Einzeln betrachtet (2): Die Potenzierung von Homöopathika

Die Serie „Einzeln betrachtet“ widmet sich kleinen Teilaspekten von Verschwörungstheorien und anderen irrationalen Glaubenssystemen. Da die Gesamtkonstrukte oft groß und unübersichtlich sind, bleibt oft keine Möglichkeit, jedes Argument zu prüfen, jeden Punkt auf seine Glaubwürdigkeit hin zu untersuchen. Genau das soll hier passieren, ohne den ganzen Ballast an Ideologie und Querverweisen.

Heute geht es um eine entscheidende Phase im Herstellungsprozess homöopathischer Medikamente: Das Potenzieren.

Homöopathische Medikamente werden durch das Potenzieren sehr hoch verdünnt und sind deswegen besonders wirksam, haben aber keine Nebenwirkungen.

Gut so: Je weniger Benzin, desto weiter komme ich mit der Kiste! Quelle: Sash

Werd schneller leer! Je weniger Benzin, desto weiter komme ich mit der Kiste!
Quelle: Sash

Die Potenzierung der Medikamente ist eine wichtige Grundlage des Homöopathie-Glaubens und widerspricht, so wird gerne geunkt, nicht nur sämtlicher naturwissenschaftlicher Forschung, sondern gleichzeitig auch noch dem gesunden Menschenverstand. Seit der Erfindung der Homöopathie durch Samuel Hahnemann gilt dort nämlich, dass ein Wirkstoff dann die größte Wirkung entfaltet, wenn er möglichst stark verdünnt wird. Im Falle homöopathischer Potenzierung läuft das auf Medikamente heraus, die vielfach überhaupt keinen Wirkstoff mehr enthalten.

Die Urtinktur, aus der die Mittel gewonnen werden, wird dabei nach und nach in bestimmten Verhältnissen verdünnt. Bei den D-Potenzen pro Schritt 1:10, bei den C-Potenzen 1:100. Da das einem exponentiellen Wachstum entspricht, haben schon Homöopathika der Potenz C3 (bzw. D6) ein Mischungsverhältnis von 1:1.000.000. Eine gängige Potenz von C30 entspricht einem Tropfen von beispielsweise Arsen (Ja, das ist ein homöopathisches Heilmittel!) in einem so großen Teil unseres Universums, dass wir das C30 auf dem Flaschen-Etikett an unserem Nachthimmel vermutlich lesen könnten, auch wenn diese gigantische imaginäre kosmische Homöopathika-Flasche hunderte Lichtjahre entfernt wäre. (Eine kommentierte Tabelle mit Verdünnungen hat z.B. Wikipedia)

Dass irgendwann auch das letzte Molekül Wirkstoff abhanden geht, war Hahnemann selbst nicht bekannt. Um 1800 herum waren Atome und Moleküle noch außerhalb der wissenschaftlichen Beobachtungs-Möglichkeiten. Dass es bei irgendeinem Verdünnungsschritt notgedrungen zu einer 0/1-Entscheidung kommen muss, ob der letzte Teil des Wirkstoffes in diese oder jene Flasche gelangt, war ihm unbekannt, theoretisch hätte der Anteil ja auch nur immer kleiner und kleiner werden können. Ob ihn diese Erkenntnis gestört hätte, wissen wir aber auch nicht – denn wie das rituelle Verschütteln der Medikamente gegen den Erdmittelpunkt z.B. zeigt, war Hahnemann ohnehin mystischen und okkulten Praktiken nicht abgeneigt.

Dass die Homöopathie (oder zumindest die meisten Strömungen in ihr) mit sehr hohen Verdünnungen (Mittel- und insbesondere Hochpotenzen) arbeitet, bereitet der Theorie ihrer Wirkungsweise jedoch gewaltige Probleme, die bis heute ungelöst sind. Als das Wissen um kleinste Teilchen anwuchs, wurde erst eine „geistliche Wirkung“, später dann ein „Wassergedächtnis“ und noch später die Quantentheorie als Notfallerklärungen für den Wirkmechanismus homöopathischer Medikamente herangezogen – doch auch jene Ideen oder Zusammenhänge wurden nach und nach wissenschaftlich widerlegt.

Es gibt derzeit einfach kein erdenkliches Anzeichen für die Theorie, dass immer weniger – oder erst recht gar kein – Wirkstoff sich irgendwie positiv auf die Wirksamkeit eines Medikaments auswirkt. Da hat das Bauchgefühl ausnahmsweise mal recht.

Das größte Problem der hochgradigen Verdünnung von Wirkstoffen fängt nämlich bereits vor dem letzten Molekül an: Weder die Ausgangsmaterialen noch die Arbeitsmittel oder die Verdünnungsmittel (Wasser oder Alkohol) der Homöopathen sind chemisch rein. Und das kann man ihnen nicht vorwerfen, alles hat Grenzen. Deswegen haben wir ja auch für alle möglichen Stoffe Grenzwerte in z.B. Lebensmitteln – und keine Totalverbote. Es geht technisch einfach nicht anders. Für die homöopathischen Mittel bedeutet das: Ab ungefähr den Potenzen C3 oder D6 sind im angeblichen Medikament mehr Verunreinigungen als Wirkstoffe enthalten, die weiter mitverdünnt und mitverschüttelt werden. Und keine noch so abgefahrene Theorie erklärt, wie Wasser entscheiden soll, ob es die Wirkung des z.B. enthaltenen Eisens speichern und verstärken oder ignorieren soll – wenn es das eine Mal als Verunreinigung des Glases, das andere Mal aber als homöopathisches Heilmittel in den Herstellungsprozess geraten ist. Oder anders gesagt:

Wäre an der Idee potenzierter Wirkstoffe etwas dran, wäre unser sehr sauber gefiltertes (und durchaus öfter mal geschütteltes) Leitungswasser die tödlichste Flüssigkeit der Welt.

Und um den zweiten Teil der eigentlichen Hypothese kurz in einem Satz abzuhandeln: Selbstverständlich hat ein Medikament – wenn man es noch als solches bezeichnen will – völlig ohne medizinische Wirkung auch absolut null Nebenwirkungen; das immerhin ist so gesehen korrekt, wenn auch aus – von Homöopathensicht aus gesehen – eher unbequemem Grund.

Das Festhalten an dieser mehr als 200 Jahre alten Idee von Samuel Hahnemann, die nie bewiesen und immer nur widerlegt wurde, ist einer der Gründe, weswegen seriöse Wissenschaftler die Homöopathie nicht als Wissenschaft, sondern als irrationales Glaubenssystem betrachten. Eine Schlussfolgerung, die man wie oben erwähnt ausnahmsweise auch mal rein aus dem Bauch raus nachvollziehen darf.

Quellen:

https://de.wikipedia.org/wiki/Hom%C3%B6opathie#Potenzierung

http://www.dhu.de/presse/1x1homoeopathie.htm

http://homoeopathie-liste.de/potenzen/

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