Im Dienste Ihrer Überweisungen

Im Dienste Ihrer Überweisungen

Jobs im Sicherheitsgewerbe zählen zu den wenigen, die ich aufgrund körperlicher Vorzüge besonders leicht bekomme. Das hat mich allerdings nicht die Bohne interessiert, als ich mich 2007 bei einem großen Sicherheitsdienst beworben habe.

Ausgerechnet im letzten halben Jahr, das ich noch in Stuttgart zu verbringen gedachte, fiel mein Arbeitgeber mir und den anderen Angestellten in den Rücken: Wegen der – eigentlich nicht überraschenden – dieses Mal aber dennoch dramatisch vorgetragenen finanziellen Schieflage des Fahrdienstes wurden plötzlich die Löhne der Fahrer gekürzt. Aus heiterem Himmel und natürlich mit großer Leidensmiene. Nicht dass die Inflation in den vergangenen vier Jahren seit meiner Einstellung genug an meinem Reallohn gezerrt hätte, nein, es wurde tatsächlich beschlossen, dass wir Fahrer auch mit 20% weniger Lohn nicht verhungern würden. Eine nicht eben sehr realistische Einstellung, wie meine Kontoauszüge aus jenem Jahr beweisen.

Ich hatte keine zweite Einkommensquelle und wollte mir nicht auch noch den Umzug nach Berlin von meinem Vater finanzieren lassen. Gründe genug, nach einem Nebenerwerb zu suchen. So landete ich irgendwann bei der Zeitungsanzeige eines Sicherheitsdienstes. Das angebotene Geld lag zwar pro Stunde nochmal unter dem Lohn im Fahrdienst, der Vorteil jedoch war, dass sie durchgängige und lange Touren boten, während ich im Verein bislang oft unbezahlte Freizeit während eines Arbeitstages hatte.

Auch hier: Ein Fahrerjob. Mit Autos durch die Gegend gondeln, dieses Mal eben im Dienste der Sicherheit und nicht der Mobilität an und für sich. Zum Fachpersonal für Sicherheit wurde ich durch ein weißes Hemd, eine Krawatte und mein lupenreines Führungszeugnis. Eine Krawatte konnten die Jungs des Hauptsitzes leihweise zur Verfügung stellen – beim weißen Hemd war ich mit meinen 2,03 Metern im aufrechten Gang wie immer auf mich alleine gestellt. Ganze sechzig Euro habe ich für den Traum bezahlt, irgendwie seriös rüberzukommen, wenn ich in Filialen der Landesbank Baden-Württemberg ernst blickend wichtige Mappen mit noch wichtigeren Unterlagen entgegennahm.

Um mehr ging es erstmal nicht. Ich musste mit einem Kleinwagen von Bank zu Bank fahren, um dort die Original-Überweisungsunterlagen einzupacken, die ich dann in der Zentrale neben dem Stuttgarter Hauptbahnhof abzuliefern hatte. Runde 300 Kilometer legte alleine ich jeden Morgen zurück, um die Überweisungsträger von sage und schreibe vier Banken einzusammeln. Nachmittags fuhr ein Kollege dieselbe Tour noch einmal.

In Anbetracht dieser Zahlen ist der Trend zum Online-Banking gelebter Naturschutz, so viel steht fest.

Zweimal begleitete ich einen Fahrer assistierend auf der Fahrt, dann saß ich auf mich alleine gestellt im Auto. Die Tour war trotz ihrer Länge auf die Minute genau geplant, denn während ich bei der ersten Bank nicht eine Minute zu früh auftauchen brauchte, schloss die letzte dem Plan nach zeitgleich mit meiner Ankunft.

Es war ein raues Business ohne viel Emotionen. Ich hatte auf mein Aussehen zu achten, bekam jeden Tag ein x-beliebiges Auto vorgesetzt, wobei einige der Kisten über 200.000 Kilometer im Jahr runterreißen mussten, ein Wert, der selbst für Taxis utopisch ist in Deutschland.

In den Banken mimte ich den Profi, setzte einen ernsten Blick auf und versuchte, alleine mit meiner physischen Präsenz eventuell anwesende Kunden einzuschüchtern. Unnötigerweise, waren die zu beschützenden Unterlagen für Dritte allenfalls so wertvoll wie überzählige Lottoscheine der vorletzten Ziehung. Und während ich mit Hemd und Krawatte versuchte, Eindruck zu schinden, verdiente ich 6,50 € brutto pro Stunde und bekam Überstunden nicht bezahlt, sondern stattdessen einen Anschiss. Es war zweifelsohne die heuchlerischste Arbeit, zu der ich mich je aus finanziellen Gründen herabgelassen habe.

Wir hatten zwar keine Minute Zeit, vom Plan abzuweichen und waren außerhalb des Autos zu jeder Sekunde von dutzenden Kameras überwacht, dennoch war ich sicher nicht der einzige, der nicht widerstehen konnte, sich Gedanken darüber zu machen, ob es eine Option gab, sein neu erworbenes Wissen etwas, nun ja, lukrativer zu nutzen. Ironisch natürlich.

Aber wie bei vielen schlechten Jobs gab es auch hier die schönen Momente. Ich cruiste jeden Tag durch komplett Baden-Württemberg. Von Stuttgart aus ging es nach Biberach, Ulm, Künzelsau und Ludwigsburg, die einzelnen Fahrtabschnitte betrugen bis über 100 Kilometer, die Stereoanlage lief auf Anschlag und so manches Nichtraucher-Zeichen an der Frontscheibe war von den Fahrern mit der Zeit der Wahrheit zuliebe abgerubbelt worden. Ein bisschen Roadmovie-Feeling kam hier und da schon auf und nach einer Woche verzichtete man schon einmal auf die Krawatte. Bis es eben mal wieder einen Rüffel vom Chef gab. So war das und so ist es wahrscheinlich heute noch.

Die Firma betreute allerdings keineswegs nur Banken. Während ich organisatorisch nur unter dem Label Aushilfe lief, hatten die Festangestellten auch andere Aufgaben. Unter ihnen waren freilich auch Leute, die einen Waffenschein oder irgendetwas anderes als nur 150 kg Lebendgewicht besaßen, um qualifiziert zu wirken.

Und eines Tages wurde auch ich gefragt, ob ich an einer nächtlichen Bewachungsaktion teilnehmen wollte.

Blöde Frage, ich war chronisch pleite!

Plötzlich befand ich mich mit einem Team von fünf bis acht Leuten, die sich gegenseitig kaum mit Namen kannten, in einem nicht gerade unbekannten schwedischen Einrichtungshaus wieder. Ja, einem IKEA!

Dort hatte ich das einzige Mal während all der Monate des Jahres 2007 tatsächlich etwas Wertvolles zu bewachen, nämlich die kompletten Tageseinnahmen. Natürlich sind die eigentlich von Haus aus nicht schlecht gesichert und es war keineswegs Standard, dass der Konzern sich dazu fremder Leute bediente. Dummerweise kamen zu diesem Zeitpunkt mehrere Dinge zusammen. Es fand ein ziemlich großer Umbau statt, ein paar Wände wurden im laufenden Betrieb ersetzt – eine Komplettrenovierung des sensibelsten Bereiches. Im Großen und Ganzen schien das gut zu laufen, wir konnten dem hektischen Treiben in den Abendstunden auch noch ein Weilchen zusehen. Die Baufortschritte jedoch ließen ein Problem entstehen: In dieser Nacht stand der Tresorraum völlig offen, da die neue Tür erst mit einiger Verzögerung eingebaut werden konnte.

Um nun zu verhindern, dass irgendwelche Finsterlinge sich das zunutze machten, stellte IKEA ein halbes Dutzend meist völlig unqualifizierter Gorillas in die Landschaft. Wenn man von den zwei Leuten absah, die irgendwann mal eine Schulung hatten, wie man Pfefferspray einsetzt, ohne gleich selbst kampfunfähig zu werden, waren die meisten gerade mal gut genug ausgebildet, um sich in einem Schrank einzusperren und die Polizei zu rufen, hätte sich wer anders als die herumstreunenden Katzen nachts auf das Gelände begeben.

Nichtsdestotrotz überstanden wir und die Einnahmen die Nacht, denn wider Erwarten kam niemand vorbei, um mal zu gucken, ob die bei IKEA zufällig mal vergessen hätten, die Tresortüre einzubauen. Sicherheit ist ohnehin – das habe ich in der Zeit gelernt – eine Frage der Illusion.

Trotz einiger neuer Erfahrungen war das ebenso ein Job, den ich ohne Bedenken oder Sentimentalitäten wieder an den Nagel gehängt habe, als die Zeit gekommen war. Mein Umzug war ja von Beginn an ausgemachte Sache – das bedeutete natürlich nicht, dass das jeder im Personalbüro geblickt hätte. Alles in allem schien ich die Arbeit halbwegs gut gemacht zu haben, denn zu guter Letzt führte ich auch Gespräche, die zum Inhalt hatten, dass ich vielleicht in der Berliner Dependance des Unternehmens weitermachen könnte. Das wäre zwar nicht einmal der schlechteste Start in der Hauptstadt gewesen, allerdings war mein immer noch einziges weißes Hemd so langsam an eine Grenze gelangt und ich hatte gar nicht vor, mir irgendwann noch einmal ein weiteres zuzulegen. Ein Vorsatz, den ich im Übrigen bis heute eingehalten habe.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

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