Kapitel 001
Montag, 0:00 Uhr
Eichenkreisel:
Nadja Konstevska sieht den Kreisverkehr, als sie von Norden auf Wieklingen zufährt. Er ist zwar um diese Uhrzeit nicht beleuchtet, aber die majestätische Eiche – laut Dorffolklore knapp 1.000, nach wissenschaftlicher Ansicht immer noch um die 700 Jahre alt – ragt steil in den Nachthimmel auf und zeichnet sich gegen denselben in ihrer absoluten Schwärze unter fast allen Bedingungen, Nebel vielleicht ausgenommen, recht gut ab. Doch obwohl Nadja das alles wahrnimmt und eigentlich auch aus der Erfahrung weiß, will ihr Fuß ihr nicht gehorchen und ihr kleiner Fiat fährt fast komplett ungebremst in den Kreisel ein, verfehlt den gut drei Meter dicken Baum knapp und kracht mit vernehmbaren Scheppern auf der Südseite wieder auf den Asphalt, wo er nach kurzem Quietschen und einer halben Drehung zum Stehen kommt.
Westerweg 3, 1. Stock:
Helmut Ranke wacht auf. Irgendein Lärm muss es gewesen sein, aber er kann sich nicht erinnern. Gerade hat er geschlafen, jetzt ist er wach. Sein Ärger darüber ist real. Er hatte vor auszuschlafen, es ist wichtig. Er ist vergesslich genug, heute kann er es wirklich nicht gebrauchen, dass er sich beim Reden verhaspelt, dass er nicht folgen kann, dass er hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Dazu ist die Sache zu wichtig. Er ist im Kopf die letzten Wochen immer und immer wieder alles durchgegangen und genau das ist es eigentlich, was auch jetzt passieren wird: er wird es wieder und wieder durchkauen und eigentlich will er seine Entscheidung doch gar nicht mehr ändern. Er sollte jetzt schlafen und er versucht es auch.