Wespen

Wespen

Hätte man mir als Kind erzählt, dass ich mir mit 22 Jahren mal Wespen aufs Brot schmiere, hätte ich mir zum entsprechenden Geburtstag wohl irgendeine Art von Schutzausrüstung gewünscht. Da ich es nicht vorher wusste, tat ich es ohne Schutzausrüstung. Aber ich tat es.

Wespen – nicht gerade die Liebe meines Lebens. Während ich zu den meisten Insekten und vor allem Spinnentieren eine ganz annehmbare Beziehung im Rahmen kindlichen Entdeckerdrangs habe aufbauen können, ist mir das bei den Tieren mit schmerzhaften Stichen immer schwergefallen. Weil es weh tat natürlich.

Ich bin lange Zeit verschont geblieben von Wespen- und Bienenstichen, selbst den gleichnamigen Kuchen hab ich erst spät kennengelernt. Im Grunde hatte ich einen gesunden Respekt vor den Tieren, ansonsten war ich aber belesen genug, um nicht grundlos in Panik zu verfallen. Während mein Bruder bei jeder Begegnung mit schwarz-gelbem Flügelgetier panisch brüllend Reißaus genommen hat, habe ich versucht, all den Tipps zu folgen, die zusammengefasst wie folgt lauten:

„Macht den Tieren keine Angst, sie stechen nur, wenn sie sich bedroht fühlen!“

Das erste Mal, dass ich Wespen offensichtlich bedroht habe, war eher unabsichtlich. Eigentlich wollte ich nur bei einem Versteckspiel im Wald gewinnen und duckte mich hinter einem Holzstapel. Dort hielt sich allerdings auch ein Wespennest versteckt und kaum dass ich aus Versehen draufgetreten bin, haben die Viecher sich – sicher zu Recht, mein Fuß hat da wahrscheinlich einiges an Verwüstung angerichtet – enorm bedroht gefühlt. Mit schnellem Rennen und Abwischen der streitlustigen Biester habe ich die Zahl der Stiche auf sieben beschränken können. Beim Verstecken hatte ich natürlich dennoch verloren. Nicht umsonst sind Kreischen, Schreien und wild mit den Armen fuchteln in keiner Verhaltenstipps-Sammlung zu Versteckspielen aufgezählt.

Nach der ersten Panik war eigentlich alles halb so wild, ich hab mich beim Arzt bereits erkundigt, wo denn so der Rekord liegen würde. Nicht, dass ich vorhatte, dem Nest nochmal einen Besuch abzustatten, aber versehentlich einen Eintrag ins Guiness-Buch zu verpassen, wäre für mich als Kind undenkbar gewesen. Dummerweise lag der Rekord schon dort im Waldheim bei über 30 Stichen, was mich trauriger machte als die Tatsache, dass ich gefühlt schon jetzt übersäht war mit juckenden und schmerzenden Pusteln. Denn jetzt waren diese auch noch umsonst und ungeeignet zum Angeben.

Nach diesem Erlebnis hatte ich dann Panik. Ich hätte das alles hinter mir lassen können und bei einzelnen Wespen fortan lässig sagen können:

„Pah, hol‘ erst mal mindestens sieben Kumpels, sonst könnt ihr mir gar nix!“

Dummerweise erzählte mir mein Arzt etwas anderes. Er wies darauf hin, dass solch eine große Erstdosis eventuell dafür sorgen könnte, dass ich künftig allergisch auf das Wespengift reagiere.

Die daraufhin bei mir einsetzende Panik währte ein paar Wochen, irgendwann wurde ich dann gestochen, starb nicht, und alles war wie immer. Jahrelang.

Dann kam der Sommer 2003. Mich und einige andere hat dieser Sommer viel über Wespen gelehrt. Im August stand wie jedes Jahr die große Kinderfreizeit des Kreisjugendring Rems-Murr im Rottal an. Zu den 80 Kindern und den 20 Betreuern – zu denen auch ich zählte – kamen in diesem denkwürdigen Jahr ein paar tausend Wespen hinzu. Das Gelände war natürlich ohnehin von vielen Insekten bevölkert, 2003 aber kamen wir an und zählten bereits am ersten Tag zehn Wespennester und – besonders erbaulich – ein Hornissennest. Da wir alle dem Gedanken des Naturschutzes anhingen, war an eine Vernichtung nicht zu denken, in Anbetracht der Lage wurde die Feuerwehr hinzugezogen, die sich aber schon aus Zeitgründen nur um ein besonders gefährlich gelegenes Nest kümmern konnte.

Als endlich auch die Kinder zu uns stießen, war das Geschrei selbstverständlich groß. Die Wespen waren überall, es dauerte keine Stunde, bis die ersten tränenden Gesichter uns von schmerzhaften Stichen berichteten. Wir hatten während der Vorbereitungszeit die Lagerapotheke extra noch mit Kühlpacks, schmerzlinderndem Gel, Eis und was weiß ich allem ausgestattet, der Ansturm war aber dennoch jenseits von Gut und Böse.

Wir stellten mit Erleichterung fest, dass keines der Kinder allergisch war und so versuchten wir, die Freizeit ungeachtet der vielen uneingeladenen Insekten fortzuführen. Der erste Tag gestaltete sich extrem schwer. Mir in Erinnerung geblieben ist der kleine Paul, der sein komplettes T-Shirt nassgeheult hatte, als er vor mir stand und über unmenschliche Schmerzen jammerte, die erst nach einer halben Stunde guten Zuredens, viel Eis, viel Gel und irgendwelchen Placebo-Schmerzmitteln ein wenig nachlassen wollten.

Ich habe noch an diesem Nachmittag begonnen, die Wespenstiche zu zählen.

Die größte Herausforderung war ohne jede Frage das Frühstück am nächsten Morgen. In Anbetracht der fliegenden Übermacht gab es keinen Weg, die Sechsbeiner von unserem Essen fernzuhalten. Warf man einen Blick in die Schüsselchen mit Erdbeermarmelade, so sah man zwei Farben: Schwarz und Gelb.

Und so kam es, dass wir anfingen, uns Wespen aufs Brot zu schmieren. Behutsam löffelte man sie mit der Marmelade aus der Schüssel und drängte sie auf dem Brot langsam zur Seite. So panisch wir auch in Anbetracht der Gefahr waren, die von verschluckten Wespen ausging, wurde bereits an diesem Morgen deutlich, dass wir mit den Tierchen irgendwie leben konnten. Man biss vorsichtiger vom Brot ab als sonst, man wollte die Wespen auf dem anderen Ende der Scheibe ja nicht stören – aber man aß.

Meine Strichliste, naheliegenderweise „Stichliste“ genannt, wuchs und wuchs. Zum Ende der Freizeit sollten es über 400 dokumentierte Auseinandersetzungen zwischen Mensch und Wespe sein. Und jeder einzelne war normaler als der zuvor. Obwohl manche Kinder sich geradezu zu Insektenmagneten entwickelten, traf es ausgerechnet einen Mitbetreuer besonders schwer, da er sich auf den ungleichen Kampf mit einer Hornisse einließ, den selbige mit einem Stich in seine Unterlippe schmerzhaft beendete. Seine kurzzeitige Einlieferung ins Krankenhaus war allerdings mehr dem Schock als dem Gift geschuldet und sollte ein Einzelfall bleiben.

Im Verlauf der 10 Tage wuchs unsere Toleranz gegenüber den aufdringlichen Wespen immer mehr, bald beobachteten ganze Gruppen von Kindern und Betreuern fasziniert, wie sich die possierlichen Tierchen damit abmühten, aus unserem zum Abendessen aufgetischten Schinken viel zu große Stücke heraussäbelten und dann beinahe flugunfähig durch die Beladung über den Tisch zu eiern. Am letzten Tag stand Paul wieder vor mir, er berichtete von einem neuen Wespenstich – für meine Liste. Ob er etwas Eis haben möchte, hab ich ihn gefragt. Er schüttelte gelassen den Kopf und meinte überheblich: „Nö!“

Im Durchschnitt wurde jeder von uns während der Freizeit fünfmal von einer Wespe gestochen. Die Rekordhalter hatten mehr als 20 Stiche zu bieten, nur ein paar Wenige blieben ganz verschont.

Ich selbst habe in diesem Sommer nach jahrelanger Pause auch drei Stiche abbekommen. An einen erinnere ich mich besonders gut.

Ich lag mit einer Betreuerin zusammen als Aufpasser unten am Ufer der Rot, um das Baden diverser Kinder zu überwachen. Die jedoch waren überwiegend brav, so unterhielten wir uns entspannt. Thema war mein in dieser Freizeit etwas außer Kontrolle geratenes Gefühlsleben, was eine andere Teamerin betraf. Als ich unachtsam meine Beine zusammenschlug, nötigte ich damit wohl eine Wespe zur Notwehr. Nach dem erschreckten Herumfahren entdeckte ich das arme Tier, wie es zappelnd an meinem Bein hing und ihren Stachel nicht aus meinem Fleisch bekam. Obwohl der Stich schmerzte, tat mir dieses kleine Insekt derart leid, dass ich es nicht etwa an Ort und Stelle erschlagen habe, sondern es mit ein paar kleinen Handgriffen aus seiner misslichen Lage befreit habe.

Die Stichliste müsste noch heute in irgendeinem Regal bei mir verstauben, als Erinnerung an diese zwei Wochen vor vielen Jahren. Als irgendwie schöne Erinnerung allerdings.

Epilog (Papa, ich geh zum Zirkus)

Epilog (Papa, ich geh zum Zirkus)

Drei Jahre nach dem in Bezug auf meinen Job – und insbesondere auf meine Fähigkeit, Erdgas-Zapfsäulen zu bedienen – wichtigen Treffen mit Jürgen, wählte ich adrenalinbelebt und mit schweißnassen Fingern die Telefonnummer meines Vaters.

Eine Woche zuvor hatte ich einen überaus netten und wider Erwarten sogar unterhaltsamen Abend mit einem jungen Journalisten in einer Pizzeria in Berlin-Mitte verbracht und mir auf seine Kosten den Bauch vollgeschlagen. Im Gegenzug berichtete ich ihm ein wenig aus meinem Leben, erzählte ihm von dem, was ich so den lieben langen Tag tat. Inklusive Fotoshooting.

Für eine Nachrichtenagentur wollte er einen Text über mich schreiben. Über mich, Sash, den Autor. Mein Blog gestern-nacht-im-taxi.de hatte inzwischen einige prominente Erwähnungen im Internet aufzuweisen und als erster von vielen interessierte sich eben Daniel von der dapd für den Menschen hinter den Geschichten aus dem Taxi. Mein Weg war zwar weiter offen wie eh und je, doch es bewegte sich was im Land zwischen Niedriglohn und Arsch vom Dienst.

Nach unserem Treffen schrieb Daniel einen wohlwollenden Text über mich und meine Erzählungen. Im Rahmen diverser Artikel-Pakete ging dieser an etliche und nicht nur regionale Zeitungen raus.

Ebenso unerwartet wie plötzlich war es da nun: Das erste Lob von weit jenseits meines Bekannten-, ja sogar Leserkreises. In jugendlichem Leichtsinn das Schreiben stets als Option fürs Berufsleben verneint habend, stand ich plötzlich da und nahm von wildfremden Leuten Lob für meine gute, ja: Arbeit, entgegen.

Und nun, vor Stolz fast platzend, wollte, musste ich meinen Vater vorwarnen, dass auch in den Stuttgarter Nachrichten eventuell über mich zu lesen sein könnte.

Überraschen konnte ich ihn damit jedoch nicht.

Als regelmäßigem Zeitungsleser war ihm natürlich nicht entgangen, dass sich in der aktuellen Ausgabe ein Foto seines Sohnes nebst namentlicher Nennung fand.

Während ich ziemlich beschwingt mit dem Telefon am Ohr durch mein Zimmer tigerte und ihm stolz erzählte, wie gut das alles liefe mit dem Bloggen und dem Taxifahren, fiel auch das ein oder andere Wort darüber, dass ich das mit dem Schreiben nun keinesfalls mehr als bloßes Hobby betrachten könne, sondern mit dem Gedanken spielen würde, mehr, besser und auch bezahlt zu schreiben.

Das Erstaunen am anderen Ende der Leitung war nicht eben klein, aber typisch für uns beide: Die Emotionen kochten auch nicht hoch. Am Ende verabschiedeten wir uns wie immer ausgesprochen sachlich und blieben ebenso wie immer dabei, dass man sich eben melde, wenn etwas Wichtiges anläge. So mancher konnte die Pragmatik unserer Kommunikation nie verstehen, ich kam selbst im engsten Kreise der Familie oft nicht umhin zu erklären, dass wir beide uns dabei einig waren und einfach nicht die Typen für wöchentlichen Kaffeeklatsch ohne wirkliche Neuigkeiten.

Nach dem Auflegen aber stand ich tatsächlich etwas irritiert in meinem Zimmer, das Telefon locker in der linken Hand haltend und aus dem Fenster des Marzahner Plattenbaus auf unser großes Einkaufscenter starrend. Mir wurde bewusst, was ich getan hatte:

Ich hatte meinem Vater gesagt, dass ich nach allen Anläufen und Fehlschlägen – und nach dem letztlich immerhin erfolgten Sprung in eine Vollzeitbeschäftigung – fortan lieber Autor wäre und mir das nötige Geld für die Miete irgendwie halt nebenbei mit Taxifahren verdienen würde. In seinen Ohren musste das wohl ähnlich bescheuert geklungen haben wie:

„Hey Papa, Überraschung: Ich geh zum Zirkus!“

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

Die letzten Meter bis ins Taxi

Die letzten Meter bis ins Taxi

Die schon im vorletzten Kapitel erwähnte und ohne jede Zombie-Maske als scheintot durchgehende Bürokratin bei der Bundesagentur für Arbeit versuchte noch vergeblich, mir meine künftige Arbeit schlecht zu reden, dann ging es für mich schon auf die Zielgerade.

Einen Funkschein sollte man in einem Funktaxi besitzen, die Zentrale sieht es gerne, wenn man nachweisen kann, dass man die Regeln kennt. Zentralen gibt es in Berlin zwei, ich wählte eine nach dem Zufallsprinzip aus und stellte fest, dass dieser Schein der größte Witz seit der Erfindung der Homöopathie war: Zwei Stunden lang wurden Lächerlichkeiten erörtert, die Dreijährige mit Bauklötzen hätten darstellen können. Am Ende gab es einen Test, dessen Schwierigkeitsgrad nochmals gesenkt wurde, indem jegliche Form von Notizen ausdrücklich erlaubt war. Nur zu logisch, denn natürlich sollte niemand abgeschreckt werden, hier den Funkschein zu machen, so lange es noch die konkurrierende Zentrale gab, die ja ebenso auf der Suche nach zahlungskräftigen Taxifahrern war.

Konkurrenz durch gegenseitige geistige Abrüstung: Ein Prinzip, das Schule machen könnte.

Nach diesem und jenem Telefonat, einer zelebrierten Bedenkpause und einer durchwachten Nacht kam dann tatsächlich der Tag, an dem ich endlich Taxifahrer werden sollte.

Ich fuhr hoch aufgeregt zu einer vorher auserwählten S-Bahn-Station, an der mich genau auf der Seite, zu der ich im Eifer des Gefechts nicht rausgelaufen war, bereits unser Firmenschrauber und Autoguru Jürgen erwartete. Wie üblich hatte er sein Lächeln zu Hause in der Garage gelassen, dennoch begrüßte er mich nett und wir warteten auf den Kollegen, der das Auto vorbei bringen sollte.

Nach einer kurzen Verspätung ging es Schlag auf Schlag: Kollege kam, Vorstellungsrunde, Nummern ausgetauscht, fertig.

Schneller als ich erwartet hatte, waren Jürgen und ich wieder alleine. Er öffnete sich die Beifahrertür, wies mir den Fahrersitz zu und drückte mir einen Schlüssel in die Hand. Wir schoben uns beide auf unsere Sitze und nachdem Jürgen kurz über die Unordnung im Handschuhfach geflucht hatte und die Bedienungsanleitung zwischen zig mir noch unbekannten Formularen vorzog, begann er in leicht väterlich anmutendem Tonfall zu sprechen:

„So, also das hier ist die 1925 …“

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

Bestanden!

Bestanden!

Ortskundeprüfung! Man macht sich ja keine Vorstellung als Außenstehender. Ständig durchfallen, wieder aufrappeln, weiter lernen! Für mich machte das ständig anwachsende Wissen die neue Heimat Berlin zwar auch ein wenig überschaubarer – im Gegenzug qualmte mir aber der Schädel und das eine oder andere Mal nahm ich das Durchfallen dann doch nicht ganz so sportlich wie die Matheklausuren in der zwölften Klasse.

Diesmal ging es halt auch um was: Das Bestehen der Prüfung hätte einen umgehenden Arbeitsbeginn bedeutet. Arbeitsaufnahme, um im Duktus der dafür zuständigen Agentur zu bleiben. Vollzeitarbeit und das erste Geld schon am ersten Tag bar in der Hand. Eine Verheißung, die mich irgendwie all die Monate am Leben und vor allem am Lernen hielt.

Die schriftliche Prüfung hatte ich beim ersten Versuch bestanden, was im Grunde nicht verwunderlich war. Es handelte sich nur um eine Art Vokabeltest, einer von jener Sorte jedoch, die einem im Leben nicht wirklich weiter half.

Brandenburger Tor? Pariser Platz.

Karl-Marx-Allee? Frankfurter Tor und Alexanderplatz.

Clipper Garden Home Appartement Hotel? Mir doch egal, ach nee, halt, stimmt ja: Theklastraße!

Man lernte dabei nichts außer nutzlose Buchstabenkombinationen. Ich sollte noch nach vier Jahren auf der Straße nicht ein einziges Mal an besagtem Hotel gewesen sein, könnte aus dem Kopf allenfalls den Bezirk nennen, in dem es liegt, in der schriftlichen Prüfung habe ich die Frage zur vollsten Zufriedenheit der Prüfer beantwortet. „Die Schriftliche“ erforderte keine Ortskunde, sondern die Zuordnung von Begriffen. Wurde ein Stadtteil genannt, brauchte man den Bezirk, in dem der Stadtteil lag. Wurde ein Bezirk angegeben, musste man Nachbarbezirke nennen, bei Straßen einen Anfangs- und einen Endpunkt, bei Objekten die Straße, in der es liegt.

Man hätte mir Kärtchen mit Stuttgarter Straßen unterjubeln können und ich hätte es nicht bemerkt. Überhaupt: Unterjubeln! In meinem Zimmer breiteten sich Karteikarten aus wie Läuse auf Kinderköpfen. Am Ende war mein Kampf aber erfolgreich. Bei 30 Fragen erlaubte ich mir einen von drei erlaubten Fehlern, abgesehen von der noch eine Spur dämlicheren theoretischen Führerscheinprüfung war ich allenfalls in der ersten Klasse bei irgendeiner Hausaufgabe näher am Optimum gewesen.

Wirklich schwierig wurde es bei der mündlichen Prüfung. Diese konnte zwar theoretisch ebenso unendlich oft wiederholt werden, dummerweise war aber nur etwa einmal im Monat ein Termin frei, was in Anbetracht einer begrenzten Lebenszeit durchaus gewisse Einschränkungen ergab. Davon abgesehen kostete die Prüfung Geld. 55 Euro lesen sich zwar bescheiden, aber ebenso wie die meisten Anwärter suchte ich den Erfolg ja um Geld zu verdienen, nicht um welches auszugeben.

So gab es – abhängig von Kontostand und Aussichten – Prüfungen, bei denen ein Bestehen schön gewesen wäre und Prüfungen, nach deren Nichtbestehen ich niedergeschlagen und mit den Tränen kämpfend an der U-Bahn-Station saß und nicht wusste, wie es weitergehen sollte.

Jeder Mensch, dem ich in den letzten Jahren die mündliche Ortskundeprüfung in Berlin erklärt habe, hat mich mit großen Augen angesehen. Keiner konnte sich vorstellen, dass Menschen so etwas auf sich nehmen, nur um Taxifahrer zu werden. Kein Wunder, lassen doch manche Kollegen auf der Straße den Eindruck aufkommen, sie hätten selbst die Position ihres Fahrersitzes kurz vor Schichtbeginn noch mal eben schnell in der Wikipedia nachgeschlagen.

Das Prinzip der mündlichen Prüfung war und ist wahrscheinlich heute noch recht einfach:

Zwei Prüfer saßen in einem Raum und hatten einen Stadtplan vor sich liegen. Sie einigten sich dann auf ein Objekt oder einen Stadtteil aus dem Ortskundekatalog, der dafür ein paar hundert Möglichkeiten bereit hielt. Das selbe machten sie mit einem zweiten Objekt und dann war es am Prüfling, auf dem kürzesten Weg alle Straßennamen und Richtungswechsel herunterzubeten, um vom Startobjekt zum Ziel zu kommen.

Die Adressen sind dabei recht gut über Berlins 891 km² verteilt gewesen und wer nicht wie ich die Unterrichtseinheit Wahrscheinlichkeitsrechnung in der Schule komplett verpennt hatte, konnte sich ausrechnen, dass man zum sicheren Bestehen der ganzen Chose aberwitzige 200.000 Strecken mit allen Tricks und Kniffen hätte auswendig wissen müssen.

Das konnte freilich noch nie einer, am allerwenigsten die Prüfer selber. Es wurden Details vorausgesetzt, die nicht einmal detaillierte Autofahrer-Atlanten zeigten und außerdem oblag es zu guter Letzt dem Wohlwollen der Prüfer, ob eine Strecke nun kurz genug oder überhaupt richtig war. Eine weitere Kontrollinstanz gab es nicht und die Fehlurteile der humorresistenten Götter sind in Taxischulkreisen legendär.

Ganz davon abgesehen, dass die Schwierigkeit der Routen je nach Lust und Laune der Prüfer enorm variieren konnte.

Zwei Fahrten musste man richtig haben, ein Fehler war erlaubt. Im Falle weiterer Zweifel gab es ein paar potenzielle Zusatzfragen, sehr beliebt beispielsweise die nach allen Querstraßen des Ku’damms. Gerne auch mal nur die nördlichen – um die Töffel zu erwischen, die einfach stur die Liste auswendig gelernt hatten …

Die erste mündliche Prüfung verließ ich selbstbewusst nach den aufmunternden Worten, ich hätte es ja fast geschafft. Die Beurteilung der zweiten war weniger gut, bei der dritten wiederum bedauerte man mich sehr, allerdings war das auch diejenige, die mich als heulendes Klümpchen Elend in Charlottenburg zurückließ.

Auf die vierte hatte ich zu wenig gelernt, da war das negative Ergebnis vorhersehbar. Die fünfte allerdings sollte meine Prüfung werden. Und sie war spannender als das, was dem Durchschnittsdeutschen jeden Sonntag als vermeintlich spannender Krimi zur besten Sendezeit vorgesetzt wird.

Mein Tatort war inzwischen das Hauptquartier des Taxi-Verbandes, dieser stellte die Räumlichkeiten in den Wintermonaten.

Die Prüfer waren zwei alte Bekannte. Zum einen ein scheinbar völlig dem Alltag entrückter und wohl gekleideter Mann Ende Fünfzig, der sein Sakko vermutlich trug, um sich von jenem Pöbel abzugrenzen, der Taxifahrer werden wollte (was er selbst natürlich auch mal war!).

Zum anderen ein quirliger und deutlich jüngerer Typ mit Halbglatze und Brille, der zwar einen Sinn für Humor hatte, diesen allerdings nur nutzte, um sich über die Verfehlungen der Prüflinge lustig zu machen.

Der Alte warf einen Blick in meine „Akte“, ließ nach mehrmaligem Durchblättern die grenzenlose Weisheit verlauten, dass ich nicht das erste Mal da war und gab mir eine vermeintlich leichte Fahrt von einem unweit meiner Wohnung gelegenen Objekt mitten in die Stadt. Von Marzahn nach Mitte in nur 5 Straßennamen, arg viel einfacher ging es im Grunde nicht. Ich übersah in meinem Lösungsversuch den einzigen Haken – ein Wendeverbot – und unter dem Kichern des zweiten Prüfers wurde das ohne Diskussion als Fehlfahrt abgetan. Ein nicht unbedingt gängiges Verfahren, denn oft ließen sie nach einem kleinen Hinweis Korrekturen zu. Ich war mir nach diesem Einstieg relativ sicher, dass sie mich so sehr mochten, dass sie auch im nächsten Jahr nicht auf weitere Treffen mit mir zu verzichten gedachten. Ich indes hatte meinen Geburtstag am nächsten Tag im Kopf und hoffte auf ein wenig Milde. Satz mit X …

Die zweite Fahrt, gewünscht vom spaßigen Jüngling, forderte mich dann jedoch nicht wirklich heraus. Eine Tour von Treptow ins Regierungsviertel, ich konnte aus dem Stegreif zwei gleich gute Lösungen präsentieren und fehlerfrei vortragen. Wenigstens einen Achtungserfolg hatte ich nun vorzuweisen.

Für die nächste Route zeichnete wieder der ältere Prüfer verantwortlich und er gab mir zwei Adressen im Südwesten der Stadt vor, bis heute nicht meine Lieblingsgegend in Berlin. Natürlich hatte ich auch Routen dort gelernt und konnte die beiden Objekte sofort zuordnen – alleine mit den Straßennamen klappte das nicht so. Ich stammelte mich mit hanebüchenen Beschreibungen durch Steglitz und Dahlem, stockte aber unweigerlich an einer Straße, deren Verlauf mir bildlich vor Augen lag, deren Name mir aber nicht über die Lippen kommen wollte.

„Mir brummt heute ganz schön der Kopf!“,

stöhnte der Alte. Und er fragte seinen Kollegen, ob ihm nicht auch der Kopf brummen würde. Den Wink mit dem Zaunpfahl richtig deutend nannte ich die Brümmerstraße und setzte die gedankliche Zielfahrt fort. Kurz vor dem Ende jedoch entfielen mir so viele Straßennamen, dass selbst mit subtilen Hinweisen nichts mehr zu machen war.

Ich redete mich um Kopf und Kragen, erklärte, wie ich das Ziel erreichen könnte, dass mir nur die Namen nicht mehr einfielen. Da seufzte der Alte und erklärte mir in väterlichem Tonfall, dass dies anno dazumal eine seiner Prüfungsrouten war. Im Gegensatz zu mir hätte er einen wesentlich weiteren Weg gewählt und er signalisierte, dass er mir aufgrund meiner überragenden Beschreibung der Verkehrsverhältnisse dort (ich hatte die Straßen damals übrigens noch nie in der Realität gesehen!) die Fahrt durchgehen lassen würde. Also hatte ich meine zwei bestandenen Fahrten! Bestanden, bestanden, be … Halt!

„Dann kommen wir zu den Zusatzfragen …“

meinte der andere Prüfer.

Während ich auf einen Schlag alle Querstraßen von Ku’damm und Friedrichstraße vergaß, stellte sich heraus, dass er die einfachste aller möglichen Fragen zu stellen gedachte: Die nach den drei Zufahrten zum ICC. Das Internationale Congress Centrum ist ein insbesondere den Westberlinern wohlbekannter Betonklotz mit der unnachahmlichen Ästhetik der Neunzehnhundertsiebzigerjahre. Man könnte dem Ungeheuer mit seinen Bullaugen und fangarmgleichen Stahlaufsätzen vielleicht etwas maritimen Flair unterstellen, wenn es nicht schon auf den ersten Blick so plump und schwer wirken würde, wie es tatsächlich ist.

Die Frage nach den Zufahrten dieses höchstens durch Sprengungen zu verschönernden Wahrzeichens war im Vergleich zu den anderen so leicht, dass ich die Antworten natürlich nie gelernt hatte. Zwei wusste ich auf Anhieb, bei der dritten kam mir wieder der Alte zu Hilfe, indem er sagte, diese Zufahrt könne man vergessen. Ein Hinweis, den jeder Taxifahrer oder ICC-Besucher verstanden hätte, denn es ging um die Einfahrt von der Halenseestraße aus, die bis heute ständig gesperrt ist und somit zu den bekanntesten Treppenwitzen der Ortskundeprüfung zählt.

Dies tat ich schnell noch kund und der jüngere Prüfer nickte, während er das Wort an den Alten übergab.

Im Grunde hätte dieser nun sagen können, ich hätte bestanden.

Hat er nie getan. Stattdessen formulierte er nüchtern und sachlich:

„Ich habe keine weiteren Fragen mehr.“

Die letzte Minute im Prüfungsraum verbrachte ich damit, den beiden mit schweißnassen Händen zuzusehen, wie sie stumm ein paar Blatt Papier unterzeichneten und mir anschließend viel Glück wünschten.

Als ich das Gebäude des Taxiverbandes verließ, herrschte in mir eine absolute Betäubung vor. Ich fühlte nichts! Acht Monate waren vergangen, seit ich das erste Mal einen Blick in einen Berliner Stadtplan geworfen hatte, vier nicht bestandene Prüfungen lagen hinter mir. Ich hatte mir im letzten halben Jahr unendlich oft ausgemalt, wie ich triumphierend aus den heiligen Hallen stürmen, wie ich das Bestehen feiern würde, aber nichts davon wurde wahr.

Traumatisiert lief ich zur U-Bahn und versuchte mir klarzumachen, dass meine finanzielle Not und das Warten ein Ende hätten, dass ich nun Arbeit hätte und nun alles gut werden würde. Wirklich geholfen hat es nicht, ich fühlte mich wie immer.

Am Nachmittag verschickte ich eine recht sachliche Mail an meinen Lehrer, in der ich nicht nur meinen Erfolg mitgeteilt, sondern ihn gleich noch über die abgefragten Routen und die präferierten Lösungen der Prüfer informiert habe. Business as usual soweit.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)