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Kategorie: Prosa

Fahrdienst – eine Einstellungssache

Fahrdienst – eine Einstellungssache

Ich habe es versucht. Ich war der Meinung, dass man sich als Bewerber für einen Job am ehesten an den Chef, das Personalbüro oder eine sonst irgendwie zuständige Stelle wenden sollte.

Diese Anstellung sollte ich so aber nicht bekommen.

Die Wochen nach dem Zivildienst waren recht heitere. Nach dem letzten Sold kam noch die Aussteigerkohle und forderte mich geradezu heraus, zu beweisen, dass auch dieser Betrag endlich war.

Ich verbrachte viele Abende in meiner Stammkneipe, aber trotz zahlreicher Biere war mir klar, dass ich mich zumindest bei Gelegenheit auch zu etwas anderem außer Trinken hinreißen lassen sollte. Dummerweise war mir während meiner Zivildienstzeit doch nicht – wie eigentlich erwartet und vor allem erhofft – die plötzliche Erleuchtung gekommen, was ich mit meinem Leben anstellen könnte. Ich suchte also wieder nur irgend etwas, das mich über die Runden kommen ließ.

Da die Gründung von Facebook gerade erst in Planung war und ich ohnehin noch kein Internet hatte, ergab sich der erste Kontakt zu meinem neuen Job auch in besagter Stammkneipe. Mulu war regelmäßiger Gast dort, allzu viel hatten wir bis dato allerdings nicht miteinander zu tun. Vielmehr trug meine Mutter ihm zu, dass ich einen Job suche, während er ihr erzählte, dass gerade sein Kollege abgesprungen war. Dass für das Dilemma eine recht einfache und naheliegende Lösung existierte, erkannte Mulu glücklicherweise umgehend und quatschte mich eines schönen Abends blöd von der Seite an.

Ich hatte keine Ahnung, was er überhaupt machte, aber das ließ sich durch ein kurzes Gespräch erörtern: Behindertenfahrdienst.

OK. Das war nun einer der Punkte, die mich haben zweifeln lassen. Denn wenn ich ehrlich war, hatte ich meinen Führerschein erst seit einem Jahr und Behinderte hatte ich allenfalls mal im Fernsehen gesehen. Den Umständen entsprechend hab ich aber einfach mal ja gesagt und die Nummer des Fahrdienstleiters entgegengenommen.

Während Mulu mit mir im Verlauf des Abends noch ein paar Bier trank, versuchte ich mich schon einmal mental auf das Vorstellungsgespräch einzustellen, das ich am nächsten Tag führen sollte.

Am Telefon sprang mich eine geradezu unnatürlich fröhliche Stimme an, die ich alsbald wissen ließ, dass ich gewillt war, mich im Sinne des Vereins als Arbeiter nützlich zu machen. Das Gespräch dauerte runde fünf Minuten und endete mit einer ohne große Floskeln vorgebrachten Absage.

Wer jetzt meint, ich wäre mit dem Ergebnis unzufrieden gewesen, der hätte am selben Abend einmal Mulu zuhören müssen. Für seine Tour waren zwei Leute notwendig. Zum Tragen einer der Leute und – wichtiger eigentlich noch – rein rechtlich, um im Falle eines epileptischen Anfalls bei der Kundschaft sowohl einen Helfer als auch einen Fahrer im Auto zu haben.

Der Situation entsprechend angespannt, angenervt und inzwischen auch angetrunken schlug Mulu die Aussagen des Chefs komplett in den Wind und forderte mich auf, einfach am nächsten Morgen mitzukommen. Wir vereinbarten einen Treffpunkt – die Stammkneipe natürlich – und so war ich an einem schönen Frühlingstag im Jahre 2003 plötzlich Beifahrer in einem Behindertenbus. Nicht, dass ich ernsthaft eine Hilfe war, im Wesentlichen bemühte ich mich, den bohrenden Fragen einer renitenten Kundin aus dem Weg zu gehen, die  Menschen im Allgemeinen und die unausgebildeten unangemeldeten Beifahrer im selben Auto im Speziellen im Verdacht hatte, ihr nur Ärger machen zu wollen. Des Weiteren versuchte ich einfach, wenigstens ein bisschen weniger untätig zu wirken, als ich es war. Ich glaube, ich habe zum Abschluss einem Kunden den Rollstuhl geschoben. Für zwanzig Meter, vielleicht sogar für dreiundzwanzig. Ebene Strecke. Ohne Feindkontakt. Das war zweifelsohne ein Job, der wie gemacht war für mich!

Das galt es anschließend nur noch dem Fahrdienstleiter klarzumachen.

Ohne weitere Höflichkeiten schleifte Mulu mich hinter sich her ins altehrwürdige Hauptquartier des Vereins und positionierte mich gegenüber einem Grinsen, das zweifellos zu der Stimme am Telefon gehörte.

„So, das hier ist der Sascha, der ist heute mitgefahren auf meiner Tour und ist ab jetzt mein neuer Beifahrer!“

Ich hätte zu diesem Anlass dieselben Fragen wie am Vortag erwartet, die Gegenwehr jedoch war gering. Mir wurde ein Formular zugeschoben, unter Bedauern mitgeteilt, dass es vorerst leider nur eine geringfügige Beschäftigung wäre, aber super, dass ich da wäre, ehrlich, schließlich würden sie ja Leute suchen.

Ich verließ das Büro nach Abschluss der Formalitäten mit einem gewissen Erstaunen, folgte Mulu aber einfach blind und fand mich fünf Minuten später hinter einer großen Cola in unserer Kneipe wieder. Wir verabredeten uns dann zur Nachmittagstour und fortan hatte ich einen Job. Und zwar ziemlich lange.

N‘ bisschen Zivildienst unter Freunden

N‘ bisschen Zivildienst unter Freunden

Nachdem ich den Sommer damit verbracht hatte, plötzlich Klassenkameraden zu vermissen, die mich zuvor nie interessiert hatten …

Moment, das ist ungünstig formuliert. Es muss „Klassenkameradinnen“ heißen!

OK, nachdem ich also so ein bisschen theatralisch vor mich hingelitten und das mit viel Bier auskuriert hatte, begann ich mich auf meinen Zivildienst zu freuen. Die Wehrpflicht befreite mich ein weiteres knappes Jahr davor, mir über mein Leben Gedanken zu machen und war zudem schon perfekt geplant. Nicht von mir natürlich, ich hatte ja wie eingangs erwähnt eher anderes zu tun. Dieses Mal war mir alle Arbeit abgenommen worden.

Es gab die Zeit, da wollte ich wie alle meine Freunde einen möglichst coolen Ziviplatz haben. „Essen auf Rädern“ und Vergleichbares waren heiß begehrt, bedeutete es doch, den ganzen Tag mit dem Auto durch die Gegend zu cruisen und nicht eben viel zu tun. Die, die es bereits hinter sich hatten, erzählten von lässigen Touren, davon wie sie mit demenzkranken alten Menschen zwei Stunden auf der Couch gechillt haben, um die Stunden vollzukriegen oder sich ein Extra-Trinkgeld zu verdienen.

Neben der monatlichen Sofortrente im Lotto eigentlich die beste Möglichkeit, sich seine Brötchen zu verdienen. Auf der anderen Seite bedurften diese Stellen guter Bewerbungen, Anstrengungen und Mühen. Dabei ging es doch ohnehin nur um ein paar Monate.

Als ich dann wirklich begann, mir Gedanken über die Zivistelle zu machen, trat recht schnell meine Mutter auf den Plan. Die hatte bis kurz zuvor in der Verwaltung eines Altersheims ganz in der Nähe gearbeitet und vorgeschlagen, mir einen Posten zu verschaffen. Abgesehen davon, dass ich tatsächlich keine Berührungsängste zu alten Menschen kannte, sollte der Posten auch eine harmlose Hausmeisterstelle ohne viel Kontakt zur Pflege sein. Ein bisschen Rumwerkeln, hier und da mal Zeug durch die Gegend tragen und die Schlüssel für überall in der Tasche haben.

Das Nest war also sozusagen gemacht und ich brauchte mich nur hineinzulegen.

Ein paar Monate später saß ich an einer gemütlichen Feuerstelle im Garten und unterhielt mich mit André. Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, ist André nicht mehr. Er litt bereits damals im Herbst an einer schweren, unheilbaren Knochenkrankheit, die ihn noch während meiner Dienstzeit in den Rollstuhl bringen sollte. Er war locker zwei Köpfe kleiner als ich, ich hätte ihn tragen können. Stolz wie er war, verzichtete er aber darauf, stützte sich humpelnd nur manchmal ab und saß öfter mit mir an der Feuerstelle. Das Feuer brannte nicht, nur André war Feuer und Flamme. Wir redeten über Wissenschaft und Raumfahrt und trotz des Altersunterschieds war oft unklar, wer hier wem Wissen vermittelte.

Mitten in unser Gespräch platzte plötzlich Anne und zog mich energisch vom eher schüchternen André weg. Sie betatschte und bequasselte mich, bis ich ihre Bitte erhörte und sie bei den Händen nahm. Es brauchte zwei Runden Anlauf, dann verließen ihre Füße den Boden und während ich meine kompletten 150 Kilo der Fliehkraft entgegen schmiss, drehte Anne sich um mich und juchzte, sie könne flieeeeegen.

Nein, ich war nicht wirklich Hausmeister im Altersheim geworden. Bis wenige Wochen vor dem in Deutschland ja dann doch nicht ganz freiwilligen Dienstantritt sah es zwar ganz danach aus, dann jedoch eröffnete mir meine Mutter von einem Tag auf den anderen, dass die Stelle dieses Jahr wohl doch nicht besetzt werden würde.

Einer jener Momente, die mich ein Jahrzehnt später dazu veranlasst hätten, via Twitter fremde Menschen vollzunölen, dass man sich nicht auf fremde Menschen verlassen sollte.

Der Freundeskreis hielt aber, was er versprach und ich hatte pünktlich zum September eine anerkannte Stelle vorzuweisen. Auf einem Abenteuerspielplatz im Hallschlag.

Der Spielplatz selbst war das Schönste, was ich bislang in dieser Richtung gesehen hatte und das „Problemviertel“ Hallschlag war damals bereits recht gezähmt und allenfalls noch bei älteren Stuttgartern wirklich verpönt. Mein Problem hingegen war in erster Linie, dass die Zivildienststelle offiziell der Kirchengemeinde unterstand. Nur pro forma und damit nur für die Soldzahlungen von Interesse, das allerdings vermasselten sie gründlich. Im Alltag nervte der Kreuzritterverein zwar nicht, wirkte bei seinen spärlichen Verbindlichkeiten aber gläubig genug, um meine Auszahlungen auf den Tag des jüngsten Gerichts zu verschieben. Aber auch nur, bis ich mit einem weltlichen Gericht drohte.

Das Maugi war ein auf Karten kaum aufzufindendes, im Stadtteil jedoch wohl bekanntes Idyll direkt zwischen einem Weinberg, einem Steinbruch und der Müllverbrennungsanlage, wo Kinder bis 13 Jahren nachmittags von mehreren Leuten betreut all das tun konnten, was ihnen sonst verwehrt blieb. Hier sollte ich also Zivi sein und ich kann rückblickend sagen, dass ich es sehr gerne war. In der Küche und im Toberaum, in der Fahrradwerkstatt und dem Backhaus, in den selbstgebauten Hütten und im kleinsten Raum des ganzen Geländes (noch nach der Toilette): dem Büro. Ich war die halbe Person im dreieinhalbköpfigen Team, fünf Tage die Woche, acht Stunden täglich und wenn nötig auch mal länger.

Erster Arbeitstag:

Zeitgleich mit und unabhängig von mir trat als Praktikantin eine junge Frau dem Team bei und wir stellten erstaunt fest, dass wir in grauer Vorzeit – genau genommen vier Jahre zuvor – noch Klassenkameraden waren. Sie hatte die Schule lange vor dem Abitur verlassen und ich hatte ein Zeugnis in der Tasche, das ähnliches vermuten ließ. Ein paar Minuten haben wir uns darüber unterhalten, arg viel mehr als ein altes Klassenfoto einte uns aber nicht wirklich.

Mehr Erinnerungen teilte ich indes mit einem der hauptamtlichen Betreuer. Zwar waren auch wir nie Freunde gewesen, aber ich erinnerte mich jetzt, da er vor mir stand, daran wie er Jahre zuvor einen klapprigen VW-Bus gelenkt hat. In diesem Bus lag damals neben mir ein guter Teil der Stuttgarter Antifa bekifft und dementsprechend gut gelaunt auf einem Bett herum, kurz nachdem wir ein paar Nazis ihre Demonstration in Wo-auch-immer versaut hatten.

Die auffällige Frisur hatte er nicht mehr, nein seine Haarpracht war inzwischen einer Quasi-Glatze gewichen, gegen die sein Dreitagebart lang wirkte. Und wie er da so stand, verkündete er mir, ich solle meinen Bruder ins Krankenhaus fahren. Ich hatte mir für den Beginn bessere Scherze der Stammbelegschaft erhofft.

Der Witz war jedoch keiner. Der erste so zu nennende Arbeitsauftrag während meines Zivildienstes war tatsächlich das Verbringen meines Bruders in die Notaufnahme. Stuttgart war eben auch nur ein Dorf wie jede andere Großstadt und so kannte ich nicht nur die halbe offizielle Besetzung meiner Zivistelle aus meiner Vergangenheit, nein, nun leistete auch noch mein Bruder Sozialstunden dort ab und hatte sich prompt kurz nach meiner Ankunft die Sense bei der Gartenarbeit ins eigene Fleisch geschwungen. Ich habe noch heute die Befürchtung, das sah damals so aus, als hätten wir beide eine Verabredung getroffen, um uns vor der Arbeit zu drücken.

Das war natürlich nicht der Fall. Dass ich hier und da mal faul war, lässt sich schlecht bestreiten. Auf dem Spielplatz allerdings ließen sich unangenehme Arbeiten jedoch weniger durch Nichtstun, sondern mehr durch Ausweichen auf andere Gebiete vermeiden. Wenn ich keine Fahrräder in der Werkstatt reparieren wollte, fand sich immer ein Kind zum Basketballspielen. Keine Lust auf Büroarbeit? Egal, irgendwer musste ja auch das Feuer machen, das Backhaus anheizen, mit den Kids Hütten zusammen zimmern. Faul rumliegen war selten eine Alternative.

Wenn mich Freunde – also die wenigen, die niemals im Maugi gearbeitet haben – damals schief angesehen haben und sich fragten, was man denn bitte auf einem Abenteuerspielplatz als Zivi machen würde, dann habe ich mit ein wenig Stolz meist gesagt:

„Naja, zu 50% sind es Hausmeistertätigkeiten. Vielleicht 25% Fahren und Papierkram – und dann kommt noch eine 100%-Pädagogenstelle obenauf.“

Und Hütten bauen, natürlich.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

Die Prüfung, mit der zu rechnen war

Die Prüfung, mit der zu rechnen war

Eine der wichtigsten Schlüsselqualifikationen fürs Bestehen meines Abiturs war ohne Frage der Überblick über die Möglichkeiten, Kurse miteinander zu kombinieren, anrechnen oder streichen zu lassen, sowie die Berechnung all der Noten. Während mir vieles andere – wie zum Beispiel ein Großteil der Fächer selbst – nicht so lag: Das konnte ich. Offenbar besser als manch anderer, denn die Verwunderung war gewaltig, als ich verkündete, als zweites mündliches Prüfungsfach ausgerechnet Mathe zu nehmen. Ich hatte in der schriftlichen Prüfung kurz zuvor einen Notenpunkt erreicht, eine 5- also. Und das war abgesehen von einer Ausnahme auch noch die beste Note, die ich in diesem Fach in der gesamten Oberstufe vorzuweisen hatte.

Aber die Entscheidung für eben diese Prüfung folgte einer witzigerweise geradezu mathematischen Logik. Das Problem war, dass ich in mindestens einem der Fächer, in denen ich bereits schriftlich geprüft wurde, noch eine mündliche Prüfung abzulegen hatte. Viele nutzten das, um ihre Lieblingsfächer, in denen sie beispielsweise nur zehn Punkte bekommen hatten, in die Richtung zu verbessern, die sie eigentlich zu erreichen gedachten.

Die Möglichkeit hätte ich auch gehabt. Meine Abiturprüfung in Deutsch ist mit acht Punkten nicht nur unterdurchschnittlich geblieben, nein sogar meine Lehrerin war der Überzeugung, die Note wäre zu schlecht für meine tatsächliche Leistung gewesen.

Dummerweise aber ist Deutsch ein äußerst unberechenbares Fach gewesen – und ist es wahrscheinlich heute noch. Mal eben ein Gedicht interpretieren kann zwar aus dem Handgelenk gelingen, ich war jedoch immer schon ein Meister darin, genau jene Buzzwords zu vergessen, die Lehrer dann gerne hörten. Und um meine 8 Punkte ernsthaft zu verbessern, wäre ein deutlich zweistelliges Ergebnis notwendig gewesen.

Damit aber nicht genug:

Deutsch gehörte neben Geschichte schon zu den Fächern, die mich aus der Bredouille eines nicht bestandenen Abiturs zu retten vermochten. Eine verhauene Prüfung hätte mich direkt meinen Abschluss kosten können.

Übrig blieb von den mir zur Verfügung stehenden Prüfungsfächern also nur noch … genau: Mathe.

Als Matheversager kann ich ja auf eine lange Ahnenbank zurückblicken, allerdings tue ich das ohne Stolz. Viele sind zwar ähnlich meiner Wenigkeit absolute Loser auf diesem Gebiet, den meisten ist aber gemein, dass sie Mathematik hassten. Das war bei mir nie der Fall. Ich bin stets ein Freund der Logik gewesen und als solcher sicher nicht einmal überdurchschnittlich dämlich. Alleine das Fach Mathe und seine Umsetzung wurden mir im Laufe der Schullaufbahn vergällt. Meine pubertäre Null-Bock-Haltung und meine Faulheit sorgten dann endgültig dafür, dass ich den Anschluss verlor.

Bei aller Selbstkritik schiebe ich einen großen Teil der Schuld aber ab auf einen Mathelehrer, der nicht nur versuchte, so furchteinflößend zu sein, wie Mathelehrer in seiner Generation sicher noch zu sein hatten – nein, er hatte sich vor allem einer dermaßen plumpen Pädagogik verschrieben, dass vor und nach mir alle Jahrgänge stöhnten und jammerten, er möge sein Lehramt bitte an den Nagel hängen. Auf diese teils leisen, teils lauten Hinweise reagierte er mit einer konsequenten Zensur aller Artikel, die jemals in Schulzeitungen über ihn geschrieben wurden. Es kursierten eine Menge Gerüchte und Halbwahrheiten über den Mann mit der Einsteinfrisur, die plausibelste Geschichte war, dass er nur an der Schule lehrte, weil er seinerseits seinen Doktortitel nie erreicht hatte und ihm deswegen eine höhere akademische Laufbahn versagt blieb.

Dass ich als erfolgloser Ex-Schüler verächtlich über ihn schreibe, ist aber tatsächlich nicht mehr als ein Zufall. Die Bewertung seines Unterrichtes war unter allen Schülern desaströs und aus mir unbekannten Gründen wurden Lehrer in den Neunzigern kaum anderweitig kontrolliert.

Sein Konzept bestand im Wesentlichen daraus, wortlos ellenlange Formeln an die Tafel zu schreiben, sich dabei zu verrechnen und nach schnellem Wischen wieder von vorne zu beginnen. Wenn die Schüler – fleißig dabei, mitzuschreiben – Nachfragen hatten, wischte er diese mit halb gespielten, halb realen cholerischen Anfällen beiseite, deren Flüche grob beinhalteten, dass alle so unfassbar unfähig, blöd, doof und eines Studiums niemals würdig seien.

Wenn es um Erklärungen jenseits des Unterrichts ging oder gar in einem seltenen Moment der Mann hinter der dicken Hornbrille zum Vorschein kam, dann zeigte sich durchaus, dass hier ein Menschenfreund am Werk war, der gewillt war, den Kinderlein dieser Generation ein fleißiger Lehrer zu sein. Alleine: Er konnte es nicht.

Im Gegenzug war er nicht gehässig bei der Notenvergabe, er kommentierte sie höchstens so. Null Punkte im Zeugnis gab es nie, in Klausuren nur im schlimmsten Fall – über schlimmste Fälle allerdings vermochte er dann sogar vor der Klasse zu spotten, so deprimiert sie auch ohnehin schon waren.

Ich als aber mindestens schlimmster Fall von allen hab mir damals einfach nichts daraus gemacht und erhaltene Klausuren noch an seinem Tisch zerknüllt und mit einem Lächeln in den Papierkorb geworfen.

Mir war klar, dass ihn dieses Verhalten furchtbar aufregte und kränkte, aber kaum jemand traute sich überhaupt, ihm die Stirn zu bieten und ich hatte nichts zu verlieren. So hatten wir zwei also bereits in der Mittelstufe ein etwas angespanntes Verhältnis.

Und just mit diesem Lehrer hatte ich ein Wiedersehen im Grundkurs der Klasse 12. Es gab an unserer Schule zwei Mathematik-Grundkurse und als bei der Verlesung der Aufteilung sein Name fiel, versuchten alle in den anderen Kurs zu wechseln – was natürlich nicht ging. Ob er das erfahren hatte oder nicht, spielt keine Rolle. Verachtung erntete er dennoch, als er sich am ersten Tag vor uns stellte und beschwor, wir würden schon noch merken, was wir davon hätten, bei ihm den Unterricht zu besuchen.

Soweit ich mich erinnere, bekamen 50% der Teilnehmer des Kurses weniger als 5 Punkte …

Dass ich an meiner Note kaum etwas ändern konnte, würde ich nicht 2 Jahre lang mehr Mathe lernen als alles andere, war mir bewusst und das war eingeplant. Eine Null nach der anderen tröpfelte als Klausur herein, allein im Zeugnis stand immer ein Punkt. Alles andere hätte wohl Fragen aufgeworfen, mit der Zeit war ich mir sogar sicher, dass ich niemals null Punkte bekommen würde. Da ich Mathe oft schwänzte, im Unterricht nur Briefe schrieb, mich nie meldete und die Wertung schriftlich/mündlich ohnehin 80/20 betrug, war das rechnerisch kaum möglich. Wahrscheinlich sprang er da mal eben als der Chemielehrer ein, der er auch war und hat irgendeinen Katalysator für die Noten benutzt.

Sollte ich mit diesem Satz einen Chemiker verwundert haben: Ich hatte diesen Menschen tatsächlich auch als Chemielehrer und habe dadurch im Grunde nicht viel Ahnung davon, was ein Katalysator eigentlich ist. Entschuldigung.

Eine Prüfung in Mathe musste man zum Bestehen des Abiturs ungeachtet der Leistungskurse ablegen und ich tat das für meine Verhältnisse erfolgreich. Wie erwartet konnte ich zwar keine der gestellten Aufgaben ausrechnen, aber just im Jahre meines Abiturs gab es eine Textaufgabe, die eine Definition verschiedener Extremwerte einer Funktion verlangte. Komischerweise waren diese Definitionen in der Formelsammlung enthalten, die man während der Prüfung benutzen durfte. Die Punktzahl der Aufgabe war hoch genug, um mir im Gesamtergebnis den eingangs schon erwähnten einen Notenpunkt zu bescheren. Genau genommen hatte also auch ich etwas zu verlieren bei der mündlichen Prüfung, denn die Ergebnisse wurden ja zusammengefasst. Aber das war mir – wie Mathe insgesamt – völlig egal.

Ich meldete mich zur mündlichen Prüfung, weil das Risiko im Vergleich zu allen anderen Fächern immer noch zu vernachlässigen war. Außerdem hatte ich Besseres zu tun als Mathe. Es gab noch andere Prüfungen und außerdem war die Zeit ums Abi herum eine Zeit nahezu durchgehender Parties.

Von all den dreisten Autoritätsverletzungen in meinem Leben war die Matheprüfung sicher die harmloseste, weil überschaubarste. Ich hatte alle Eventualitäten einkalkuliert und am Ende blieb es eben eine sinnige Option, völlig unvorbereitet mit der Hoffnung auf schnelle null Punkte dort aufzuschlagen.

Jahre zuvor hatte ich mir überlegt, zu diesem Anlass eine Krawatte meines Stiefvaters zu tragen. Eine dunkelblaue Satinkrawatte, bedruckt mit goldenen mathematischen Formeln. Dazu wollte ich freilich verlottert wie sonst auch auftreten, es sollte ein Akzent sein, ein Fünkchen Ironie in der ironiefreien Welt des Abi-Stresses. Am Tag der Prüfung war ich zu faul für Ironie. Ich trug wie so oft eine ausgebeulte und verblichene, bereits gebraucht gekaufte Bundeswehrhose, ein bei genauem Hinschauen von kleinen Löchern zerfressenes T-Shirt, Tennissocken und komplett ramponierte Sneaker. Es war nicht wirklich eine Art Stil, mehr zelebrierte Stillosigkeit oder in meinem Fall ganz konkret das, was gerade nicht in der Wäsche war.

Ein bisschen Lampenfieber machte sich dennoch breit und ich nutzte die Vorbereitungszeit von 20 Minuten auch immerhin zu fast einem Viertel mit Vorbereitung auf die Aufgaben. An diesem Punkt bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass die mir vorgelegte Gleichung eine Variable zu viel enthielt und hab mich geärgert, dass ich keine Zigarette rauchen konnte.

Als ich gerufen wurde, betrat ich das Prüfungszimmer und verkündete, dass ja wohl irgendwas mit der Aufgabe so nicht stimmen könne. Ich hatte tatsächlich die leise Hoffnung, es könne ein Fehler vorliegen, so was kam schließlich hier und da mal vor. Hier scheinbar nicht.

Ich blickte in den schnöden Klassenraum, der ebenso wie jener, in den immer die frischen Fünftklässler gesteckt werden, völlig lächerlicherweise von den gröbsten Schmierereien bereinigt worden war und mein Blick traf auf drei entsetzte Augenpaare.

Zunächst war da das angsterfüllte Gesicht meines Mathelehrers. Es war damals in Baden-Württemberg so, dass jener ein Drittel der Prüfungskommission stellte. Neben seinem zerzausten Erscheinungsbild saß ein viel kleinerer Mensch, ähnlich alt, dafür besser in Schuss. Er jedoch trug statt der wirren Frisur eine Halbglatze und ein sehr biederes Jackett in einem undefinierbaren Braunton. Ich weiß nicht, ob er erstaunt über mein Auftreten war, oder ob ihm bewusst war, dass sein kompletter Kopf kleiner als meine Faust war. Ja, vielleicht hatte er keine Ahnung, dass ich ihn niemals verprügeln würde, auch wenn er mir eine schlechte Note gäbe.

Prüfer Nummer drei sah aus wie ich mir einen Oberstudienrat vorstellte: Schön artig glatt rasiert, mit Krawatte und blauem Samt-Jackett reichlich overdressed und dazu sichtbar ausgestattet mit null Sinn für Humor. Er war es auch, der mir umgehend mitteilte, dass mit der Aufgabe alles in Ordnung wäre.

Das war für mich ok, ich hatte mich da nicht reingesteigert, also verkündete ich kurz:

„Gut, dann kann ich sie wohl nicht lösen.“

Mein nächstes Gefühl angemessen erklären zu können sollte noch ein paar Jahre dauern, denn Fremdscham wurde erst Ende der Nuller-Jahre (ein sehr passendes Wort in diesem Zusammenhang) in der breiten Öffentlichkeit zu einem Begriff. Aber es beschreibt sehr gut, was mich ergriff, als mein Lehrer sich zu Wort meldete.

Für mich war die Sache zu diesem Zeitpunkt ja gelaufen: Sie hatten mir eine einzige Aufgabe gestellt und ich habe sie ohne erkennbaren Anflug von Ahnung nicht lösen können. Null Punkte! Der nächste bitte!

Doch Einstein bebte. Innerlich und äußerlich. Ob er sich nur um mein Abitur sorgte oder eher um den eigenen Ruf, weiß ich nicht. Dass da einer seiner Schüler eine solch blamable Leistung zeigte, war sichtlich zu viel für ihn, nur konnte ich ihm das schwer ersparen.

Er wuselte hektisch zur Tafel, versuchte mir hier und da Hilfestellungen zu geben, betonte völlig übertrieben, dass wir das doch alles im Unterricht besprochen hätten und schraubte die Anforderungen immer weiter herunter.

„Mensch, Sascha! Kann doch ned sein, dass Dir da gar nix einfällt!“

Unter den mitleidigen Blicken der zwei anderen Prüfer begann er nun, mir eine andere Aufgabe zu stellen. Völlig anderes Gebiet, vom Niveau her vielleicht auf Klassenstufe 10.

„Sehen Sie es ein, ich hab keine Ahnung!“

„Aber Sascha, des isch doch hier und dann mit dem, des muss man doch …“

„Meinetwegen.“

Irgendwann schritten die beiden anderen ein und bezeugten, dass ich ein aussichtsloser Fall bin. Endlich!

Es gab wohl nur einen Klassenkameraden, der härter um null Punkte kämpfen musste. Der tatsächlich Fakten herbeifaseln musste, um nicht den zu einem Durchfallen führenden Kommentar „nicht teilgenommen“ zu kassieren. Jener arme Tropf allerdings hatte seine Prüfung tatsächlich komplett vergessen und wurde eiligst vom Einkaufen herbei telefoniert. Ganz so schlimm war es bei mir nicht. Die Prozedur dauerte ihre zehn bis fünfzehn Minuten, dann aber verließ ich die Schule an diesem Tag sorgenfrei und zufrieden. Entlassen aus der Prüfung wurde ich mit folgendem Satz:

„Herr Bors, ich glaube, Sie waren sich nicht bewusst, dass Sie sich vor einem Prüfungsausschuss des Abiturs befunden haben.“

Das war nicht richtig. Aber eine schlagfertige Antwort bin ich ihm schuldig geblieben. Lediglich vor der Türe, auf dem Weg zurück ins Leben, zurück zu den Freunden, fasste ich die Situation kurz zusammen:

„Leck mich am Arsch, immerhin hab ich mein Abi!“

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

EKG vom Barett-Schlumpf

EKG vom Barett-Schlumpf

Wenn man so will, habe ich während der letzten Schuljahre quasi Landesverrat begangen. Also mal abgesehen davon, dass ich mich der Punk-Szene zugehörig fühlte, mein Vaterland verleugnete und ihm nebenbei etwas unbeholfen mit seiner Ausrottung drohte. Nein, ich hab auch noch die Bundeswehr belogen.

Ja, ich wusste von der Truppe, dass sie ordentliche Hosen in meiner Größe hatte – etwas, das die Bundeswehr von rund 90% der anderen Bekleidungsspezialisten unterschied, darüber hinaus hatte ich mit dem Militär immer meine Schwierigkeiten. Pazifist war ich sicher auch ein wenig, aber den Wehrdienst habe ich wie so viele andere vor allem verweigert, weil ich weder auf Schlammkriechen, noch auf sinnlosen Gehorsam stand.

Geschrieben hab aber natürlich auch ich von den schlimmen Kriegserfahrungen meiner Oma, wenngleich ich ihre Geschichten nie so abscheulich fand wie das, was ich aus Schule und Fernsehen über die dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte lernte.

Wie so oft in meinem Leben war ich vor allem trotzig gegenüber Leuten, die mir blöd gekommen waren.

Ich hatte ja schon aus politischen Gründen über eine Totalverweigerung nachgedacht, aber trotz einem gewissen Hang zur sofortigen Mitwirkung an einer Revolution habe ich aus Bequemlichkeit darauf verzichtet.

Katz und Maus zu spielen mit den Feldjägern wäre sicher lustig gewesen – die unangenehmen Nebeneffekte wie das Leben im Untergrund und eventuelle Strafen über die eigentliche Dienstzeit hinaus schienen mir dann aber doch ein zu hoher Einsatz für ein bisschen Unterhaltung zu sein.

Abgesehen vom schönen politischen Statement in Form einer Totalverweigerung sprach sonst nichts dafür. Ich wollte nicht zum Bund, ja! Aber ich konnte mir durchaus vorstellen, Zivildienst zu machen – schon alleine, weil es mir ja ohnehin an brauchbaren Ideen zum weiteren Lebensweg fehlte. Ergo: Normale Verweigerung, ganz ordentlich und nur zu bewerkstelligen durch einen Besuch in der Höhle des Löwen.

So saß ich dann kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag auch überpünktlich im Kreiswehrersatzamt und hab mich, wie es für Musterungen bei unwilligen Anwärtern üblich ist, fürchterlich geärgert.

Da war ich extra angerauscht, um dem Laden die kalte Schulter zu zeigen und ihn mit aller gerade noch legalen Verachtung zu strafen und dann war da gar niemand. An der Pforte ließ man mich durch, die Uhr an der Wand zeigte gerade einmal 6:30 Uhr an. Statt nun gleich mit dem albernen und in meinen Augen unnötigen Prozedere zu beginnen, musste ich zunächst einmal warten, bis überhaupt irgendein uniformiertes Heinzelmännchen das Licht im Wartebereich anschaltete. Stumm und ohne Hinweis auf Verzögerungen. Dass mir und den anderen inzwischen angereisten Jünglingen eventuell nach einer Weile langweilig werden könnte, bemerkte dann aber wohl doch jemand.

Also wurde ein weiterer Barett-Schlumpf zu uns entsandt, wieder einer mit einem Faible für stumme Auftritte. Er schaltete nun einen PC im Raum an. Diesem war zwar schon von außen anzusehen, dass man darauf keine vernünftigen Ballerspiele würde zocken können, aber mit sowas Beklopptem wie einer Powerpoint-Präsentation zu den Karrieremöglichkeiten bei der Trachtentruppe hatten selbst wir vier müden Gestalten nicht gerechnet. Also unterhielten wir uns notgedrungen.

Über die Musterung und die Möglichkeiten, dort gleich als untauglich eingestuft zu werden, kursierten damals viele Gerüchte. Auch im Wartezimmer machten sich alsbald die beliebtesten Urban Legends breit. Der Typ, der vor der Musterung zwei Tage nicht geschlafen haben will, tauchte ebenso auf wie der, der bei der Befragung geantwortet haben will, er wolle zum Militär, um endlich mal jemanden umzulegen. Es existierten damals Web-Foren, die einem Medikamente zur Vortäuschung bestimmter Krankheiten empfahlen und tausende Tipps zur garantierten Ausmusterung parat hatten.

Idealerweise hätte ich an der Pforte schon mit „Heil Hitler!“ grüßen sollen oder im Warteraum an die Heizung gekettet nach meiner Mama rufen.

Aber wie gesagt: Mir lag nicht viel daran, den Zivildienst gleich mit zu vermeiden, somit konnte ich gut mit dem Schicksal leben, für tauglich erklärt zu werden. Nicht zum Bund zu müssen reichte mir.

Ehrlich wie ich bin, hab ich dann gleich gesagt, dass ich verweigern will und zum Dank nur das Programm für Hippie-Lutscher absolvieren müssen. Die Frage, ob es eher mich, die Deutschen oder die Bundeswehr sorgen sollte, dass ich mit 50 kg Übergewicht immer noch die zweite Tauglichkeitsstufe erreicht habe, überlasse ich besser den Geschichtsschreibern.

Ich war am Ende exakt so schlau wie zuvor: Ich würde meinen Zivi machen. Positiv hervorzuheben wäre allerdings ein halber Tag schulfrei und außerdem hatte sich endlich mal wer die Mühe gemacht, auszumessen, wie groß ich genau war. Der umherwuselnde Uniformierte, der ein Geodreieck suchen musste, um die nur zwei Meter in die Höhe reichende Messlatte zu verlängern, hat mir den Tag ungemein versüßt.

Ergebnis: 2,03 Meter.

Die anschließenden ärztlichen Untersuchungen waren Kinderfasching. Selbst der berühmt-berüchtigte EKG (Eier-Kontroll-Griff) war gar nicht so schwierig ohne versehentliche Erektion zu überstehen wie befürchtet, da sie für diese Prozedur nur Ärztinnen ausgewählt hatten, die zumindest vom Alter her noch des Führers höchst eigene Klöten gekannt haben müssten.

Am Ende jedenfalls wurde mir meine Verweigerung bestätigt, außerdem wurde mir bedeutet, dass die Einreichung meiner schriftlichen Begründung noch Zeit hätte, da ich ja ohnehin noch eine ganze Weile die Schulbank drücken würde.

Keine drei Wochen später schien jedoch bei der Bundeswehr der Bedarf an übergewichtigen T2-Lutschern so stark gestiegen zu sein, dass sie auch mich anschrieben und mir damit drohten, mich umgehend einzuziehen, wenn ich nicht baldestmöglich die schriftliche Begründung einreichen würde.

Der im Übrigen selbst ziemlich übellaunige Schrieb ist der Grund, weswegen heute in irgendeinem Bundeswehrarchiv eine Verweigerung herumliegen müsste, die einen Einleitungsteil enthält, der mehr oder minder besagt, dass der Verein ja wohl weder Tassen im Schrank, noch ungeöffnete Rektalöffnungen hätte.

In der Folge besteht der Brief aus zwei recht lieblos zusammengewürfelten, damals sehr bekannten im Internet kursierenden Verweigerungsschreiben, ergänzt um zwei Sätze, wie sehr ich es bedauere, dass ich meinen Opa nie kennenlernen durfte, was zumindest meiner Meinung nach irgendwie indirekt mit seiner Gefangenschaft nach dem Kriegsende 1945 zu tun hatte. Irgendwo musste der Krebs ja hergekommen sein, der ihn anno 1981 dahinscheiden ließ.

Der Brief war mit mittelschweren Grammatikfehlern schief auf ein vergilbtes Blatt gedruckt und eigentlich hab ich nur nicht drübergepinkelt, weil ich befürchtete, sonst eventuell noch einen schreiben zu müssen.

Der Bundeswehr war es auch ohne Körperflüssigkeiten authentisch genug und somit war meine Verweigerung durch.

Diese wirklich auf diese paar Stunden beschränkte Erfahrung mit der Truppe hat definitiv nur weiter dazu beigetragen, dass ich den Bürgern in Uniform niemals auch nur einen Hauch Respekt entgegenbringen konnte.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

Amtliche Arbeit für 18,62

Amtliche Arbeit für 18,62

Im Sommer 2000 sollte ich dann lernen, was Arbeit ist. Ich vermute zumindest, dass das die amüsierten und geheimen Gedanken meines Vaters waren, der es zu schätzen wusste, dass auch ich faule Socke mir meinen neuen Computer nur mit harter Arbeit leisten konnte. Endlich würde ich dem Ernst des Lebens wenigstens mal ins Auge sehen, wissen was ein fieser Chef bedeutet und mal mein eigenes Geld statt seines aus dem Fenster werfen …

Vor bezahlter Arbeit hatte ich mich bis dahin ziemlich erfolgreich drücken können. Genau genommen erinnere ich mich nur an einen einzigen Tag und an diesem Tag hatte ich mit meinem Freund und Klassenkameraden Paul in Stuttgart-West ein paar Werbeflyer verteilt. Die entbehrungsreichen Stunden trieben uns von Tür zu Tür, von Klingel zu Klingel und schon nach drei Stunden konnten wir nicht mehr. Wir japsten und schnappten nach Luft, denn es war im Kopf nicht auszuhalten, was für bekloppte Nachnamen die Menschen hierzulande hatten! Auf die Idee, so eine Arbeit dauerhaft zu machen, wären wir beide aber nicht im Traum gekommen.

Den Rest meiner dennoch sorgenfreien 18 Lebensjahre lebte ich von Taschengeld und regelmäßigen Finanzspritzen meiner Oma.

Dieser Sommer sollte allerdings wegen des bevorstehenden Computer-Kaufs ein besonderer Sommer werden. Während jedes Stückchen Hardware, jedes neue Teil, das ich unbedingt auch brauchte, die Rechnung umfangreicher werden ließ, hatte ich zur Finanzierung des Ganzen einen guten Tipp von Jörg bekommen. Er arbeitete seit einiger Zeit beim Landesgewerbeamt und war mit seinem Job mehr als zufrieden. Man könnte zusammenfassend sagen, dass er den lieben langen Tag nicht viel mehr machte als anwesend zu sein. Dafür gab es allerdings ein stattliches Gehalt.

Natürlich lehnte ich schon den Gedanken an etwas derart Anstrengendes, wie irgendwo herumzusitzen, wo ich nicht herumsitzen wollte, erstmal grundsätzlich ab. Ferien sind immer schon Ferien gewesen!

Aber irgendwann nach dem x-ten Durchblättern einer der vielen Fachzeitschriften, die ich inzwischen las – als hätte ich schon einen Computer – fasste ich mir ein Herz und rief den Personalchef im Haus der Wirtschaft an, wo das Landesgewerbeamt residierte. Der Mensch am anderen Ende der Leitung bestätigte mir, dass sie Leute suchen und lud mich zu einer Art Vorstellungsgespräch ein. Ich suchte zwar lediglich einen Aushilfsjob für die Sommerferien, die nun an den Tag gelegte Lockerheit überraschte aber auch mich:

Zunächst wurde mir in einem besenkammergroßen Büro umgehend mitgeteilt, dass es keinen Job mehr im Sicherheitsdienst gäbe. Aber, so ließ mich der freundliche Herr mit dem Schnauzbart wissen, wenn ich Lust hätte, könne ich ja im August die Aushilfe in der Logistik übernehmen.

Ein paar Floskeln und Unterschriften mit gegenseitigem Grinsen später verließ ich die Bude also mit einem Termin zum Arbeitsbeginn und beeilte mich, da ich zu Hause unbedingt noch nachschlagen wollte, was Logistik nun eigentlich genau bedeutet, bevor ich meiner Umwelt mit vor Stolz geschwellter Brust erzählen konnte, dass ich einen Job gefunden hatte.

Überpünktlich und nervös fand ich mich dann einige Wochen später an der Zufahrt für Lieferanten am beeindruckenden Gebäude wieder. Was mich genau erwarten würde, wusste ich noch immer nicht so recht. Aber für 18,62 DM in der Stunde war ich bereit, mir alles anzutun.

Kurz darauf stolperte ich, nachdem ich langsam und vorsichtig in der Ladezone der LKW-Einfahrt einen Eingang gesucht hatte, in eine recht lebhafte Truppe von Leuten, die in einem mittelgroßen Zimmer umherwuselten. Die Wände dieses Raumes waren mit hohen Paketregalen voll gestellt, nur zur Rechten standen zwei seltsam zueinander ausgerichtete Schreibtische. Mir wurde nahegelegt, mich doch an den einen davon zu setzen. Wow! Ein eigener Schreibtisch! Ein erstklassiger Einstieg ins Arbeitsleben!

Die bisher am Telefon des anderen Schreibtischs gestikulierende Frau sollte offenbar meine Chefin sein. Das jedenfalls sagte sie mir, nachdem sie ihr schmales Gesicht von den gröbsten Sorgenfalten befreit hatte. Sie schüttelte mir lange die Hand, wobei mir auffiel, dass wir beide etwa die selbe Größe hatten, so lange ich sitzen blieb. Die Kollegen, teils richtige Brecher für die groben Aufgaben, teils zierliche Beamte im Bürodienst, eilten mit ihrem Frühstück zwischen den Zähnen durch den Raum, offenbar um hier und da schon Dinge zu erledigen, die zwar zeitintensiv waren, aber nicht so wichtig, dass man ein Brötchen deswegen alleine lassen müsste.

Trotz all dem Gezappel um diverse Lieferungen schaffte die Chefin es, mir mitzuteilen, dass ich von nun an die Hauspost auszutragen hatte.

Auch wenn ich es mir nicht anmerken ließ, verfinsterte sich meine Laune deutlich. Ich hatte davon geträumt, in diesem Laden meine Zeit abzusitzen, so hatte Jörg es versprochen! Stattdessen nun also die Hauspost. Ich als Briefträger, wahrscheinlich mit der Extra-Befugnis für die ganz schweren Pakete! Das Haus der Wirtschaft war immerhin ein gewaltiges und monumentales Bauwerk mit weit mehr Stockwerken als ich mir zu durchwandern vorstellen konnte: vier!

Doch mein ruhiges Verharren in ängstlicher Apathie sollte sich auszahlen. Die Hauspost im Landesgewerbeamt auszutragen war nämlich ein Job, der vielleicht den Anspruch erheben konnte, der albernste auf diesem Planeten zu sein – bis irgendwann jemand Sportvereinsmaskottchen erfunden hat.

Denn ich musste genau genommen nur zweimal täglich die Briefe im Haus verteilen. Aber nicht etwa jede Sendung einzeln zu den Leuten ins Büro bringen, sondern lediglich im Postraum des jeweiligen Stockwerks das entsprechende Fach füllen.

Diese Posträume waren leicht auffindbar und befanden sich unweit des Fahrstuhls. Zudem erhielt ich im Falle einer schwereren Sendung ein kleines Wägelchen, das ich hinter mir herziehen konnte, um ja nicht unter der Belastung während der etwa zehn Minuten Arbeitszeit zusammenzubrechen.

Unter schwere Sendungen fiel ungefähr alles, was nicht unzerknittert in einen Briefumschlag passte und ich sollte lernen, dass enormer Wert darauf gelegt wurde, dass ich in einem solchen Fall auch tatsächlich den Wagen nahm.

Wenn es ganz hart kam, musste auch noch Post in die Zweitfiliale gebracht werden. Diese Zweitfiliale allerdings war nur 150 Meter entfernt und über einen ebenen Fußweg zu erreichen. Die einzige Straße konnte bequem an einem Zebrastreifen überquert werden, bei dem ich mir inzwischen sicher bin, dass er genau dieser Postlieferungen wegen angelegt worden war.

Dieses Unterfangen sollte also meine Hauptaufgabe sein. Einmal um 9 Uhr, einmal um 13 Uhr. Dem Aufgabenprofil entsprechend handelte es sich um eine Vollzeitstelle mit Arbeitszeiten von 7.00 – 15.30 Uhr, acht Stunden täglich plus Pause. Für fast 150 Mark am Tag. Seitdem lächele ich immer mildtätig, wenn mir die Presse etwas von staatlichen Haushaltslöchern erzählt, schließlich wurde auch diese meine Stelle aus Steuergeldern finanziert.

Zumindest meiner direkten Vorgesetzten konnte man keine Vorwürfe machen, sie klärte mich auch umgehend auf, wie sich solch ein Irrsinn einbürgern konnte:

Der August war der Monat mit den wenigsten Anforderungen im Haus. Der August war der Monat, in dem keine öffentliche Ausstellung stattfand. Der August war der Monat, in dem die meisten Leute Urlaub machten und sich die Arbeit in der Logistikabteilung mindestens halbierte. Und – völlig logisch – der August war der einzige Monat, in dem eine Aushilfe vorgesehen bzw. von der Finanzabteilung genehmigt war.

Es kann wohl davon ausgegangen werden, dass die Planer des Landesgewerbeamtes gleichermaßen für die Drehbücher von Monty-Python-Filmen zuständig waren und es irgendwann einmal eine Verwechslung gegeben hätte, die im Nachhinein zu peinlich war, um sie zu korrigieren …

Natürlich konnte ich im Laufe des Monats auch noch ein paar andere Dinge tun, aber im Allgemeinen blieb es dabei, dass ich als Aushilfe eigentlich nichts wirklich Wichtiges machen durfte und die Zeit im Büro vertrödelte.

Pünktlich da sein musste ich trotz allem, das wurde mir unmissverständlich klargemacht. Aber an jedem einzelnen Tag stiefelte ich herein, erkundigte mich nach Arbeit und bekam als Antwort:

„Jetzt erstmal Frühstück. Willste die Bild?“

Da ich schon damals nicht sonderlich gerne erfundene Geschichten aus der Bild-Zeitung las, begann ich, mir eigene Zeitschriften und Bücher mitzubringen. Die wöchentliche Ausgabe des Spiegels sehnte ich herbei, gereicht hat sie letztlich immer nur für einen bis maximal anderthalb Arbeitstage. Noch schlimmer waren zweitklassige Machwerke wie Focus und Stern, aber bei der anhaltenden Langeweile begann ich irgendwann alles zu lesen, so lange es nur irgendwie Input und Ablenkung bot.

An einem dieser ewig langen Tage brachte Focus einen IQ-Test, den ich während der Arbeit und zwischen gelegentlichen Kollegengesprächen mit einem Ergebnis von 140 Punkten abschloss, was, wenngleich ich mich für nicht dämlich halte, einiges über die Betriebsamkeit in diesem immerhin schön kühlen Büro aussagen dürfte.

Die angenehmsten Tage waren die, an denen mich meine Chefin verlieh. Einen Tag lang konnte ich die Poststelle unsicher machen und dort Briefe wiegen. Es handelte sich zwar auch hier nur um völlig unspektakuläre Werbepost, dennoch  war es eine schöne Abwechslung, mal nicht nur Brötchen zu kauen und Anrufer zu vertrösten. Nach einer halben Schicht an der Waage bekam ich zudem die Anweisung, die hauseigene Frankiermaschine bei ihrer Arbeit zu überwachen. Mir spukte ein wenig jugendlicher Leichtsinn durch den Kopf in Anbetracht der Tatsache, dass mir jemand eine Maschine anvertraute, die gefährlich genug war, um einen Not-Aus-Knopf zu besitzen, ausgelebt habe ich meine Fantasien aber nicht. Ich hatte abgesehen von der Zusammenarbeit mit neuen Gesichtern endlich mal das Gefühl, etwas halbwegs Sinniges zu tun. Im Büro der Chefin bestand die oberste Anweisung an mich immer darin, nichts alleine zu tun. Die Kartons aus dem oberen Regalfach runter holen? „Frag Manfred!“ Manfred war zwar 30 Jahre älter und zwei Köpfe kleiner, aber er kannte sich nun mal rein offiziell am besten mit Kartons aus.

Wenn jemand anruft? „Sag einfach, dass die Chefin gleich zurück kommt!“ Völlig egal, ob jemand bloß wissen wollte, ob am nächsten Morgen um 11 Uhr jemand da sei, um eine Sendung entgegenzunehmen. Ich hätte ja gerne gesagt: „Ja, ich! Verdammt, ich bin immer da und weiß nicht mal warum!“ Aber nein: „Warten Sie einen Moment. Die Chefin ist gleich wieder da.“

Unter diesen Umständen empfand ich es sogar als angenehm, mal kurz weg beordert zu werden, um eine Tonne Papier in die dafür vorgesehenen Regale zu stapeln.

Ich habe mehr gelesen, als ich es in den vorangegangenen Jahren auf dem Gymnasium getan hatte und im August 2000 jeden Werktag damit begonnen, mir beim Bäcker an der U-Bahn zwei Tomaten-Mozzarella-Brötchen zu holen, um sie anschließend im Büro über gemütliche anderthalb Stunden verteilt zu essen.

Ich war froh, als sich der Monat dem Ende näherte, auch wenn ich all die Tage mit sehr netten Kollegen in einer angenehmen Atmosphäre verbringen durfte.

Nein, was Arbeit wirklich ist, habe ich in dieser Zeit nicht gelernt. Ich habe nur gelernt, wie der Staat Geld zum Fenster hinauswirft und wie man es schafft, auf einem völlig unnötigen Posten die Füße stillzuhalten, um sein Geld zu bekommen. Und ich habe gelernt, dass ich ganz sicher keinen Bürojob machen will, der nichts außer dreifach potenzierter Langeweile beinhaltet. Vielleicht ist dieser Monat, dieser Job, so gesehen wichtiger für mich gewesen, als ich mir damals eingestehen wollte. Einen Mehrwert fürs Landesgewerbeamt hatte meine Arbeit kaum, ich dagegen habe mir damit einen beträchtlichen Teil meines ersten Computers finanziert. Den Rest gab es wie üblich von Oma.

Und immerhin: Auf diesem Computer begann ich zu tippen und Teile davon werkelten noch im Gehäuse, als ich mit Bloggen und damit öffentlich zu schreiben begann. Auf der Suche nach versöhnlichen Worten könnte man es also als Kulturförderung abtun.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)