Epilog (Papa, ich geh zum Zirkus)

Epilog (Papa, ich geh zum Zirkus)

Drei Jahre nach dem in Bezug auf meinen Job – und insbesondere auf meine Fähigkeit, Erdgas-Zapfsäulen zu bedienen – wichtigen Treffen mit Jürgen, wählte ich adrenalinbelebt und mit schweißnassen Fingern die Telefonnummer meines Vaters.

Eine Woche zuvor hatte ich einen überaus netten und wider Erwarten sogar unterhaltsamen Abend mit einem jungen Journalisten in einer Pizzeria in Berlin-Mitte verbracht und mir auf seine Kosten den Bauch vollgeschlagen. Im Gegenzug berichtete ich ihm ein wenig aus meinem Leben, erzählte ihm von dem, was ich so den lieben langen Tag tat. Inklusive Fotoshooting.

Für eine Nachrichtenagentur wollte er einen Text über mich schreiben. Über mich, Sash, den Autor. Mein Blog gestern-nacht-im-taxi.de hatte inzwischen einige prominente Erwähnungen im Internet aufzuweisen und als erster von vielen interessierte sich eben Daniel von der dapd für den Menschen hinter den Geschichten aus dem Taxi. Mein Weg war zwar weiter offen wie eh und je, doch es bewegte sich was im Land zwischen Niedriglohn und Arsch vom Dienst.

Nach unserem Treffen schrieb Daniel einen wohlwollenden Text über mich und meine Erzählungen. Im Rahmen diverser Artikel-Pakete ging dieser an etliche und nicht nur regionale Zeitungen raus.

Ebenso unerwartet wie plötzlich war es da nun: Das erste Lob von weit jenseits meines Bekannten-, ja sogar Leserkreises. In jugendlichem Leichtsinn das Schreiben stets als Option fürs Berufsleben verneint habend, stand ich plötzlich da und nahm von wildfremden Leuten Lob für meine gute, ja: Arbeit, entgegen.

Und nun, vor Stolz fast platzend, wollte, musste ich meinen Vater vorwarnen, dass auch in den Stuttgarter Nachrichten eventuell über mich zu lesen sein könnte.

Überraschen konnte ich ihn damit jedoch nicht.

Als regelmäßigem Zeitungsleser war ihm natürlich nicht entgangen, dass sich in der aktuellen Ausgabe ein Foto seines Sohnes nebst namentlicher Nennung fand.

Während ich ziemlich beschwingt mit dem Telefon am Ohr durch mein Zimmer tigerte und ihm stolz erzählte, wie gut das alles liefe mit dem Bloggen und dem Taxifahren, fiel auch das ein oder andere Wort darüber, dass ich das mit dem Schreiben nun keinesfalls mehr als bloßes Hobby betrachten könne, sondern mit dem Gedanken spielen würde, mehr, besser und auch bezahlt zu schreiben.

Das Erstaunen am anderen Ende der Leitung war nicht eben klein, aber typisch für uns beide: Die Emotionen kochten auch nicht hoch. Am Ende verabschiedeten wir uns wie immer ausgesprochen sachlich und blieben ebenso wie immer dabei, dass man sich eben melde, wenn etwas Wichtiges anläge. So mancher konnte die Pragmatik unserer Kommunikation nie verstehen, ich kam selbst im engsten Kreise der Familie oft nicht umhin zu erklären, dass wir beide uns dabei einig waren und einfach nicht die Typen für wöchentlichen Kaffeeklatsch ohne wirkliche Neuigkeiten.

Nach dem Auflegen aber stand ich tatsächlich etwas irritiert in meinem Zimmer, das Telefon locker in der linken Hand haltend und aus dem Fenster des Marzahner Plattenbaus auf unser großes Einkaufscenter starrend. Mir wurde bewusst, was ich getan hatte:

Ich hatte meinem Vater gesagt, dass ich nach allen Anläufen und Fehlschlägen – und nach dem letztlich immerhin erfolgten Sprung in eine Vollzeitbeschäftigung – fortan lieber Autor wäre und mir das nötige Geld für die Miete irgendwie halt nebenbei mit Taxifahren verdienen würde. In seinen Ohren musste das wohl ähnlich bescheuert geklungen haben wie:

„Hey Papa, Überraschung: Ich geh zum Zirkus!“

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

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