Bestanden!

Bestanden!

Ortskundeprüfung! Man macht sich ja keine Vorstellung als Außenstehender. Ständig durchfallen, wieder aufrappeln, weiter lernen! Für mich machte das ständig anwachsende Wissen die neue Heimat Berlin zwar auch ein wenig überschaubarer – im Gegenzug qualmte mir aber der Schädel und das eine oder andere Mal nahm ich das Durchfallen dann doch nicht ganz so sportlich wie die Matheklausuren in der zwölften Klasse.

Diesmal ging es halt auch um was: Das Bestehen der Prüfung hätte einen umgehenden Arbeitsbeginn bedeutet. Arbeitsaufnahme, um im Duktus der dafür zuständigen Agentur zu bleiben. Vollzeitarbeit und das erste Geld schon am ersten Tag bar in der Hand. Eine Verheißung, die mich irgendwie all die Monate am Leben und vor allem am Lernen hielt.

Die schriftliche Prüfung hatte ich beim ersten Versuch bestanden, was im Grunde nicht verwunderlich war. Es handelte sich nur um eine Art Vokabeltest, einer von jener Sorte jedoch, die einem im Leben nicht wirklich weiter half.

Brandenburger Tor? Pariser Platz.

Karl-Marx-Allee? Frankfurter Tor und Alexanderplatz.

Clipper Garden Home Appartement Hotel? Mir doch egal, ach nee, halt, stimmt ja: Theklastraße!

Man lernte dabei nichts außer nutzlose Buchstabenkombinationen. Ich sollte noch nach vier Jahren auf der Straße nicht ein einziges Mal an besagtem Hotel gewesen sein, könnte aus dem Kopf allenfalls den Bezirk nennen, in dem es liegt, in der schriftlichen Prüfung habe ich die Frage zur vollsten Zufriedenheit der Prüfer beantwortet. „Die Schriftliche“ erforderte keine Ortskunde, sondern die Zuordnung von Begriffen. Wurde ein Stadtteil genannt, brauchte man den Bezirk, in dem der Stadtteil lag. Wurde ein Bezirk angegeben, musste man Nachbarbezirke nennen, bei Straßen einen Anfangs- und einen Endpunkt, bei Objekten die Straße, in der es liegt.

Man hätte mir Kärtchen mit Stuttgarter Straßen unterjubeln können und ich hätte es nicht bemerkt. Überhaupt: Unterjubeln! In meinem Zimmer breiteten sich Karteikarten aus wie Läuse auf Kinderköpfen. Am Ende war mein Kampf aber erfolgreich. Bei 30 Fragen erlaubte ich mir einen von drei erlaubten Fehlern, abgesehen von der noch eine Spur dämlicheren theoretischen Führerscheinprüfung war ich allenfalls in der ersten Klasse bei irgendeiner Hausaufgabe näher am Optimum gewesen.

Wirklich schwierig wurde es bei der mündlichen Prüfung. Diese konnte zwar theoretisch ebenso unendlich oft wiederholt werden, dummerweise war aber nur etwa einmal im Monat ein Termin frei, was in Anbetracht einer begrenzten Lebenszeit durchaus gewisse Einschränkungen ergab. Davon abgesehen kostete die Prüfung Geld. 55 Euro lesen sich zwar bescheiden, aber ebenso wie die meisten Anwärter suchte ich den Erfolg ja um Geld zu verdienen, nicht um welches auszugeben.

So gab es – abhängig von Kontostand und Aussichten – Prüfungen, bei denen ein Bestehen schön gewesen wäre und Prüfungen, nach deren Nichtbestehen ich niedergeschlagen und mit den Tränen kämpfend an der U-Bahn-Station saß und nicht wusste, wie es weitergehen sollte.

Jeder Mensch, dem ich in den letzten Jahren die mündliche Ortskundeprüfung in Berlin erklärt habe, hat mich mit großen Augen angesehen. Keiner konnte sich vorstellen, dass Menschen so etwas auf sich nehmen, nur um Taxifahrer zu werden. Kein Wunder, lassen doch manche Kollegen auf der Straße den Eindruck aufkommen, sie hätten selbst die Position ihres Fahrersitzes kurz vor Schichtbeginn noch mal eben schnell in der Wikipedia nachgeschlagen.

Das Prinzip der mündlichen Prüfung war und ist wahrscheinlich heute noch recht einfach:

Zwei Prüfer saßen in einem Raum und hatten einen Stadtplan vor sich liegen. Sie einigten sich dann auf ein Objekt oder einen Stadtteil aus dem Ortskundekatalog, der dafür ein paar hundert Möglichkeiten bereit hielt. Das selbe machten sie mit einem zweiten Objekt und dann war es am Prüfling, auf dem kürzesten Weg alle Straßennamen und Richtungswechsel herunterzubeten, um vom Startobjekt zum Ziel zu kommen.

Die Adressen sind dabei recht gut über Berlins 891 km² verteilt gewesen und wer nicht wie ich die Unterrichtseinheit Wahrscheinlichkeitsrechnung in der Schule komplett verpennt hatte, konnte sich ausrechnen, dass man zum sicheren Bestehen der ganzen Chose aberwitzige 200.000 Strecken mit allen Tricks und Kniffen hätte auswendig wissen müssen.

Das konnte freilich noch nie einer, am allerwenigsten die Prüfer selber. Es wurden Details vorausgesetzt, die nicht einmal detaillierte Autofahrer-Atlanten zeigten und außerdem oblag es zu guter Letzt dem Wohlwollen der Prüfer, ob eine Strecke nun kurz genug oder überhaupt richtig war. Eine weitere Kontrollinstanz gab es nicht und die Fehlurteile der humorresistenten Götter sind in Taxischulkreisen legendär.

Ganz davon abgesehen, dass die Schwierigkeit der Routen je nach Lust und Laune der Prüfer enorm variieren konnte.

Zwei Fahrten musste man richtig haben, ein Fehler war erlaubt. Im Falle weiterer Zweifel gab es ein paar potenzielle Zusatzfragen, sehr beliebt beispielsweise die nach allen Querstraßen des Ku’damms. Gerne auch mal nur die nördlichen – um die Töffel zu erwischen, die einfach stur die Liste auswendig gelernt hatten …

Die erste mündliche Prüfung verließ ich selbstbewusst nach den aufmunternden Worten, ich hätte es ja fast geschafft. Die Beurteilung der zweiten war weniger gut, bei der dritten wiederum bedauerte man mich sehr, allerdings war das auch diejenige, die mich als heulendes Klümpchen Elend in Charlottenburg zurückließ.

Auf die vierte hatte ich zu wenig gelernt, da war das negative Ergebnis vorhersehbar. Die fünfte allerdings sollte meine Prüfung werden. Und sie war spannender als das, was dem Durchschnittsdeutschen jeden Sonntag als vermeintlich spannender Krimi zur besten Sendezeit vorgesetzt wird.

Mein Tatort war inzwischen das Hauptquartier des Taxi-Verbandes, dieser stellte die Räumlichkeiten in den Wintermonaten.

Die Prüfer waren zwei alte Bekannte. Zum einen ein scheinbar völlig dem Alltag entrückter und wohl gekleideter Mann Ende Fünfzig, der sein Sakko vermutlich trug, um sich von jenem Pöbel abzugrenzen, der Taxifahrer werden wollte (was er selbst natürlich auch mal war!).

Zum anderen ein quirliger und deutlich jüngerer Typ mit Halbglatze und Brille, der zwar einen Sinn für Humor hatte, diesen allerdings nur nutzte, um sich über die Verfehlungen der Prüflinge lustig zu machen.

Der Alte warf einen Blick in meine „Akte“, ließ nach mehrmaligem Durchblättern die grenzenlose Weisheit verlauten, dass ich nicht das erste Mal da war und gab mir eine vermeintlich leichte Fahrt von einem unweit meiner Wohnung gelegenen Objekt mitten in die Stadt. Von Marzahn nach Mitte in nur 5 Straßennamen, arg viel einfacher ging es im Grunde nicht. Ich übersah in meinem Lösungsversuch den einzigen Haken – ein Wendeverbot – und unter dem Kichern des zweiten Prüfers wurde das ohne Diskussion als Fehlfahrt abgetan. Ein nicht unbedingt gängiges Verfahren, denn oft ließen sie nach einem kleinen Hinweis Korrekturen zu. Ich war mir nach diesem Einstieg relativ sicher, dass sie mich so sehr mochten, dass sie auch im nächsten Jahr nicht auf weitere Treffen mit mir zu verzichten gedachten. Ich indes hatte meinen Geburtstag am nächsten Tag im Kopf und hoffte auf ein wenig Milde. Satz mit X …

Die zweite Fahrt, gewünscht vom spaßigen Jüngling, forderte mich dann jedoch nicht wirklich heraus. Eine Tour von Treptow ins Regierungsviertel, ich konnte aus dem Stegreif zwei gleich gute Lösungen präsentieren und fehlerfrei vortragen. Wenigstens einen Achtungserfolg hatte ich nun vorzuweisen.

Für die nächste Route zeichnete wieder der ältere Prüfer verantwortlich und er gab mir zwei Adressen im Südwesten der Stadt vor, bis heute nicht meine Lieblingsgegend in Berlin. Natürlich hatte ich auch Routen dort gelernt und konnte die beiden Objekte sofort zuordnen – alleine mit den Straßennamen klappte das nicht so. Ich stammelte mich mit hanebüchenen Beschreibungen durch Steglitz und Dahlem, stockte aber unweigerlich an einer Straße, deren Verlauf mir bildlich vor Augen lag, deren Name mir aber nicht über die Lippen kommen wollte.

„Mir brummt heute ganz schön der Kopf!“,

stöhnte der Alte. Und er fragte seinen Kollegen, ob ihm nicht auch der Kopf brummen würde. Den Wink mit dem Zaunpfahl richtig deutend nannte ich die Brümmerstraße und setzte die gedankliche Zielfahrt fort. Kurz vor dem Ende jedoch entfielen mir so viele Straßennamen, dass selbst mit subtilen Hinweisen nichts mehr zu machen war.

Ich redete mich um Kopf und Kragen, erklärte, wie ich das Ziel erreichen könnte, dass mir nur die Namen nicht mehr einfielen. Da seufzte der Alte und erklärte mir in väterlichem Tonfall, dass dies anno dazumal eine seiner Prüfungsrouten war. Im Gegensatz zu mir hätte er einen wesentlich weiteren Weg gewählt und er signalisierte, dass er mir aufgrund meiner überragenden Beschreibung der Verkehrsverhältnisse dort (ich hatte die Straßen damals übrigens noch nie in der Realität gesehen!) die Fahrt durchgehen lassen würde. Also hatte ich meine zwei bestandenen Fahrten! Bestanden, bestanden, be … Halt!

„Dann kommen wir zu den Zusatzfragen …“

meinte der andere Prüfer.

Während ich auf einen Schlag alle Querstraßen von Ku’damm und Friedrichstraße vergaß, stellte sich heraus, dass er die einfachste aller möglichen Fragen zu stellen gedachte: Die nach den drei Zufahrten zum ICC. Das Internationale Congress Centrum ist ein insbesondere den Westberlinern wohlbekannter Betonklotz mit der unnachahmlichen Ästhetik der Neunzehnhundertsiebzigerjahre. Man könnte dem Ungeheuer mit seinen Bullaugen und fangarmgleichen Stahlaufsätzen vielleicht etwas maritimen Flair unterstellen, wenn es nicht schon auf den ersten Blick so plump und schwer wirken würde, wie es tatsächlich ist.

Die Frage nach den Zufahrten dieses höchstens durch Sprengungen zu verschönernden Wahrzeichens war im Vergleich zu den anderen so leicht, dass ich die Antworten natürlich nie gelernt hatte. Zwei wusste ich auf Anhieb, bei der dritten kam mir wieder der Alte zu Hilfe, indem er sagte, diese Zufahrt könne man vergessen. Ein Hinweis, den jeder Taxifahrer oder ICC-Besucher verstanden hätte, denn es ging um die Einfahrt von der Halenseestraße aus, die bis heute ständig gesperrt ist und somit zu den bekanntesten Treppenwitzen der Ortskundeprüfung zählt.

Dies tat ich schnell noch kund und der jüngere Prüfer nickte, während er das Wort an den Alten übergab.

Im Grunde hätte dieser nun sagen können, ich hätte bestanden.

Hat er nie getan. Stattdessen formulierte er nüchtern und sachlich:

„Ich habe keine weiteren Fragen mehr.“

Die letzte Minute im Prüfungsraum verbrachte ich damit, den beiden mit schweißnassen Händen zuzusehen, wie sie stumm ein paar Blatt Papier unterzeichneten und mir anschließend viel Glück wünschten.

Als ich das Gebäude des Taxiverbandes verließ, herrschte in mir eine absolute Betäubung vor. Ich fühlte nichts! Acht Monate waren vergangen, seit ich das erste Mal einen Blick in einen Berliner Stadtplan geworfen hatte, vier nicht bestandene Prüfungen lagen hinter mir. Ich hatte mir im letzten halben Jahr unendlich oft ausgemalt, wie ich triumphierend aus den heiligen Hallen stürmen, wie ich das Bestehen feiern würde, aber nichts davon wurde wahr.

Traumatisiert lief ich zur U-Bahn und versuchte mir klarzumachen, dass meine finanzielle Not und das Warten ein Ende hätten, dass ich nun Arbeit hätte und nun alles gut werden würde. Wirklich geholfen hat es nicht, ich fühlte mich wie immer.

Am Nachmittag verschickte ich eine recht sachliche Mail an meinen Lehrer, in der ich nicht nur meinen Erfolg mitgeteilt, sondern ihn gleich noch über die abgefragten Routen und die präferierten Lösungen der Prüfer informiert habe. Business as usual soweit.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

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