunden Zeit jede Woche.

Im Laufe der Monate errechnete ich irgendwann, dass der Zeitaufwand für das Bestehen der Ortskundeprüfung in Berlin den für mein Abitur um den Faktor 30 übertraf – was aber in Anbetracht der dort erzielten Noten auch eher gegen meine Abiturvorbereitungen sprach.

Natürlich hatte ich dennoch Freizeit, ich schrieb nebenher sehr viel und so lange die väterliche Unterstützung es zuließ, brachten mich auch in dieser intensiven Lernphase einige Berliner Pilsener vom gradlinigen Erfolgsweg ab. Aber ich hatte trotzdem niemals zuvor mehr Zeit in irgendein Projekt investiert.

Und all das, um mich zuletzt von einer trägen Beamtin bei der Agentur für Arbeit annölen zu lassen:

„Ich hab dann auch einen festen Arbeitsplatz und liege ihnen nicht weiter auf der Tasche.“

„Aha, als was denn?“

„Ich bin dann Taxifahrer.“

„Ach je, wollen Sie sich denn ihr ganzes Leben mit solchen Gelegenheitsjobs herumschlagen?“

Aber die gesellschaftliche Ächtung durch meinen Beruf sollte noch auf sich warten lassen. Zunächst einmal musste ich ja die Prüfungen bestehen.

Das aber war ein anderes Kapitel.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

Assistant Chief of Pneumo-Blasting

Assistant Chief of Pneumo-Blasting

Ich wusste jetzt, dass Zeitarbeit im Wesentlichen bedeutet, mies bezahlt und umhergeschubst zu werden. Von weiteren Bewerbungen abzusehen war leider dennoch nicht drin, da mein Brötchengeber Anfang 2008 die Bundesagentur für Arbeit war, die mich – Überraschung! – noch mieser bezahlte und noch mehr umherschubste.

Das Büro der zweiten Zeitarbeitsfirma wirkte auf den ersten Blick deutlich gemütlicher als das eine Woche zuvor. Die Räumlichkeiten waren wesentlich kleiner und dieses Mal fand das Eingangsinterview auch nicht in einem kantinenähnlichen Großraumbüro statt.

Eine gut gelaunte und scheinbar ernsthaft an mir interessierte Mittvierzigerin mit blonden Haaren und Angela-Merkel-Dekolleté scherzte sich mit mir durch das Vorstellungsgespräch, wobei sich zeigte, dass kennste-eine-kennste-alle bei Zeitarbeitsfirmen dennoch keine unangebrachte Phrase war. Der Arbeitsvertrag hatte einen anderen Kopf, die Bedingungen aber waren bis aufs letzte Komma identisch.

Wieder sollte ich die Füße stillhalten, bis sie mich in Lohn und Brot bringen könnten und wieder bekam ich am Tag darauf bereits den Befehl, anzutraben. Aber wenigstens alles ein bisschen netter und  ein bisschen weniger als wäre ich nur der Kaugummi unter ihren Schuhsohlen. Fürs erste war ich zufrieden.

Bevor ich meine erste Stelle antreten durfte, wurde ich ermahnt, der Firma keine Schande zu machen. Der Auftraggeber hätte schlechte Erfahrungen mit Zeitarbeitern, mein Vorgänger wäre gefeuert worden, weil er während der Arbeit Drogen konsumiert hätte.

Nicht dicht zur Arbeit kommen?

Ich ging leichtsinnig davon aus, diese Vorgabe locker einhalten zu können.

Die füllige Bürodame durchbrach meine Gedanken mit der Frage, ob ich Sicherheitsschuhe besäße.

Da war er also: Der Haken, der immer irgendwo lauert. Sicherheitsschuhe! Na logo. Ich war nach all den Jahren, in denen ich meine Quadratlatschen lieb gewonnen hatte, immer noch froh, überhaupt irgendwelche Schuhe zu bekommen. Wenn es dann keine Basketballtreter waren, die mich unnötigerweise noch einmal fünf Zentimeter größer machten, sah ich das schon als große Erfüllung und glückliche Fügung an. Und nun? Sollte dieser Job etwa daran scheitern, dass es keine verdammten Sicherheitsschuhe in Größe 50 gibt?

Nein. Für wirklich nicht übertriebene 60 € organisierte mein neuer Arbeitgeber mir sogar Schuhe mit Stahlkappen. In Größe 50. Es war mir bis dato nicht bekannt, dass so etwas lieferbar war, ohne dass man neun Wochen Wartezeit zu ertragen hatte, weil irgendein Sklavenhalter in Lampukistan für die Herstellung zunächst mal drei neue Kinder entführen müsste.

So aber kam es, dass ich kurz darauf als Leiharbeiter mit Sicherheitsschuhen pünktlich eine Viertelstunde vor Schichtbeginn bei einer Firma in Wilhelmsruh ankam und erwartete, nähere Infos vom Abteilungsleiter zu bekommen.

Darauf hätte ich lange warten können.

Über diese und jene Wege wurde ich in die große und mit allerlei metallverarbeitenden Maschinen voll gestellte Fabrikhalle geschleust und dort von einem etwas an einen Hippie erinnernden Schichtführer mit zwei weiteren Zeitarbeitern einem Arbeitsplatz zugeteilt, der sich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich erschloss. Wir fanden uns zu dritt zwischen Regalen und einer Maschine, die komische Geräusche machte, sowie einigen Kisten mit Wasser wieder.

Darüber hinaus stapelten sich um uns herum dutzendweise Behälter mit Serverblenden – also diesen Metallschienen, die auf der Rückseite so ziemlich jeden Computer zieren und verhindern, dass neben den Steckern der Dreck ins Gehäuse fliegt.

Davon lagen zigtausende herum und mir drängte sich der Gedanke auf, dass das wohl kein Zufall war und ich jetzt „irgendwas mit Computern“ machen sollte.

Meine beiden Mitstreiter und ich bildeten ein höchst ungleiches Trio. Markus war etwa so alt wie ich, hatte ein Milchbubigesicht, die Statur eines kleinwüchsigen Balletttänzers und das Rückgrat eines Schleimpilzes. Er arbeitete bereits seit drei Monaten in der Fabrik und buckelte vor allen Festangestellten, da er selbst unmittelbar davor stand, übernommen zu werden. Statt 6,42 € würde ihm das 7,50 € Bruttolohn bringen und für die 1,08 € schien er bereit zu sein, alles zu tun. In die Quere kam ihm dabei aber seine Schüchternheit, die ihm in manchen Situationen sogar verbot, überhaupt irgendwas zu tun.

Daneben gab es Herbert, einen kräftig gebauten und Vokuhila tragenden Mann mit grobem Händedruck. Er war wie ich den ersten Tag in dieser Firma, hatte allerdings schon einige Erfahrungen mit der Zeitarbeit gesammelt. Ihm waren sowohl die Arbeit vor Ort als auch sein Job in der Leihbude scheißegal. Er wusste, dass er mit einem Hungerlohn abgespeist wurde und dass er, würde er fliegen, am nächsten Tag woanders arbeiten könnte.

Und ich, naja, ich wollte halt ein paar Euro verdienen bis mir etwas Besseres einfiel.

Der eigentlich zuständige Abteilungsleiter gab sich – wie wir schnell erfuhren – gar nicht mit Zeitarbeitern ab. Zumindest nicht mit solchen, deren Übernahme nicht geplant war. Jegliches Willkommen und auch rechtlich vorgeschriebene Sicherheitsbelehrungen fielen damit aus und Markus wurde die Aufgabe zuteil, Herbert und mir die Arbeit zu erklären. Die sollte „nicht arg schwierig“ sein, was stark untertrieben war. Herbert und ich sollten pusten. Im Ernst.

Markus bediente die laut brummende Alienbesohlungsmaschine, die sich alsbald als schnöde Metallbürste herausstellte. Durch diese schob er die Serverblenden – damit sie so hübsch aussehen, wie wir alle sie kennen. Beim Bürsten wurden die Blenden naßgehalten und die fertig gebürsteten Teile mussten Manfred und ich anschließend mit Druckluftpistolen trocken pusten. Anbei zusehen, dass nirgends Kratzer waren und sie dann in schön ansehnlich in Kisten stapeln.

Als Schichtvorgabe galt die Zahl von 1800 Blenden, am ersten Tag schafften wir 1100.

Markus spielte notgedrungen den Animateur vom Dienst, lobte uns zwei über alle Maßen und stellte in Aussicht, dass wir in den kommenden Tagen die Vorgabe locker würden einhalten können. Das war natürlich eine Lüge.

Die Arbeit war so strunzdumm, dass man nach der ersten halben Stunde spätestens den optimalen Bewegungsablauf verinnerlicht hatte und es schlicht nichts mehr zu verbessern gab. Überhaupt lag das Tempo wesentlich weniger an Herbert und mir als an Markus, der nur eine begrenzte Anzahl an Serverblenden durch die Bürste ziehen konnte, da er sie zuvor in eine Passform legen musste, in die nur 3 Blenden passten.

Bereits am zweiten Tag sollten wir erfahren, wie man auch die blödeste Arbeit in einer entsprechend geführten Fabrik völlig ad absurdum führen konnte.

Unsere Fehlerkontrolle war eine Farce sondergleichen:

Bemerkten wir Kratzer in einer der Blenden, landete diese nicht in den zu versendenden Kisten – wer zahlte schon den vollen Preis für Serverblenden mit verkratzter Innenseite? – sondern wieder bei Markus unter der Bürste. Das konnte ich noch nachvollziehen, schließlich ließen sich viele Schäden durch erneutes Bürsten ausbessern. Aber: Nicht alles ließ sich mit Bürsten beheben, so dass manche Blenden zwei- oder dreimal durch unser aller Hände gingen ohne je fertig zu werden. Am Ende landeten sie dann im Ausschuss. Absurd wurde das Ganze, als man uns erklärte, wir sollten gelegentlich auch den Ausschuss wieder durch die Bürste ziehen.

Im Grunde bedeutete das nichts anderes, als dass wir umso schlechtere Stückzahlen vorweisen konnten, je gewissenhafter wir unsere Kontrolle vornahmen.

Und an Tag zwei – nachdem abzusehen war, dass wir die Vorgabe abermals nicht im Entferntesten würden einhalten können – lernten wir auch endlich den Abteilungsleiter kennen. Er präsentierte sich uns als rachsüchtiger Gnom mit sicher ungewollter Glatze, der sich bei jedem Regelverstoß durch die Halle tobte und bei dem es keines professionellen Gutachtens bedurfte, um ihm eine Therapie gegen seine Minderwertigkeitskomplexe zu empfehlen.

Das hätten Herbert und ich auch gerne getan, alleine: Wir waren ja die untersten Untergebenen und somit kamen wir nie in den Genuss, uns einen persönlichen Rüffel abzuholen, sprich überhaupt mit ihm zu sprechen. Der Zwerg folgte der strengen Hierarchie in der Firma und machte Markus dafür zur Sau, dass Herbert und ich offenbar nicht vernünftig arbeiten würden. Und Markus hielt die Klappe, weil er um seine Übernahme fürchtete.

Natürlich versuchte unser verschüchterter Milchbubi, den Druck an Herbert und mich weiterzuleiten, allerdings mit wenig Erfolg. Nicht nur, weil es uns egal war. Herbert und ich arbeiteten locker alle Blenden ab, die Markus uns vorlegte und wir hatten dennoch Zeit für ausgiebige Raucherpausen.

„Wat soll ick meiner nächsten Bude denn über die Arbeit hier sagen? Ick meine, was mach ick hier eigentlich?“

„Naja, vielleicht schreibste, dass Du Bläser warst …“

„Nee, det is nich technisch jenuch!“

„Wie wär’s mit Assistant Chief of Pneumo-Blasting?“

„Det is jut!“

Herbert und ich waren also fortan amüsierte Assistant Chiefs of Pneumo-Blasting und Markus verzweifelte an der Bürste. Wir haben dauernd versucht, ihn zu überzeugen, die Sache nicht zu ernst zu nehmen. Leider war der Kleine viel zu verzweifelt, um sich unsere Lockerheit aneignen zu können.

Ich selbst legte es zwar auch nicht drauf an, den Job zu verlieren, war aber auch nicht blöd genug, mir die Arbeit wichtig zu reden. Wenn ich heimkam, schmerzte der Rücken vom ungewohnt langen Stehen – mit Stühlen wäre die Arbeit wahrscheinlich nicht beschissen genug gewesen – und der Lohn war allenfalls hoch genug um nicht zu verhungern. Wie alles, was ich bis dato getan hatte, wollte ich es irgendwie gut machen, aber nicht um den Preis der totalen Selbstaufgabe.

Im Grunde hätte dieser leicht lächerliche Tanz auf dem Vulkan (der Geduld des Abteilungsleiters) ewig so weitergehen können, stattdessen aber kam es noch schlimmer. Es waren keine dreieinhalb Tage ins Land gezogen, da ließ Markus‘ Bürste immer mehr nach. Waren die Serverblenden ursprünglich nach einem Durchgang bis auf wenige Ausnahmen vorzeigbar, musste er nun die selben Teile wieder und wieder durchziehen. Der Firmenleitung wurde das umgehend gemeldet, passiert ist indes nichts. So sank unsere Produktivität ins Bodenlose. Markus mühte sich an der Bürste ab, Herbert und ich hielten Maulaffen feil und verbrachten die halbe Schicht in der Raucherecke und kehrten nur alle 20 Minuten mal zu unserem Arbeitsplatz zurück, um die spärliche Ausbeute an akzeptablen Blenden mal eben trockenzupusten.

Dass wir unproduktiv waren, wussten wir – aber da wir ja schließlich alles machten, was wir nur tun konnten, wähnten wir uns auf der sicheren Seite. Diese Rechnung hatten wir freilich ohne die Cholerik des kahlköpfigen Leitungsgnoms gemacht.

Der hatte nämlich einen Lösungsvorschlag, der uns die Gesichtszüge entgleisen ließ – eine Arbeitsanweisung direkt aus Schilda:

Da unser Team – kaputte Bürste hin oder her – so wenig arbeitete und wir ständig nur rauchen würden, würde nunmehr pro Schicht nur noch eine Zigarettenpause vor und eine nach der Mittagspause erlaubt sein.

Abgesehen von unserer Laune änderte das freilich gar nichts. Am vierten Tag ging dann die Bürste komplett kaputt und unsere Produktivität sank endlich wie offenbar von der Leitung angestrebt auf Null.

An diesem Punkt wurde sogar der Firmenleitung klar, dass man dieses Problem nicht mit Pausenverboten lösen könne und um eine Reparatur nicht herumkommen würde. Herbert und ich durften früher gehen, natürlich mit entsprechend gekürzter Stundenzahl, sprich: Weniger Geld. Mit Leiharbeitern kann man’s ja machen!

Wir haben den Schichtleiter, der uns unsere Stundenzettel unterschreiben musste, auch gleich gefragt, ob wir informiert werden würden, wenn die Bürste am nächsten Tag auch noch defekt wäre. Schließlich hatten wir beide keine Lust auf eine (uns auch noch Geld kostende) Anreise ohne Sinn. Na sicher würden wir informiert!

Pustekuchen.

Am nächsten Morgen, wieder um 4 Uhr zur Frühschicht aus dem Bett gekrabbelt und mich in die S-Bahn geschwungen, stellte ich bei der Ankunft in der Halle natürlich fest, dass genau das unterlassen wurde.

Antanzen, doof gucken und wieder heimfahren: Hat mich an diesem Tag zwei Stunden Wegstrecke und 4,20 € gekostet, mir kein Geld eingebracht und entsprach damit nicht unbedingt der Kosten-Nutzen-Rechnung, die ich mir selbst für ein  Angestelltenverhältnis unter beschissenen Bedingungen aufgestellt hatte.

Am Tag darauf holte mich meine Krankheit wieder ein. Wie ich inzwischen weiß, war es nicht nur eine Erkältung, sondern ein Pfeiffersches Drüsenfieber. Das hört sich zwar schlimmer an als es ist, kann einen aber dennoch ziemlich flachlegen.

Ironische Zeitgenossen werden nach einer Recherche übrigens feststellen, dass man die Krankheit auch durchs Flachgelegtwerden kriegen kann, aber ich erspare mir einen Kalauer zu diesem Thema.

Auf jeden Fall war ich morgens zwar wach, aber weitgehend arbeitsunfähig. Dummerweise begann die Schicht um 6 Uhr. Unsere Ansprechpartner bequemten sich jedoch nie vor 7 Uhr ins Büro und mein Arzt öffnete seine Praxistüren ohnehin erst um neun. Also hab ich – ziemlich blöd, aber gutgläubig – die Schicht angetreten. Ich hatte Fieber und Kopfschmerzen, aber ich wollte zum einen meinen guten Willen zeigen und zum anderen wenigstens persönlich Bescheid sagen, dass ich ausfalle.

Und meine spärliche Hilfe konnten sie brauchen, denn Herbert tauchte an diesem Tag gar nicht auf. Ich hab dem Schichtleiter die gute Nachricht überbracht, dass ich – sobald mein Arzt seine Arbeit antreten würde – weg wäre und jetzt nur pro forma noch ein bisschen helfe.

Aber Undank ist der Welten Lohn. Während ich nach Marzahn fuhr, um meinen Arzt zu fragen, weswegen mich mein Körper diesmal hasste, rief mich die Chefin der Zeitarbeitsfirma an. Was zur Hölle denn da los sei bei mir, wollte sie wissen.

Ich antwortete wahrheitsgemäß und etwas geknickt, dass ich krank sei und auf dem Weg zum Arzt. Dann erfuhr ich von ihr, dass der Kunde – also die Firma, die ich vor einer Stunde verlassen hatte – sich beschwert hätte, ich wäre „abgehauen, weil ich keine Lust mehr hätte“.

„Aha, nehme ich vielleicht auch Drogen?“

Das habe ich nicht laut ausgesprochen, aber nach dieser dreisten Lüge hatte ich eine vage Vorstellung davon entwickelt, was es heißen könnte, wenn diese Firma etwas von Drogen erzählte. Wahrscheinlich hatten sie meinen Vorgänger am Kaffeeautomaten mit einem Cappuccino erwischt.

Mir wurde noch während des Telefonats meine Kündigung ausgesprochen und da ich noch in der Probezeit war, hatte ich auch keine Chance, dagegen vorzugehen. Aber dazu hätte ich das ja erst einmal wollen müssen.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

Die Zeit(arbeit) eilt

Die Zeit(arbeit) eilt

Nachdem ich erst den Paketdienst verworfen und danach den Staplerschein erworben hatte, sollte es nun Zeitarbeit sein. Als einer der unzähligen unausgebildeten Arbeitslosen in Berlin bin ich auf die Idee natürlich nicht freiwillig gekommen. So sonderlich viel hilft einem das Abiturzeugnis in der Tasche dann eben auch nicht, wenn man 26 Jahre alt ist und im Grunde selbst nicht so genau weiß, was man eigentlich kann. Wie jeder selbstbewusste Mensch schätzte ich meine Begabungen zwar überaus großzügig ein, alleine die Vermittlung potenziellen Arbeitgebern gegenüber war nie so mein Ding.

So wurde ich immer für mein gutes Englisch gelobt, wenn ich mal gezwungen war, es anzuwenden – in jedem Profil gab ich dennoch nur „Grundkenntnisse“ an und hoffte, dass diese etwas tiefstapelnde Einschätzung niemanden über meine Vier in diesem Fach stolpern lassen würde.

Aber Zeitarbeit boomte und viel Geld brauchte ich auch nicht. Also habe ich mich mal frohen Mutes in den Kampf gestürzt. Die Ernüchterung kam ziemlich umgehend. Einen hohen Lohn hätte ich nie erwartet und ich war seinerzeit noch völlig im Fieber ob der niedrigen Lebenshaltungskosten in Berlin.

Nach meinem ersten Besuch bei einer Zeitarbeitsfirma – im übrigen eine große, renommierte und von diversen Testern für gut befundene – habe ich mit den Tränen kämpfen müssen. Der Stundenlohn von deutlich unter sieben Euro alleine war es nicht, viel mehr ärgerte mich, dass keine Option bestehen sollte, das wie bisher gewohnt durch mehr Arbeit auszugleichen. Unterm Strich blieb ein dreistelliger Bruttobetrag pro Monat, einer bei dem meine Berechnungen ergaben, dass ich davon allenfalls notdürftig überleben können würde. Und um das zu erreichen, musste ich nicht nur Vollzeit arbeiten, sondern überdies flexibel sein und mein ganzes Leben nach eventuellen Aufträgen ausrichten. Derzeit wären nun leider keine Aufträge vorhanden, aber sie würden sich melden, wenn ich grundsätzlich Interesse hätte.

Niedergeschlagen und ohnehin leicht vor mich hinkränkelnd ging ich nach Hause und dachte darüber nach, ob ich wirklich bereit wäre, mich für ein paar Kröten hin- und herschubsen zu lassen, wie es irgendwelchen Leuten gefällt, die auch noch so blöd waren, zu glauben, ich wäre so blöd und würde glauben, das sei eine tatsächliche Karrierechance. Diese Phase dauerte so ungefähr bis zum darauf folgenden Nachmittag an, als ich in der Küche stand und mir schniefend und hustend eine Suppe zubereitete.

In diesem Moment klingelte das Telefon.

Am anderen Ende der Leitung befand sich eine hypernervöse und total begeisterte junge Frau, die sich als Mitarbeiterin jener Zeitarbeitsfirma erwies. Sie könne mir eine gute Nachricht überbringen, meinte sie: Ich hätte nun Arbeit. Sie hätten einen Kunden, der könnte unter anderem mich gebrauchen und ich solle doch vorbeikommen, um den Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Wann? Jetzt gleich!

Ich war krank, hatte Essen auf dem Herd stehen, Pläne für den Nachmittag und am nächsten Tag einen Vorstellungstermin bei einer anderen Firma. Also hab ich die junge Dame in ihrem Enthusiasmus ein wenig gebremst und gesagt, dass mich das sehr freuen würde, ich allerdings zufällig für die nächsten 24 Stunden noch so etwas wie ein mir verbliebenes Restleben hätte. Nur netter natürlich.

„Aber hier steht, Sie wollen arbeiten?“

Und das hat die ernst gemeint. Den Arbeitsvertrag sollte ich schnell noch unterschreiben, weil ja bereits am nächsten Morgen Schichtbeginn sei. So wäre das eben, es sei ja klar, dass man bei Zeitarbeit flexibel sein müsse …

An dieser Stelle sei noch einmal erwähnt, dass das alles nicht etwa Teil eines Arbeitsverhältnisses war, sondern dieses Quietscheentchen auf Koks mich nun mit der geforderten Flexibilität zu erpressen versuchte, bevor ich überhaupt bei ihnen angefangen hatte.

Viel schlimmer noch: Trotz der oberflächlichen Freundlichkeit, bei der ich mir regelrecht vorstellen konnte, wie sie sich beim Telefonieren von einem Kollegen die Mundwinkel nach oben ziehen ließ, um nicht mit dem Lächeln aufzuhören, gab sie mir zu verstehen, dass ich beim Ausschlagen dieses Angebotes natürlich umgehend aus der Bewerberdatenbank gelöscht werden würde.

Mein Puls befand sich inzwischen auf einem Level, das bei Leistungssportlern noch beeindruckend ausgesehen hätte und ich teilte ihr ebenso scheißfreundlich mit, dass es dann wohl das Beste wäre, wenn sie meine Daten löscht.

Während meine Suppe auf dem Herd langsam unruhig wurde, verwarf ich ihre Beschwichtigungsversuche und stellte nochmal klar, dass ich zweifelsohne an Arbeit interessiert sei, aber sicher nicht ihr zuliebe unbezahlt ein halbes Jahr lang Bereitschaftsdienst schieben würde. Ich hätte auch andere Verpflichtungen und damit wäre es das wohl.

Ihr letztes Angebot war eine Viertelstunde Bedenkzeit, die sie mir für eine Meinungsänderung zugestand. Zurückgerufen habe ich selbstverständlich nie und der letzte Kontakt mit der Firma war nach ein paar Wochen deren Rücksendung meiner Bewerbungsunterlagen, nicht ohne ein Schreiben (inzwischen unter neuem Firmennamen), in dem sie ihr Bedauern ausdrückten. Ablage P, der nächste bitte!

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

Paketweitwurf in Heinersdorf

Paketweitwurf in Heinersdorf

Ich hatte mein ganzes Leben schon Angst vor Bewerbungsschreiben. Nicht dass ich mich je davor gefürchtet hätte, mich für einen Job zu bewerben, mich machte bloß immer wieder aufs Neue die ganze Verlogenheit dieser Briefe kirre.

Völlig realitätsfremd irgendwelche Vorzüge auszubreiten, die man sich mal eben ausgedacht hatte, am besten für Jobs, für die man schon aufgrund selbständiger Atmung überqualifiziert war – das war nicht mein Ding.

Ich hatte beispielsweise sieben Jahre Französischunterricht gehabt, gab das natürlich auch immer brav an, aber ich wusste dabei stets, dass ich meinen Job umgehend verlieren würde, sobald ich einem Franzosen auf eine Frage nicht mit Ja oder Nein antworten dürfte. Mit Mathe war es kaum besser und außerdem musste ich ohnehin stets mein Abiturzeugnis mit einreichen, was bei meinen Noten zwangsläufig dazu führte, dass die Personalchefs der Unternehmen im Gespräch weniger auf meine Worte achteten, als mehr darauf, dass ich das Inventar nicht annagte oder ins Eck pinkelte.

Außerdem besaß ich nie die passende Kleidung – wohl einer der Gründe, weswegen ich auch Beerdigungen nie besonders heiter fand.

Aber im Niedriglohnsektor zählten diese Rituale von jeher wenig. Da rief man meist bei der in der Zeitung abgedruckten Handynummer an und der griesgrämige Typ am anderen Ende fragte nach den wirklich wichtigen Dingen: Ob man kräftig anpacken könne, ein eigenes Auto hätte und/oder das Ganze auch schwarz machen würde.

Ich lebte seit Monaten vor mich hin und nach dem ersten Staunen, dass ich nun wirklich in Berlin wohnte, schlichen sich immer mehr Tristesse und vor allem finanzielle Schwierigkeiten ein. Mein Arbeitszeugnis vom Behindertenfahrdienst schien mir beim Umzug noch der Garant für einen neuen Job im Fahrdienst zu sein, allerdings stellte ich schnell fest, dass ich ohne eine Erweiterung meines Personenbeförderungs-Scheins um die Berliner Ortskunde in dem Bereich überhaupt nichts zu melden hatte. Ich musste mir mit der Zeit eingestehen, dass ich selbst bei meiner bescheidenen Lebensplanung ein paar wichtige Punkte gekonnt ausgeblendet hatte.

Auf der Suche nach anderen Beschäftigungen stieß ich schnell an weitere Grenzen. Hauptsächlich bestanden diese aus persönlichen Abneigungen. Ich wollte mich nicht auf einen Fahrerjob festlegen, aber ich hasste Fabrikhallen, war unterqualifiziert für fast alle Bürotätigkeiten und sah zu mies aus, um als Model Geld zu verdienen.

Es kristallisierte sich heraus, dass Paketlieferdienste im Grunde wie für mich gemacht schienen.

Ich lernte im Verlauf mehrerer Telefonate, dass das Wichtigste bei einer Bewerbung auf Zeitungsannoncen war, alle Hoffnungen fahren zu lassen und zu akzeptieren, dass sich dort viele Betrüger tummeln. Viele angebotene Jobs waren mitnichten Fahrerjobs, denn etliche Firmen euphemisierten so die kaum anders zu vermittelnden Stellen als Vertreter, was meiner Vorstellung von einem erträglichen Arbeitsplatz diametral entgegenstand.

Am Ende blieb eine Anzeige übrig und diese sollte mich nach Heinersdorf führen.

Ich sattelte meinen Rucksack. Das Auto hatte ich von meinem Mitbewohner geliehen und ich folgte der ausgedruckten Route ans Ende der Welt. Obwohl der Stadtplan mir verraten hatte, dass Berlin auch hinter Heinersdorf noch ein ganzes Stückchen weitergeht, fand ich mich in dörflicher Atmosphäre wieder und parkte etwas ungläubig vor der angegebenen Adresse.

Die Szenerie entsprach ziemlich genau dem, was in Fernsehkrimis gezeigt wird, wenn der Kommissar erstmals auf das Anwesen des dorfbekannten Altnazis fährt, um ihm ein Geständnis für den Mord am einzigen Türken in der näheren Umgebung abzuringen: Die Fassaden der Häuser waren vom Industriestaub vergangener Tage angegriffen, die Fensterscheiben eingeworfen und das Unkraut bahnte sich seinen Weg durch die Fugen der Gehwegplatten. Der acht Jahre alte Golf, mit dem ich angereist war, fiel unangenehm positiv auf und das verrostete Tor zum Hof des Betriebes lag ungenutzt im Gras.

Ein bisschen unsicher stapfte ich entlang schlaglochübersähter Spurrillen in den Hinterhof. Vor einer etwas weniger baufälligen kleinen Halle sorgte ein schlaksiger Mann um die 40, der seinen kleinen verbeulten Lieferwagen mit Paketen bewarf, dafür, dass es hier geschäftiger wirkte als auf der Hauptstraße. Ich fragte nach dem Chef und stand alsbald in einer Art Büro. Eigentlich handelte es sich nur um einen kleinen Nebenraum der großen Halle und wie überall in diesem Industriebau, der nach den ästhetischen Richtlinien des Frühkapitalismus gestaltet war, waren die Wände unverputzt und die Fenster hatten verrostete Metallstreben zwischen den kachelgroßen Scheiben. Schräg im Raum stand ein Schreibtisch, der von einem Computer dominiert wurde, dessen Bauteile es Anfang der 80er-Jahre schon auf keinem Flohmarkt mehr über fünf Mark geschafft hätten. Ein paar abgenutzte Aktenschränke und ein Sofa mit den letzten Läusen aus der Kaiserzeit vollendeten das Inventar. Als Wandschmuck dienten zwei Kalender von 2001 und 2004, deren Motive unnatürlich große Brüste nebst dahinter verschwindenden blonden Frauen waren.

Ganz so große Brüste hatte der Chef nicht, aber sein nicht gerade frisch gewaschenes Hemd umspannte neben dem Bierbauch einen durchaus in B-Körbchen passenden Vorbau. Er reichte mir eine schweißnasse Hand und fragte frei heraus, was ich eigentlich hier wolle.

Das Telefonat? Ach ja, klar! Ob ich denn ein eigenes Auto hätte? Unverkennbar, dass ich als Bewerber in dieser Woche nicht der erste war.

Dass ich keinen eigenen fahrbaren Untersatz hätte, wäre nicht toll, aber eine Kiste hätten sie wohl noch. Naja. Und die Bezahlung?

Ich wurde gefragt, ob ich Teilzeit arbeiten wollte, vielleicht sogar auf 165€-Basis, als Zuschuss zu Hartz IV? Muss ja nicht, er frage ja nur! Dann wollte er noch wissen, wie es sich mit meiner Ortskenntnis verhalten würde, unterbrach mich aber nach meiner Entschuldigung, gerade erst hergezogen zu sein, indem er mir einen weiter kopierten Ausschnitt aus einem alten DDR-Stadtplan in die Hand drückte und erklärte, dass das jetzt mein Gebiet sei. Das lerne man schnell. Ich solle doch einfach mal kurz beim Kollegen einsteigen und seine Tour mitfahren.

Vielleicht war ich in dem Punkt tatsächlich ein bisschen  unzureichend vorbereitet auf die Arbeitsbedingungen, aber ich hatte an diesem Tag durchaus noch ein paar Dinge vor und die Tour hätte bis in die Abendstunden gedauert. Schlecht gelaunt meinte er dann, ich solle doch einfach am nächsten Tag um 7 Uhr vorbeikommen und den Kollegen begleiten. Na gut. Das Vorstellungsgespräch – so man es so nennen will – war damit beendet.

Meine Laune, in diesem Betrieb zu arbeiten, tendierte gegen Null. Aber zum einen war ich verzweifelt, zum anderen sah ich die Vorteile in Fahrerjobs ja darin, dass man mit der Firma und dem Chef selbst im Arbeitsalltag nur recht wenig zu tun hatte. Das angebotene Gehalt war immerhin selbst netto knapp vierstellig, mehr hatte ich seit dem einen Monat im Landesgewerbeamt vor zig Jahren nicht mehr verdient und aktuell lebte ich von der Hälfte. Also stand ich am nächsten Morgen, noch im Dunkeln, wieder vor besagter Halle.

Der Trubel zu so früher Stunde war ungleich größer, etliche Autos standen herum, Fahrer wuselten zwischen Paket-Paletten und den Fahrzeugen umher, es glich einem Ameisenhaufen. Der Chef hatte keine Zeit für mich und schob mich zu einem Kollegen, der sichtbar begeistert war, als Babysitter zu fungieren. Das Auto hatte er schon fast vollgeladen, konnte mir aber nicht so recht erklären, wie man jetzt rausfindet, welche Pakete man mitzunehmen hätte. Das Ausbildungsniveau für Neuankömmlinge in dieser Firma war so unterirdisch, dass ich in Ermangelung einer Grubenlampe keine Chance zum Vorankommen sah. Aber wenigstens die Tour konnte ich mitfahren.

Als wir dann den kompletten Tag durch Hohenschönhausen gurkten, taute der Kollege langsam auf. Er zeigte mir geduldig die Bedienung des Scanners, erklärte mir allerlei Zettelchen und Aufkleber, die To-Do’s bei nicht angetroffenen Empfängern, dieses, jenes und noch viel mehr. Ich lieferte einige Pakete persönlich ab und trotz der allgemeinen Eile war der Kollege immer bereit, mir Dinge ein zweites Mal zu erklären oder mich auf Probleme hinzuweisen. Abgesehen davon, dass der Tag mir als Arbeitslosem recht lang vorkam, war er schön.

Die Worte, die der Fahrer über die Firma verlor, waren zwiespältig. Er erzählte von Stress unter den Kollegen, dem Druck, der Eile. Aber er legte ein gutes Wort für den Chef ein und wies darauf hin, dass man immerhin pünktlich bezahlt würde und nicht über den Tisch gezogen. Eigentlich wirkte er recht zufrieden.

Dass das nicht mein Traumjob war, stand fest. Aber an diesem Tag sah ich eine Chance für mich und den Paketdienst. Übergangsweise, zum Überleben.

Es war natürlich ein bisschen viel Input für einen Tag, aber ich sah den berühmten Silberstreifen am Horizont. Der Kollege versprach mir, mich am nächsten Morgen einzuweisen, was das Verladen der Pakete anging und so stand ich – immer noch nicht eingestellt – das dritte Mal vor der Halle, dieses Mal bereits um 6 Uhr.

Abgesehen von einem Rest Müdigkeit war ich motiviert und wandte mich erst einmal an den Chef. Ich wollte mich bezüglich des Einladens erkundigen und konnte den Kollegen zwischen all den Ameisen nicht finden. Das sei kein Wunder, wurde mir mitgeteilt: Er sei krank. Cheffe selbst konnte mein Anliegen allerdings geistig nicht verarbeiten und hielt es für das Sinnigste, mich blöde von der Seite anzulabern: Wenn ich nicht vorhätte, jetzt eine Tour zu fahren, könne ich auch gleich wieder gehen. So jedenfalls wäre mit mir ja erstmal nix anzufangen. Ohne auch nur in Ansätzen zu blicken, dass mir einfach die Grundlagen fehlten, um mal eben mit der Arbeit zu beginnen, meinte er in hektischer Emotionslosigkeit, ich solle mich doch einfach melden, wenn es mir passen würde.

Natürlich habe ich mich bei diesem Arschloch nie wieder gemeldet und mich nach Alternativen umgesehen. Diese Entscheidung hat mich Geld gekostet. Eine Menge Geld, und es war nicht immer einfach dadurch. Es sollte zu guter Letzt aber einer der am wenigsten bereuten Entschlüsse meines Lebens sein, in Ostberlin keine Pakete ausgefahren zu haben.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

Im Dienste Ihrer Überweisungen

Im Dienste Ihrer Überweisungen

Jobs im Sicherheitsgewerbe zählen zu den wenigen, die ich aufgrund körperlicher Vorzüge besonders leicht bekomme. Das hat mich allerdings nicht die Bohne interessiert, als ich mich 2007 bei einem großen Sicherheitsdienst beworben habe.

Ausgerechnet im letzten halben Jahr, das ich noch in Stuttgart zu verbringen gedachte, fiel mein Arbeitgeber mir und den anderen Angestellten in den Rücken: Wegen der – eigentlich nicht überraschenden – dieses Mal aber dennoch dramatisch vorgetragenen finanziellen Schieflage des Fahrdienstes wurden plötzlich die Löhne der Fahrer gekürzt. Aus heiterem Himmel und natürlich mit großer Leidensmiene. Nicht dass die Inflation in den vergangenen vier Jahren seit meiner Einstellung genug an meinem Reallohn gezerrt hätte, nein, es wurde tatsächlich beschlossen, dass wir Fahrer auch mit 20% weniger Lohn nicht verhungern würden. Eine nicht eben sehr realistische Einstellung, wie meine Kontoauszüge aus jenem Jahr beweisen.

Ich hatte keine zweite Einkommensquelle und wollte mir nicht auch noch den Umzug nach Berlin von meinem Vater finanzieren lassen. Gründe genug, nach einem Nebenerwerb zu suchen. So landete ich irgendwann bei der Zeitungsanzeige eines Sicherheitsdienstes. Das angebotene Geld lag zwar pro Stunde nochmal unter dem Lohn im Fahrdienst, der Vorteil jedoch war, dass sie durchgängige und lange Touren boten, während ich im Verein bislang oft unbezahlte Freizeit während eines Arbeitstages hatte.

Auch hier: Ein Fahrerjob. Mit Autos durch die Gegend gondeln, dieses Mal eben im Dienste der Sicherheit und nicht der Mobilität an und für sich. Zum Fachpersonal für Sicherheit wurde ich durch ein weißes Hemd, eine Krawatte und mein lupenreines Führungszeugnis. Eine Krawatte konnten die Jungs des Hauptsitzes leihweise zur Verfügung stellen – beim weißen Hemd war ich mit meinen 2,03 Metern im aufrechten Gang wie immer auf mich alleine gestellt. Ganze sechzig Euro habe ich für den Traum bezahlt, irgendwie seriös rüberzukommen, wenn ich in Filialen der Landesbank Baden-Württemberg ernst blickend wichtige Mappen mit noch wichtigeren Unterlagen entgegennahm.

Um mehr ging es erstmal nicht. Ich musste mit einem Kleinwagen von Bank zu Bank fahren, um dort die Original-Überweisungsunterlagen einzupacken, die ich dann in der Zentrale neben dem Stuttgarter Hauptbahnhof abzuliefern hatte. Runde 300 Kilometer legte alleine ich jeden Morgen zurück, um die Überweisungsträger von sage und schreibe vier Banken einzusammeln. Nachmittags fuhr ein Kollege dieselbe Tour noch einmal.

In Anbetracht dieser Zahlen ist der Trend zum Online-Banking gelebter Naturschutz, so viel steht fest.

Zweimal begleitete ich einen Fahrer assistierend auf der Fahrt, dann saß ich auf mich alleine gestellt im Auto. Die Tour war trotz ihrer Länge auf die Minute genau geplant, denn während ich bei der ersten Bank nicht eine Minute zu früh auftauchen brauchte, schloss die letzte dem Plan nach zeitgleich mit meiner Ankunft.

Es war ein raues Business ohne viel Emotionen. Ich hatte auf mein Aussehen zu achten, bekam jeden Tag ein x-beliebiges Auto vorgesetzt, wobei einige der Kisten über 200.000 Kilometer im Jahr runterreißen mussten, ein Wert, der selbst für Taxis utopisch ist in Deutschland.

In den Banken mimte ich den Profi, setzte einen ernsten Blick auf und versuchte, alleine mit meiner physischen Präsenz eventuell anwesende Kunden einzuschüchtern. Unnötigerweise, waren die zu beschützenden Unterlagen für Dritte allenfalls so wertvoll wie überzählige Lottoscheine der vorletzten Ziehung. Und während ich mit Hemd und Krawatte versuchte, Eindruck zu schinden, verdiente ich 6,50 € brutto pro Stunde und bekam Überstunden nicht bezahlt, sondern stattdessen einen Anschiss. Es war zweifelsohne die heuchlerischste Arbeit, zu der ich mich je aus finanziellen Gründen herabgelassen habe.

Wir hatten zwar keine Minute Zeit, vom Plan abzuweichen und waren außerhalb des Autos zu jeder Sekunde von dutzenden Kameras überwacht, dennoch war ich sicher nicht der einzige, der nicht widerstehen konnte, sich Gedanken darüber zu machen, ob es eine Option gab, sein neu erworbenes Wissen etwas, nun ja, lukrativer zu nutzen. Ironisch natürlich.

Aber wie bei vielen schlechten Jobs gab es auch hier die schönen Momente. Ich cruiste jeden Tag durch komplett Baden-Württemberg. Von Stuttgart aus ging es nach Biberach, Ulm, Künzelsau und Ludwigsburg, die einzelnen Fahrtabschnitte betrugen bis über 100 Kilometer, die Stereoanlage lief auf Anschlag und so manches Nichtraucher-Zeichen an der Frontscheibe war von den Fahrern mit der Zeit der Wahrheit zuliebe abgerubbelt worden. Ein bisschen Roadmovie-Feeling kam hier und da schon auf und nach einer Woche verzichtete man schon einmal auf die Krawatte. Bis es eben mal wieder einen Rüffel vom Chef gab. So war das und so ist es wahrscheinlich heute noch.

Die Firma betreute allerdings keineswegs nur Banken. Während ich organisatorisch nur unter dem Label Aushilfe lief, hatten die Festangestellten auch andere Aufgaben. Unter ihnen waren freilich auch Leute, die einen Waffenschein oder irgendetwas anderes als nur 150 kg Lebendgewicht besaßen, um qualifiziert zu wirken.

Und eines Tages wurde auch ich gefragt, ob ich an einer nächtlichen Bewachungsaktion teilnehmen wollte.

Blöde Frage, ich war chronisch pleite!

Plötzlich befand ich mich mit einem Team von fünf bis acht Leuten, die sich gegenseitig kaum mit Namen kannten, in einem nicht gerade unbekannten schwedischen Einrichtungshaus wieder. Ja, einem IKEA!

Dort hatte ich das einzige Mal während all der Monate des Jahres 2007 tatsächlich etwas Wertvolles zu bewachen, nämlich die kompletten Tageseinnahmen. Natürlich sind die eigentlich von Haus aus nicht schlecht gesichert und es war keineswegs Standard, dass der Konzern sich dazu fremder Leute bediente. Dummerweise kamen zu diesem Zeitpunkt mehrere Dinge zusammen. Es fand ein ziemlich großer Umbau statt, ein paar Wände wurden im laufenden Betrieb ersetzt – eine Komplettrenovierung des sensibelsten Bereiches. Im Großen und Ganzen schien das gut zu laufen, wir konnten dem hektischen Treiben in den Abendstunden auch noch ein Weilchen zusehen. Die Baufortschritte jedoch ließen ein Problem entstehen: In dieser Nacht stand der Tresorraum völlig offen, da die neue Tür erst mit einiger Verzögerung eingebaut werden konnte.

Um nun zu verhindern, dass irgendwelche Finsterlinge sich das zunutze machten, stellte IKEA ein halbes Dutzend meist völlig unqualifizierter Gorillas in die Landschaft. Wenn man von den zwei Leuten absah, die irgendwann mal eine Schulung hatten, wie man Pfefferspray einsetzt, ohne gleich selbst kampfunfähig zu werden, waren die meisten gerade mal gut genug ausgebildet, um sich in einem Schrank einzusperren und die Polizei zu rufen, hätte sich wer anders als die herumstreunenden Katzen nachts auf das Gelände begeben.

Nichtsdestotrotz überstanden wir und die Einnahmen die Nacht, denn wider Erwarten kam niemand vorbei, um mal zu gucken, ob die bei IKEA zufällig mal vergessen hätten, die Tresortüre einzubauen. Sicherheit ist ohnehin – das habe ich in der Zeit gelernt – eine Frage der Illusion.

Trotz einiger neuer Erfahrungen war das ebenso ein Job, den ich ohne Bedenken oder Sentimentalitäten wieder an den Nagel gehängt habe, als die Zeit gekommen war. Mein Umzug war ja von Beginn an ausgemachte Sache – das bedeutete natürlich nicht, dass das jeder im Personalbüro geblickt hätte. Alles in allem schien ich die Arbeit halbwegs gut gemacht zu haben, denn zu guter Letzt führte ich auch Gespräche, die zum Inhalt hatten, dass ich vielleicht in der Berliner Dependance des Unternehmens weitermachen könnte. Das wäre zwar nicht einmal der schlechteste Start in der Hauptstadt gewesen, allerdings war mein immer noch einziges weißes Hemd so langsam an eine Grenze gelangt und ich hatte gar nicht vor, mir irgendwann noch einmal ein weiteres zuzulegen. Ein Vorsatz, den ich im Übrigen bis heute eingehalten habe.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)