Die letzten Meter bis ins Taxi
Die schon im vorletzten Kapitel erwähnte und ohne jede Zombie-Maske als scheintot durchgehende Bürokratin bei der Bundesagentur für Arbeit versuchte noch vergeblich, mir meine künftige Arbeit schlecht zu reden, dann ging es für mich schon auf die Zielgerade.
Einen Funkschein sollte man in einem Funktaxi besitzen, die Zentrale sieht es gerne, wenn man nachweisen kann, dass man die Regeln kennt. Zentralen gibt es in Berlin zwei, ich wählte eine nach dem Zufallsprinzip aus und stellte fest, dass dieser Schein der größte Witz seit der Erfindung der Homöopathie war: Zwei Stunden lang wurden Lächerlichkeiten erörtert, die Dreijährige mit Bauklötzen hätten darstellen können. Am Ende gab es einen Test, dessen Schwierigkeitsgrad nochmals gesenkt wurde, indem jegliche Form von Notizen ausdrücklich erlaubt war. Nur zu logisch, denn natürlich sollte niemand abgeschreckt werden, hier den Funkschein zu machen, so lange es noch die konkurrierende Zentrale gab, die ja ebenso auf der Suche nach zahlungskräftigen Taxifahrern war.
Konkurrenz durch gegenseitige geistige Abrüstung: Ein Prinzip, das Schule machen könnte.
Nach diesem und jenem Telefonat, einer zelebrierten Bedenkpause und einer durchwachten Nacht kam dann tatsächlich der Tag, an dem ich endlich Taxifahrer werden sollte.
Ich fuhr hoch aufgeregt zu einer vorher auserwählten S-Bahn-Station, an der mich genau auf der Seite, zu der ich im Eifer des Gefechts nicht rausgelaufen war, bereits unser Firmenschrauber und Autoguru Jürgen erwartete. Wie üblich hatte er sein Lächeln zu Hause in der Garage gelassen, dennoch begrüßte er mich nett und wir warteten auf den Kollegen, der das Auto vorbei bringen sollte.
Nach einer kurzen Verspätung ging es Schlag auf Schlag: Kollege kam, Vorstellungsrunde, Nummern ausgetauscht, fertig.
Schneller als ich erwartet hatte, waren Jürgen und ich wieder alleine. Er öffnete sich die Beifahrertür, wies mir den Fahrersitz zu und drückte mir einen Schlüssel in die Hand. Wir schoben uns beide auf unsere Sitze und nachdem Jürgen kurz über die Unordnung im Handschuhfach geflucht hatte und die Bedienungsanleitung zwischen zig mir noch unbekannten Formularen vorzog, begann er in leicht väterlich anmutendem Tonfall zu sprechen:
„So, also das hier ist die 1925 …“
(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)