Durchsuchen nach
Kategorie: Prosa

Bestanden!

Bestanden!

Ortskundeprüfung! Man macht sich ja keine Vorstellung als Außenstehender. Ständig durchfallen, wieder aufrappeln, weiter lernen! Für mich machte das ständig anwachsende Wissen die neue Heimat Berlin zwar auch ein wenig überschaubarer – im Gegenzug qualmte mir aber der Schädel und das eine oder andere Mal nahm ich das Durchfallen dann doch nicht ganz so sportlich wie die Matheklausuren in der zwölften Klasse.

Diesmal ging es halt auch um was: Das Bestehen der Prüfung hätte einen umgehenden Arbeitsbeginn bedeutet. Arbeitsaufnahme, um im Duktus der dafür zuständigen Agentur zu bleiben. Vollzeitarbeit und das erste Geld schon am ersten Tag bar in der Hand. Eine Verheißung, die mich irgendwie all die Monate am Leben und vor allem am Lernen hielt.

Die schriftliche Prüfung hatte ich beim ersten Versuch bestanden, was im Grunde nicht verwunderlich war. Es handelte sich nur um eine Art Vokabeltest, einer von jener Sorte jedoch, die einem im Leben nicht wirklich weiter half.

Brandenburger Tor? Pariser Platz.

Karl-Marx-Allee? Frankfurter Tor und Alexanderplatz.

Clipper Garden Home Appartement Hotel? Mir doch egal, ach nee, halt, stimmt ja: Theklastraße!

Man lernte dabei nichts außer nutzlose Buchstabenkombinationen. Ich sollte noch nach vier Jahren auf der Straße nicht ein einziges Mal an besagtem Hotel gewesen sein, könnte aus dem Kopf allenfalls den Bezirk nennen, in dem es liegt, in der schriftlichen Prüfung habe ich die Frage zur vollsten Zufriedenheit der Prüfer beantwortet. „Die Schriftliche“ erforderte keine Ortskunde, sondern die Zuordnung von Begriffen. Wurde ein Stadtteil genannt, brauchte man den Bezirk, in dem der Stadtteil lag. Wurde ein Bezirk angegeben, musste man Nachbarbezirke nennen, bei Straßen einen Anfangs- und einen Endpunkt, bei Objekten die Straße, in der es liegt.

Man hätte mir Kärtchen mit Stuttgarter Straßen unterjubeln können und ich hätte es nicht bemerkt. Überhaupt: Unterjubeln! In meinem Zimmer breiteten sich Karteikarten aus wie Läuse auf Kinderköpfen. Am Ende war mein Kampf aber erfolgreich. Bei 30 Fragen erlaubte ich mir einen von drei erlaubten Fehlern, abgesehen von der noch eine Spur dämlicheren theoretischen Führerscheinprüfung war ich allenfalls in der ersten Klasse bei irgendeiner Hausaufgabe näher am Optimum gewesen.

Wirklich schwierig wurde es bei der mündlichen Prüfung. Diese konnte zwar theoretisch ebenso unendlich oft wiederholt werden, dummerweise war aber nur etwa einmal im Monat ein Termin frei, was in Anbetracht einer begrenzten Lebenszeit durchaus gewisse Einschränkungen ergab. Davon abgesehen kostete die Prüfung Geld. 55 Euro lesen sich zwar bescheiden, aber ebenso wie die meisten Anwärter suchte ich den Erfolg ja um Geld zu verdienen, nicht um welches auszugeben.

So gab es – abhängig von Kontostand und Aussichten – Prüfungen, bei denen ein Bestehen schön gewesen wäre und Prüfungen, nach deren Nichtbestehen ich niedergeschlagen und mit den Tränen kämpfend an der U-Bahn-Station saß und nicht wusste, wie es weitergehen sollte.

Jeder Mensch, dem ich in den letzten Jahren die mündliche Ortskundeprüfung in Berlin erklärt habe, hat mich mit großen Augen angesehen. Keiner konnte sich vorstellen, dass Menschen so etwas auf sich nehmen, nur um Taxifahrer zu werden. Kein Wunder, lassen doch manche Kollegen auf der Straße den Eindruck aufkommen, sie hätten selbst die Position ihres Fahrersitzes kurz vor Schichtbeginn noch mal eben schnell in der Wikipedia nachgeschlagen.

Das Prinzip der mündlichen Prüfung war und ist wahrscheinlich heute noch recht einfach:

Zwei Prüfer saßen in einem Raum und hatten einen Stadtplan vor sich liegen. Sie einigten sich dann auf ein Objekt oder einen Stadtteil aus dem Ortskundekatalog, der dafür ein paar hundert Möglichkeiten bereit hielt. Das selbe machten sie mit einem zweiten Objekt und dann war es am Prüfling, auf dem kürzesten Weg alle Straßennamen und Richtungswechsel herunterzubeten, um vom Startobjekt zum Ziel zu kommen.

Die Adressen sind dabei recht gut über Berlins 891 km² verteilt gewesen und wer nicht wie ich die Unterrichtseinheit Wahrscheinlichkeitsrechnung in der Schule komplett verpennt hatte, konnte sich ausrechnen, dass man zum sicheren Bestehen der ganzen Chose aberwitzige 200.000 Strecken mit allen Tricks und Kniffen hätte auswendig wissen müssen.

Das konnte freilich noch nie einer, am allerwenigsten die Prüfer selber. Es wurden Details vorausgesetzt, die nicht einmal detaillierte Autofahrer-Atlanten zeigten und außerdem oblag es zu guter Letzt dem Wohlwollen der Prüfer, ob eine Strecke nun kurz genug oder überhaupt richtig war. Eine weitere Kontrollinstanz gab es nicht und die Fehlurteile der humorresistenten Götter sind in Taxischulkreisen legendär.

Ganz davon abgesehen, dass die Schwierigkeit der Routen je nach Lust und Laune der Prüfer enorm variieren konnte.

Zwei Fahrten musste man richtig haben, ein Fehler war erlaubt. Im Falle weiterer Zweifel gab es ein paar potenzielle Zusatzfragen, sehr beliebt beispielsweise die nach allen Querstraßen des Ku’damms. Gerne auch mal nur die nördlichen – um die Töffel zu erwischen, die einfach stur die Liste auswendig gelernt hatten …

Die erste mündliche Prüfung verließ ich selbstbewusst nach den aufmunternden Worten, ich hätte es ja fast geschafft. Die Beurteilung der zweiten war weniger gut, bei der dritten wiederum bedauerte man mich sehr, allerdings war das auch diejenige, die mich als heulendes Klümpchen Elend in Charlottenburg zurückließ.

Auf die vierte hatte ich zu wenig gelernt, da war das negative Ergebnis vorhersehbar. Die fünfte allerdings sollte meine Prüfung werden. Und sie war spannender als das, was dem Durchschnittsdeutschen jeden Sonntag als vermeintlich spannender Krimi zur besten Sendezeit vorgesetzt wird.

Mein Tatort war inzwischen das Hauptquartier des Taxi-Verbandes, dieser stellte die Räumlichkeiten in den Wintermonaten.

Die Prüfer waren zwei alte Bekannte. Zum einen ein scheinbar völlig dem Alltag entrückter und wohl gekleideter Mann Ende Fünfzig, der sein Sakko vermutlich trug, um sich von jenem Pöbel abzugrenzen, der Taxifahrer werden wollte (was er selbst natürlich auch mal war!).

Zum anderen ein quirliger und deutlich jüngerer Typ mit Halbglatze und Brille, der zwar einen Sinn für Humor hatte, diesen allerdings nur nutzte, um sich über die Verfehlungen der Prüflinge lustig zu machen.

Der Alte warf einen Blick in meine „Akte“, ließ nach mehrmaligem Durchblättern die grenzenlose Weisheit verlauten, dass ich nicht das erste Mal da war und gab mir eine vermeintlich leichte Fahrt von einem unweit meiner Wohnung gelegenen Objekt mitten in die Stadt. Von Marzahn nach Mitte in nur 5 Straßennamen, arg viel einfacher ging es im Grunde nicht. Ich übersah in meinem Lösungsversuch den einzigen Haken – ein Wendeverbot – und unter dem Kichern des zweiten Prüfers wurde das ohne Diskussion als Fehlfahrt abgetan. Ein nicht unbedingt gängiges Verfahren, denn oft ließen sie nach einem kleinen Hinweis Korrekturen zu. Ich war mir nach diesem Einstieg relativ sicher, dass sie mich so sehr mochten, dass sie auch im nächsten Jahr nicht auf weitere Treffen mit mir zu verzichten gedachten. Ich indes hatte meinen Geburtstag am nächsten Tag im Kopf und hoffte auf ein wenig Milde. Satz mit X …

Die zweite Fahrt, gewünscht vom spaßigen Jüngling, forderte mich dann jedoch nicht wirklich heraus. Eine Tour von Treptow ins Regierungsviertel, ich konnte aus dem Stegreif zwei gleich gute Lösungen präsentieren und fehlerfrei vortragen. Wenigstens einen Achtungserfolg hatte ich nun vorzuweisen.

Für die nächste Route zeichnete wieder der ältere Prüfer verantwortlich und er gab mir zwei Adressen im Südwesten der Stadt vor, bis heute nicht meine Lieblingsgegend in Berlin. Natürlich hatte ich auch Routen dort gelernt und konnte die beiden Objekte sofort zuordnen – alleine mit den Straßennamen klappte das nicht so. Ich stammelte mich mit hanebüchenen Beschreibungen durch Steglitz und Dahlem, stockte aber unweigerlich an einer Straße, deren Verlauf mir bildlich vor Augen lag, deren Name mir aber nicht über die Lippen kommen wollte.

„Mir brummt heute ganz schön der Kopf!“,

stöhnte der Alte. Und er fragte seinen Kollegen, ob ihm nicht auch der Kopf brummen würde. Den Wink mit dem Zaunpfahl richtig deutend nannte ich die Brümmerstraße und setzte die gedankliche Zielfahrt fort. Kurz vor dem Ende jedoch entfielen mir so viele Straßennamen, dass selbst mit subtilen Hinweisen nichts mehr zu machen war.

Ich redete mich um Kopf und Kragen, erklärte, wie ich das Ziel erreichen könnte, dass mir nur die Namen nicht mehr einfielen. Da seufzte der Alte und erklärte mir in väterlichem Tonfall, dass dies anno dazumal eine seiner Prüfungsrouten war. Im Gegensatz zu mir hätte er einen wesentlich weiteren Weg gewählt und er signalisierte, dass er mir aufgrund meiner überragenden Beschreibung der Verkehrsverhältnisse dort (ich hatte die Straßen damals übrigens noch nie in der Realität gesehen!) die Fahrt durchgehen lassen würde. Also hatte ich meine zwei bestandenen Fahrten! Bestanden, bestanden, be … Halt!

„Dann kommen wir zu den Zusatzfragen …“

meinte der andere Prüfer.

Während ich auf einen Schlag alle Querstraßen von Ku’damm und Friedrichstraße vergaß, stellte sich heraus, dass er die einfachste aller möglichen Fragen zu stellen gedachte: Die nach den drei Zufahrten zum ICC. Das Internationale Congress Centrum ist ein insbesondere den Westberlinern wohlbekannter Betonklotz mit der unnachahmlichen Ästhetik der Neunzehnhundertsiebzigerjahre. Man könnte dem Ungeheuer mit seinen Bullaugen und fangarmgleichen Stahlaufsätzen vielleicht etwas maritimen Flair unterstellen, wenn es nicht schon auf den ersten Blick so plump und schwer wirken würde, wie es tatsächlich ist.

Die Frage nach den Zufahrten dieses höchstens durch Sprengungen zu verschönernden Wahrzeichens war im Vergleich zu den anderen so leicht, dass ich die Antworten natürlich nie gelernt hatte. Zwei wusste ich auf Anhieb, bei der dritten kam mir wieder der Alte zu Hilfe, indem er sagte, diese Zufahrt könne man vergessen. Ein Hinweis, den jeder Taxifahrer oder ICC-Besucher verstanden hätte, denn es ging um die Einfahrt von der Halenseestraße aus, die bis heute ständig gesperrt ist und somit zu den bekanntesten Treppenwitzen der Ortskundeprüfung zählt.

Dies tat ich schnell noch kund und der jüngere Prüfer nickte, während er das Wort an den Alten übergab.

Im Grunde hätte dieser nun sagen können, ich hätte bestanden.

Hat er nie getan. Stattdessen formulierte er nüchtern und sachlich:

„Ich habe keine weiteren Fragen mehr.“

Die letzte Minute im Prüfungsraum verbrachte ich damit, den beiden mit schweißnassen Händen zuzusehen, wie sie stumm ein paar Blatt Papier unterzeichneten und mir anschließend viel Glück wünschten.

Als ich das Gebäude des Taxiverbandes verließ, herrschte in mir eine absolute Betäubung vor. Ich fühlte nichts! Acht Monate waren vergangen, seit ich das erste Mal einen Blick in einen Berliner Stadtplan geworfen hatte, vier nicht bestandene Prüfungen lagen hinter mir. Ich hatte mir im letzten halben Jahr unendlich oft ausgemalt, wie ich triumphierend aus den heiligen Hallen stürmen, wie ich das Bestehen feiern würde, aber nichts davon wurde wahr.

Traumatisiert lief ich zur U-Bahn und versuchte mir klarzumachen, dass meine finanzielle Not und das Warten ein Ende hätten, dass ich nun Arbeit hätte und nun alles gut werden würde. Wirklich geholfen hat es nicht, ich fühlte mich wie immer.

Am Nachmittag verschickte ich eine recht sachliche Mail an meinen Lehrer, in der ich nicht nur meinen Erfolg mitgeteilt, sondern ihn gleich noch über die abgefragten Routen und die präferierten Lösungen der Prüfer informiert habe. Business as usual soweit.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

Von Straßen träumen

Von Straßen träumen

„Eines Tages werdet ihr feststellen …“

Nicht auszuhalten!

Wie wahrscheinlich alle aufgrund von akuter Jugendlichkeit nicht Fluchtberechtigten, die sich jemals seit 1945 in einem deutschen Klassenzimmer aufgehalten haben – und wenn man nur arglos hineingeschlichen ist, um etwas Kreide zu klauen – habe auch ich immer wieder den Satz gehört, dass die Schule „die schönste Zeit des Lebens“ ist. Und dass ich sie mir bestimmt mal zurückwünschen würde.

Und nichts ist verachtenswerter an Lehrern als die Tatsache, dass sie damit Recht haben und sich diesen Spruch trotzdem nicht abgewöhnen. Denn natürlich hatten wir Schüler unsere schwierigeren Zeiten nicht im Kunstunterricht oder während einer der vielen Pausen. Oben Genanntes aber immer dann gesagt zu bekommen, wenn man mal wirklich im Stress war, bewirkte bei mir, dass ich die Schule keineswegs mehr lieb gewann, dafür aber mein zukünftiges Leben umso mehr fürchtete.

So sehr ich natürlich zu schätzen wusste, was mir beigebracht wurde, war der Abschied von der Schule auch ein lang ersehnter Abschied vom institutionalisierten Lernen gewesen. Es hätte tausende Studienfächer in diesem Land gegeben, die mich prinzipiell des Wissens wegen gereizt hätten, aber es war eine unglaubliche Erlösung, ein Leben zu beginnen, das klare Grenzen zwischen der Arbeitszeit und dem Feierabend kannte. Nie wieder wollte ich aufwachen und mir denken:

„Mist, du hättest auch noch ein bisschen mehr lernen sollen!“

Natürlich sind unter diesen Vorgaben alle Ausbildungsideen irgendwie liegen geblieben. Im Grunde gefiel mir der Status Quo, mir gefiel die Zweiteilung meines Lebens in Arbeit und, äh ja: Leben.

Nach, beziehungsweise schon während meines kurzen Ausfluges in die Zeitarbeit in Berlin wurde mir aber klar, dass ich mich vielleicht doch darauf einlassen sollte, für einen guten Job auch mal wieder ein bisschen Lernerei auf mich zu nehmen. Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, hätte ich wohl eher einen Vertrag für einen Posten als Erntehelfer für die Spargelsaison unterschrieben.

Für eine Rückkehr in den Behindertenfahrdienst war es unabdinglich, meinem in Stuttgart schon erworbenen Personenbeförderungsschein die Ortskundeprüfung für Berlin hinzuzufügen. Der Sinn dahinter war schwer erkennbar. Völlig ohne Sinn sollte ich also die knapp 900 km² von Berlin auswendig lernen, um ein paar Schüler morgens vom immergleichen A zum immergleichen B zu bringen? Aber ich war verzweifelt genug, es zu versuchen. Bloß nie wieder Assistant Chief of Pneumo-Blasting sein!

Ich war mir der Absurdität wohl bewusst, in einer Millionenstadt die Ortskundeprüfung abzulegen, in der ich zum einen erst seit einem halben Jahr lebte und zum anderen lehrreiche Stadtbummel mied wie der Teufel das Weihwasser.

Zunächst einmal googelte ich ein bisschen. Das schien mir angenehmer zu sein, als geistig völlig unbewaffnet irgendwelchen Menschen gegenüberzutreten, die Ahnung von der Materie hatten.

Und was das kleine Suchmaschinchen da ausspuckte, war absurd. Ich bin umgehend vom Stuhl gekippt.

OK, nicht wirklich. Aber ich hätte es tun sollen, eine angemessenere Reaktion existiert schlicht nicht. Das, was es zu lernen galt, war unübersichtlich viel. Und doch nur Berlin.

Dass ich die Prüfung brauchte, war Irrsinn. Dieser Irrsinn quadrierte sich durch die Anforderungen, die da gestellt wurden. Zunächst freute ich mich darüber, dass ich nicht das gleiche Pensum zu absolvieren hatte wie ein Taxifahrer. Und bitte mal im Ernst: Wieso hätte ich Taxifahrer werden sollen?

Diese Freude jedoch hielt auch nur kurz. Letztlich musste ich zwar als Krankenwagenfahrer nur eine von zwei Prüfungen ablegen – allerdings die schwerere, die das Wissen der leichteren ohnehin mehr oder minder beinhaltete. Wer sich das ausgedacht hatte, war ganz offensichtlich ein Bürokratie-Genie ersten Ranges.

Mit diesen Informationen bewaffnet, torkelte ich durch die Daten und widerrief meine vorherige Meinung:

Wenn ich schon den Stadtplan einer mir völlig unbekannten Stadt (und ich hatte zu dieser Zeit wirklich erst mühsam gelernt, meinen eigenen Wohnsitz in angemessener Zeit auf einem Stadtplan zu lokalisieren) auswendig lernen sollte, dann doch gleich richtig!

Ja, ich beschloss, gleich die „richtige“ Ortskundeprüfung zu machen – die, mit der man auch taxifahren kann. Und wenn wir schon dabei wären, könnte ich das ja auch gleich ausprobieren.

Natürlich wusste ich über diesen Job so gut wie nichts, aber immerhin hatte ich mich in betrunkenem Zustand schon hier und da mal mit einem Taxifahrer unterhalten. Abgesehen davon, dass sie immer eine gewisse Angst vor mir mit meinen zwei Metern zu haben schienen, kamen sie mir lustig vor. Und hey: Lustig war ich auch!

Frisch motiviert und von meiner Freundin mit einigen einschlägigen Adressen aus der Zeitung versorgt, begann ich meine Suche nach einem potenziellen Ausbilder, nach einer Taxischule. So wie jeder halbwegs denkende Mensch wusste ich, dass das Taxigewerbe grundsätzlich vor Betrügern und Abzockern nur so strotzt und wollte äußerste Vorsicht walten lassen bei meiner Wahl. Entsprechend nervös war ich, als ich dann einige Tage später auf eine am Telefon ausgesprochene Einladung vor der Türe einer Taxischule stand.

Das Haus kam mir schon einmal nicht sonderlich vertrauenerweckend vor, meine Warnglocken schienen also noch intakt zu sein. Das jedoch änderte sich hinter der Tür. Dem liebevollen und harter Arbeit geschuldeten Chaos entsprang ein gut gekleideter Mann um die Fünfzig, der unter Zuhilfenahme eines Rollkragenpullovers jeden Steve-Jobs-Ähnlichkeits-Wettbewerb gewonnenen hätte.

Ungefähr eine halbe Stunde später wusste ich, dass ich hier nicht nur meine Ausbildung zur Ortskundeprüfung machen, sondern anschließend auch arbeiten wollte. Als Taxifahrer.

Der freundliche Mann mit der bedächtigen Sprechweise hatte nämlich ganz gelassen hingenommen, dass ich erst seit einem Jahr in Berlin weilte und mich paradoxerweise mit der Aussage motiviert, dass die Prüfung ohnehin so schwierig sei, dass man sie auch als Berliner nicht einfacher bestehen würde als als Auswärtiger.

Man muss sich das für die Erlangung des „Ortskenntnisnachweises“ in Berlin nötige Wissen ungefähr so umfangreich vorstellen wie ein durchschnittliches sozialwissenschaftliches Studium. Mit dem Unterschied, dass die benötigte Fachliteratur ungleich günstiger ist und von Unkundigen mit banalen Stadtplänen verwechselt werden könnte. Insbesondere, weil meistens „Stadtplan“ draufsteht.

Nach meiner jahrelangen Lernabstinenz war ich trotz des offensichtlich mehr als trockenen Lernstoffes ganz angetan davon, mir Berlin zunächst auf dem Papier zu erarbeiten.

Bevor ich einen Vertrag unterschreiben durfte, erhielt ich aber die Chance, darüber nachzudenken, zu Hause ein paar Übungslektionen zu machen und am folgenden Montag zu einem der Kurse zu kommen.

So betrat ich das immer noch nicht ganz seriös aussehende Haus ein paar Tage später erneut, inzwischen überzeugter als zuvor. Dass ich im Grunde nur wusste, dass ich nichts wusste, war mir bekannt – das Ausmaß meines Unwissens indes prasselte in Form unzähliger Straßennamen bereits nach Minuten auf mich ein.

Und mit mir im Raum saßen augenscheinlich erwachsene Menschen und starrten angestrengt grübelnd in Stadtpläne. In Stadtpläne! Kann man sich nicht ausdenken, sowas!

Plötzlich jedenfalls drehte sich alles um „Objekte“. Das Brandenburger Tor war ein Objekt, der Flughafen Tempelhof bis zu seiner Schließung auch. Ebenso ein paar für mich fragwürdig klingende Dinge wie das Kumpelnest 3000 und die Bar jeder Vernunft. Dass mir eine Menge bevorstand, war wirklich unübersehbar.

Fortan wurde mein Leben wieder zur Schule. Während ich ein bisschen Zeit damit verbrachte, das Arbeitsamt zu vertrösten, bestand der Rest meines Daseins bald aus Objekten, Routen und Stadtplänen. Zu Hause oder im zweimal wöchentlich stattfindenden Kurs brütete ich unentwegt über den kürzesten Verbindungen zwischen verschiedenen Sehenswürdigkeiten, die ich immer noch eher aus dem Fernsehen, denn aus meiner Wirklichkeit kannte. Ich bastelte mir Eselsbrücken für Adressen, prägte mir Routen ein, die man für mehrere Fahrten brauchen konnte und fieberte mit unruhigem Magen den Prüfungen entgegen.

Es ging das Gerücht um, jeder Anwärter würde irgendwann von Zielfahrten und Adressen träumen und bei mir war es in der ersten warmen Nacht 2008 soweit. Nach unruhigem Schlaf erwachte ich und anstatt wie früher mit meiner Morgenlatte herumzuexperimentieren, fragte ich mich, wie ich bitte vom Auguste-Viktoria-Klinikum zum Hauptbahnhof komme. Und spätestens beim Kanzleramt ist ohnehin Schluss mit jeder Erektion.

Mein Lehrer in der Taxischule verstand sich hauptsächlich darauf, uns Angst zu machen vor der schwierigen Prüfung. Ohne dabei jedoch unsympathisch zu sein. Er schwor uns darauf ein, geradezu unanständig genau zu sein. Nicht nur sollten wir uns auf unser Wissen verlassen können, mehr als eingehend warnte er uns zudem vor der Inkompetenz der Prüfer. Ich verstand mich schnell sehr gut mit ihm und wenn er die kürzeste Route zum „größten Volksverblöder seit Goebbels“ wissen wollte, navigierte ich auf dem Stadtplan mehr oder weniger zielsicher zur Axel-Springer-Straße und das Lob für schnelles Lernen blieb nicht aus. Insgesamt war der Kurs eine gemütliche Runde, beileibe besser als das literarische Quartett, nur etwas enger in der Themenauswahl.

Dennoch lag über all der Knuffigkeit stets der Erfolgsdruck. Nicht seitens meiner zukünftigen Arbeitgeber! Es war eher mein Geldbeutel, der immer beharrlicher schrie und mich zur Vollendung des ganzen Theaters zwang. Und war er es nicht, war es der Geldbeutel meines Vaters, der mich nach wie vor und mit immer größerem Einsatz co-finanzierte.

Mein Zimmer wurde nun optisch dominiert von einem großen Stadtplan an der Wand und einzelne Kartenausschnitte zierten verschiedene Möbelstücke. Meine Gedanken verfingen sich in Wegbeschreibungen, die in der Tat jeden Durchschnitts-Berliner überfordert hätten und selbst meine Freundin, hier geboren, musste bald anerkennend gestehen, dass sie wohl künftig mich Zugewanderten nach dem Weg fragen müsste, wenn es mal wichtig wäre.

Manche Routen beherrschte ich perfekt, manche Stadtteile lagen mir indes gar nicht. Die Karteikärtchen mit den Objekten verteilten sich auf verschiedenste Plätze, die alle unterschiedliche Lernfortschritte symbolisierten und für unbedarfte Besucher musste mein Reich aussehen, als würde dort ein Messi mit einem schwer kontrollierbaren Karten-Fetisch wohnen.

Mein Lehrer, der selbst Kartenmaterial zum Lernen herausgab, sah mich irgendwann nur noch selten. Ich verlagerte meine Arbeitsstätte ganz nach Hause, sparte mir damit das Geld für die Fahrkarten und ein paar Stunden Zeit jede Woche.

Im Laufe der Monate errechnete ich irgendwann, dass der Zeitaufwand für das Bestehen der Ortskundeprüfung in Berlin den für mein Abitur um den Faktor 30 übertraf – was aber in Anbetracht der dort erzielten Noten auch eher gegen meine Abiturvorbereitungen sprach.

Natürlich hatte ich dennoch Freizeit, ich schrieb nebenher sehr viel und so lange die väterliche Unterstützung es zuließ, brachten mich auch in dieser intensiven Lernphase einige Berliner Pilsener vom gradlinigen Erfolgsweg ab. Aber ich hatte trotzdem niemals zuvor mehr Zeit in irgendein Projekt investiert.

Und all das, um mich zuletzt von einer trägen Beamtin bei der Agentur für Arbeit annölen zu lassen:

„Ich hab dann auch einen festen Arbeitsplatz und liege ihnen nicht weiter auf der Tasche.“

„Aha, als was denn?“

„Ich bin dann Taxifahrer.“

„Ach je, wollen Sie sich denn ihr ganzes Leben mit solchen Gelegenheitsjobs herumschlagen?“

Aber die gesellschaftliche Ächtung durch meinen Beruf sollte noch auf sich warten lassen. Zunächst einmal musste ich ja die Prüfungen bestehen.

Das aber war ein anderes Kapitel.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

Assistant Chief of Pneumo-Blasting

Assistant Chief of Pneumo-Blasting

Ich wusste jetzt, dass Zeitarbeit im Wesentlichen bedeutet, mies bezahlt und umhergeschubst zu werden. Von weiteren Bewerbungen abzusehen war leider dennoch nicht drin, da mein Brötchengeber Anfang 2008 die Bundesagentur für Arbeit war, die mich – Überraschung! – noch mieser bezahlte und noch mehr umherschubste.

Das Büro der zweiten Zeitarbeitsfirma wirkte auf den ersten Blick deutlich gemütlicher als das eine Woche zuvor. Die Räumlichkeiten waren wesentlich kleiner und dieses Mal fand das Eingangsinterview auch nicht in einem kantinenähnlichen Großraumbüro statt.

Eine gut gelaunte und scheinbar ernsthaft an mir interessierte Mittvierzigerin mit blonden Haaren und Angela-Merkel-Dekolleté scherzte sich mit mir durch das Vorstellungsgespräch, wobei sich zeigte, dass kennste-eine-kennste-alle bei Zeitarbeitsfirmen dennoch keine unangebrachte Phrase war. Der Arbeitsvertrag hatte einen anderen Kopf, die Bedingungen aber waren bis aufs letzte Komma identisch.

Wieder sollte ich die Füße stillhalten, bis sie mich in Lohn und Brot bringen könnten und wieder bekam ich am Tag darauf bereits den Befehl, anzutraben. Aber wenigstens alles ein bisschen netter und  ein bisschen weniger als wäre ich nur der Kaugummi unter ihren Schuhsohlen. Fürs erste war ich zufrieden.

Bevor ich meine erste Stelle antreten durfte, wurde ich ermahnt, der Firma keine Schande zu machen. Der Auftraggeber hätte schlechte Erfahrungen mit Zeitarbeitern, mein Vorgänger wäre gefeuert worden, weil er während der Arbeit Drogen konsumiert hätte.

Nicht dicht zur Arbeit kommen?

Ich ging leichtsinnig davon aus, diese Vorgabe locker einhalten zu können.

Die füllige Bürodame durchbrach meine Gedanken mit der Frage, ob ich Sicherheitsschuhe besäße.

Da war er also: Der Haken, der immer irgendwo lauert. Sicherheitsschuhe! Na logo. Ich war nach all den Jahren, in denen ich meine Quadratlatschen lieb gewonnen hatte, immer noch froh, überhaupt irgendwelche Schuhe zu bekommen. Wenn es dann keine Basketballtreter waren, die mich unnötigerweise noch einmal fünf Zentimeter größer machten, sah ich das schon als große Erfüllung und glückliche Fügung an. Und nun? Sollte dieser Job etwa daran scheitern, dass es keine verdammten Sicherheitsschuhe in Größe 50 gibt?

Nein. Für wirklich nicht übertriebene 60 € organisierte mein neuer Arbeitgeber mir sogar Schuhe mit Stahlkappen. In Größe 50. Es war mir bis dato nicht bekannt, dass so etwas lieferbar war, ohne dass man neun Wochen Wartezeit zu ertragen hatte, weil irgendein Sklavenhalter in Lampukistan für die Herstellung zunächst mal drei neue Kinder entführen müsste.

So aber kam es, dass ich kurz darauf als Leiharbeiter mit Sicherheitsschuhen pünktlich eine Viertelstunde vor Schichtbeginn bei einer Firma in Wilhelmsruh ankam und erwartete, nähere Infos vom Abteilungsleiter zu bekommen.

Darauf hätte ich lange warten können.

Über diese und jene Wege wurde ich in die große und mit allerlei metallverarbeitenden Maschinen voll gestellte Fabrikhalle geschleust und dort von einem etwas an einen Hippie erinnernden Schichtführer mit zwei weiteren Zeitarbeitern einem Arbeitsplatz zugeteilt, der sich mir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wirklich erschloss. Wir fanden uns zu dritt zwischen Regalen und einer Maschine, die komische Geräusche machte, sowie einigen Kisten mit Wasser wieder.

Darüber hinaus stapelten sich um uns herum dutzendweise Behälter mit Serverblenden – also diesen Metallschienen, die auf der Rückseite so ziemlich jeden Computer zieren und verhindern, dass neben den Steckern der Dreck ins Gehäuse fliegt.

Davon lagen zigtausende herum und mir drängte sich der Gedanke auf, dass das wohl kein Zufall war und ich jetzt „irgendwas mit Computern“ machen sollte.

Meine beiden Mitstreiter und ich bildeten ein höchst ungleiches Trio. Markus war etwa so alt wie ich, hatte ein Milchbubigesicht, die Statur eines kleinwüchsigen Balletttänzers und das Rückgrat eines Schleimpilzes. Er arbeitete bereits seit drei Monaten in der Fabrik und buckelte vor allen Festangestellten, da er selbst unmittelbar davor stand, übernommen zu werden. Statt 6,42 € würde ihm das 7,50 € Bruttolohn bringen und für die 1,08 € schien er bereit zu sein, alles zu tun. In die Quere kam ihm dabei aber seine Schüchternheit, die ihm in manchen Situationen sogar verbot, überhaupt irgendwas zu tun.

Daneben gab es Herbert, einen kräftig gebauten und Vokuhila tragenden Mann mit grobem Händedruck. Er war wie ich den ersten Tag in dieser Firma, hatte allerdings schon einige Erfahrungen mit der Zeitarbeit gesammelt. Ihm waren sowohl die Arbeit vor Ort als auch sein Job in der Leihbude scheißegal. Er wusste, dass er mit einem Hungerlohn abgespeist wurde und dass er, würde er fliegen, am nächsten Tag woanders arbeiten könnte.

Und ich, naja, ich wollte halt ein paar Euro verdienen bis mir etwas Besseres einfiel.

Der eigentlich zuständige Abteilungsleiter gab sich – wie wir schnell erfuhren – gar nicht mit Zeitarbeitern ab. Zumindest nicht mit solchen, deren Übernahme nicht geplant war. Jegliches Willkommen und auch rechtlich vorgeschriebene Sicherheitsbelehrungen fielen damit aus und Markus wurde die Aufgabe zuteil, Herbert und mir die Arbeit zu erklären. Die sollte „nicht arg schwierig“ sein, was stark untertrieben war. Herbert und ich sollten pusten. Im Ernst.

Markus bediente die laut brummende Alienbesohlungsmaschine, die sich alsbald als schnöde Metallbürste herausstellte. Durch diese schob er die Serverblenden – damit sie so hübsch aussehen, wie wir alle sie kennen. Beim Bürsten wurden die Blenden naßgehalten und die fertig gebürsteten Teile mussten Manfred und ich anschließend mit Druckluftpistolen trocken pusten. Anbei zusehen, dass nirgends Kratzer waren und sie dann in schön ansehnlich in Kisten stapeln.

Als Schichtvorgabe galt die Zahl von 1800 Blenden, am ersten Tag schafften wir 1100.

Markus spielte notgedrungen den Animateur vom Dienst, lobte uns zwei über alle Maßen und stellte in Aussicht, dass wir in den kommenden Tagen die Vorgabe locker würden einhalten können. Das war natürlich eine Lüge.

Die Arbeit war so strunzdumm, dass man nach der ersten halben Stunde spätestens den optimalen Bewegungsablauf verinnerlicht hatte und es schlicht nichts mehr zu verbessern gab. Überhaupt lag das Tempo wesentlich weniger an Herbert und mir als an Markus, der nur eine begrenzte Anzahl an Serverblenden durch die Bürste ziehen konnte, da er sie zuvor in eine Passform legen musste, in die nur 3 Blenden passten.

Bereits am zweiten Tag sollten wir erfahren, wie man auch die blödeste Arbeit in einer entsprechend geführten Fabrik völlig ad absurdum führen konnte.

Unsere Fehlerkontrolle war eine Farce sondergleichen:

Bemerkten wir Kratzer in einer der Blenden, landete diese nicht in den zu versendenden Kisten – wer zahlte schon den vollen Preis für Serverblenden mit verkratzter Innenseite? – sondern wieder bei Markus unter der Bürste. Das konnte ich noch nachvollziehen, schließlich ließen sich viele Schäden durch erneutes Bürsten ausbessern. Aber: Nicht alles ließ sich mit Bürsten beheben, so dass manche Blenden zwei- oder dreimal durch unser aller Hände gingen ohne je fertig zu werden. Am Ende landeten sie dann im Ausschuss. Absurd wurde das Ganze, als man uns erklärte, wir sollten gelegentlich auch den Ausschuss wieder durch die Bürste ziehen.

Im Grunde bedeutete das nichts anderes, als dass wir umso schlechtere Stückzahlen vorweisen konnten, je gewissenhafter wir unsere Kontrolle vornahmen.

Und an Tag zwei – nachdem abzusehen war, dass wir die Vorgabe abermals nicht im Entferntesten würden einhalten können – lernten wir auch endlich den Abteilungsleiter kennen. Er präsentierte sich uns als rachsüchtiger Gnom mit sicher ungewollter Glatze, der sich bei jedem Regelverstoß durch die Halle tobte und bei dem es keines professionellen Gutachtens bedurfte, um ihm eine Therapie gegen seine Minderwertigkeitskomplexe zu empfehlen.

Das hätten Herbert und ich auch gerne getan, alleine: Wir waren ja die untersten Untergebenen und somit kamen wir nie in den Genuss, uns einen persönlichen Rüffel abzuholen, sprich überhaupt mit ihm zu sprechen. Der Zwerg folgte der strengen Hierarchie in der Firma und machte Markus dafür zur Sau, dass Herbert und ich offenbar nicht vernünftig arbeiten würden. Und Markus hielt die Klappe, weil er um seine Übernahme fürchtete.

Natürlich versuchte unser verschüchterter Milchbubi, den Druck an Herbert und mich weiterzuleiten, allerdings mit wenig Erfolg. Nicht nur, weil es uns egal war. Herbert und ich arbeiteten locker alle Blenden ab, die Markus uns vorlegte und wir hatten dennoch Zeit für ausgiebige Raucherpausen.

„Wat soll ick meiner nächsten Bude denn über die Arbeit hier sagen? Ick meine, was mach ick hier eigentlich?“

„Naja, vielleicht schreibste, dass Du Bläser warst …“

„Nee, det is nich technisch jenuch!“

„Wie wär’s mit Assistant Chief of Pneumo-Blasting?“

„Det is jut!“

Herbert und ich waren also fortan amüsierte Assistant Chiefs of Pneumo-Blasting und Markus verzweifelte an der Bürste. Wir haben dauernd versucht, ihn zu überzeugen, die Sache nicht zu ernst zu nehmen. Leider war der Kleine viel zu verzweifelt, um sich unsere Lockerheit aneignen zu können.

Ich selbst legte es zwar auch nicht drauf an, den Job zu verlieren, war aber auch nicht blöd genug, mir die Arbeit wichtig zu reden. Wenn ich heimkam, schmerzte der Rücken vom ungewohnt langen Stehen – mit Stühlen wäre die Arbeit wahrscheinlich nicht beschissen genug gewesen – und der Lohn war allenfalls hoch genug um nicht zu verhungern. Wie alles, was ich bis dato getan hatte, wollte ich es irgendwie gut machen, aber nicht um den Preis der totalen Selbstaufgabe.

Im Grunde hätte dieser leicht lächerliche Tanz auf dem Vulkan (der Geduld des Abteilungsleiters) ewig so weitergehen können, stattdessen aber kam es noch schlimmer. Es waren keine dreieinhalb Tage ins Land gezogen, da ließ Markus‘ Bürste immer mehr nach. Waren die Serverblenden ursprünglich nach einem Durchgang bis auf wenige Ausnahmen vorzeigbar, musste er nun die selben Teile wieder und wieder durchziehen. Der Firmenleitung wurde das umgehend gemeldet, passiert ist indes nichts. So sank unsere Produktivität ins Bodenlose. Markus mühte sich an der Bürste ab, Herbert und ich hielten Maulaffen feil und verbrachten die halbe Schicht in der Raucherecke und kehrten nur alle 20 Minuten mal zu unserem Arbeitsplatz zurück, um die spärliche Ausbeute an akzeptablen Blenden mal eben trockenzupusten.

Dass wir unproduktiv waren, wussten wir – aber da wir ja schließlich alles machten, was wir nur tun konnten, wähnten wir uns auf der sicheren Seite. Diese Rechnung hatten wir freilich ohne die Cholerik des kahlköpfigen Leitungsgnoms gemacht.

Der hatte nämlich einen Lösungsvorschlag, der uns die Gesichtszüge entgleisen ließ – eine Arbeitsanweisung direkt aus Schilda:

Da unser Team – kaputte Bürste hin oder her – so wenig arbeitete und wir ständig nur rauchen würden, würde nunmehr pro Schicht nur noch eine Zigarettenpause vor und eine nach der Mittagspause erlaubt sein.

Abgesehen von unserer Laune änderte das freilich gar nichts. Am vierten Tag ging dann die Bürste komplett kaputt und unsere Produktivität sank endlich wie offenbar von der Leitung angestrebt auf Null.

An diesem Punkt wurde sogar der Firmenleitung klar, dass man dieses Problem nicht mit Pausenverboten lösen könne und um eine Reparatur nicht herumkommen würde. Herbert und ich durften früher gehen, natürlich mit entsprechend gekürzter Stundenzahl, sprich: Weniger Geld. Mit Leiharbeitern kann man’s ja machen!

Wir haben den Schichtleiter, der uns unsere Stundenzettel unterschreiben musste, auch gleich gefragt, ob wir informiert werden würden, wenn die Bürste am nächsten Tag auch noch defekt wäre. Schließlich hatten wir beide keine Lust auf eine (uns auch noch Geld kostende) Anreise ohne Sinn. Na sicher würden wir informiert!

Pustekuchen.

Am nächsten Morgen, wieder um 4 Uhr zur Frühschicht aus dem Bett gekrabbelt und mich in die S-Bahn geschwungen, stellte ich bei der Ankunft in der Halle natürlich fest, dass genau das unterlassen wurde.

Antanzen, doof gucken und wieder heimfahren: Hat mich an diesem Tag zwei Stunden Wegstrecke und 4,20 € gekostet, mir kein Geld eingebracht und entsprach damit nicht unbedingt der Kosten-Nutzen-Rechnung, die ich mir selbst für ein  Angestelltenverhältnis unter beschissenen Bedingungen aufgestellt hatte.

Am Tag darauf holte mich meine Krankheit wieder ein. Wie ich inzwischen weiß, war es nicht nur eine Erkältung, sondern ein Pfeiffersches Drüsenfieber. Das hört sich zwar schlimmer an als es ist, kann einen aber dennoch ziemlich flachlegen.

Ironische Zeitgenossen werden nach einer Recherche übrigens feststellen, dass man die Krankheit auch durchs Flachgelegtwerden kriegen kann, aber ich erspare mir einen Kalauer zu diesem Thema.

Auf jeden Fall war ich morgens zwar wach, aber weitgehend arbeitsunfähig. Dummerweise begann die Schicht um 6 Uhr. Unsere Ansprechpartner bequemten sich jedoch nie vor 7 Uhr ins Büro und mein Arzt öffnete seine Praxistüren ohnehin erst um neun. Also hab ich – ziemlich blöd, aber gutgläubig – die Schicht angetreten. Ich hatte Fieber und Kopfschmerzen, aber ich wollte zum einen meinen guten Willen zeigen und zum anderen wenigstens persönlich Bescheid sagen, dass ich ausfalle.

Und meine spärliche Hilfe konnten sie brauchen, denn Herbert tauchte an diesem Tag gar nicht auf. Ich hab dem Schichtleiter die gute Nachricht überbracht, dass ich – sobald mein Arzt seine Arbeit antreten würde – weg wäre und jetzt nur pro forma noch ein bisschen helfe.

Aber Undank ist der Welten Lohn. Während ich nach Marzahn fuhr, um meinen Arzt zu fragen, weswegen mich mein Körper diesmal hasste, rief mich die Chefin der Zeitarbeitsfirma an. Was zur Hölle denn da los sei bei mir, wollte sie wissen.

Ich antwortete wahrheitsgemäß und etwas geknickt, dass ich krank sei und auf dem Weg zum Arzt. Dann erfuhr ich von ihr, dass der Kunde – also die Firma, die ich vor einer Stunde verlassen hatte – sich beschwert hätte, ich wäre „abgehauen, weil ich keine Lust mehr hätte“.

„Aha, nehme ich vielleicht auch Drogen?“

Das habe ich nicht laut ausgesprochen, aber nach dieser dreisten Lüge hatte ich eine vage Vorstellung davon entwickelt, was es heißen könnte, wenn diese Firma etwas von Drogen erzählte. Wahrscheinlich hatten sie meinen Vorgänger am Kaffeeautomaten mit einem Cappuccino erwischt.

Mir wurde noch während des Telefonats meine Kündigung ausgesprochen und da ich noch in der Probezeit war, hatte ich auch keine Chance, dagegen vorzugehen. Aber dazu hätte ich das ja erst einmal wollen müssen.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

Die Zeit(arbeit) eilt

Die Zeit(arbeit) eilt

Nachdem ich erst den Paketdienst verworfen und danach den Staplerschein erworben hatte, sollte es nun Zeitarbeit sein. Als einer der unzähligen unausgebildeten Arbeitslosen in Berlin bin ich auf die Idee natürlich nicht freiwillig gekommen. So sonderlich viel hilft einem das Abiturzeugnis in der Tasche dann eben auch nicht, wenn man 26 Jahre alt ist und im Grunde selbst nicht so genau weiß, was man eigentlich kann. Wie jeder selbstbewusste Mensch schätzte ich meine Begabungen zwar überaus großzügig ein, alleine die Vermittlung potenziellen Arbeitgebern gegenüber war nie so mein Ding.

So wurde ich immer für mein gutes Englisch gelobt, wenn ich mal gezwungen war, es anzuwenden – in jedem Profil gab ich dennoch nur „Grundkenntnisse“ an und hoffte, dass diese etwas tiefstapelnde Einschätzung niemanden über meine Vier in diesem Fach stolpern lassen würde.

Aber Zeitarbeit boomte und viel Geld brauchte ich auch nicht. Also habe ich mich mal frohen Mutes in den Kampf gestürzt. Die Ernüchterung kam ziemlich umgehend. Einen hohen Lohn hätte ich nie erwartet und ich war seinerzeit noch völlig im Fieber ob der niedrigen Lebenshaltungskosten in Berlin.

Nach meinem ersten Besuch bei einer Zeitarbeitsfirma – im übrigen eine große, renommierte und von diversen Testern für gut befundene – habe ich mit den Tränen kämpfen müssen. Der Stundenlohn von deutlich unter sieben Euro alleine war es nicht, viel mehr ärgerte mich, dass keine Option bestehen sollte, das wie bisher gewohnt durch mehr Arbeit auszugleichen. Unterm Strich blieb ein dreistelliger Bruttobetrag pro Monat, einer bei dem meine Berechnungen ergaben, dass ich davon allenfalls notdürftig überleben können würde. Und um das zu erreichen, musste ich nicht nur Vollzeit arbeiten, sondern überdies flexibel sein und mein ganzes Leben nach eventuellen Aufträgen ausrichten. Derzeit wären nun leider keine Aufträge vorhanden, aber sie würden sich melden, wenn ich grundsätzlich Interesse hätte.

Niedergeschlagen und ohnehin leicht vor mich hinkränkelnd ging ich nach Hause und dachte darüber nach, ob ich wirklich bereit wäre, mich für ein paar Kröten hin- und herschubsen zu lassen, wie es irgendwelchen Leuten gefällt, die auch noch so blöd waren, zu glauben, ich wäre so blöd und würde glauben, das sei eine tatsächliche Karrierechance. Diese Phase dauerte so ungefähr bis zum darauf folgenden Nachmittag an, als ich in der Küche stand und mir schniefend und hustend eine Suppe zubereitete.

In diesem Moment klingelte das Telefon.

Am anderen Ende der Leitung befand sich eine hypernervöse und total begeisterte junge Frau, die sich als Mitarbeiterin jener Zeitarbeitsfirma erwies. Sie könne mir eine gute Nachricht überbringen, meinte sie: Ich hätte nun Arbeit. Sie hätten einen Kunden, der könnte unter anderem mich gebrauchen und ich solle doch vorbeikommen, um den Arbeitsvertrag zu unterschreiben. Wann? Jetzt gleich!

Ich war krank, hatte Essen auf dem Herd stehen, Pläne für den Nachmittag und am nächsten Tag einen Vorstellungstermin bei einer anderen Firma. Also hab ich die junge Dame in ihrem Enthusiasmus ein wenig gebremst und gesagt, dass mich das sehr freuen würde, ich allerdings zufällig für die nächsten 24 Stunden noch so etwas wie ein mir verbliebenes Restleben hätte. Nur netter natürlich.

„Aber hier steht, Sie wollen arbeiten?“

Und das hat die ernst gemeint. Den Arbeitsvertrag sollte ich schnell noch unterschreiben, weil ja bereits am nächsten Morgen Schichtbeginn sei. So wäre das eben, es sei ja klar, dass man bei Zeitarbeit flexibel sein müsse …

An dieser Stelle sei noch einmal erwähnt, dass das alles nicht etwa Teil eines Arbeitsverhältnisses war, sondern dieses Quietscheentchen auf Koks mich nun mit der geforderten Flexibilität zu erpressen versuchte, bevor ich überhaupt bei ihnen angefangen hatte.

Viel schlimmer noch: Trotz der oberflächlichen Freundlichkeit, bei der ich mir regelrecht vorstellen konnte, wie sie sich beim Telefonieren von einem Kollegen die Mundwinkel nach oben ziehen ließ, um nicht mit dem Lächeln aufzuhören, gab sie mir zu verstehen, dass ich beim Ausschlagen dieses Angebotes natürlich umgehend aus der Bewerberdatenbank gelöscht werden würde.

Mein Puls befand sich inzwischen auf einem Level, das bei Leistungssportlern noch beeindruckend ausgesehen hätte und ich teilte ihr ebenso scheißfreundlich mit, dass es dann wohl das Beste wäre, wenn sie meine Daten löscht.

Während meine Suppe auf dem Herd langsam unruhig wurde, verwarf ich ihre Beschwichtigungsversuche und stellte nochmal klar, dass ich zweifelsohne an Arbeit interessiert sei, aber sicher nicht ihr zuliebe unbezahlt ein halbes Jahr lang Bereitschaftsdienst schieben würde. Ich hätte auch andere Verpflichtungen und damit wäre es das wohl.

Ihr letztes Angebot war eine Viertelstunde Bedenkzeit, die sie mir für eine Meinungsänderung zugestand. Zurückgerufen habe ich selbstverständlich nie und der letzte Kontakt mit der Firma war nach ein paar Wochen deren Rücksendung meiner Bewerbungsunterlagen, nicht ohne ein Schreiben (inzwischen unter neuem Firmennamen), in dem sie ihr Bedauern ausdrückten. Ablage P, der nächste bitte!

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

Paketweitwurf in Heinersdorf

Paketweitwurf in Heinersdorf

Ich hatte mein ganzes Leben schon Angst vor Bewerbungsschreiben. Nicht dass ich mich je davor gefürchtet hätte, mich für einen Job zu bewerben, mich machte bloß immer wieder aufs Neue die ganze Verlogenheit dieser Briefe kirre.

Völlig realitätsfremd irgendwelche Vorzüge auszubreiten, die man sich mal eben ausgedacht hatte, am besten für Jobs, für die man schon aufgrund selbständiger Atmung überqualifiziert war – das war nicht mein Ding.

Ich hatte beispielsweise sieben Jahre Französischunterricht gehabt, gab das natürlich auch immer brav an, aber ich wusste dabei stets, dass ich meinen Job umgehend verlieren würde, sobald ich einem Franzosen auf eine Frage nicht mit Ja oder Nein antworten dürfte. Mit Mathe war es kaum besser und außerdem musste ich ohnehin stets mein Abiturzeugnis mit einreichen, was bei meinen Noten zwangsläufig dazu führte, dass die Personalchefs der Unternehmen im Gespräch weniger auf meine Worte achteten, als mehr darauf, dass ich das Inventar nicht annagte oder ins Eck pinkelte.

Außerdem besaß ich nie die passende Kleidung – wohl einer der Gründe, weswegen ich auch Beerdigungen nie besonders heiter fand.

Aber im Niedriglohnsektor zählten diese Rituale von jeher wenig. Da rief man meist bei der in der Zeitung abgedruckten Handynummer an und der griesgrämige Typ am anderen Ende fragte nach den wirklich wichtigen Dingen: Ob man kräftig anpacken könne, ein eigenes Auto hätte und/oder das Ganze auch schwarz machen würde.

Ich lebte seit Monaten vor mich hin und nach dem ersten Staunen, dass ich nun wirklich in Berlin wohnte, schlichen sich immer mehr Tristesse und vor allem finanzielle Schwierigkeiten ein. Mein Arbeitszeugnis vom Behindertenfahrdienst schien mir beim Umzug noch der Garant für einen neuen Job im Fahrdienst zu sein, allerdings stellte ich schnell fest, dass ich ohne eine Erweiterung meines Personenbeförderungs-Scheins um die Berliner Ortskunde in dem Bereich überhaupt nichts zu melden hatte. Ich musste mir mit der Zeit eingestehen, dass ich selbst bei meiner bescheidenen Lebensplanung ein paar wichtige Punkte gekonnt ausgeblendet hatte.

Auf der Suche nach anderen Beschäftigungen stieß ich schnell an weitere Grenzen. Hauptsächlich bestanden diese aus persönlichen Abneigungen. Ich wollte mich nicht auf einen Fahrerjob festlegen, aber ich hasste Fabrikhallen, war unterqualifiziert für fast alle Bürotätigkeiten und sah zu mies aus, um als Model Geld zu verdienen.

Es kristallisierte sich heraus, dass Paketlieferdienste im Grunde wie für mich gemacht schienen.

Ich lernte im Verlauf mehrerer Telefonate, dass das Wichtigste bei einer Bewerbung auf Zeitungsannoncen war, alle Hoffnungen fahren zu lassen und zu akzeptieren, dass sich dort viele Betrüger tummeln. Viele angebotene Jobs waren mitnichten Fahrerjobs, denn etliche Firmen euphemisierten so die kaum anders zu vermittelnden Stellen als Vertreter, was meiner Vorstellung von einem erträglichen Arbeitsplatz diametral entgegenstand.

Am Ende blieb eine Anzeige übrig und diese sollte mich nach Heinersdorf führen.

Ich sattelte meinen Rucksack. Das Auto hatte ich von meinem Mitbewohner geliehen und ich folgte der ausgedruckten Route ans Ende der Welt. Obwohl der Stadtplan mir verraten hatte, dass Berlin auch hinter Heinersdorf noch ein ganzes Stückchen weitergeht, fand ich mich in dörflicher Atmosphäre wieder und parkte etwas ungläubig vor der angegebenen Adresse.

Die Szenerie entsprach ziemlich genau dem, was in Fernsehkrimis gezeigt wird, wenn der Kommissar erstmals auf das Anwesen des dorfbekannten Altnazis fährt, um ihm ein Geständnis für den Mord am einzigen Türken in der näheren Umgebung abzuringen: Die Fassaden der Häuser waren vom Industriestaub vergangener Tage angegriffen, die Fensterscheiben eingeworfen und das Unkraut bahnte sich seinen Weg durch die Fugen der Gehwegplatten. Der acht Jahre alte Golf, mit dem ich angereist war, fiel unangenehm positiv auf und das verrostete Tor zum Hof des Betriebes lag ungenutzt im Gras.

Ein bisschen unsicher stapfte ich entlang schlaglochübersähter Spurrillen in den Hinterhof. Vor einer etwas weniger baufälligen kleinen Halle sorgte ein schlaksiger Mann um die 40, der seinen kleinen verbeulten Lieferwagen mit Paketen bewarf, dafür, dass es hier geschäftiger wirkte als auf der Hauptstraße. Ich fragte nach dem Chef und stand alsbald in einer Art Büro. Eigentlich handelte es sich nur um einen kleinen Nebenraum der großen Halle und wie überall in diesem Industriebau, der nach den ästhetischen Richtlinien des Frühkapitalismus gestaltet war, waren die Wände unverputzt und die Fenster hatten verrostete Metallstreben zwischen den kachelgroßen Scheiben. Schräg im Raum stand ein Schreibtisch, der von einem Computer dominiert wurde, dessen Bauteile es Anfang der 80er-Jahre schon auf keinem Flohmarkt mehr über fünf Mark geschafft hätten. Ein paar abgenutzte Aktenschränke und ein Sofa mit den letzten Läusen aus der Kaiserzeit vollendeten das Inventar. Als Wandschmuck dienten zwei Kalender von 2001 und 2004, deren Motive unnatürlich große Brüste nebst dahinter verschwindenden blonden Frauen waren.

Ganz so große Brüste hatte der Chef nicht, aber sein nicht gerade frisch gewaschenes Hemd umspannte neben dem Bierbauch einen durchaus in B-Körbchen passenden Vorbau. Er reichte mir eine schweißnasse Hand und fragte frei heraus, was ich eigentlich hier wolle.

Das Telefonat? Ach ja, klar! Ob ich denn ein eigenes Auto hätte? Unverkennbar, dass ich als Bewerber in dieser Woche nicht der erste war.

Dass ich keinen eigenen fahrbaren Untersatz hätte, wäre nicht toll, aber eine Kiste hätten sie wohl noch. Naja. Und die Bezahlung?

Ich wurde gefragt, ob ich Teilzeit arbeiten wollte, vielleicht sogar auf 165€-Basis, als Zuschuss zu Hartz IV? Muss ja nicht, er frage ja nur! Dann wollte er noch wissen, wie es sich mit meiner Ortskenntnis verhalten würde, unterbrach mich aber nach meiner Entschuldigung, gerade erst hergezogen zu sein, indem er mir einen weiter kopierten Ausschnitt aus einem alten DDR-Stadtplan in die Hand drückte und erklärte, dass das jetzt mein Gebiet sei. Das lerne man schnell. Ich solle doch einfach mal kurz beim Kollegen einsteigen und seine Tour mitfahren.

Vielleicht war ich in dem Punkt tatsächlich ein bisschen  unzureichend vorbereitet auf die Arbeitsbedingungen, aber ich hatte an diesem Tag durchaus noch ein paar Dinge vor und die Tour hätte bis in die Abendstunden gedauert. Schlecht gelaunt meinte er dann, ich solle doch einfach am nächsten Tag um 7 Uhr vorbeikommen und den Kollegen begleiten. Na gut. Das Vorstellungsgespräch – so man es so nennen will – war damit beendet.

Meine Laune, in diesem Betrieb zu arbeiten, tendierte gegen Null. Aber zum einen war ich verzweifelt, zum anderen sah ich die Vorteile in Fahrerjobs ja darin, dass man mit der Firma und dem Chef selbst im Arbeitsalltag nur recht wenig zu tun hatte. Das angebotene Gehalt war immerhin selbst netto knapp vierstellig, mehr hatte ich seit dem einen Monat im Landesgewerbeamt vor zig Jahren nicht mehr verdient und aktuell lebte ich von der Hälfte. Also stand ich am nächsten Morgen, noch im Dunkeln, wieder vor besagter Halle.

Der Trubel zu so früher Stunde war ungleich größer, etliche Autos standen herum, Fahrer wuselten zwischen Paket-Paletten und den Fahrzeugen umher, es glich einem Ameisenhaufen. Der Chef hatte keine Zeit für mich und schob mich zu einem Kollegen, der sichtbar begeistert war, als Babysitter zu fungieren. Das Auto hatte er schon fast vollgeladen, konnte mir aber nicht so recht erklären, wie man jetzt rausfindet, welche Pakete man mitzunehmen hätte. Das Ausbildungsniveau für Neuankömmlinge in dieser Firma war so unterirdisch, dass ich in Ermangelung einer Grubenlampe keine Chance zum Vorankommen sah. Aber wenigstens die Tour konnte ich mitfahren.

Als wir dann den kompletten Tag durch Hohenschönhausen gurkten, taute der Kollege langsam auf. Er zeigte mir geduldig die Bedienung des Scanners, erklärte mir allerlei Zettelchen und Aufkleber, die To-Do’s bei nicht angetroffenen Empfängern, dieses, jenes und noch viel mehr. Ich lieferte einige Pakete persönlich ab und trotz der allgemeinen Eile war der Kollege immer bereit, mir Dinge ein zweites Mal zu erklären oder mich auf Probleme hinzuweisen. Abgesehen davon, dass der Tag mir als Arbeitslosem recht lang vorkam, war er schön.

Die Worte, die der Fahrer über die Firma verlor, waren zwiespältig. Er erzählte von Stress unter den Kollegen, dem Druck, der Eile. Aber er legte ein gutes Wort für den Chef ein und wies darauf hin, dass man immerhin pünktlich bezahlt würde und nicht über den Tisch gezogen. Eigentlich wirkte er recht zufrieden.

Dass das nicht mein Traumjob war, stand fest. Aber an diesem Tag sah ich eine Chance für mich und den Paketdienst. Übergangsweise, zum Überleben.

Es war natürlich ein bisschen viel Input für einen Tag, aber ich sah den berühmten Silberstreifen am Horizont. Der Kollege versprach mir, mich am nächsten Morgen einzuweisen, was das Verladen der Pakete anging und so stand ich – immer noch nicht eingestellt – das dritte Mal vor der Halle, dieses Mal bereits um 6 Uhr.

Abgesehen von einem Rest Müdigkeit war ich motiviert und wandte mich erst einmal an den Chef. Ich wollte mich bezüglich des Einladens erkundigen und konnte den Kollegen zwischen all den Ameisen nicht finden. Das sei kein Wunder, wurde mir mitgeteilt: Er sei krank. Cheffe selbst konnte mein Anliegen allerdings geistig nicht verarbeiten und hielt es für das Sinnigste, mich blöde von der Seite anzulabern: Wenn ich nicht vorhätte, jetzt eine Tour zu fahren, könne ich auch gleich wieder gehen. So jedenfalls wäre mit mir ja erstmal nix anzufangen. Ohne auch nur in Ansätzen zu blicken, dass mir einfach die Grundlagen fehlten, um mal eben mit der Arbeit zu beginnen, meinte er in hektischer Emotionslosigkeit, ich solle mich doch einfach melden, wenn es mir passen würde.

Natürlich habe ich mich bei diesem Arschloch nie wieder gemeldet und mich nach Alternativen umgesehen. Diese Entscheidung hat mich Geld gekostet. Eine Menge Geld, und es war nicht immer einfach dadurch. Es sollte zu guter Letzt aber einer der am wenigsten bereuten Entschlüsse meines Lebens sein, in Ostberlin keine Pakete ausgefahren zu haben.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)