Paketweitwurf in Heinersdorf

Paketweitwurf in Heinersdorf

Ich hatte mein ganzes Leben schon Angst vor Bewerbungsschreiben. Nicht dass ich mich je davor gefürchtet hätte, mich für einen Job zu bewerben, mich machte bloß immer wieder aufs Neue die ganze Verlogenheit dieser Briefe kirre.

Völlig realitätsfremd irgendwelche Vorzüge auszubreiten, die man sich mal eben ausgedacht hatte, am besten für Jobs, für die man schon aufgrund selbständiger Atmung überqualifiziert war – das war nicht mein Ding.

Ich hatte beispielsweise sieben Jahre Französischunterricht gehabt, gab das natürlich auch immer brav an, aber ich wusste dabei stets, dass ich meinen Job umgehend verlieren würde, sobald ich einem Franzosen auf eine Frage nicht mit Ja oder Nein antworten dürfte. Mit Mathe war es kaum besser und außerdem musste ich ohnehin stets mein Abiturzeugnis mit einreichen, was bei meinen Noten zwangsläufig dazu führte, dass die Personalchefs der Unternehmen im Gespräch weniger auf meine Worte achteten, als mehr darauf, dass ich das Inventar nicht annagte oder ins Eck pinkelte.

Außerdem besaß ich nie die passende Kleidung – wohl einer der Gründe, weswegen ich auch Beerdigungen nie besonders heiter fand.

Aber im Niedriglohnsektor zählten diese Rituale von jeher wenig. Da rief man meist bei der in der Zeitung abgedruckten Handynummer an und der griesgrämige Typ am anderen Ende fragte nach den wirklich wichtigen Dingen: Ob man kräftig anpacken könne, ein eigenes Auto hätte und/oder das Ganze auch schwarz machen würde.

Ich lebte seit Monaten vor mich hin und nach dem ersten Staunen, dass ich nun wirklich in Berlin wohnte, schlichen sich immer mehr Tristesse und vor allem finanzielle Schwierigkeiten ein. Mein Arbeitszeugnis vom Behindertenfahrdienst schien mir beim Umzug noch der Garant für einen neuen Job im Fahrdienst zu sein, allerdings stellte ich schnell fest, dass ich ohne eine Erweiterung meines Personenbeförderungs-Scheins um die Berliner Ortskunde in dem Bereich überhaupt nichts zu melden hatte. Ich musste mir mit der Zeit eingestehen, dass ich selbst bei meiner bescheidenen Lebensplanung ein paar wichtige Punkte gekonnt ausgeblendet hatte.

Auf der Suche nach anderen Beschäftigungen stieß ich schnell an weitere Grenzen. Hauptsächlich bestanden diese aus persönlichen Abneigungen. Ich wollte mich nicht auf einen Fahrerjob festlegen, aber ich hasste Fabrikhallen, war unterqualifiziert für fast alle Bürotätigkeiten und sah zu mies aus, um als Model Geld zu verdienen.

Es kristallisierte sich heraus, dass Paketlieferdienste im Grunde wie für mich gemacht schienen.

Ich lernte im Verlauf mehrerer Telefonate, dass das Wichtigste bei einer Bewerbung auf Zeitungsannoncen war, alle Hoffnungen fahren zu lassen und zu akzeptieren, dass sich dort viele Betrüger tummeln. Viele angebotene Jobs waren mitnichten Fahrerjobs, denn etliche Firmen euphemisierten so die kaum anders zu vermittelnden Stellen als Vertreter, was meiner Vorstellung von einem erträglichen Arbeitsplatz diametral entgegenstand.

Am Ende blieb eine Anzeige übrig und diese sollte mich nach Heinersdorf führen.

Ich sattelte meinen Rucksack. Das Auto hatte ich von meinem Mitbewohner geliehen und ich folgte der ausgedruckten Route ans Ende der Welt. Obwohl der Stadtplan mir verraten hatte, dass Berlin auch hinter Heinersdorf noch ein ganzes Stückchen weitergeht, fand ich mich in dörflicher Atmosphäre wieder und parkte etwas ungläubig vor der angegebenen Adresse.

Die Szenerie entsprach ziemlich genau dem, was in Fernsehkrimis gezeigt wird, wenn der Kommissar erstmals auf das Anwesen des dorfbekannten Altnazis fährt, um ihm ein Geständnis für den Mord am einzigen Türken in der näheren Umgebung abzuringen: Die Fassaden der Häuser waren vom Industriestaub vergangener Tage angegriffen, die Fensterscheiben eingeworfen und das Unkraut bahnte sich seinen Weg durch die Fugen der Gehwegplatten. Der acht Jahre alte Golf, mit dem ich angereist war, fiel unangenehm positiv auf und das verrostete Tor zum Hof des Betriebes lag ungenutzt im Gras.

Ein bisschen unsicher stapfte ich entlang schlaglochübersähter Spurrillen in den Hinterhof. Vor einer etwas weniger baufälligen kleinen Halle sorgte ein schlaksiger Mann um die 40, der seinen kleinen verbeulten Lieferwagen mit Paketen bewarf, dafür, dass es hier geschäftiger wirkte als auf der Hauptstraße. Ich fragte nach dem Chef und stand alsbald in einer Art Büro. Eigentlich handelte es sich nur um einen kleinen Nebenraum der großen Halle und wie überall in diesem Industriebau, der nach den ästhetischen Richtlinien des Frühkapitalismus gestaltet war, waren die Wände unverputzt und die Fenster hatten verrostete Metallstreben zwischen den kachelgroßen Scheiben. Schräg im Raum stand ein Schreibtisch, der von einem Computer dominiert wurde, dessen Bauteile es Anfang der 80er-Jahre schon auf keinem Flohmarkt mehr über fünf Mark geschafft hätten. Ein paar abgenutzte Aktenschränke und ein Sofa mit den letzten Läusen aus der Kaiserzeit vollendeten das Inventar. Als Wandschmuck dienten zwei Kalender von 2001 und 2004, deren Motive unnatürlich große Brüste nebst dahinter verschwindenden blonden Frauen waren.

Ganz so große Brüste hatte der Chef nicht, aber sein nicht gerade frisch gewaschenes Hemd umspannte neben dem Bierbauch einen durchaus in B-Körbchen passenden Vorbau. Er reichte mir eine schweißnasse Hand und fragte frei heraus, was ich eigentlich hier wolle.

Das Telefonat? Ach ja, klar! Ob ich denn ein eigenes Auto hätte? Unverkennbar, dass ich als Bewerber in dieser Woche nicht der erste war.

Dass ich keinen eigenen fahrbaren Untersatz hätte, wäre nicht toll, aber eine Kiste hätten sie wohl noch. Naja. Und die Bezahlung?

Ich wurde gefragt, ob ich Teilzeit arbeiten wollte, vielleicht sogar auf 165€-Basis, als Zuschuss zu Hartz IV? Muss ja nicht, er frage ja nur! Dann wollte er noch wissen, wie es sich mit meiner Ortskenntnis verhalten würde, unterbrach mich aber nach meiner Entschuldigung, gerade erst hergezogen zu sein, indem er mir einen weiter kopierten Ausschnitt aus einem alten DDR-Stadtplan in die Hand drückte und erklärte, dass das jetzt mein Gebiet sei. Das lerne man schnell. Ich solle doch einfach mal kurz beim Kollegen einsteigen und seine Tour mitfahren.

Vielleicht war ich in dem Punkt tatsächlich ein bisschen  unzureichend vorbereitet auf die Arbeitsbedingungen, aber ich hatte an diesem Tag durchaus noch ein paar Dinge vor und die Tour hätte bis in die Abendstunden gedauert. Schlecht gelaunt meinte er dann, ich solle doch einfach am nächsten Tag um 7 Uhr vorbeikommen und den Kollegen begleiten. Na gut. Das Vorstellungsgespräch – so man es so nennen will – war damit beendet.

Meine Laune, in diesem Betrieb zu arbeiten, tendierte gegen Null. Aber zum einen war ich verzweifelt, zum anderen sah ich die Vorteile in Fahrerjobs ja darin, dass man mit der Firma und dem Chef selbst im Arbeitsalltag nur recht wenig zu tun hatte. Das angebotene Gehalt war immerhin selbst netto knapp vierstellig, mehr hatte ich seit dem einen Monat im Landesgewerbeamt vor zig Jahren nicht mehr verdient und aktuell lebte ich von der Hälfte. Also stand ich am nächsten Morgen, noch im Dunkeln, wieder vor besagter Halle.

Der Trubel zu so früher Stunde war ungleich größer, etliche Autos standen herum, Fahrer wuselten zwischen Paket-Paletten und den Fahrzeugen umher, es glich einem Ameisenhaufen. Der Chef hatte keine Zeit für mich und schob mich zu einem Kollegen, der sichtbar begeistert war, als Babysitter zu fungieren. Das Auto hatte er schon fast vollgeladen, konnte mir aber nicht so recht erklären, wie man jetzt rausfindet, welche Pakete man mitzunehmen hätte. Das Ausbildungsniveau für Neuankömmlinge in dieser Firma war so unterirdisch, dass ich in Ermangelung einer Grubenlampe keine Chance zum Vorankommen sah. Aber wenigstens die Tour konnte ich mitfahren.

Als wir dann den kompletten Tag durch Hohenschönhausen gurkten, taute der Kollege langsam auf. Er zeigte mir geduldig die Bedienung des Scanners, erklärte mir allerlei Zettelchen und Aufkleber, die To-Do’s bei nicht angetroffenen Empfängern, dieses, jenes und noch viel mehr. Ich lieferte einige Pakete persönlich ab und trotz der allgemeinen Eile war der Kollege immer bereit, mir Dinge ein zweites Mal zu erklären oder mich auf Probleme hinzuweisen. Abgesehen davon, dass der Tag mir als Arbeitslosem recht lang vorkam, war er schön.

Die Worte, die der Fahrer über die Firma verlor, waren zwiespältig. Er erzählte von Stress unter den Kollegen, dem Druck, der Eile. Aber er legte ein gutes Wort für den Chef ein und wies darauf hin, dass man immerhin pünktlich bezahlt würde und nicht über den Tisch gezogen. Eigentlich wirkte er recht zufrieden.

Dass das nicht mein Traumjob war, stand fest. Aber an diesem Tag sah ich eine Chance für mich und den Paketdienst. Übergangsweise, zum Überleben.

Es war natürlich ein bisschen viel Input für einen Tag, aber ich sah den berühmten Silberstreifen am Horizont. Der Kollege versprach mir, mich am nächsten Morgen einzuweisen, was das Verladen der Pakete anging und so stand ich – immer noch nicht eingestellt – das dritte Mal vor der Halle, dieses Mal bereits um 6 Uhr.

Abgesehen von einem Rest Müdigkeit war ich motiviert und wandte mich erst einmal an den Chef. Ich wollte mich bezüglich des Einladens erkundigen und konnte den Kollegen zwischen all den Ameisen nicht finden. Das sei kein Wunder, wurde mir mitgeteilt: Er sei krank. Cheffe selbst konnte mein Anliegen allerdings geistig nicht verarbeiten und hielt es für das Sinnigste, mich blöde von der Seite anzulabern: Wenn ich nicht vorhätte, jetzt eine Tour zu fahren, könne ich auch gleich wieder gehen. So jedenfalls wäre mit mir ja erstmal nix anzufangen. Ohne auch nur in Ansätzen zu blicken, dass mir einfach die Grundlagen fehlten, um mal eben mit der Arbeit zu beginnen, meinte er in hektischer Emotionslosigkeit, ich solle mich doch einfach melden, wenn es mir passen würde.

Natürlich habe ich mich bei diesem Arschloch nie wieder gemeldet und mich nach Alternativen umgesehen. Diese Entscheidung hat mich Geld gekostet. Eine Menge Geld, und es war nicht immer einfach dadurch. Es sollte zu guter Letzt aber einer der am wenigsten bereuten Entschlüsse meines Lebens sein, in Ostberlin keine Pakete ausgefahren zu haben.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

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