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Autor: Sash

EKG vom Barett-Schlumpf

EKG vom Barett-Schlumpf

Wenn man so will, habe ich während der letzten Schuljahre quasi Landesverrat begangen. Also mal abgesehen davon, dass ich mich der Punk-Szene zugehörig fühlte, mein Vaterland verleugnete und ihm nebenbei etwas unbeholfen mit seiner Ausrottung drohte. Nein, ich hab auch noch die Bundeswehr belogen.

Ja, ich wusste von der Truppe, dass sie ordentliche Hosen in meiner Größe hatte – etwas, das die Bundeswehr von rund 90% der anderen Bekleidungsspezialisten unterschied, darüber hinaus hatte ich mit dem Militär immer meine Schwierigkeiten. Pazifist war ich sicher auch ein wenig, aber den Wehrdienst habe ich wie so viele andere vor allem verweigert, weil ich weder auf Schlammkriechen, noch auf sinnlosen Gehorsam stand.

Geschrieben hab aber natürlich auch ich von den schlimmen Kriegserfahrungen meiner Oma, wenngleich ich ihre Geschichten nie so abscheulich fand wie das, was ich aus Schule und Fernsehen über die dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte lernte.

Wie so oft in meinem Leben war ich vor allem trotzig gegenüber Leuten, die mir blöd gekommen waren.

Ich hatte ja schon aus politischen Gründen über eine Totalverweigerung nachgedacht, aber trotz einem gewissen Hang zur sofortigen Mitwirkung an einer Revolution habe ich aus Bequemlichkeit darauf verzichtet.

Katz und Maus zu spielen mit den Feldjägern wäre sicher lustig gewesen – die unangenehmen Nebeneffekte wie das Leben im Untergrund und eventuelle Strafen über die eigentliche Dienstzeit hinaus schienen mir dann aber doch ein zu hoher Einsatz für ein bisschen Unterhaltung zu sein.

Abgesehen vom schönen politischen Statement in Form einer Totalverweigerung sprach sonst nichts dafür. Ich wollte nicht zum Bund, ja! Aber ich konnte mir durchaus vorstellen, Zivildienst zu machen – schon alleine, weil es mir ja ohnehin an brauchbaren Ideen zum weiteren Lebensweg fehlte. Ergo: Normale Verweigerung, ganz ordentlich und nur zu bewerkstelligen durch einen Besuch in der Höhle des Löwen.

So saß ich dann kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag auch überpünktlich im Kreiswehrersatzamt und hab mich, wie es für Musterungen bei unwilligen Anwärtern üblich ist, fürchterlich geärgert.

Da war ich extra angerauscht, um dem Laden die kalte Schulter zu zeigen und ihn mit aller gerade noch legalen Verachtung zu strafen und dann war da gar niemand. An der Pforte ließ man mich durch, die Uhr an der Wand zeigte gerade einmal 6:30 Uhr an. Statt nun gleich mit dem albernen und in meinen Augen unnötigen Prozedere zu beginnen, musste ich zunächst einmal warten, bis überhaupt irgendein uniformiertes Heinzelmännchen das Licht im Wartebereich anschaltete. Stumm und ohne Hinweis auf Verzögerungen. Dass mir und den anderen inzwischen angereisten Jünglingen eventuell nach einer Weile langweilig werden könnte, bemerkte dann aber wohl doch jemand.

Also wurde ein weiterer Barett-Schlumpf zu uns entsandt, wieder einer mit einem Faible für stumme Auftritte. Er schaltete nun einen PC im Raum an. Diesem war zwar schon von außen anzusehen, dass man darauf keine vernünftigen Ballerspiele würde zocken können, aber mit sowas Beklopptem wie einer Powerpoint-Präsentation zu den Karrieremöglichkeiten bei der Trachtentruppe hatten selbst wir vier müden Gestalten nicht gerechnet. Also unterhielten wir uns notgedrungen.

Über die Musterung und die Möglichkeiten, dort gleich als untauglich eingestuft zu werden, kursierten damals viele Gerüchte. Auch im Wartezimmer machten sich alsbald die beliebtesten Urban Legends breit. Der Typ, der vor der Musterung zwei Tage nicht geschlafen haben will, tauchte ebenso auf wie der, der bei der Befragung geantwortet haben will, er wolle zum Militär, um endlich mal jemanden umzulegen. Es existierten damals Web-Foren, die einem Medikamente zur Vortäuschung bestimmter Krankheiten empfahlen und tausende Tipps zur garantierten Ausmusterung parat hatten.

Idealerweise hätte ich an der Pforte schon mit „Heil Hitler!“ grüßen sollen oder im Warteraum an die Heizung gekettet nach meiner Mama rufen.

Aber wie gesagt: Mir lag nicht viel daran, den Zivildienst gleich mit zu vermeiden, somit konnte ich gut mit dem Schicksal leben, für tauglich erklärt zu werden. Nicht zum Bund zu müssen reichte mir.

Ehrlich wie ich bin, hab ich dann gleich gesagt, dass ich verweigern will und zum Dank nur das Programm für Hippie-Lutscher absolvieren müssen. Die Frage, ob es eher mich, die Deutschen oder die Bundeswehr sorgen sollte, dass ich mit 50 kg Übergewicht immer noch die zweite Tauglichkeitsstufe erreicht habe, überlasse ich besser den Geschichtsschreibern.

Ich war am Ende exakt so schlau wie zuvor: Ich würde meinen Zivi machen. Positiv hervorzuheben wäre allerdings ein halber Tag schulfrei und außerdem hatte sich endlich mal wer die Mühe gemacht, auszumessen, wie groß ich genau war. Der umherwuselnde Uniformierte, der ein Geodreieck suchen musste, um die nur zwei Meter in die Höhe reichende Messlatte zu verlängern, hat mir den Tag ungemein versüßt.

Ergebnis: 2,03 Meter.

Die anschließenden ärztlichen Untersuchungen waren Kinderfasching. Selbst der berühmt-berüchtigte EKG (Eier-Kontroll-Griff) war gar nicht so schwierig ohne versehentliche Erektion zu überstehen wie befürchtet, da sie für diese Prozedur nur Ärztinnen ausgewählt hatten, die zumindest vom Alter her noch des Führers höchst eigene Klöten gekannt haben müssten.

Am Ende jedenfalls wurde mir meine Verweigerung bestätigt, außerdem wurde mir bedeutet, dass die Einreichung meiner schriftlichen Begründung noch Zeit hätte, da ich ja ohnehin noch eine ganze Weile die Schulbank drücken würde.

Keine drei Wochen später schien jedoch bei der Bundeswehr der Bedarf an übergewichtigen T2-Lutschern so stark gestiegen zu sein, dass sie auch mich anschrieben und mir damit drohten, mich umgehend einzuziehen, wenn ich nicht baldestmöglich die schriftliche Begründung einreichen würde.

Der im Übrigen selbst ziemlich übellaunige Schrieb ist der Grund, weswegen heute in irgendeinem Bundeswehrarchiv eine Verweigerung herumliegen müsste, die einen Einleitungsteil enthält, der mehr oder minder besagt, dass der Verein ja wohl weder Tassen im Schrank, noch ungeöffnete Rektalöffnungen hätte.

In der Folge besteht der Brief aus zwei recht lieblos zusammengewürfelten, damals sehr bekannten im Internet kursierenden Verweigerungsschreiben, ergänzt um zwei Sätze, wie sehr ich es bedauere, dass ich meinen Opa nie kennenlernen durfte, was zumindest meiner Meinung nach irgendwie indirekt mit seiner Gefangenschaft nach dem Kriegsende 1945 zu tun hatte. Irgendwo musste der Krebs ja hergekommen sein, der ihn anno 1981 dahinscheiden ließ.

Der Brief war mit mittelschweren Grammatikfehlern schief auf ein vergilbtes Blatt gedruckt und eigentlich hab ich nur nicht drübergepinkelt, weil ich befürchtete, sonst eventuell noch einen schreiben zu müssen.

Der Bundeswehr war es auch ohne Körperflüssigkeiten authentisch genug und somit war meine Verweigerung durch.

Diese wirklich auf diese paar Stunden beschränkte Erfahrung mit der Truppe hat definitiv nur weiter dazu beigetragen, dass ich den Bürgern in Uniform niemals auch nur einen Hauch Respekt entgegenbringen konnte.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

Amtliche Arbeit für 18,62

Amtliche Arbeit für 18,62

Im Sommer 2000 sollte ich dann lernen, was Arbeit ist. Ich vermute zumindest, dass das die amüsierten und geheimen Gedanken meines Vaters waren, der es zu schätzen wusste, dass auch ich faule Socke mir meinen neuen Computer nur mit harter Arbeit leisten konnte. Endlich würde ich dem Ernst des Lebens wenigstens mal ins Auge sehen, wissen was ein fieser Chef bedeutet und mal mein eigenes Geld statt seines aus dem Fenster werfen …

Vor bezahlter Arbeit hatte ich mich bis dahin ziemlich erfolgreich drücken können. Genau genommen erinnere ich mich nur an einen einzigen Tag und an diesem Tag hatte ich mit meinem Freund und Klassenkameraden Paul in Stuttgart-West ein paar Werbeflyer verteilt. Die entbehrungsreichen Stunden trieben uns von Tür zu Tür, von Klingel zu Klingel und schon nach drei Stunden konnten wir nicht mehr. Wir japsten und schnappten nach Luft, denn es war im Kopf nicht auszuhalten, was für bekloppte Nachnamen die Menschen hierzulande hatten! Auf die Idee, so eine Arbeit dauerhaft zu machen, wären wir beide aber nicht im Traum gekommen.

Den Rest meiner dennoch sorgenfreien 18 Lebensjahre lebte ich von Taschengeld und regelmäßigen Finanzspritzen meiner Oma.

Dieser Sommer sollte allerdings wegen des bevorstehenden Computer-Kaufs ein besonderer Sommer werden. Während jedes Stückchen Hardware, jedes neue Teil, das ich unbedingt auch brauchte, die Rechnung umfangreicher werden ließ, hatte ich zur Finanzierung des Ganzen einen guten Tipp von Jörg bekommen. Er arbeitete seit einiger Zeit beim Landesgewerbeamt und war mit seinem Job mehr als zufrieden. Man könnte zusammenfassend sagen, dass er den lieben langen Tag nicht viel mehr machte als anwesend zu sein. Dafür gab es allerdings ein stattliches Gehalt.

Natürlich lehnte ich schon den Gedanken an etwas derart Anstrengendes, wie irgendwo herumzusitzen, wo ich nicht herumsitzen wollte, erstmal grundsätzlich ab. Ferien sind immer schon Ferien gewesen!

Aber irgendwann nach dem x-ten Durchblättern einer der vielen Fachzeitschriften, die ich inzwischen las – als hätte ich schon einen Computer – fasste ich mir ein Herz und rief den Personalchef im Haus der Wirtschaft an, wo das Landesgewerbeamt residierte. Der Mensch am anderen Ende der Leitung bestätigte mir, dass sie Leute suchen und lud mich zu einer Art Vorstellungsgespräch ein. Ich suchte zwar lediglich einen Aushilfsjob für die Sommerferien, die nun an den Tag gelegte Lockerheit überraschte aber auch mich:

Zunächst wurde mir in einem besenkammergroßen Büro umgehend mitgeteilt, dass es keinen Job mehr im Sicherheitsdienst gäbe. Aber, so ließ mich der freundliche Herr mit dem Schnauzbart wissen, wenn ich Lust hätte, könne ich ja im August die Aushilfe in der Logistik übernehmen.

Ein paar Floskeln und Unterschriften mit gegenseitigem Grinsen später verließ ich die Bude also mit einem Termin zum Arbeitsbeginn und beeilte mich, da ich zu Hause unbedingt noch nachschlagen wollte, was Logistik nun eigentlich genau bedeutet, bevor ich meiner Umwelt mit vor Stolz geschwellter Brust erzählen konnte, dass ich einen Job gefunden hatte.

Überpünktlich und nervös fand ich mich dann einige Wochen später an der Zufahrt für Lieferanten am beeindruckenden Gebäude wieder. Was mich genau erwarten würde, wusste ich noch immer nicht so recht. Aber für 18,62 DM in der Stunde war ich bereit, mir alles anzutun.

Kurz darauf stolperte ich, nachdem ich langsam und vorsichtig in der Ladezone der LKW-Einfahrt einen Eingang gesucht hatte, in eine recht lebhafte Truppe von Leuten, die in einem mittelgroßen Zimmer umherwuselten. Die Wände dieses Raumes waren mit hohen Paketregalen voll gestellt, nur zur Rechten standen zwei seltsam zueinander ausgerichtete Schreibtische. Mir wurde nahegelegt, mich doch an den einen davon zu setzen. Wow! Ein eigener Schreibtisch! Ein erstklassiger Einstieg ins Arbeitsleben!

Die bisher am Telefon des anderen Schreibtischs gestikulierende Frau sollte offenbar meine Chefin sein. Das jedenfalls sagte sie mir, nachdem sie ihr schmales Gesicht von den gröbsten Sorgenfalten befreit hatte. Sie schüttelte mir lange die Hand, wobei mir auffiel, dass wir beide etwa die selbe Größe hatten, so lange ich sitzen blieb. Die Kollegen, teils richtige Brecher für die groben Aufgaben, teils zierliche Beamte im Bürodienst, eilten mit ihrem Frühstück zwischen den Zähnen durch den Raum, offenbar um hier und da schon Dinge zu erledigen, die zwar zeitintensiv waren, aber nicht so wichtig, dass man ein Brötchen deswegen alleine lassen müsste.

Trotz all dem Gezappel um diverse Lieferungen schaffte die Chefin es, mir mitzuteilen, dass ich von nun an die Hauspost auszutragen hatte.

Auch wenn ich es mir nicht anmerken ließ, verfinsterte sich meine Laune deutlich. Ich hatte davon geträumt, in diesem Laden meine Zeit abzusitzen, so hatte Jörg es versprochen! Stattdessen nun also die Hauspost. Ich als Briefträger, wahrscheinlich mit der Extra-Befugnis für die ganz schweren Pakete! Das Haus der Wirtschaft war immerhin ein gewaltiges und monumentales Bauwerk mit weit mehr Stockwerken als ich mir zu durchwandern vorstellen konnte: vier!

Doch mein ruhiges Verharren in ängstlicher Apathie sollte sich auszahlen. Die Hauspost im Landesgewerbeamt auszutragen war nämlich ein Job, der vielleicht den Anspruch erheben konnte, der albernste auf diesem Planeten zu sein – bis irgendwann jemand Sportvereinsmaskottchen erfunden hat.

Denn ich musste genau genommen nur zweimal täglich die Briefe im Haus verteilen. Aber nicht etwa jede Sendung einzeln zu den Leuten ins Büro bringen, sondern lediglich im Postraum des jeweiligen Stockwerks das entsprechende Fach füllen.

Diese Posträume waren leicht auffindbar und befanden sich unweit des Fahrstuhls. Zudem erhielt ich im Falle einer schwereren Sendung ein kleines Wägelchen, das ich hinter mir herziehen konnte, um ja nicht unter der Belastung während der etwa zehn Minuten Arbeitszeit zusammenzubrechen.

Unter schwere Sendungen fiel ungefähr alles, was nicht unzerknittert in einen Briefumschlag passte und ich sollte lernen, dass enormer Wert darauf gelegt wurde, dass ich in einem solchen Fall auch tatsächlich den Wagen nahm.

Wenn es ganz hart kam, musste auch noch Post in die Zweitfiliale gebracht werden. Diese Zweitfiliale allerdings war nur 150 Meter entfernt und über einen ebenen Fußweg zu erreichen. Die einzige Straße konnte bequem an einem Zebrastreifen überquert werden, bei dem ich mir inzwischen sicher bin, dass er genau dieser Postlieferungen wegen angelegt worden war.

Dieses Unterfangen sollte also meine Hauptaufgabe sein. Einmal um 9 Uhr, einmal um 13 Uhr. Dem Aufgabenprofil entsprechend handelte es sich um eine Vollzeitstelle mit Arbeitszeiten von 7.00 – 15.30 Uhr, acht Stunden täglich plus Pause. Für fast 150 Mark am Tag. Seitdem lächele ich immer mildtätig, wenn mir die Presse etwas von staatlichen Haushaltslöchern erzählt, schließlich wurde auch diese meine Stelle aus Steuergeldern finanziert.

Zumindest meiner direkten Vorgesetzten konnte man keine Vorwürfe machen, sie klärte mich auch umgehend auf, wie sich solch ein Irrsinn einbürgern konnte:

Der August war der Monat mit den wenigsten Anforderungen im Haus. Der August war der Monat, in dem keine öffentliche Ausstellung stattfand. Der August war der Monat, in dem die meisten Leute Urlaub machten und sich die Arbeit in der Logistikabteilung mindestens halbierte. Und – völlig logisch – der August war der einzige Monat, in dem eine Aushilfe vorgesehen bzw. von der Finanzabteilung genehmigt war.

Es kann wohl davon ausgegangen werden, dass die Planer des Landesgewerbeamtes gleichermaßen für die Drehbücher von Monty-Python-Filmen zuständig waren und es irgendwann einmal eine Verwechslung gegeben hätte, die im Nachhinein zu peinlich war, um sie zu korrigieren …

Natürlich konnte ich im Laufe des Monats auch noch ein paar andere Dinge tun, aber im Allgemeinen blieb es dabei, dass ich als Aushilfe eigentlich nichts wirklich Wichtiges machen durfte und die Zeit im Büro vertrödelte.

Pünktlich da sein musste ich trotz allem, das wurde mir unmissverständlich klargemacht. Aber an jedem einzelnen Tag stiefelte ich herein, erkundigte mich nach Arbeit und bekam als Antwort:

„Jetzt erstmal Frühstück. Willste die Bild?“

Da ich schon damals nicht sonderlich gerne erfundene Geschichten aus der Bild-Zeitung las, begann ich, mir eigene Zeitschriften und Bücher mitzubringen. Die wöchentliche Ausgabe des Spiegels sehnte ich herbei, gereicht hat sie letztlich immer nur für einen bis maximal anderthalb Arbeitstage. Noch schlimmer waren zweitklassige Machwerke wie Focus und Stern, aber bei der anhaltenden Langeweile begann ich irgendwann alles zu lesen, so lange es nur irgendwie Input und Ablenkung bot.

An einem dieser ewig langen Tage brachte Focus einen IQ-Test, den ich während der Arbeit und zwischen gelegentlichen Kollegengesprächen mit einem Ergebnis von 140 Punkten abschloss, was, wenngleich ich mich für nicht dämlich halte, einiges über die Betriebsamkeit in diesem immerhin schön kühlen Büro aussagen dürfte.

Die angenehmsten Tage waren die, an denen mich meine Chefin verlieh. Einen Tag lang konnte ich die Poststelle unsicher machen und dort Briefe wiegen. Es handelte sich zwar auch hier nur um völlig unspektakuläre Werbepost, dennoch  war es eine schöne Abwechslung, mal nicht nur Brötchen zu kauen und Anrufer zu vertrösten. Nach einer halben Schicht an der Waage bekam ich zudem die Anweisung, die hauseigene Frankiermaschine bei ihrer Arbeit zu überwachen. Mir spukte ein wenig jugendlicher Leichtsinn durch den Kopf in Anbetracht der Tatsache, dass mir jemand eine Maschine anvertraute, die gefährlich genug war, um einen Not-Aus-Knopf zu besitzen, ausgelebt habe ich meine Fantasien aber nicht. Ich hatte abgesehen von der Zusammenarbeit mit neuen Gesichtern endlich mal das Gefühl, etwas halbwegs Sinniges zu tun. Im Büro der Chefin bestand die oberste Anweisung an mich immer darin, nichts alleine zu tun. Die Kartons aus dem oberen Regalfach runter holen? „Frag Manfred!“ Manfred war zwar 30 Jahre älter und zwei Köpfe kleiner, aber er kannte sich nun mal rein offiziell am besten mit Kartons aus.

Wenn jemand anruft? „Sag einfach, dass die Chefin gleich zurück kommt!“ Völlig egal, ob jemand bloß wissen wollte, ob am nächsten Morgen um 11 Uhr jemand da sei, um eine Sendung entgegenzunehmen. Ich hätte ja gerne gesagt: „Ja, ich! Verdammt, ich bin immer da und weiß nicht mal warum!“ Aber nein: „Warten Sie einen Moment. Die Chefin ist gleich wieder da.“

Unter diesen Umständen empfand ich es sogar als angenehm, mal kurz weg beordert zu werden, um eine Tonne Papier in die dafür vorgesehenen Regale zu stapeln.

Ich habe mehr gelesen, als ich es in den vorangegangenen Jahren auf dem Gymnasium getan hatte und im August 2000 jeden Werktag damit begonnen, mir beim Bäcker an der U-Bahn zwei Tomaten-Mozzarella-Brötchen zu holen, um sie anschließend im Büro über gemütliche anderthalb Stunden verteilt zu essen.

Ich war froh, als sich der Monat dem Ende näherte, auch wenn ich all die Tage mit sehr netten Kollegen in einer angenehmen Atmosphäre verbringen durfte.

Nein, was Arbeit wirklich ist, habe ich in dieser Zeit nicht gelernt. Ich habe nur gelernt, wie der Staat Geld zum Fenster hinauswirft und wie man es schafft, auf einem völlig unnötigen Posten die Füße stillzuhalten, um sein Geld zu bekommen. Und ich habe gelernt, dass ich ganz sicher keinen Bürojob machen will, der nichts außer dreifach potenzierter Langeweile beinhaltet. Vielleicht ist dieser Monat, dieser Job, so gesehen wichtiger für mich gewesen, als ich mir damals eingestehen wollte. Einen Mehrwert fürs Landesgewerbeamt hatte meine Arbeit kaum, ich dagegen habe mir damit einen beträchtlichen Teil meines ersten Computers finanziert. Den Rest gab es wie üblich von Oma.

Und immerhin: Auf diesem Computer begann ich zu tippen und Teile davon werkelten noch im Gehäuse, als ich mit Bloggen und damit öffentlich zu schreiben begann. Auf der Suche nach versöhnlichen Worten könnte man es also als Kulturförderung abtun.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

Was mit Menschen

Was mit Menschen

Der Fragebogen war ein gequirlter Haufen Kacke. Ich hatte in meinem kurzen Leben schon eine Menge Fragebögen gesehen, aber dieser hier war das Papier nicht wert, auf dem er gedruckt war. Wir Schüler konnten – eine euphemistische Umschreibung für „wir mussten“ – auf einer Skala von eins bis fünf auswählen, ob wir eher alleine oder im Team arbeiten würden, lieber im Büro oder an der frischen Luft, flexibel oder fest und vor allem natürlich ob wir viel, weniger oder gar nicht mit Menschen zu tun haben wollten.

Überhaupt die Menschen: Ist man ihnen gegenüber „eher offen oder eher verschlossen“, steht man ihrer Kritik „aufgeschlossen gegenüber“ oder lässt man sich ungern in seine Arbeit hineinreden?

Mit einem leicht gequälten Blick beobachtete ich den Dozenten oder Haussklaven, was immer er war. Wahrscheinlich war er einer von denen, die auf den Fragebögen überall angekreuzt hatten, dass sie so voll total auf „die Arbeit mit Menschen“ stehen. Und jetzt stand er hier, versteckte sich ziemlich unbeholfen hinter seiner Brille und wir Menschen waren zweifelsohne das Letzte, was er sich gerade in diesen großen, an einen Hörsaal erinnernden Raum gewünscht hätte. Gut, Sabrina, zwei Reihen vor mir vielleicht. Der konnte man von vorne sicher prima in den Ausschnitt starren und außerdem kreuzte sie sicher „was mit Menschen“ an – so eine Art Lieblingsschülerin mit dicken Titten.

Das war mein erster und einziger Ausflug ins „Berufsinformationszentrum“ (BIZ) in Stuttgart. Während auf der anderen Straßenseite im Amtsgericht lauter Fälle verhandelt wurden, bei denen über das wirkliche Leben entschieden wurde, saßen wir in knuffig gemütlichen Sesseln und taten so, als würden wir den Versprechungen unseres Lehrers glauben, dass wir hier etwas über unsere Neigungen erfahren und somit eventuell einen Anstoß für unsere Berufslaufbahn finden würden.

Genau betrachtet – und zum Betrachten hatte ich an diesem Tag mehr als genug Zeit! – war die Klasse gespalten in drei  Gruppen:

Die erste Gruppe umfasste fast ausschließlich die Mädels aus der Stufe, nicht alle, aber die meisten. Viele von denen waren nur aufs Gymnasium gewechselt, um sich die ganze Pubertät über an ihrer Hoffnung festzuhalten, dass sie am Ende ja wenigstens Tierärztin werden würden. Klar, im Grunde mochten sie nur Hunde, Katzen und Pferde, aber die meisten glaubten auch jetzt mit 18 Jahren noch daran, dass ihnen ihr Traumprinz von Tierdoktor in der Praxis die lästigen Mäuse und alles mit mehr oder weniger als vier Beinen vom Hals halten würde. Und natürlich wollten sie heute, an diesem ach so wichtigen Tag, hören, dass ihre Entscheidung voll dufte sei.

Gruppe zwei war die eigentlich realistischste Gruppe. Die meisten hatten sich irgendwann in den letzten Jahren mehrfach von ihrem Traumberuf getrennt und einen neuen auserkoren, am Ende blieb ihnen die Wahl zwischen etwa drei Studiengängen. Gruppe zwei saß hier, um herauszufinden, ob es nun Kunstgeschichte, Medizin oder Astronomie sein sollte. Für diese Gruppe wurde das gemacht, diese Gruppe würde „erfolgreich“ aus dem BIZ herauslaufen, auf diese Gruppe freute sich der Brillenträger schon den ganzen Tag. Nur: Die Titten hatten die Tierärztinnen und die waren in der Überzahl.

Ich selbst konnte mich zu Gruppe drei zählen: Ich hatte nichts gegen Menschen und wollte dementsprechend nicht gerne mit ihnen arbeiten. Tiere gingen mir am Arsch vorbei, allerdings nicht ansatzweise so sehr wie Arbeit an sich.

Ich hatte noch zweieinhalb Jahre Schule vor mir und war überzeugt davon, dass die Zeit mich sicher irgendwann einmal auf den richtigen Pfad stoßen würde – und diese Zeit bis dahin gedachte ich selbstverständlich zu nutzen.

Ich verließ das BIZ mit dem ungeheuren Verlangen nach einer Zigarette, zerknüllte den Zettel, der mir nach einer computergestützten Auswertung Berufe zwischen Kriegsreporter und Bundeskanzler nahelegte und freute mich, dass an diesem Tag die Nachmittagsstunden ausfielen. Ich verabredete mich mit Earl, denn heute war ein guter Tag, um schon am frühen Nachmittag mit Kiffen anzufangen – das BIZ gab schließlich keine Hausaufgaben.

Um den Jahrtausendwechsel herum seine Schulzeit zu beenden war nicht für alle leicht. Wir wurden eingeschworen auf einen harten Kampf um Arbeit, uns wurde klargemacht, dass wir uns unser Leben lang weiterbilden müssten, um mit der globalen Konkurrenz auch nur ansatzweise fertig zu werden. Und all das wurde uns erzählt von Menschen, die davon eigentlich nicht den Hauch einer Ahnung hatten.

Einer dieser Menschen war mein Vater. Er bemühte sich redlich, mir nicht auf die Nerven zu gehen mit Anforderungen und Erwartungen, dennoch war er es, der mich immer wieder fragte, was ich mit meinem Leben denn nun anzustellen gedenke.

Wenngleich ihm klar war, dass ich nicht wie er die Ausbildung in der Firma absolvieren würde, die mich 50 Jahre später in die Rente entlässt, sorgte er sich ungefähr seit meinem fünfzehnten Lebensjahr darum, was ich als Erwachsener mal tun würde. Während die meisten Kumpels in meinem Alter mit ihren Eltern noch ganz andere Kämpfe auszufechten hatten, war diese Differenz zwischen uns das Einzige, was mich gelegentlich daran störte, noch bei ihm zu wohnen.

Als ich vom BIZ nach Hause kam, trat er aus der Küche und trug gerade seine dritte Tasse heißen Kaffees ins Wohnzimmer, während er mich hoffnungsfroh fragte, wie der Tag gewesen sei.

„Ach, nichts Besonderes.“

„Irgendwelche neuen Ideen?“
„Nee, nicht ernsthaft …“

Er war bereits aus meinem Blickfeld, dennoch spürte ich die leise Enttäuschung seinerseits. Eine Enttäuschung übrigens, die ich nie auslösen wollte.

Dass ich durchs Leben kommen würde, habe ich nie bezweifelt, da tat es weh, den eigenen Vater in seiner Unsicherheit sitzen zu lassen. Er meinte es gut, er wollte mich keineswegs nerven, er verstand es nur nicht.

Wenig später verließ ich die Wohnung wieder und machte mich auf den Weg zu Earl. Noch in der Bahn vergaß ich all die schwierigen Fragen über die Zukunft und nach dem Ankommen zog ich umgehend eine Bong durch, was die letzten Gewissensbisse vertrieb.

Ich hatte lange nicht mehr unter der Woche gekifft, das Gras schickte mich sofort weit weg von der realen Welt. Earl grinste mich ebenso breit an und verkündete, er würde in Zukunft im BIZ Marihuana anbauen. Wir lachten viel und irgendwann schliefen wir ein.

Natürlich hätte kein Außenstehender erwartet, dass Typen wie wir überhaupt unser Abitur schaffen würden.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

O Vienna!

O Vienna!

Im Juni 2004 landete ich in Wien, wenngleich Auslandsaufenthalte bei mir immer spärlich gesäht waren und Flugreisen noch spärlicher. Das alleine hätte die Sache dennoch nicht spannend gemacht. Der Flug von Stuttgart nach Wien ist selbst für Phobiker nicht lang genug, um ausgereifte Panik zu entwickeln und ich hatte ja nicht einmal das vor.

Der dreitägige Ausflug nach Wien gehörte zu diesen typischen Treffen des „Arbeitskreis Freizeiten“ (AKF) des Kreisjugendrings: Keiner von uns konnte ernsthaft sagen, ob nun mehr gefeiert oder mehr gearbeitet wurde. Ich habe aus all diesen Treffen zwischen Mettelberg und eben Wien eine Menge mitgenommen, ich habe selten so viel und intensiv gelernt wie dort – aber auch selten größere Mengen Alkoholika vernichtet oder mehr Unfug angestellt als an den zahllosen Wochenenden, die ganz hochoffiziell der pädagogischen Fortbildung dienten.

Was wir in Wien nebst obligatorischer Stadtbesichtigung genau gemacht haben, kann ich beim besten Willen nicht mehr sagen, aber es ging um irgendwelche grundlegenden Freizeitkonzepte. Und ums Feiern, wie gesagt.

Unsere Truppe bestand aus rund 20 Leuten, die sich mehr oder weniger gut kannten, meist aber schon entweder solche Treffen zusammen hatten, oder aber schon gemeinsam auf Kinder losgelassen wurden.

An den Vormittagen wurde hart gearbeitet und auf den Touren durch die Stadt sogen wir die nur entfernt ans Deutsche erinnernde Kultur wissbegierig in uns auf. Wir stellten erstaunt fest, dass man eine Spezi schon mal in zwei getrennten Flaschen erhält und die Eiskugeln bei Hundertwasser ums Eck auch mal würfelförmig sein können. Wir bestiegen Türme, fotografierten wie blöde irgendwelche Gemäuer, staunten über dies und das und aßen die berühmten, riesigen, ansonsten aber todlangweiligen Schnitzel beim Figlmüller.

Mit den Unterkünften am Stadtrand war es nicht so weit her. Die Verpflegung war mies und wegen der gerade mal 1,90 Meter langen Betten hatten Dirk, Guido und ich unsere Matratzen gleich am ersten Abend auf den Boden geworfen um dort zu nächtigen. Zugegeben: Unter uns dreien war ich mit 2,03 Metern Größe noch der Kleinste, das erklärt vielleicht ein wenig die Radikalität, mit der wir das angegegangen sind.

Unsere Abreise sollte in den frühen Morgenstunden erfolgen, weswegen am letzten Abend die komplette Zimmerbesetzung inklusive mir beschloss, bereits am Vortag auszuchecken, die Reisekasse damit empfindlich zu entlasten und die Nacht in der Stadt zu verbringen. Unser Gepäck verblieb im Hotel und wurde vom Rest der Truppe betreut und morgens mitgebracht. Party bis zum Morgengrauen war angesagt, ein Unterfangen, das nicht allzu schwer umsetzbar schien.

Die Gruppendynamik tendierte immer mehr in Richtung Clubnacht – mir lag das zu diesem Zeitpunkt gar nicht. Ich hatte die Leute gerne, mit denen ich unterwegs war, aber nach drei Tagen machte sich in mir eine gewisse Müdigkeit breit. Das gleichermaßen geniale wie auch auf Dauer schwierige an den AKF-Besetzungen war die Vielfalt der Teilnehmer.

Ich weiß nicht mehr, woran es genau gelegen hat, aber als wir im Laufe des Abends ein Lokal verließen, habe ich mich von der Gruppe losgesagt. Ich hatte keine Lust auf überteuerte Getränke, auf elektronische Musik, oberflächliche Unterhaltungen. Im Zweifelsfall war mir Alleinsein lieber. Darauf lief es tatsächlich hinaus. Niemand sonst wollte sich für Kneipe statt Club entscheiden, niemand wollte reden, alle wollten sie die eine, ultimative und beste Nacht in Wien.

Ich für meinen Teil habe genau das bekommen. Nur auf etwas andere Art und Weise.

Die Nacht war klar und warm, einen wirklichen Plan hatte ich nicht. Besonders herzlich verabschiedet worden bin ich von den Mädels, bei denen ich mir am wenigsten sicher war, ob sie nicht vielleicht froh darüber waren, dass ich als Spielverderber das Weite gesucht habe. Dabei war und bin ich bei der Abendgestaltung im Vergleich zu meinem eigentlichen Geschmack und meinen eigentlichen Vorlieben immer ausgesprochen tolerant und kooperationsfähig. Aber mit gerade noch 30 Euro in der Reisekasse und null Verständnis, warum das in einer guten Nacht nicht für einen Vollrausch reichen sollte, war an einen Club nicht zu denken.

So schlenderte ich mutterseelenallein an eine Tankstelle am Schwedenplatz, besorgte mir mehrere Dosen Beck’s für 1,85 Euro. Das beflügelte erst recht meine Vorstellung davon, was ich im Club wohl gezahlt hätte.

Die Dosen in einer dieser unzureichenden Tankstellen-Plastik-Tüten verstaut, setzte ich mich irgendwo am Rande des ausgedehnten Areals des Platzes auf eine Parkbank und starrte in die Nacht. Ich genoss zwar den Wind, hab aber von meiner Umwelt so wenig mitbekommen, dass mir erst jetzt – Jahre später – bei meiner Recherche klar wurde, dass der Platz am Wasser liegt.

Es war noch in den Abendstunden, als der erste Bügel sich ins Weißblech bohrte und ich genüßlich das prickelnde Bier in mich hineinschüttete.

Dass der Schwedenplatz nachts vielleicht nicht die beliebteste Touristenattraktion sein könnte, wurde mir klar, als sich ein etwas schräger Typ in meine Nähe setzte und mich fragte, ob ich etwas Gras kaufen möchte.

Um diese Zeit etwa kamen zufällig drei Leute aus meiner Gruppe vorbeigelaufen und haben mir gezeigt, weswegen ich mit meiner Entscheidung richtig lag. Jochen sah mich an, blickte auf mein Dosenbier und stieß fassungslos hervor:

„Des is‘ nich dein Ernst jetzt!?“

Angel drehte sich gleich ganz weg, was in Anbetracht der Tatsache, dass sie ein überaus attraktives und nettes Mädel war, mit dem ich gerne die Nacht auch auf diesem Platz verbracht hätte, etwas weh getan hat – aber so war es.

Die beiden und irgendjemand drittes versuchten mich noch kurz mit Einladungen zu ein zwei Drinks zu überreden, waren aber offensichtlich nicht wirklich traurig, dass ich abgelehnt habe.

Ironischerweise hat ihnen ausgerechnet der versiffte Typ neben mir mit seinem Joint und seinen verdreckten Skater-Hosen den Weg zu ihrem Club gezeigt.

In den folgenden Stunden bin ich mit dem Typen ins Gespräch gekommen, über ihn, mich, Wien, das Leben. Er bot mir an, mit ihm eine Tüte zu rauchen und wir verbrachten eine recht heitere Zeit dort. Zwischendurch amüsierte unsere bierselige Beisammenkunft das Auftreten einer Gruppe junger Punks. Die Gespräche wurden ein wenig politischer, das Bier floss schneller und irgendwann haben wir unsere Finanzen gecheckt und sind an der Tanke Nachschub holen gegangen.

Natürlich haben wir uns in fast nichts von einer der üblichen Ansammlung von obdachlosen Trinkern unterschieden, auf die Idee, dass ich Tourist sein könnte, wäre niemand gekommen, der nicht ein paar Worte mit mir gewechselt hat.

Aber es sah schlimmer aus, als es war. Ich hab zwar bis zur Morgendämmerung neun große Bier vernichtet, der großzügige Zeitrahmen unserer Diskutiererei sorgte indes dafür, dass unsere Zurechnungsfähigkeit zu jedem Zeitpunkt zumindest den Umständen entsprechend gegeben war. Aber zugegeben: Die Umstände waren auch seltsam.

In tiefster Dunkelheit gesellte sich irgendwann ein paranoider Verschwörungstheoretiker zu uns, erzählte uns eine Viertelstunde lang etwas von geheimen CIA-Basen in Wien und erklärte uns, warum es absolut nützlich sei, immer eine Auto-Antenne bei sich zu tragen. Eine selbstgepflückte Auto-Antenne, versteht sich.

Glücklicherweise war er nur ein vorübergehendes Phänomen. Die Nacht wurde dunkler, die Temperaturen sanken, dennoch breitete sich eine geradezu gemütliche Stimmung über dem Schwedenplatz aus, in der selbst ich und mein quasseliger Nachtbegleiter irgendwann ruhig dasaßen und wortlos unseren Gerstensaft tranken.

Die Nacht hielt viele schöne Momente, Lichtblicke im Alltag und Einblicke in Kurioses bereit, abgesehen von meiner sich anschleichenden Müdigkeit gab es keinen Grund, mit der Dämmerung den heraneilenden Tag zu begrüßen. Zu fasziniert beobachteten wir die unterschiedlichsten Menschen. Einsame Typen, die durch die Dunkelheit schlichen, Pärchen, die ihre Schritte beschleunigten, wenn sie uns sahen und hier und da einen in Mülltonnen wühlenden Obdachlosen, der von uns gar nichts mitbekam.

Da ich aber keinesfalls den Bus zum Flughafen verpassen wollte, bin ich mehr als überpünktlich und leicht alkoholisiert zur gar nicht weit entfernt liegenden Bushaltestelle gewackelt. Mein Begleiter über die letzten Stunden war inzwischen auch irgendwo verschwunden, unsere Verabschiedung war herzlich, aber kurz.

Die Suche nach dem richtigen Bus sollte sich noch zu einer Herausforderung entwickeln, und der sich abzeichnende Sonnenaufgang half mir nicht wirklich dabei. Ich entdeckte den richtigen Haltepunkte nach einem ziemlich umfassenden Studium diverser Pläne irgendwo noch hinter einer Hausecke. Das Warten auf die anderen wurde irgendwann unheimlich, da keiner kam.

Und ganz abgesehen von meinem ramponierten Zustand nach einer Nacht auf der Straße war ich ohne Geld und Gepäck nicht gerade ausgestattet für eine alternative Heimreise oder eine weitere Nacht in der österreichischen Hauptstadt.

Als ich kurz vor der Abfahrt naheliegenderweise panisch ums Eck getorkelt bin, hab ich dann gesehen, dass alle – die ganze Gruppe! – treudoof an der falschen Haltestelle warteten.

Genau genommen ist dies also nicht nur die Geschichte von einem Menschen, der eine Nacht in einer fremden Stadt auf der Straße am Trinken war. Es ist auch die Geschichte von einem Menschen, der weil – oder obwohl – er losgelöst von seiner Gruppe eine Nacht auf der Straße am Trinken war, dafür gesorgt hat, dass all die anständigen Leute gut und rechtzeitig zum Flughafen gekommen sind.

Am Airport lag ich eine halbe Stunde müde auf einer Bank herum und träumte von umherstreifenden Irren, die einem die Auto-Antennen klauen, um uns vor der CIA zu beschützen, als Steffi mich zögerlich fragte, ob ich wirklich die ganze Nacht alleine da draußen gewesen wäre.

„Nein!“, alleine sei ich keineswegs gewesen, sagte ich. Und ich erzählte von den Punks und dem Spinner und auch meinem Freund für eine Nacht.

„Ganz schön gefährlich!“ befand Steffi. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass Angel im Club fast der Geldbeutel geklaut wurde und einer von den Jungs nur mühsam einer Schlägerei entgehen konnte. Außerdem war die Polizei wegen einer Messerstecherei vor Ort. Das erklärt vielleicht, weswegen ich diese Einstellung nie geteilt habe …