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Autor: Sash

Der Traum vom Busfahren

Der Traum vom Busfahren

Die Jahre bei unserem kleinen Behindertenfahrdienst zogen ins Land und nebenbei probte ich mit meiner nicht gerade einfachen WG das erste Mal ein selbstbestimmtes und halbwegs selbständiges Leben. So dauerhaft die Finanzprobleme auch waren, irgendwie fehlten stets die Zeit und die Lust, die ich gebraucht hätte, um mich nach einer anderen Arbeitsstelle umzusehen.

Dass ich beim Verein nicht alt werden wollte, galt zwar als ausgemacht, aber ich verlegte das Planen für ein neues Leben stets auf den nächsten Tag, den nächsten Monat oder gegebenenfalls gleich aufs nachfolgende Jahr. Dennoch hat es die Idee nicht einmal auf die Liste mit den guten Vorsätzen zu Silvester gebracht.

Hinter der Fassade der scheinbaren Gleichgültigkeit dachte ich natürlich trotzdem immer mal wieder darüber nach, mit was ich in zehn Jahren mein Geld verdienen wollte. An die Arbeit als Fahrer hatte ich mich seit 2003 nicht nur gewöhnt, ich hatte sogar für mich beschlossen, dass ein Beruf in dieser Sparte das Sinnvollste für mich wäre. Und irgendwann habe ich mit dem Gedanken geliebäugelt, Reisebusfahrer zu werden. An der Idee gefiel mir so ziemlich alles. Vom größeren Auto übers bessere Gehalt bis hin zur vielseitigeren Kundschaft war die Überlegung nur so durchtränkt von Verbesserungen im Gegensatz zum Status Quo.

Frohen Mutes klickte ich mich durchs Internet und immer wieder blieb ich an einer nicht unbedeutenden Zahl hängen: Zehntausend! Zehntausend Euro sollte man für den Erwerb des Busführerscheins mindestens einplanen. Gut, zehntausend Euro als Zukunftsinvestition erschienen mir ein fairer Preis zu sein, aber das lässt sich sicher auch über die fünfundzwanzig Milliarden Dollar fürs Apollo-Programm der NASA sagen. Bezahlen konnte ich das eine genauso wenig wie das andere.

Der Silberstreif am Horizont, nicht von einer Rakete herrührend, bestand im alternativen Weg: Eine Ausbildung zum Busfahrer zu machen. War ich schon bei den Aussichten auf den Job gelegentlich in Ekstase geraten, ging es nun völlig mit mir durch. Nach meinen Erkundigungen bei den Stuttgarter Straßenbahnen SSB, dem in der näheren Umgebung einzigen Unternehmen, das etwas Derartiges anbot, saß ich immer wieder grinsend in meinem Sessel und freute mich des Lebens. Die SSB wollte nicht nur den Führerschein kostenlos rausrücken – nein, die Ausbildung sollte mit rund 1500 Euro monatlich auch noch äußerst angemessen bezahlt werden. Im Gegenzug ein paar Jahre in einer Firma bleiben zu müssen, schien mir ebenfalls halbwegs fair, zumal das dort zu erreichende Gehalt mit einer Zwei an erster Stelle jenseits meiner bis dato recht kleinen Vorstellungskraft lag.

So bereitete ich mich vor und schrieb eine Bewerbung. Also Quatsch: Ich schrieb DIE Bewerbung! Nebenbei plante ich mit Sven, wie wir im Falle einer Auflösung der WG die große Wohnung zu zweit halten und ausbauen könnten mit der vielen Kohle. Die Zukunft stand in diesen Tagen ganz weit offen und selbst mein Vater konnte dem Gedanken etwas abgewinnen. Nicht, dass er den Job toll gefunden hätte, aber das Wort Ausbildung hatte bei ihm schon immer für eine gewisse Beruhigung gesorgt.

Ich hab die Gunst der Stunde genutzt und ihn um etwas Geld für Bewerbungsmaterialien, Klamotten und solche Dinge angeschnorrt. Mit den üblichen Kleinigkeiten wie unbezahlten Kneipenrechnungen, Dispozinsen und WG-Schulden waren das 500 Euro, deren kommentarlose Überweisung seitens meines alten Herrn auf einen gewissen Optimismus schließen ließen. Oder auf Resignation, ich hab ihn bis heute nicht danach gefragt.

Trotz aller Horrorstories über massenhaft versendete Bewerbungen lag eines Tages die Zusage zu einem Gespräch von der SSB im Briefkasten. Mein Leben verlief genau wie immer: Ich manövrierte mich in einen Wust an Problemen, aber wenn es wirklich spitz auf knapp stand, dann ging immer irgendwas. Entweder bestand ich die eine wichtige Prüfung, bekam den einen wichtigen Hunni von irgendwoher oder eben eine positive Antwort auf die einzige Bewerbung in vielen Jahren. Das klappte immer irgendwie und in schlechten Zeiten tröstete ich mich damit, dass ich ganz offensichtlich unsterblich war und das schon alles werden würde.

Am Tag der Tage stand ich rasiert und gekämmt im einzigen noch tragbaren Hemd – die Kleidersuche gestaltete sich schwierig und außerdem war das Geld meines Vaters plötzlich aufgebraucht – vor dem Werksgelände. Wie immer überpünktlich, also knapp eine Stunde zu früh. Sicher ist sicher, auch wenn man das Schicksal auf seiner Seite hat. Ich frühstückte in einer Bäckerei unweit der Firma und traf kurz vor Beginn der Show am Tor ein. Ich fand mich wieder in einer Mischung aus Männern, die jegliche Klischees über Busfahrer sprengten. Besonders hervorzuheben wäre Khalid, ein offensichtlicher Vorzeige-Student mit tiefbrauner Haut, der das Wort „Integrationsmusterbeispiel“ wahrscheinlich mit Begeisterung in jedes Formular schrieb. Das andere Ende der Fahnenstange bildete Manfred, ein schon etwas verlebt wirkender Mittfünfziger, dessen Schnauzbart über dem speckigen Hemd mit Bierplauze zuckte, während er darüber sinnierte, dass die beim Arbeitsamt jetzt ja wohl völlig den Verstand verloren hätten, wenn sie ihm einen Job mit Menschen in der näheren Reichweite andrehen wollten.

Wir waren also ein illusteres Trüppchen und jeder von uns dachte mehr oder weniger über alle anderen: „Na, sowas wie Dich stellen die hier ja eh nicht ein!“

Wir waren also, kurz gesagt, optimistisch.

Die SSB hatte uns einen kompletten Tag eingeräumt, unsere Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Den Anfang bildete ein Einzelgespräch, dann folgte einer dieser Konzentrationstests, bei denen man unter Zeitdruck falsche Buchstaben aus Reihen herausstreichen musste. Der besonders gespannt erwartete Video-Test erwies sich als eher schnöde Fragerunde zu Situationen mit Fahrgästen, die auf Videokassette präsentiert wurden. Wahrscheinlich, weil es modern wirken sollte. Im Jahr 2005.

Wir mussten einen Deutschtest absolvieren, in Gruppenarbeit ein Event planen und Rechenaufgaben lösen. Unter Einbezug der Tatsache, dass sie bereits einen sehr ausführlichen Bewerbungsbogen, ein Führungszeugnis und die Highscoreliste aus Flensburg vorliegen hatten, wirkte das Ganze jedenfalls eher, als ob sie Personal für die mittlere Führungsebene im Verteidigungsministerium rekrutieren wollten.

Von diesem Tag wirklich mitgenommen habe ich allerdings die Eindrücke vom Fahrersitz des Busses. Denn – Bewerber haben ja unbegrenzt Zeit – natürlich stand auch noch eine runde Stunde Fahrpraxis auf dem Programm.

Mit einem betriebseigenen Fahrlehrer wurde zumindest mal grob überprüft, ob man mit den Dimensionen eines handelsüblichen Busses zurecht kam. Eine Aufgabe, die ihre Spannung daraus bezog, dass der Fahrlehrer in diesem Fall keine eigenen Pedale hatte und die Gurke sich für einen lediglich an Kleintransporter gewöhnten Autofahrer fuhr wie ein halbseitig gekentertes Luftkissenboot.

Ob ich mich am Steuer für einen Anfänger gut gemacht habe, habe ich nie erfahren. Es gab Lob und Tadel seitens des Fahrlehrers und wie man vielleicht bereits erahnen kann, war es der einzige und damit auch letzte Tag, an dem ich bislang einen Bus steuern durfte.

Im Laufe der Zeit zeigte sich, dass unsere bunte Truppe nur eine von mehreren war, insgesamt suchten sie aus über 800 Bewerbern fünf Leute. Unter diesen fünfen befand ich mich letztlich nicht.

Der Tag endete für alle Bewerber mit dem inzwischen zur Verballhornung verkommenen Spruch „Wir melden uns.“, letztlich noch pervertiert durch die Aufforderung, es unbedingt zu unterlassen, Kontakt zu suchen und Fragen zu stellen, sollte die Antwort negativ sein. Die Regeln waren klar: Wer einen großen Umschlag bekommt, findet darin eine Ablehnung und erhält die eingesandten Unterlagen zurück, die Glücklichen mit den kleinen Briefen dürften sich auf ein weitergehendes Verfahren, insbesondere eine betriebsärztliche Untersuchung, freuen.

Als ich nach einer – immerhin humanen – Zeit den großen Umschlag aus dem WG-Briefkasten fischte, schnürte sich mir wie jedem noch nicht in Resignation verfallenen Bewerber der Hals zu.

Die vor kurzem so offene Zukunft war plötzlich wieder klein und eng und überschaubar. Die anstehenden Rechnungen hätte ich ohnehin mit meinem vorhandenen Geld bezahlen müssen, allein es fehlte der Silberstreif, die Aussicht auf Besserung, auf das so greifbar erschienene andere Leben.

Aber nicht nur, dass ich mit diesem Schritt wahrscheinlich nicht zu meinem späteren Job gefunden hätte: Ich habe mir mit dem Scheitern an dieser Hürde auch eine echt stressige Zeit erspart. Die mir an diesem Tag vorgestellten Schichtpläne hätte ich ohne weiteres akzeptiert und mich sicher – jenseits der geheuchelten Begeisterung während des Gesprächs – auch damit arrangiert. Tatsächlich aber war an dieser Stelle weit weniger Positives, als ich selbst mir zugestehen wollte.

Meine Arbeitszeiten wären kaum rational erklärbar gewesen, die Pläne im Fahrdienstbüro schienen ausnahmslos eher von betrunkenen Affen ausgewürfelt worden zu sein. Aber alles mit Segen des Betriebsrates und gerade noch an der Grenze der Legalität, in der Praxis wahrscheinlich hier und da auch mal darüber hinaus.

Die Bewerbung, ja die ganze Idee, Busfahrer zu werden, war auf meinem Weg eher der berüchtigte Treppenwitz der Geschichte. Ein schöner und unterhaltsamer Witz, vor allem aber einer, der mit Hoffnungen und Visionen meinerseits überstrapaziert wurde. Am Ende blieb es ein Witz – mit der Pointe, dass ich auch schon mal einen Bus gelenkt habe. Wir haben wohl alle schon bessere gehört.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

Zwischen Kartons und Oldtimern

Zwischen Kartons und Oldtimern

Es gibt einen ganz entscheidenden Faktor, der einem die Arbeit im Niedriglohnsektor verleiden kann. Es ist nicht wirklich die soziale Ächtung, es sind auch nicht die oftmals kruden Arbeitszeiten. Was weder die Chefs noch die meisten Politiker zu erahnen scheinen: Es ist tatsächlich der niedrige Lohn.

Das Leben zwischen WG und Behindertenfahrdienst war für mich eigentlich ganz in Ordnung. Die Arbeit wechselte sich mit Parties ab und von zu viel Stress konnte man auch nicht sprechen. Irgendwann aber holten mich immer wieder die Geldsorgen ein. Ich hab nie gerne Freunde und Verwandte angeschnorrt, aber mit der Zeit musste ich einsehen, dass es zumindest von außen so aussah, als wäre das Teil meines Lebensentwurfes. Ich hatte durchaus Spaß am Herumgurken in der Stadt und eine Menge lustiger Stammkunden, die ich gerne traf. Mehr Arbeit im Fahrdienst wäre für mich wirklich ok gewesen.

Wenn ich nicht gewollt hätte, hätte ich auch nicht gemusst. Mein Hausarzt setzte nicht nur grundsätzlich gerne einen verstört-besorgten Gesichtsausdruck auf, weil er immer wenn ich bei ihm vorstellig wurde, das Schlimmste zu befürchten schien. Krebs, hohen Blutdruck, Stress gar? Er hatte auch keine Probleme damit, einen mal eben wegen eines Schlafdefizits oder eines eingewachsenen Fußnagels zwei Tage krankzuschreiben. Dass ich das nicht über Gebühr ausgenutzt habe, gehört zu meinen ansonsten überschaubaren Referenzen auf dem Arbeitsmarkt.

Nein, ich konnte nicht mehr arbeiten. Ich hatte meine Touren morgens, mittags und abends und gelegentlich noch eine Taxitour dazwischen. Doch obwohl ich vor 7 Uhr aus dem Haus ging und selten vor 18 Uhr Feierabend machte, brachte ich es durch die unbezahlten Pausen zwischen den Fahrten oft kaum auf sieben anrechenbare Stunden pro Tag.

Ich hatte also viel Freizeit, wenig Geld und war nicht grundsätzlich der Idee abgeneigt, ein wenig Eigenleistung zu zeigen, um in diesen Bereichen eine gewisse Umverteilung zugunsten meines Geldbeutels herbeizuführen.

Also fragte ich beim Erstbesten einfach nach. Eine Kundin von uns entstammte einer Familie, die eine Umzugsspedition besaß. Ein alteingesessenes Familienunternehmen im Stuttgarter Westen, das überregional für seine Fahrzeuge bekannt war. Statt hochgerüsteter moderner Trucks unterhielt die Familie nämlich gleich ein ganzes Arsenal an aufwändig gepflegten Oldtimern, wirklich schön anzusehende Fahrzeuge, die überall für anerkennendes Kopfnicken sorgten, wo sie auftauchten.

Und ich – ich hatte es sowieso total raus! Ich war prädestiniert für den Job. Wir sind ja alle ständig umgezogen. Ich war nun bald Mitte zwanzig und mein kompletter Freundeskreis war gerade in der Phase, entweder die heimatliche Brutstätte hässlicher Pubertätsdiskussionen (a.k.a. Elternhaus) zu verlassen oder aber von einer WG zur nächsten zu tingeln, immer in der Hoffnung, dort in irgendeiner Form besser klarzukommen. Wohnungen waren kein Platz um sich niederzulassen, sondern Mittel zum Zweck und Ausdruck der Persönlichkeit. Die einen zogen um, weil sie lieber eine Bio-Veganer-WG gründen wollten, andere wurden aus ihrer linken Bude gemobbt, weil sie plötzlich reaktionäres Pack wie die Grünen wählten und manche suchten einfach eine Wohnung mit mehr Licht, weil das den Ertrag der Hanfpflanzen erheblich zu verbessern vermochte.

Und wen rief man an, wenn mal wieder ein Umzug ins Haus stand? Klar: den großen Dicken, der auch vor Klavieren und vollgestopften Plattenkisten nicht zurückschreckte. Und dieser dicke Töffel mit den starken Armen war nunmal ich. Schon im zarten Alter von 23 hätte ich nicht mehr zählen können, wie viele Kilometer meines Lebens ich mit einem Umzugskarton in der Hand zurückgelegt hatte, ich war zweifelsohne mehr als nur geeignet fürs Schleppen. Aber ich war 23, ich war naiv.

Als Aushilfe haben sie mich gerne genommen, eine wirkliche Belastung fürs Budget war ich bei einem Tagessatz von 50 € auch nicht. Ich machte daraufhin aber die Erfahrung, dass es einen Unterschied gibt zwischen schnell und leicht verdientem Geld.

Gegen das, was ich dort an den paar Tagen geschleppt habe, blieb alles Bisherige zurück. Eine voll gestellte 5-Zimmer-Wohnung? Drei Stunden mit drei Männern! Knallharte Planung, knallharte Arbeit und eine Kippenpause gab es erst, wenn die Bude leer war. Ich stellte schnell fest, dass der entscheidende Dreh- und Angelpunkt bei diesem Job das Training war, das ich letzten Endes eben doch nicht hatte. Bereits nach dem ersten Arbeitstag kam ich in einem Zustand nach Hause, bei dem getrost darüber diskutiert werden darf, ob die Grenze zum Ableben bereits überschritten war. Zitternd, keuchend, durchnässt und mit den schlimmsten Rückenschmerzen seit der Erfindung des Bandscheibenvorfalls gesegnet, bin ich nach rund neun Stunden Arbeit und einer auf Autopilot durchgeführten Heimfahrt einfach nur umgefallen und erst zehn Stunden später wieder erwacht.

Es blieb dennoch nicht bei dem einmaligen Ausflug. Ich hatte das Geld so nötig, dass ich all das auch nach den ersten Erfahrungen noch mehrmals in Kauf nahm. Und abgesehen davon, dass ich mich heute damit brüsten kann, auch mal körperlich gearbeitet zu haben, habe ich tatsächlich auch einiges gelernt. Ein paar weise Ratschläge zum richtigen, etwas rückenschonenderen, Tragen habe ich nie vergessen, ebenso ist die Beladung von Umzugswagen inzwischen die Tetris-Variante, bei der ich den höchsten Highscore halte.

Die Jungs aus dem Unternehmen waren beeindruckend. Durchschnittlich doppelt so alt und halb so groß wie ich, haben die Umzüge weggerockt, dass mir die Spucke weg blieb. Ein leicht mit einem Serienkiller zu verwechselnder 50-jähriger hatte eine Kondition, die ich in seiner Altersklasse nie mehr gesehen habe und erwies sich zudem als absoluter Meister in der Demontage und Wiedererrichtung jeglicher Möbel. Vom Ikea-Regal bis zum aus einem Baum geschnitzten antiken Sekretär vermochte er alles in perfekt passende Teile zu zerlegen und in Windeseile wieder aufzubauen. Ein gerade der Hauptschule entsprungener Lehrling gab bereitwillig zu, dass er nicht unbedingt viel in der Birne habe, die harte Arbeit ihn allerdings von anderem, insbesondere illegalen Blödsinn abhielte und er sie einfach als bezahltes Fitnessstudio betrachte. Nach dieser sicher zutreffenden Aussage hat er mir meine Ladung abgenommen und ist nunmehr mit zwei schweren Bücherkisten bewaffnet eine ewige Treppe in den fünften Stock vor mir her gerannt, stets zwei Stufen auf einmal nehmend.

Obwohl der Chef die Truppe aus etwa acht Leuten jeden Tag aufs Neue bunt zusammen würfelte, je nach Auftrag eben, arbeiteten die Teams enger zusammen als Batman und Robin und setzten in meinen Augen jede zweite Minute neue Maßstäbe für effizientes Arbeiten.

Ich habe nie eine befriedigende Antwort erhalten, was die Kunden so ein Umzug kostete, die Firma war aber sicher nie die billigste am Ort. Dafür hat sie – mit Ausnahme der dicklichen Aushilfe ohne Kondition im Jahr 2004 – immer beste Arbeit abgeliefert. Ich habe kein Teil zerbrechen sehen bei meinen Einsätzen dort, kein Möbelstück kollidierte mit einem Türrahmen oder gar der Dame des Hauses und jeder Zeitplan wurde eingehalten, weil er perfekt berechnet war – auf der für Laien kaum zu ermessenden Grundlage vom geschätzten Volumen der Umzugsmasse. Ich war mir sicher, die würden abends in der Kneipe nicht über die knapp bekleidete Bedienung scherzen, sondern mal eben abschätzen wie viele Meter Platz sie in ihrem Wagen für das komplette Inventar bräuchten.

Man rannte pausenlos Treppen auf und ab, hangelte sich mit Schrankwänden durch enge Altbau-Treppenhäuser und traf am Ende auch noch auf Intelligenzkatastrophen, die einem dieses Leben zusätzlich schwermachten.

Ein recht lieb dreinblickender Mann erklärte mir stolz, er hätte seine komplette Plattensammlung in drei große Kartons gepackt, damit sie nicht so viel Platz wegnähme. Er könne sie nun zwar nicht mehr anheben, aber deswegen hätte er uns ja geholt.

Ein nicht einmal Trinkgeld oder sonstige Nettigkeiten austeilendes Milchbubigesicht mit Glatze und offensichtlicher geistiger Schieflage erklärte uns, er ziehe sich jetzt erst einmal zum Schlafen in sein Zimmer zurück und war nur schwer davon zu überzeugen, dass wir sein noch komplett eingerichtetes Zimmer nur schwer in drei Stunden in der neuen Wohnung aufbauen könnten, so lange er sich nicht von Bettdecken und Kuscheltieren trennen würde.

Aber ja, am Ende hatten selbst die Jungs fürs Grobe ein gutes Händchen für schwierige Fälle und alle haben ihren Umzug bekommen.

Für mich blieb das Ganze am Ende nur ein kurzes Zwischenspiel. Fünf Arbeitstage habe ich das Spiel der harten Jungs gespielt, ein paar Hunnis inklusive Trinkgeld eingesackt und dann doch baldestmöglich das Weite gesucht. Bei allem Respekt für die Arbeit und aller Wertschätzung für die Kollegen war mir klar, dass Geld zwar etwas Schönes ist, ich aber beim besten Willen nicht auch noch Umzüge von Fremden brauchen konnte.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

Warum unser Bus nie grün war

Warum unser Bus nie grün war

Getroffen haben wir uns vor der Tür, meistens. Manchmal war Tula aber schon da und hatte aufgeschlossen. Wenn Mulu und ich morgens um kurz nach sieben Uhr einen Kaffee, bzw. eine Cola tranken, waren wir die ersten Gäste überhaupt. Nur gelegentlich grüßte aus dem Eck mit den Spielautomaten ein anderer Stammgast, während er damit beschäftigt war, seine Rente den Maschinen zu schenken und ein Glas Wasser zu trinken.

Dass wir als Gäste selbst die am Vorabend zum Putzen auf die Tische gestellten Stühle herunter nahmen und so unseren kleinen Teil zur Ordnung in der Kneipe beitrugen, gehörte irgendwie dazu. Wir verbrachten hier so viel Zeit, dass sie uns ein zweites Wohnzimmer war. Bei mir hatte es mit sonntäglichem Dartspielen im Alter von 15 Jahren angefangen, Mulu war wahrscheinlich sogar in irgendeinem Hinterzimmer dort zur Welt gekommen. Abendliche Flipperduelle hatten wir hier gegeneinander gespielt, zu Mittag gegessen, in der Frühstückspause über falsche Gehaltsabrechnungen gelacht und  eben auch oft genug wie jetzt morgens einen Wachmacher in uns hineingeschüttet.

Und wenn man nicht restalkoholisiert und mit schwerem Schädel irgendwo unter der Bank hervorgekrochen kommt, ist das Aufwachen in einer Gaststätte eigentlich ganz nett. Wir widmeten uns bei ein bisschen Tratsch unseren koffeinhaltigen Getränken und irgendwo ums Eck wartete dann bereits der Yeti auf uns.

Von der tiefen inneren Angst beseelt, Reinhold Messner könnte in seinen alten Tagen aufgrund dieser Äußerung mit der Spitzhacke bewaffnet meine alte Stammkneipe stürmen, möchte ich gleich klarstellen, dass es sich nicht um „den“ Yeti handelte. Der Yeti war auch nicht der Spitzname des Hausherrn oder der Hund eines weiteren Stammgastes, sondern unser Einsatzfahrzeug. Ein alter Mercedes-Benz T1, schon damals fast eine Rarität. Obwohl im Verein längst die ersten Nachfolgemodelle, die Sprinter, langsam in die Jahre kamen, mussten wir unsere Tour mit diesem alten Esel fahren. Die einst schneeweiße Farbe wich mehr und mehr dem Rost, der vorsorglich nie entfernt wurde, da alle vermuteten, er hielte die Reste dieses Autos zusammen.

Der Rost und die inneren Widersprüche. Die Kiste schaffte zwar nur mit Mühe 100 km/h und steuerte sich wie ein betrunkener Vogel Strauß ohne Zügel, besaß aber Recaro-Sportsitze. Optisch entsprach er eher einem Baustellenfahrzeug und vermutlich hatte sich Stefan Heiliger, der Designer dieses Modells, auch nie etwas anderes darunter vorgestellt – schon gar nicht einen Behindertentransporter. Dennoch fuhren wir damit eine der absoluten Top-Touren unseres kleinen Betriebs, denn wir hatten Thorsten an Bord.

Sicher: wo, wenn nicht im Behindertenfahrdienst, sind die Kunden alle gleicher als gleich? Bevorzugungen gab es keine, aber bei Thorsten musste man sich schon bemühen, diesen Grundsatz nicht zu vergessen. Mal abgesehen davon, dass er ein furchtbar netter Kerl war, hatte er auch noch Eltern, die nicht nur reich waren, sondern mit ihrem Geld auch den Verein an allen Ecken und Enden finanzierten.

Über die Summen in den Umschlägen, die wir hier und da mal in die Zentrale brachten, haben wir schon des eigenen Blutdrucks zuliebe keine Mutmaßungen angestellt.

Aber: Verkappter VIP hin oder her – auch wir hatten natürlich mehrere Leute an Bord.

Begonnen hat unsere Tour immer mit einer Fahrt zu Christa. Das Anschmeißen unseres Bremer Transporters war immer mit einem furchteinflößenden Knall verbunden, dem ein heftiger Ruck durchs Fahrzeug folgte. Mit diesem Knall waren dann sowohl Christa als auch alle anderen in fünf Kilometern Entfernung wach. Wenn wir mit lautem Geklapper die enge Einfahrt zu ihrem Heim hochtuckerten und den Yeti in der engen Gasse wendeten, saß Christa bereits rauchend vor der Haustüre und folgte unserem Treiben argwöhnisch. Ihre kurzen grauen Haare hatte sie bei Regen stets unter einem Cape verborgen und ihr Blick verriet jede Sekunde aufs Neue, dass sie dieses nicht freiwillig trug. Ihre permanent nach unten zeigenden Mundwinkel waren ebenso wenig einladend wie die Wollpullis, deren Farben eindeutig das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit verletzten. Als ich sie das erste Mal sah, befürchtete ich, es mit einer gehässigen alten Schachtel zu tun zu haben.

Und ich hatte recht, aber das musste man als Fahrer aushalten. Christa war früher selbständig, den Gerüchten nach war sie Puffmutter in irgendeiner Absteige gewesen. In fortgeschrittenem Alter hatte sie ein Schlaganfall erwischt, von dem sie sich leider nie ganz erholte. Abgesehen von ihrer andauernden Depression und ihrer Wut auf alles und jeden war sie halbseitig gelähmt. Vom körperlichen Grad der Behinderung hat sie damit eigentlich zu den leichten Fällen unter unseren Fahrgästen gehört, dennoch gab es als höchstes Lob von ihr maximal die trocken und mit kratziger Stimme vorgetragene Feststellung, man sei nicht ganz so scheiße wie die anderen.

Um einen Streit war Christa jedenfalls nie verlegen: nichts war so unwichtig, dass sie es nicht noch hätte schlimm finden können. Mal trug man die falschen Klamotten, mal war das Auto zu laut, das Wetter zu mies oder die Stimme zu hoch.

Gut, es gab unsympathischere Menschen: Meine Fallbearbeiterin beim Arbeitsamt, Oskar aus der Sesamstraße oder Hitler zum Beispiel, aber auch bei Christa musste man lange nach Vorzügen suchen – an ihr sah nämlich nicht mal der Oberlippenbart lustig aus und in einer Mülltonne wohnte sie auch nicht. Gut, zum Arbeitsamt hätte sie gepasst.

Mit der Zeit aber lernte ich, dass ihre Humorlosigkeit auch hilfreich war: man konnte ihren Unmut praktischerweise immer auf andere lenken. Wenn sie kritisierte, wie man sie anfasste, musste man bloß sagen, sie solle sich aufs Frühstück freuen und schon war man den Ärger los. Also zumindest insofern, als sie nun damit beschäftigt war, gegen das Essen in ihrer Einrichtung zu wettern. Und sie machte vor nichts halt. Sie hasste sogar grüne Autos.

Christa fiel in die Kategorie der Geher, das heißt, man musste sie umsetzen – vom Rollstuhl auf die Rückbank. Man schob sie im Rolli in den Bus, stellte ihn neben die Rückbank und half ihr mit einem Griff unter die Arme hoch. Sie konnte sich an mehreren Stellen festhalten und in rund 5 Sekunden entfernte man kurz den Rollstuhl und sie konnte sich nach einem halben Schritt nach links (wieder mit Unterstützung) in den Sitz sinken lassen. Das funktionierte tadellos, sie hatte bloß einen Hang zum großen Theater, wenn es soweit war und weigerte sich oft mit der Behauptung, sie könne das nicht.

Aber auf Christas Manipulierbarkeit war eben auch Verlass. Trotz all dem Gequengel stand sie nämlich wie eine Eins und fast von selbst, sobald man androhte, sie bleibe sonst im Rollstuhl sitzen. Zur vorschriftsmäßigen Sicherung ihres fahrbaren Untersatzes hatten wir nämlich durchaus alles dabei, nur konnte sie es auf den Tod nicht ausstehen, im wackeligen Stuhl gefahren zu werden und entwickelte stets von neuem eine lebhafte Panik vor diesem Fahrtverlauf.

Thorsten war das glatte Gegenteil. Im Gegensatz zu Christa konnte er überhaupt nichts selbständig machen, einzig aus ihm dargereichten Strohhälmen trinken. Aber er kannte das Leben nicht anders und war mit seiner Situation offenbar mehr als zufrieden. Man sah ihn selten einmal nicht lachen, er redete ununterbrochen von tollen Dingen, die er erlebte und schaffte es ganz nebenbei, dass man sich als nicht gehandicapter Mensch mal wieder über die kleinen Dinge freute. Er quittierte jeden noch so schlechten Witz mit einem infernalischen Lachen, das einen oft sogar erschreckte. Zudem hatte er eine erfrischend eigene Interpretation von Taktgefühl. So überraschte er mich während meiner ersten Woche zwischen Tür und Angel mit der Frage nach meinem Alter. Ich sagte ihm, ich sei 21 Jahre alt und von ihm kam – nur echt mit einem Lächeln – folgende Aussage dazu:

„Da siehste mal. Ich bin 33 und dabei haben die Ärzte damals gesagt, ich schaffe keine zwei Wochen!“

Man könnte vereinfachend sagen, dass man dem Kerl nie böse sein konnte, selbst wenn man es versuchte. Und der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Sein Vater fiel ihm schon mal wie folgt ins Wort:

„Ach sei Du doch mal ruhig. Vielleicht hättesch Du damals doch glei draufgehe solle, wie der Dokter g’sagt hat. Dann wärsch Du nie so frech g’worde. Obwohl, ganz luschtig bisch ja dann scho.“

Dass in so einem Umfeld falsche Zurückhaltung und überbordende Korrektheit keine Chance hatten, erwähne ich nur der Vollständigkeit halber.

Thorsten musste jeden Morgen mit Hilfe seines Vaters aus dem Bett gehoben, in den Aufzug getragen und zwei Stockwerke tiefer in seinen Rollstuhl gesetzt werden. Ihn mit seinen bald 80 kg Lebendgewicht durch die Gegend zu wuchten, ohne dabei zu grob zu werden, auch wenn er mal wieder vor Lachen verkrampfte, war eine harte Übung. Eine Übung jedoch, die mehr als nur wie üblich durch das Lächeln der Anwesenden entlohnt wurde.

Wie eingangs erwähnt: Die Familie hatte etwas mehr Geld als der Durchschnittsbürger und erst recht als wir Fahrer. Für eine ungelernte Tätigkeit war unser Lohn zwar ganz ansehnlich, die 1000-Euro-Marke auf dem Konto sahen jedoch auch wir bestenfalls von unten. Ich, vorerst als Minijobber eingestellt, sowieso.

Jeden Donnerstag aber steckte Thorstens Vater uns finanziell klammen Fahrern fürstliche 80 Euro zu. Zu hohen Feiertagen oder unseren Geburtstagen gab es bisweilen das Doppelte und in unregelmäßigen Abständen legte er Einkaufsgutscheine eines gehobenen Feinkostladens bei, auch diese gerne mal im dreistelligen Bereich.

Das war vor allem im Vergleich ein verdammt hohes Trinkgeld. Wir hatten viel arme Kundschaft, die meisten bezahlten ihre Fahrten mit Gutscheinen vom Sozialamt. Da war man froh, wenn man einmal die Woche irgendwo zwei Euro zugesteckt bekam. Und die wenigen Leute, die mehr gaben, kannte man mit der Zeit alle. Aber alleine durch die regelmäßigen Beigaben von Thorstens Vater konnte ich es mir Ende 2003 erlauben, von zu Hause auszuziehen – obwohl auf meinem Gehaltszettel weiterhin nur 400 Euro standen.

Und im Gegensatz zu anderen Kunden, die hohes Trinkgeld als Druckmittel verwendeten, um entweder Extras zu bekommen oder vorhandene Unannehmlichkeiten zu entschädigen, war das bei Thorsten nie der Fall. Wir fuhren im schäbigsten Vereinsbus vor, trugen verbeulte Klamotten und mussten hier und da natürlich auch mal Wünsche abschlagen, zur Eile drängen – was einem im Rahmen eines Jobs eben manchmal passiert. All das störte weder Thorsten, noch seine Eltern und das nächste kleine Beutelchen mit Geld war uns trotz ausgefallenem Auto, ausgebliebener Rasur oder aus der Haut fahrender Christa sicher.

Und auch im Auto war Thorsten eine Freude. Er  liebte Musik und ging oft auf Konzerte, von denen er dann auch wasserfallartig erzählen musste, bis Christa ihn in seiner Euphorie unterbrach und ihm erklärte, dass das alles – genau! – scheiße sei.

Bis auf wenige Zwischenrufe blieb es aber im Auto meist friedlich.

Die Zeit zwischen den Stopps konnte man als Beifahrer ebenso gut mit Schlafen herumbringen, auf der Tour waren wir nur um Thorsten zu tragen und aus rechtlichen Gründen zu zweit. Das allerdings hat uns die Arbeit sehr erleichtert und war der Einstufung von Thorsten zu verdanken, der als krampfanfällig galt. Offiziell lautete zwar unsere Arbeitsanweisung im Fall der Fälle weiterfahren und Notarzt rufen, inoffiziell hatten wir von Thorstens Mutter Instruktionen zum Setzen einer Notfallspritze mit irgendeinem Zeug bekommen, das wahrscheinlich auf dem Schwarzmarkt hoch begehrt war. Alleine: Es kam nie zu Notfällen. Thorsten war seit etlichen Jahren anfallsfrei und so gestaltete sich der normale Arbeitsalltag doch relativ locker. Also abgesehen von Christas schlechter Laune.

Von der Tour wurde ich irgendwann abgezogen, arbeitete aber weiter im Fahrdienst. So langsam war ich der alte Hase, arbeitete Vollzeit und bekam meine eigene Tour. So wie ich damals quasi von Mulu eingestellt wurde, besorgte ich nun den Leuten um mich herum einen Job. Die meisten wurden hier und da für so genannte Taxi-Touren eingesetzt, Touren die recht kurzfristig von meist einzelnen Kunden bestellt wurden. Solche schob ich auch gerne mal zwischenrein, hauptsächlich blieb ich aber den festen Tagestouren zu unterschiedlichen Einrichtungen treu und hatte es geschafft, auf dem Beifahrersitz neben mir meinen Bruder zu platzieren. Wir waren ein gutes Team mit viel zufriedener Stammkundschaft, das Leben ging eben weiter. So ganz verlassen aber hat mich die Tagesstätte nie.

Jahre später habe ich die Nachricht von Christas Tod betroffen zur Kenntnis genommen, wenngleich es wahrscheinlich besser für alle war. Thorsten habe ich hier und da mal im Rahmen von Taxi-Touren auf Konzerte begleitet, die ich selber besuchen wollte und das letzte Trinkgeld von seinem Vater bekam ich erst kurz vor meinem Umzug nach Berlin. Da hatte ich ihn über ein Jahr nicht mehr gesehen und Thorsten mehr zufällig auf einem Sommerfest getroffen. Er stand da einfach in der Sonne rum, schlürfte einen Apfelsaft und quatschte mich blöd von der Seite an:

„Ey Du da! Greif mal in meine Tasche! Ich hab da was von meim Vadder!“

Neben einer ansehnlichen Geldsumme steckte ein verzierter Zettel aus hochwertigem Briefpapier in dem Umschlag. Er hätte von meinem Umzug erfahren, schrieb er. Er wünsche mir alles erdenklich Gute und er bedanke sich für meinen nimmermüden Einsatz und die wertvolle Hilfe, die ich für die Eltern und Thorsten all die Jahre gewesen sei.

Ein schöner, ein ergreifender Moment. Ein Moment, der mich mehr als viele andere schöne Situationen an die Personenbeförderung gebunden hat. An dem Abend selbst hingegen habe ich mich dazu entschieden, das Geld lieber in eine vorübergehende Fahruntauglichkeit zu investieren und mir erstmal ein Bier geholt.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

Fahrdienst – eine Einstellungssache

Fahrdienst – eine Einstellungssache

Ich habe es versucht. Ich war der Meinung, dass man sich als Bewerber für einen Job am ehesten an den Chef, das Personalbüro oder eine sonst irgendwie zuständige Stelle wenden sollte.

Diese Anstellung sollte ich so aber nicht bekommen.

Die Wochen nach dem Zivildienst waren recht heitere. Nach dem letzten Sold kam noch die Aussteigerkohle und forderte mich geradezu heraus, zu beweisen, dass auch dieser Betrag endlich war.

Ich verbrachte viele Abende in meiner Stammkneipe, aber trotz zahlreicher Biere war mir klar, dass ich mich zumindest bei Gelegenheit auch zu etwas anderem außer Trinken hinreißen lassen sollte. Dummerweise war mir während meiner Zivildienstzeit doch nicht – wie eigentlich erwartet und vor allem erhofft – die plötzliche Erleuchtung gekommen, was ich mit meinem Leben anstellen könnte. Ich suchte also wieder nur irgend etwas, das mich über die Runden kommen ließ.

Da die Gründung von Facebook gerade erst in Planung war und ich ohnehin noch kein Internet hatte, ergab sich der erste Kontakt zu meinem neuen Job auch in besagter Stammkneipe. Mulu war regelmäßiger Gast dort, allzu viel hatten wir bis dato allerdings nicht miteinander zu tun. Vielmehr trug meine Mutter ihm zu, dass ich einen Job suche, während er ihr erzählte, dass gerade sein Kollege abgesprungen war. Dass für das Dilemma eine recht einfache und naheliegende Lösung existierte, erkannte Mulu glücklicherweise umgehend und quatschte mich eines schönen Abends blöd von der Seite an.

Ich hatte keine Ahnung, was er überhaupt machte, aber das ließ sich durch ein kurzes Gespräch erörtern: Behindertenfahrdienst.

OK. Das war nun einer der Punkte, die mich haben zweifeln lassen. Denn wenn ich ehrlich war, hatte ich meinen Führerschein erst seit einem Jahr und Behinderte hatte ich allenfalls mal im Fernsehen gesehen. Den Umständen entsprechend hab ich aber einfach mal ja gesagt und die Nummer des Fahrdienstleiters entgegengenommen.

Während Mulu mit mir im Verlauf des Abends noch ein paar Bier trank, versuchte ich mich schon einmal mental auf das Vorstellungsgespräch einzustellen, das ich am nächsten Tag führen sollte.

Am Telefon sprang mich eine geradezu unnatürlich fröhliche Stimme an, die ich alsbald wissen ließ, dass ich gewillt war, mich im Sinne des Vereins als Arbeiter nützlich zu machen. Das Gespräch dauerte runde fünf Minuten und endete mit einer ohne große Floskeln vorgebrachten Absage.

Wer jetzt meint, ich wäre mit dem Ergebnis unzufrieden gewesen, der hätte am selben Abend einmal Mulu zuhören müssen. Für seine Tour waren zwei Leute notwendig. Zum Tragen einer der Leute und – wichtiger eigentlich noch – rein rechtlich, um im Falle eines epileptischen Anfalls bei der Kundschaft sowohl einen Helfer als auch einen Fahrer im Auto zu haben.

Der Situation entsprechend angespannt, angenervt und inzwischen auch angetrunken schlug Mulu die Aussagen des Chefs komplett in den Wind und forderte mich auf, einfach am nächsten Morgen mitzukommen. Wir vereinbarten einen Treffpunkt – die Stammkneipe natürlich – und so war ich an einem schönen Frühlingstag im Jahre 2003 plötzlich Beifahrer in einem Behindertenbus. Nicht, dass ich ernsthaft eine Hilfe war, im Wesentlichen bemühte ich mich, den bohrenden Fragen einer renitenten Kundin aus dem Weg zu gehen, die  Menschen im Allgemeinen und die unausgebildeten unangemeldeten Beifahrer im selben Auto im Speziellen im Verdacht hatte, ihr nur Ärger machen zu wollen. Des Weiteren versuchte ich einfach, wenigstens ein bisschen weniger untätig zu wirken, als ich es war. Ich glaube, ich habe zum Abschluss einem Kunden den Rollstuhl geschoben. Für zwanzig Meter, vielleicht sogar für dreiundzwanzig. Ebene Strecke. Ohne Feindkontakt. Das war zweifelsohne ein Job, der wie gemacht war für mich!

Das galt es anschließend nur noch dem Fahrdienstleiter klarzumachen.

Ohne weitere Höflichkeiten schleifte Mulu mich hinter sich her ins altehrwürdige Hauptquartier des Vereins und positionierte mich gegenüber einem Grinsen, das zweifellos zu der Stimme am Telefon gehörte.

„So, das hier ist der Sascha, der ist heute mitgefahren auf meiner Tour und ist ab jetzt mein neuer Beifahrer!“

Ich hätte zu diesem Anlass dieselben Fragen wie am Vortag erwartet, die Gegenwehr jedoch war gering. Mir wurde ein Formular zugeschoben, unter Bedauern mitgeteilt, dass es vorerst leider nur eine geringfügige Beschäftigung wäre, aber super, dass ich da wäre, ehrlich, schließlich würden sie ja Leute suchen.

Ich verließ das Büro nach Abschluss der Formalitäten mit einem gewissen Erstaunen, folgte Mulu aber einfach blind und fand mich fünf Minuten später hinter einer großen Cola in unserer Kneipe wieder. Wir verabredeten uns dann zur Nachmittagstour und fortan hatte ich einen Job. Und zwar ziemlich lange.

N‘ bisschen Zivildienst unter Freunden

N‘ bisschen Zivildienst unter Freunden

Nachdem ich den Sommer damit verbracht hatte, plötzlich Klassenkameraden zu vermissen, die mich zuvor nie interessiert hatten …

Moment, das ist ungünstig formuliert. Es muss „Klassenkameradinnen“ heißen!

OK, nachdem ich also so ein bisschen theatralisch vor mich hingelitten und das mit viel Bier auskuriert hatte, begann ich mich auf meinen Zivildienst zu freuen. Die Wehrpflicht befreite mich ein weiteres knappes Jahr davor, mir über mein Leben Gedanken zu machen und war zudem schon perfekt geplant. Nicht von mir natürlich, ich hatte ja wie eingangs erwähnt eher anderes zu tun. Dieses Mal war mir alle Arbeit abgenommen worden.

Es gab die Zeit, da wollte ich wie alle meine Freunde einen möglichst coolen Ziviplatz haben. „Essen auf Rädern“ und Vergleichbares waren heiß begehrt, bedeutete es doch, den ganzen Tag mit dem Auto durch die Gegend zu cruisen und nicht eben viel zu tun. Die, die es bereits hinter sich hatten, erzählten von lässigen Touren, davon wie sie mit demenzkranken alten Menschen zwei Stunden auf der Couch gechillt haben, um die Stunden vollzukriegen oder sich ein Extra-Trinkgeld zu verdienen.

Neben der monatlichen Sofortrente im Lotto eigentlich die beste Möglichkeit, sich seine Brötchen zu verdienen. Auf der anderen Seite bedurften diese Stellen guter Bewerbungen, Anstrengungen und Mühen. Dabei ging es doch ohnehin nur um ein paar Monate.

Als ich dann wirklich begann, mir Gedanken über die Zivistelle zu machen, trat recht schnell meine Mutter auf den Plan. Die hatte bis kurz zuvor in der Verwaltung eines Altersheims ganz in der Nähe gearbeitet und vorgeschlagen, mir einen Posten zu verschaffen. Abgesehen davon, dass ich tatsächlich keine Berührungsängste zu alten Menschen kannte, sollte der Posten auch eine harmlose Hausmeisterstelle ohne viel Kontakt zur Pflege sein. Ein bisschen Rumwerkeln, hier und da mal Zeug durch die Gegend tragen und die Schlüssel für überall in der Tasche haben.

Das Nest war also sozusagen gemacht und ich brauchte mich nur hineinzulegen.

Ein paar Monate später saß ich an einer gemütlichen Feuerstelle im Garten und unterhielt mich mit André. Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, ist André nicht mehr. Er litt bereits damals im Herbst an einer schweren, unheilbaren Knochenkrankheit, die ihn noch während meiner Dienstzeit in den Rollstuhl bringen sollte. Er war locker zwei Köpfe kleiner als ich, ich hätte ihn tragen können. Stolz wie er war, verzichtete er aber darauf, stützte sich humpelnd nur manchmal ab und saß öfter mit mir an der Feuerstelle. Das Feuer brannte nicht, nur André war Feuer und Flamme. Wir redeten über Wissenschaft und Raumfahrt und trotz des Altersunterschieds war oft unklar, wer hier wem Wissen vermittelte.

Mitten in unser Gespräch platzte plötzlich Anne und zog mich energisch vom eher schüchternen André weg. Sie betatschte und bequasselte mich, bis ich ihre Bitte erhörte und sie bei den Händen nahm. Es brauchte zwei Runden Anlauf, dann verließen ihre Füße den Boden und während ich meine kompletten 150 Kilo der Fliehkraft entgegen schmiss, drehte Anne sich um mich und juchzte, sie könne flieeeeegen.

Nein, ich war nicht wirklich Hausmeister im Altersheim geworden. Bis wenige Wochen vor dem in Deutschland ja dann doch nicht ganz freiwilligen Dienstantritt sah es zwar ganz danach aus, dann jedoch eröffnete mir meine Mutter von einem Tag auf den anderen, dass die Stelle dieses Jahr wohl doch nicht besetzt werden würde.

Einer jener Momente, die mich ein Jahrzehnt später dazu veranlasst hätten, via Twitter fremde Menschen vollzunölen, dass man sich nicht auf fremde Menschen verlassen sollte.

Der Freundeskreis hielt aber, was er versprach und ich hatte pünktlich zum September eine anerkannte Stelle vorzuweisen. Auf einem Abenteuerspielplatz im Hallschlag.

Der Spielplatz selbst war das Schönste, was ich bislang in dieser Richtung gesehen hatte und das „Problemviertel“ Hallschlag war damals bereits recht gezähmt und allenfalls noch bei älteren Stuttgartern wirklich verpönt. Mein Problem hingegen war in erster Linie, dass die Zivildienststelle offiziell der Kirchengemeinde unterstand. Nur pro forma und damit nur für die Soldzahlungen von Interesse, das allerdings vermasselten sie gründlich. Im Alltag nervte der Kreuzritterverein zwar nicht, wirkte bei seinen spärlichen Verbindlichkeiten aber gläubig genug, um meine Auszahlungen auf den Tag des jüngsten Gerichts zu verschieben. Aber auch nur, bis ich mit einem weltlichen Gericht drohte.

Das Maugi war ein auf Karten kaum aufzufindendes, im Stadtteil jedoch wohl bekanntes Idyll direkt zwischen einem Weinberg, einem Steinbruch und der Müllverbrennungsanlage, wo Kinder bis 13 Jahren nachmittags von mehreren Leuten betreut all das tun konnten, was ihnen sonst verwehrt blieb. Hier sollte ich also Zivi sein und ich kann rückblickend sagen, dass ich es sehr gerne war. In der Küche und im Toberaum, in der Fahrradwerkstatt und dem Backhaus, in den selbstgebauten Hütten und im kleinsten Raum des ganzen Geländes (noch nach der Toilette): dem Büro. Ich war die halbe Person im dreieinhalbköpfigen Team, fünf Tage die Woche, acht Stunden täglich und wenn nötig auch mal länger.

Erster Arbeitstag:

Zeitgleich mit und unabhängig von mir trat als Praktikantin eine junge Frau dem Team bei und wir stellten erstaunt fest, dass wir in grauer Vorzeit – genau genommen vier Jahre zuvor – noch Klassenkameraden waren. Sie hatte die Schule lange vor dem Abitur verlassen und ich hatte ein Zeugnis in der Tasche, das ähnliches vermuten ließ. Ein paar Minuten haben wir uns darüber unterhalten, arg viel mehr als ein altes Klassenfoto einte uns aber nicht wirklich.

Mehr Erinnerungen teilte ich indes mit einem der hauptamtlichen Betreuer. Zwar waren auch wir nie Freunde gewesen, aber ich erinnerte mich jetzt, da er vor mir stand, daran wie er Jahre zuvor einen klapprigen VW-Bus gelenkt hat. In diesem Bus lag damals neben mir ein guter Teil der Stuttgarter Antifa bekifft und dementsprechend gut gelaunt auf einem Bett herum, kurz nachdem wir ein paar Nazis ihre Demonstration in Wo-auch-immer versaut hatten.

Die auffällige Frisur hatte er nicht mehr, nein seine Haarpracht war inzwischen einer Quasi-Glatze gewichen, gegen die sein Dreitagebart lang wirkte. Und wie er da so stand, verkündete er mir, ich solle meinen Bruder ins Krankenhaus fahren. Ich hatte mir für den Beginn bessere Scherze der Stammbelegschaft erhofft.

Der Witz war jedoch keiner. Der erste so zu nennende Arbeitsauftrag während meines Zivildienstes war tatsächlich das Verbringen meines Bruders in die Notaufnahme. Stuttgart war eben auch nur ein Dorf wie jede andere Großstadt und so kannte ich nicht nur die halbe offizielle Besetzung meiner Zivistelle aus meiner Vergangenheit, nein, nun leistete auch noch mein Bruder Sozialstunden dort ab und hatte sich prompt kurz nach meiner Ankunft die Sense bei der Gartenarbeit ins eigene Fleisch geschwungen. Ich habe noch heute die Befürchtung, das sah damals so aus, als hätten wir beide eine Verabredung getroffen, um uns vor der Arbeit zu drücken.

Das war natürlich nicht der Fall. Dass ich hier und da mal faul war, lässt sich schlecht bestreiten. Auf dem Spielplatz allerdings ließen sich unangenehme Arbeiten jedoch weniger durch Nichtstun, sondern mehr durch Ausweichen auf andere Gebiete vermeiden. Wenn ich keine Fahrräder in der Werkstatt reparieren wollte, fand sich immer ein Kind zum Basketballspielen. Keine Lust auf Büroarbeit? Egal, irgendwer musste ja auch das Feuer machen, das Backhaus anheizen, mit den Kids Hütten zusammen zimmern. Faul rumliegen war selten eine Alternative.

Wenn mich Freunde – also die wenigen, die niemals im Maugi gearbeitet haben – damals schief angesehen haben und sich fragten, was man denn bitte auf einem Abenteuerspielplatz als Zivi machen würde, dann habe ich mit ein wenig Stolz meist gesagt:

„Naja, zu 50% sind es Hausmeistertätigkeiten. Vielleicht 25% Fahren und Papierkram – und dann kommt noch eine 100%-Pädagogenstelle obenauf.“

Und Hütten bauen, natürlich.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)