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Kategorie: Prosa

Simon

Simon

Man kann nicht sagen, dass sich das Leben in allen Bereichen verschlechtert hätte. Dass Simons Chef jetzt einer der Zombies war, hatte zum Beispiel einen deutlich entspannteren Arbeitsrhythmus zur Folge. Also ja, Simon ging halt einfach nicht mehr hin, auch aus Sicherheitsgründen.

Dabei hatten sie mit dem Chef wirklich Glück gehabt. Er war nunmal immer ein Arschloch gewesen, bei ihm waren die „psychischen Warnsignale“, wie die WHO sie nannte, einfach zu offensichtlich. Als der Chef an diesem Dienstag die Hand zu einem High-Five erhob, hat ihn Nele aus der Buchhaltung sofort mit einem Tritt in die Weichteile außer Gefecht gesetzt. Die Studienlage zum Schmerzempfinden und zur Persönlichkeitskonsistenz in der „Suchphase“ ist weiterhin Gegenstand der Forschung, aber was auch nicht von der Hand zu weisen ist: Ethik allgemein ist eher so ein mittel beliebtes Instrument während Zombie-Apokalypsen.

Simon und Bianca waren bisher verschont worden. Anfangs lag es einfach daran, dass sie beide unbeliebt waren, aber als nach rund einer Woche erste Warnungen aufkamen und über die neue Krankheit spekuliert wurde, haben sie bewusst Abstand gehalten. Inwzischen teilten sie sich Biancas Wohnung, die war strategisch praktischer gelegen und sie konnten sich bei Bedarf die Verteidigung in Schichten einteilen, auch wenn das bisher nicht nötig war.

Wie ungefähr auch der ganze Rest der Welt hatten die beiden sich unter einer Zombie-Apokalypse etwas wesentlich dramatischeres vorgestellt. Jeder hatte „The walking dead“ auf Netflix gesuchtet und auch wenn man in Deutschland nicht ganz so leicht an Waffen kam wie in den USA, so war spätestens beim endgültigen Ausbruch von KV3000 eindeutig klar, dass man sich mit Waffengewalt gegen bösartige Monster würde verteidigen müssen. Nun waren es aber vor allem Staubsauger, die zum Sinnbild des menschlichen Überlebenskampfes werden sollten.

Noch bevor der Wirkmechanismus des Virus völlig verstanden war, war die Sache mit den Kätzchen klar. Sie waren die Überbringer des ganzen Schlamassels und da waren Staubsauger eben die naheliegende erste Wahl.

„Wir haben kaum was zu essen, wir sollten wirklich so langsam mal raus!“

Da hatte Bianca schon recht. Sie hatten nämlich auch Glück mit ihrem Stadtteil, hier waren die Leute schnell zu Zombies geworden, was bedeutete, dass die meisten nur noch nervten, aber keine große Gefahr mehr darstellten. Der internationale Verbund von Wissenschaftlern, der KV3000 erforschte, war in der Auffassung über die Anpassungsfähigkeit des Erregers über eine erste Welle der Begeisterung schnell zu zweckmäßiger Ernüchterung gekommen. Steve Brendand, 74, Dentalanalytiker und komissarischer Leiter nach mehreren „Ausfällen“ im Gremium, prägte die Nachrichtenplattformen tagelang, indem er folgendes verkündete:

„Ja, das könnte das Ende der Welt sein, aber es ist ein sehr dummes Ende.“

Das freilich war gekürzt. In ganzer Länge lautete sein Statement wie folgt:

„Ob dieses Virus gefährlich ist? O ja, das könnte das Ende der Welt sein. Wenn Sie mich aber fragen, ob das das aufregendste Virus ist, das ich je gesehen habe, oder ob dieser Erreger besonders gut angepasst oder gar vermeintlich intelligent ist … dann muss ich sagen: Nein. Dieses Ende der Welt ist ein sehr dummes Ende der Welt.“

Aber das bezog sich auf das langfristige Überleben des Virus. An Katzen war er faszinierend gut angepasst und griff in völlig unabhängige Körperprozesse ein: Zunächst lagerte sich virale RNA während des Wachstums in den Haaren an. Dann wurden im Gehirn sowohl Areale für den Sexualtrieb als auch für Furcht und Aggression beinahe zufällig aktiviert und zudem stellte ein bislang noch nicht entschlüsselter Vorgang einige Proteine bei der Haarbildung um, so dass sie deutlich robuster wurden, teilweise sogar eine nahezu stachelartige Struktur bekamen.

Mit den bekannten Folgen: Die Katzen suchten körperliche Nähe, stellten hier und da ihre Haare auf und punktierten einander sehr unauffällig. Durch die schiere Menge an Kontakten war die Übertragungsrate dennoch immens hoch und da die Katzen nach bisherigen Erkenntnissen keine weiterreichenden Symptome entwickelten, wäre das „a subbr Sach fir elle gwä“, wie Professor Gerd Schächtele, Chef-Immunologe in der Uni Stuttgart zu sagen pflegte, bevor er und seine Katze … naja, man kann es sich denken …

Denn ja: Dann kam der Mensch. Einige Prozesse funktionierten speziesübergreifend erstaunlich gut, rückblickend betrachtet betrafen zum Beispiel die ersten Beschwerden über die neue Krankheit „spitze Haare“ und speziell in Süddeutschland den erhöhten Rasierklingenverschleiß. Das meiste, was sich im Gehirn abspielen sollte … das wurde dann das eigentliche Problem. Anstatt sich wie die kleinen Kätzchen im wesentlichen etwas „stärker zu sozialisieren“ und ansonsten weitgehend sorgenfrei zu leben, wurden die Menschen auffällig. Ja, ein paar Hormone wurden verstärkt ausgeschüttet, etwa 40% der Erkrankten sollen besagte „Suchphase“ mit erkennbar mehr Emotionen und/oder Sozialkontakten deutlich gezeigt haben. Die Dunkelziffer dürfte weit höher liegen. Eine neurologisch-kulturelle Problematik: Man spricht nicht so gerne nett über Leute, die man aus Notwehr erlegen musste.

Bianca und Simon zogen sich die Handschuhe an, die ihre Hauptverteidigung gegen streunende und krankheitsbedingt aufdringliche Stubentiger waren. Laut einem Noterlass des regierenden Bürgermeisters hätten alle Katzen bereits zum Ende letzten Jahres getötet worden sein, aber in der Praxis hatte das natürlich nicht funktioniert. Zum einen weil die Katzenpopulation dank des Virus einen unerwarteten Sprung nach oben machte, zum anderen, weil natürlich viele Katzenbesitzer nicht wahrhaben wollte, dass ihre Maunzis und Schnurrles auch betroffen waren. Viele Mitglieder jenes empathischen Menschenschlags saßen inzwischen halb tot und sabbernd in ihren Sesseln, während sie gar nicht mehr mitbekommen konnten, wie viele Nachfahren ihrer Katzen sich alleine in ihrem Kühlschrank paarten, wo inzwischen aus dem letzten Wocheneinkauf etwas durchaus interessantes und nahrhaftes gewachsen war.

Das mit dem Hinsiechen war auch das eigentlich fiese, weswegen man jetzt all die Zombie-Vergleiche hatte. Ein leidlich schneller Verfall von komplexeren Hirnfunktionen, der vornehmlich dem Energiesparen diente. Eigentlich nicht sonderlich lustig. Zu grundsätzlicher Nahrungsaufnahme waren die meisten Sterbenden noch monatelang fähig, wobei nach kurzen ersten Versuchen einer Eingliederung das komplette Pflegesystem zusammenbrach.

Wie auch sonst eigentlich alles. Die ersten Tage waren es ein paar Notarzt-Einsätze mehr, dann folgte die „obskure Welle“. Etwa der Krankenwagenfahrer, der während seiner Schicht so schwer erkrankte, dass er an der Klinik als Patient aus dem Auto fiel. Oder die vielen vielen Verkehrsunfälle, die drei abgestürzten Kranfahrer und der Jäger, der noch schoß, aber schon nicht mehr wusste, worauf.

Der erste Weg führte auf den Dachboden. Zwei, drei liebestolle Katzen miauten durch die oberen Stockwerke, zu Gesicht bekommen haben Simon und Bianca sie nicht. Um sie herum zeigten die zahllosen Hinterlassenschaften dennoch eindrucksvoll, welch rasanten kurzzeitigen Aufschwung die Hauskatze kurz vor 2020 hatte.

Die Dachgärten hatten sie katzensicher angelegt. Soweit möglich. In den ersten paar Wochen hatten Bianca und Simon einiges dazulernen müssen über die Sprungkraft der Stubentiger. Es war zwar kein offizieller Fall bekannt, in dem jemand sich über Nahrung angesteckt oder ohne Mensch- oder Katzen-Direktkontakt erkrankt war – allerdings waren schon alleine die sechs Leichen hier im Haus Fälle, die es nie in eine offizielle Statistik schaffen würden. Mal ganz davon abgesehen, dass sich binnen weniger Tage auch die Zahl der verfügbaren Wissenschaftler rasch dezimiert hatte.

Bianca öffnete vorsichtig und nach mehrmaligem Umsehen die Tür zum Garten, der von außen eher nach einem wenig interessanten Verschlag aussah, rückwärtig jedoch Sonnenlicht bekam und trotz der schmalen Zugangsseite nahezu zehn Quadratmeter Pflanzfläche aufwies. Wie sie beim Anlegen ihres Alternativgartens richtig gemutmaßt hatten: Ab einem gewissen Punkt waren neben den Zombies und den Katzen auch andere Überlebende ein Problem geworden. Oder wie Simon es sagte: „Nur weil werktags zwischen 12 und 15 Uhr die Website der Polizei Berlin online ist, bedeutet das nicht, dass eine umfassende Gewährleistung des Rechtsstaates etwas ist, das man einer allzu genauen Prüfung unterziehen sollte!“

Sie krochen beide hinein und schlossen die Tür hinter sich. Zumindest Simon erinnerte sich, wie erstaunt er auf einer ihrer ersten Besorgungstouren durch die verwaisten Nachbarwohnungen war, dass er ausgerechnet in Broccoli-Tims Wohnung einen veritablen Vorrat an Vorhängeschlössern und ähnlichen Sicherheits-Features finden konnte, während besagter Tim ihm hilflos zusehen musste, wie er ihn ausraubte, weil er bereits in Stadium 5 war, was zwar höchst unterschiedlich ausfiel, in seinem Fall aber eindeutig die klassische Handzahn-Variante war: Während das Gehirn versuchte, die Extremitäten zu bewegen, klapperte Tim nur mehr lustlos mit den Zähnen. Es dürften danach noch drei oder vier Tage gewesen sein, länger hat das nach dem (wie erwähnt bescheidenen) Stand der Wissenschaft bisher niemand überlebt, der sich nicht zufällig beim Bemerken seiner Erkrankung in einen Schlafsack aus Teig gewickelt hat. Etwas, das auf erschreckend vielen Verschwörungs-Seiten (zwischen 12 und 15 Uhr) ernsthaft als Empfehlung nachzulesen war.

Viel neues brachte das Kriechen durch den Garten aber leider auch nicht, denn viele der Pflanzen waren allenfalls vor zwei Wochen ausgesät worden. Enttäuscht brach Bianca den Versuch ab und stieß nach dem Aufschließen die Tür mit einem herzhaften Ihr-könnt-mich-alle-mal-Tritt auf und wurde umgehend von einer Katze angefallen, die offensichtlich zwischen den Kuschelkissen der letzten Jahre noch nicht alle Tiger-Instinkte verlernt hatte.

Man spürte die Punktionen wirklich nicht. So stachelig sich die Katze an sich anfühlte, so wenig bedrohlich. Die vielen „Zu Tode gekuschelt“-Headlines vor der merkbaren Ausdünnung bei Boulevard-Journalisten hielten entsprechend viele Server am Laufen, auch jetzt noch, da die Energie nur jenen Knotenpunkten zugesprochen wurde, die entsprechende Nutzerzahlen vorweisen konnten. Ein an sich cleveres Konzept, das bei rückläufiger Stromgewinnung versuchte, den Überlebenden wenigstens etwas Infrastruktur außerhalb der wenigen hermetisch abgeriegelten Sicherheitsbereiche zu gewährleisten. Leider einhergehend mit Nebenwirkungen wie der stetigen Präsenz von dummdreisten Seiten, die entweder die deutsche Kanzlerin bezichtigten, einen geheimen Katzenhasser-Overkill betreiben zu wollen oder mit wissenschaftlich angehauchtem Vokabular den Eindruck zu erwecken versuchten, dass die Juden an allem Schuld seien oder Katzenkot trotz allem noch eine gute Antifaltencreme hergeben würde, wenn man die Haare aussortieren und den Rest gen Andromeda schütteln würde. Ein temporäres Phänomen, denn natürlich waren die Zugriffe auch hier insgesamt rückläufig.

„FUCK!“

„WAS?“
„SIE …“
„WAS?“
„SIE HAT …!“
„WAS?“
„MICH GEKUSCHELT!“

Simon war die Ratlosigkeit ins Gesicht geschrieben und Bianca stand verständlicherweise kurz davor, die Nerven völlig zu verlieren. Natürlich gab es hypothetisch auch uninfizierte Katzen, natürlich lag die Ansteckungsgefahr nicht bei glatten 100%, aber ebenso wie nach der Trump-Wahl der IQ-Drop in der amerikanischen Außenpolitik vorhersehbar war, galt Katzenkuscheln inzwischen als sicheres Todesurteil. So sicher, dass #killmewithcats über Wochen ein ernstzunehmender Twitter-Trend war.

„Töte mich.“, schluchzte Bianca umgehend und Simons fehlender Sinn für angemessenen Humor schlug sich umgehend Bahn:
„Sicher, dass Du nicht noch zwei Wochen RTL2 mitnehmen willst, jetzt, wo’s eh egal ist?“

Bianca fing an, unaussprechliche Dinge zu schreien, Verwünschungen auszustoßen und ganz allgemein wenigstens ein bisschen gegen das zu verstoßen, was kurz vor den „Ereignissen“ noch scherzhaft „amerikanische Diplomatie“ genannt wurde.

Auch wenn zwischen den beiden jetzt nicht gerade eine klassische Klischee-Romanze gelaufen war, die Simon sich in Anbetracht des nahenden Weltuntergangs durchaus gewünscht hätte: Ein kleines Bisschen seines Frühstücks kam ihm dennoch hoch, als er (völlig konform mit der derzeit vorherschenden Ethik!) einen zufällig herumliegenden Pflasterstein durch die Teile ihres Schädels schlug, die er für gute Punkte hielt, um Stellen im Gehirn zu treffen, die einem frühzeitigen Ableben zuträglich sein würden.

Glücklicherweise lag er damit trotz all der damit einhergehenden Sauerei nur selten daneben. Das Ende von Biancas Existenz war damit nicht unbedingt komplett schmerzfrei, mit mehreren Wochen RTL2 ohne dabei Chips essen zu können allerdings auch nicht vergleichbar.

Ein Mensch, der fürs Alleinsein gemacht wurde, war Simon trotz aller Streitigkeiten aber eben auch nicht. Sicher: Er hatte jetzt einen eigenen Garten für sich, eine eigene Wohnung und selbst die inzwischen angesammelten Waffen konnten sich sehen lassen. In der Berliner Sperrzone von immerhin knapp 600km² konkurrierte er nun mit kaum mehr als 2.000 anderen Leuten. Man könnte sagen, er hatte es geschafft! Als einer von wenigen! Das wusste Simon und es wäre unfair zu behaupten, dass er keinen Stolz darüber verspürte. Dennoch blieb ihm nichts anderes übrig, als sich auf die Terrasse zu setzen, ohne die Tür hinter sich abzuschließen. Die Sonne ging gerade irgendwo hinter Hochhäusern unter, die er sich nie angesehen hatte, obwohl sie in derselben Stadt standen, in der er sich jahrelang wohlgefühlt hatte.

Er hat sich trotz alledem nicht gewehrt, als der rot-weiß-getigerte Kater von Ilse Helbord aus der Dritten laut miauend auf ihn zugestakst kam und sein zartes und doch irgendwie stacheliges Köpfchen an sein Kinn stieß. Nähe suchend, Liebe suchend, schnurrend.

„Na, Kleiner? Schöne Scheiße hier, wa?“

Ein paar tausend Menschen haben es im Verlauf der nächsten zwölf Jahre geschafft, sich eine neue Existenz in Irland aufzubauen und die Expeditionstrupps, die im Wesentlichen Katzen ausrotten, sind inzwischen auch wieder bis in die Türkei vorgerückt, der Großteil West- und Mitteleuropas ist bereits von Wiederaubau-Truppen besetzt, deren Hauptanliegen Datensicherung und Infrastruktur-Wiederherstellung sind. Wenn man den drei regierungstreuen Radiosendern glauben darf, ist das Meiste durchgestanden und der Menschheit steht ein geschichtlich beispielloser Aufstieg bevor.

Simon hatte in seinen letzten Tagen die rare Berliner Onlinezeit genutzt und viel geschrieben. Dabei hat er einige wohlwollende Posts über eine gewisse Bianca hinterlassen, deren Identität von den nachrückenden Wiederaubau-Truppen erst kürzlich bestätigt werden konnte. An ihrer Leiche konnten keine Spuren von KV3000 festgestellt werden.

Teststrecke

Teststrecke

Stuttgart ist eigentlich nicht die schlechteste Stadt, um langsam erwachsen zu werden. Natürlich hat sie noch nie den sagenumwobenen Flair einer richtigen Metropole gehabt, dafür gibt es hier Dinge, nach denen man sich in Berlin und Hamburg umsehen kann, ohne sie je zu finden.

Zum Beispiel die Teststrecke von Mercedes-Benz.

Gespeist aus Rollenbild-Klischees und tatsächlicher frühpubertärer Veranlagung habe ja auch ich einen Teil meines damals noch jungen Lebens dem Automobil gewidmet. Zum Teil war dafür sicher auch die Tatsache verantwortlich, dass in Stuttgart allgegenwärtig ist, dass die Erfindung des Autos nur um die Ecke geschah und somit trotz einhundertjähriger Zeitdifferenz irgendwie zwingend zu einem gehört und die Identität mitbestimmt. Oder zumindest einen der Gehaltsschecks, der die Familie ernährt.

Mich als kleinen Bub irgendwo zwischen den letzten Legosteinen und den ersten Schamhaaren interessierten in erster Linie zwei Dinge: Formen und Zahlen. Erstmal war bei Autos die Form von Interesse. Ein Auto war kein schnöder täglicher Werkgegenstand, der einem das Reisen erleichterte, sondern Faszination und Kunst! Design! Völlig im Unklaren, weswegen dieses Wort so blöd geschrieben wird, vertiefte ich mich mit Andi in Diskussionen über diesen und jenen Karosserie-Part, die Markentreue der neuen Linie und nebenbei malten wir den Autokonzernen Zukunftsautos herbei, die mindestens besser waren als das, was ein Heer überbezahlter sogenannter „Designer“ denen offenbar beim letzten Facelift als den neuesten Schrei verkauft hatten. Und wenn man eine Form nicht begründen konnte, dann ging es um Zahlen. Im Zweifelsfall war ein PS ein Argument und jede Form ließ sich mit einem geringeren cw-Wert rechtfertigen.

Hätten wir nicht nebenbei auch die Bravo gelesen, könnte man sagen, dass unsere Bravo die AutoBILD war. Im Gegensatz zu unseren ignoranten Eltern waren wir stets auf dem Laufenden über die neuesten Modelle und kannten Typenbezeichnungen von Fahrzeugen, bei denen Normalsterbliche noch nicht einmal das Fabrikat unter zwei Herstellern hätten erraten können.

Kurz gesagt: Unsere Prognosen entsprachen dem Zufall und unser Geschmack dem Durchschnitt.

Aber – man wird verächtlich sagen, dass ausgerechnet das in unserer Herkunft begründet liegt – wir waren keine weltfremden Kinder mehr im Frühling 1996. Wir waren Geschäftsmänner!

Während das Interessengebiet der meisten Mitschüler lediglich Zeitschriften umfasste, in denen die abgebildeten Frauen ihren BH ablegten, fuhren wir ab auf Erlkönige: Neue Modelle der Autokonzerne, noch getarnt durch Klebefolien und irreführende Aufbauten, um die Konkurrenz über das Design zu täuschen. Und, ok, natürlich auch auf Zeitschriften, in denen die abgebildeten Frauen ihren BH ablegten.

So zählte die Teststrecke von Mercedes-Benz tatsächlich zu unseren Lieblings-Ausflugspunkten. Zu gute kam uns dabei, dass Mercedes diese Teststrecke mitten in der Stadt liegen hatte – knapp noch in Cannstatt zwar, dennoch leicht zu erreichen mit den öffentlichen Bussen. Busse, die irgendwann wahrscheinlich selbst über diese Teststrecke geholpert sind.

Man macht sich als Laie ja keinen Eindruck von so einer Anlage: Steilkurven, Rüttelpisten, Geschwindigkeitsmessungen. Alles obskure und dennoch wohlbekannte Einrichtungen, über die wir mehr gelesen haben als über die New Kids on the Block – obwohl man in der Bravo die Artikel über die New Kids on the Block natürlich auch gelesen hat, wenn man die interessanten Interviews schon durch hatte und selbst den Schamhaarwuchs der nackten Gleichaltrigen bereits mehrfach mit dem eigenen verglichen hatte.

Die Teststrecke von Mercedes-Benz jedenfalls war damals nicht so schwer zu finden wie die nackten Gleichaltrigen: Der 56er hielt sowohl am Gaskessel als auch an der Schleyer-Halle, die Brücke zwischen den beiden Haltestellen überspannte nicht nur die B10 und den Neckar, sondern eben auch den nördlichen Ausläufer der Testanlage. Dies war zwar nur der kleine Teil der Strecke, aber immerhin war hier eine von der Brücke aus zu lesende Geschwindigkeitsanzeige angebracht. Zahlen! Hier haben wir lange Zeit auf immer neue Rekorde gehofft. Auf einen Sportwagen vielleicht, der mal über 250 km/h schafft. Meist waren es aber die immerselben Kombis, die dort mit Geschwindigkeiten fuhren, die wir von der Autobahn auch kannten. Von der Brücke konnte man aber überdies noch die Steilkurve einsehen, eine Einrichtung, die unsere automobilfixierte Vorstellungskraft fesselte wie kaum etwas anderes.

Wie musste man in einer Steilkurve eigentlich lenken? Wie schnell konnte man da durchrasen? Kratzen LKW und Busse in Schräglage nicht am Zaun an der Innenseite und wie geil wäre es wohl erst, von dort aus die Autos zu sehen.

Und zu fotografieren.

Wie ich bereits schrieb: Wir waren Geschäftsmänner. Oder Journalisten. Beides. Mindestens! Denn wir beschränkten unsere Versuche nicht darauf, uns hin- und herflitzende Daimler anzusehen, sondern wir wollten Geld verdienen. Und wir taten es. Wenn auch nur einmal.

Seit Beginn des Jahres 1996 begaben wir uns niemals ohne Foto-Apparat zur Teststrecke. Die umherrasenden Fahrzeuge mussten auf Film gebannt werden, denn Bilder von noch geheimen Testfahrzeugen wurden immer wieder in unseren Zeitschriften, den Auto-Zeitschriften, abgebildet. Zigfach. Deswegen – und um die neusten Modelle zu bewundern und uns in Gedanken ihre Tarnung wegzudenken – standen wir dort in Cannstatt auf der Brücke und am Zaun. Neben Andi und mir war hier und da noch Flori dabei – und der hatte den wichtigsten Ausrüstungsgegenstand mitgebracht: Ein Teleobjektiv seiner Eltern.

Irgendwoher glaubten wir zu wissen, dass die Zeitschriften auf Fotos von Erlkönigen nur so brennen und horrende Beträge dafür zu zahlen bereit waren. Da konnte man ruhig mal ein paar Mark in die Waagschale werfen, sprich: teure Filme verknipsen.

Da wir jedoch nicht völlig gehirnamputiert waren, stellten wir irgendwann fest, dass die wirklich guten Fotos – solche wie die abgedruckten – nie von Orten wie unserem aufgenommen worden sein konnten: Von hinten, von vorne, sonst nix.

Nein, die richtigen Profis machten Aufnahmen im Halbprofil, wo die ganze Schönheit der PS-Boliden (ja, wir glaubten damals, das sei ein verbreitetes Wort!) auf einem Bild eingefangen werden konnte.

Nur dazu taugte die Brücke nichts. Und durch verschiedenste Beobachtungsexperimente und logisches Nachdenken erschloss sich uns der Grund dafür, weswegen wir bislang so erfolglos waren:

Natürlich war der Konzern nicht so blöde und schickte die neuesten und geheimsten Autos perfekt für Profi-Fotografen wie uns einfach auf die nördliche Schleife. Pah!

Bilder von einer öffentlichen Brücke aus konnte ja jeder schießen! Sogar Touristen aus dem Bus. Also mal abgesehen davon, dass der 56er in Stuttgart sicher einer der Busse war, die die wenigsten Touristen beförderten, wäre das ja irgendwie schon dämlich gewesen.

Südlich der Brücke setzte sich die Teststrecke noch endlos fort, eine viel größere und geheimere Welt, die komplett hinter meterhohen Sichtschutzmauern und Stacheldraht versteckt war. Aber prinzipiell zugänglich.

Das Gelände schmiegte sich – und schmiegt sich meines Wissens nach noch heute – direkt an den Uferweg des Neckars, lediglich besagte Mauer trennte uns also von all den Träumen.

In den Frühlingswochen haben wir das mehrere Quadratkilometer große Areal mehrmals von außen umschritten, immer auf der Suche nach Plätzen, von denen aus man gut fotografieren konnte. Oder um es etwas genauer auszudrücken: Plätze, an denen uns Äste, Rohre, Hügel oder sonstige Hilfestellungen der näheren Umgebung erlaubten, einen Blick über die unvorstellbar hohe Mauer zu werfen.

Mehr als einmal sind wir dabei auf andere Fotografen getroffen, wirklich zu sagen hatte man sich nichts. Natürlich wurden wir damals nicht für voll genommen. Wir selbst taten es ja auch nur in höchst ungewissem Maße. Während einige der Männer mit Wechselobjektiven und sportiver Ausrüstung sich dort wahrscheinlich ihren Lebensunterhalt verdienten, war es für uns eine Art Spiel mit dem potenziellen Ergebnis, reich zu werden. Alleine die Idee, das was wir täten, könnte Arbeit sein, verbot sich. Geld bekamen wir von unseren Eltern – und wir drei gehörten gewiss nicht zu den besonders benachteiligten.

Unser Aufwand, ein paar Fotos von Mercedes-Testwagen zu bekommen, steigerte sich also teils ins Unermessliche. Längst war uns bekannt, dass man auch einfach irgendwo bei der Schleyer-Halle warten konnte, bis einer der Prototypen direkt im Stadtverkehr auftauchte. In jugendlichem Leichtsinn ist Flori dereinst sogar einfach auf die Straße gerannt, als dort ein neues C-Klasse-T-Modell auftauchte und fotografierte unter wildem Protest des Fahrers das Interieur des Autos, woraufhin wir unsere jugendlichen Sprint-Qualitäten einmal mehr trainieren mussten. Aber das war eben Kinderfasching gegen die ganz großen Fische. Wir wollten den südlichen geheimen Teil der Strecke erkunden, die Erlkönigsklasse quasi.

Als es uns auf diesem Weg an einem sonnigen Tag entlang der VfB-Vereinsgaststätten auf der Ostseite des Testgeländes entlangtrug, entdeckten wir hervorragende Voraussetzungen unweit eines dieser Sportzentren: Drei große Mülltonnen, die abseits vom Gelände, dafür direkt an der Mauer zu unserer Traumwelt standen. Es war einfach zu perfekt, um es nicht zu versuchen. Irgendwann standen wir dann dort, zu dritt, jeder auf seiner eigenen Mülltonne. Selbst ich als Sport-Null hatte es irgendwie hinbekommen, mich darauf zu postieren, ohne dass dieser Versuch damit endete, in einem Haufen Altpapier auf dem Cannstatter Boden zu liegen.

Wir konnten eben so über die Mauer spähen und hatten nicht den schlechtesten Platz. Überragend war er auch nicht, uns bot sich nur ein schmaler Blickwinkel, aber das Festhalten der ein oder anderen Kiste auf Fotos war uns durchaus möglich. Der Ärger, der uns drohen sollte, kündigte sich in dunklem Grollen an: Der Vereinsgastwirt brüllte über seinen dicken Bauch hinweg uns Halbstarke an und fluchte in tiefstem Schwäbisch, bis unser Selbstvertrauen unter Null lag. Er bezichtigte uns nicht nur der totalen Zerstörung seiner wunderschönen und teuren Mülltonnen, sondern drohte uns gleichzeitig mit einer Anzeige wegen Industriespionage, während wir ihm eingeschüchtert und mit hängenden Köpfen in die Gaststätte folgten.

Glücklicherweise überließ er uns recht bald seiner Frau, die uns beruhigte und uns erst einmal jedem eine Cola aufs Haus spendierte.

Wir, ein wenig gefangen in unserer Angst, konnten vor allem eines nicht fassen: Dass die beiden mit dieser Goldgrube vor der eigenen Haustüre nicht selbst jeden Tag auf den Mülltonnen standen um Autos zu fotografieren.

Wir gingen letztlich straffrei aus. Vielleicht konnte er die Polizei gar nicht überreden zu kommen und vielleicht hat auch seine Frau ihn von unseren dahergestammelten Erklärungen überzeugen können, dass die leicht verbogenen Mülltonnendeckel sich von selbst wieder auszudellen vermochten. Dass wir nie wieder dort hinaufsteigen würden, versicherten wir natürlich artigst.

Dorthin sind wir auch nie zurückgekehrt.

Wenige Wochen später saßen wir in der Innenstadt im Foyer der Motor Presse Stuttgart, gewissermaßen dem Herz unserer Welt. Hier also wurde „Auto Motor und Sport“ gemacht, die vielleicht tatsächlich hochwertigste Autozeitschrift überhaupt. Hier waren die Profis, hier war Geld. Unser Geld, selbstverständlich. Im Gegensatz zum unscheinbaren Äußeren des Verlagsgebäudes, das eine Art Kollateralschaden der 70er in Punkto Design zu sein schien, herrschte im Foyer gemütliches Hotel-Ambiente vor, für uns Halbwüchsige also in erster Linie Luxus, Protz und beeindruckende Möblierung.

Was dann passierte, war in unseren Augen klar: Endlich nahm man uns als Geschäftspartner ernst, man erkannte unser Talent und wir wurden – zumindest inoffiziell – auf den Podest der wichtigsten Fotoreporter des Landes gehoben.

Heute vermute ich eher, dass sich die Empfangsdame und irgendein Bürohengst liebevoll um uns als kleine Fans gekümmert hat, um unsere Mühen ein wenig zu belohnen und uns als Käufer ihrer Produkte zu halten.

Aber wie dem auch sei: Unsere Nachfrage im Foyer, wohin wir uns wegen zu verkaufender Fotos zu wenden hätten, hatte Erfolg. Nach nur kurzem Warten erschein ein in unseren Augen unglaublich alter Mann, der mit seinem Business-Outfit und einer kryptischen Berufsbezeichnung von uns umgehend als Autorität anerkannt wurde.

Er führte uns in ein dunkel getäfeltes Büro und ließ uns an einem runden Tisch unsere Ware ausbreiten. Mit scheinbar fachkundigen Blick sortierte er die 90% der Fotos aus, die zweifelsohne völliger Müll waren: unscharf, verwackelt oder gleich ganz ohne vollständiges Motiv darauf. Selbst Bilder, auf die all das gleichermaßen zutraf, hatten wir mitgebracht.

Der alte Mann murmelte ein paar anerkennende und ein paar hilfreiche Phrasen und entschied sich dafür, 5 unserer Fotos zu kaufen. Er bot uns dafür 450 Mark. Nüchtern betrachtet war das natürlich nichts. Wir waren dafür zu dritt etliche Stunden durch Cannstatt geklettert, haben Filme verknipst, deren Entwicklung weit über 50 Mark gekostet hatte, haben uns von schwäbischen Gastwirten beschimpfen lassen und wären um ein Haar lebenslänglich hinter Gittern gelandet. Aber verdammt, es waren 450 Mark! Für nichts! Wir waren reich!

Das Hochgefühl, mit dem wir das Verlagshaus verlassen haben, ist kaum zu beschreiben. Vielleicht war es ähnlich dem, das ich nach der letzten Abiturprüfung Jahre später verspürte, allerdings lag hier wesentlich mehr kindliche Faszination bei. Abgesehen von dem vielen Geld (knapp 100 Mark pro Person nach Abzug aller Kosten) waren wir jetzt dabei. Wir kannten den Typen bei der Motor Presse! Wir kannten das Büro, wo man den Fotografen mit besonderem Einsatzeifer die immensen Geldsummen bezahlte. Und natürlich erzählten wir davon. Egal, ob es die anderen interessierte oder nicht: Wir waren die Kings of Capitalism, wir waren ab jetzt reich. Hochgerechnet auf die zu erreichbare Anzahl an Fotos, Tagen im Jahr, Mark pro Bild und Verlage pro Land waren wir binnen Jahresfrist Millionäre.

Aber so kam es natürlich nicht. Die Teststrecke wurde im Verlauf des Jahres 1996 immer unwichtiger für mich und ich sollte nie mehr als Profi dorthin zurückkehren.

Wenn ich heute zufällig mal wieder in meiner Heimatstadt bin und den Neckar überquere, strecke ich meinen Kopf immer ein wenig, um zu sehen, ob die Geschwindigkeitsanzeige noch funktioniert. Aber wie zu erwarten war: neue Rekorde gab es seit damals nicht mehr.

Wespen

Wespen

Hätte man mir als Kind erzählt, dass ich mir mit 22 Jahren mal Wespen aufs Brot schmiere, hätte ich mir zum entsprechenden Geburtstag wohl irgendeine Art von Schutzausrüstung gewünscht. Da ich es nicht vorher wusste, tat ich es ohne Schutzausrüstung. Aber ich tat es.

Wespen – nicht gerade die Liebe meines Lebens. Während ich zu den meisten Insekten und vor allem Spinnentieren eine ganz annehmbare Beziehung im Rahmen kindlichen Entdeckerdrangs habe aufbauen können, ist mir das bei den Tieren mit schmerzhaften Stichen immer schwergefallen. Weil es weh tat natürlich.

Ich bin lange Zeit verschont geblieben von Wespen- und Bienenstichen, selbst den gleichnamigen Kuchen hab ich erst spät kennengelernt. Im Grunde hatte ich einen gesunden Respekt vor den Tieren, ansonsten war ich aber belesen genug, um nicht grundlos in Panik zu verfallen. Während mein Bruder bei jeder Begegnung mit schwarz-gelbem Flügelgetier panisch brüllend Reißaus genommen hat, habe ich versucht, all den Tipps zu folgen, die zusammengefasst wie folgt lauten:

„Macht den Tieren keine Angst, sie stechen nur, wenn sie sich bedroht fühlen!“

Das erste Mal, dass ich Wespen offensichtlich bedroht habe, war eher unabsichtlich. Eigentlich wollte ich nur bei einem Versteckspiel im Wald gewinnen und duckte mich hinter einem Holzstapel. Dort hielt sich allerdings auch ein Wespennest versteckt und kaum dass ich aus Versehen draufgetreten bin, haben die Viecher sich – sicher zu Recht, mein Fuß hat da wahrscheinlich einiges an Verwüstung angerichtet – enorm bedroht gefühlt. Mit schnellem Rennen und Abwischen der streitlustigen Biester habe ich die Zahl der Stiche auf sieben beschränken können. Beim Verstecken hatte ich natürlich dennoch verloren. Nicht umsonst sind Kreischen, Schreien und wild mit den Armen fuchteln in keiner Verhaltenstipps-Sammlung zu Versteckspielen aufgezählt.

Nach der ersten Panik war eigentlich alles halb so wild, ich hab mich beim Arzt bereits erkundigt, wo denn so der Rekord liegen würde. Nicht, dass ich vorhatte, dem Nest nochmal einen Besuch abzustatten, aber versehentlich einen Eintrag ins Guiness-Buch zu verpassen, wäre für mich als Kind undenkbar gewesen. Dummerweise lag der Rekord schon dort im Waldheim bei über 30 Stichen, was mich trauriger machte als die Tatsache, dass ich gefühlt schon jetzt übersäht war mit juckenden und schmerzenden Pusteln. Denn jetzt waren diese auch noch umsonst und ungeeignet zum Angeben.

Nach diesem Erlebnis hatte ich dann Panik. Ich hätte das alles hinter mir lassen können und bei einzelnen Wespen fortan lässig sagen können:

„Pah, hol‘ erst mal mindestens sieben Kumpels, sonst könnt ihr mir gar nix!“

Dummerweise erzählte mir mein Arzt etwas anderes. Er wies darauf hin, dass solch eine große Erstdosis eventuell dafür sorgen könnte, dass ich künftig allergisch auf das Wespengift reagiere.

Die daraufhin bei mir einsetzende Panik währte ein paar Wochen, irgendwann wurde ich dann gestochen, starb nicht, und alles war wie immer. Jahrelang.

Dann kam der Sommer 2003. Mich und einige andere hat dieser Sommer viel über Wespen gelehrt. Im August stand wie jedes Jahr die große Kinderfreizeit des Kreisjugendring Rems-Murr im Rottal an. Zu den 80 Kindern und den 20 Betreuern – zu denen auch ich zählte – kamen in diesem denkwürdigen Jahr ein paar tausend Wespen hinzu. Das Gelände war natürlich ohnehin von vielen Insekten bevölkert, 2003 aber kamen wir an und zählten bereits am ersten Tag zehn Wespennester und – besonders erbaulich – ein Hornissennest. Da wir alle dem Gedanken des Naturschutzes anhingen, war an eine Vernichtung nicht zu denken, in Anbetracht der Lage wurde die Feuerwehr hinzugezogen, die sich aber schon aus Zeitgründen nur um ein besonders gefährlich gelegenes Nest kümmern konnte.

Als endlich auch die Kinder zu uns stießen, war das Geschrei selbstverständlich groß. Die Wespen waren überall, es dauerte keine Stunde, bis die ersten tränenden Gesichter uns von schmerzhaften Stichen berichteten. Wir hatten während der Vorbereitungszeit die Lagerapotheke extra noch mit Kühlpacks, schmerzlinderndem Gel, Eis und was weiß ich allem ausgestattet, der Ansturm war aber dennoch jenseits von Gut und Böse.

Wir stellten mit Erleichterung fest, dass keines der Kinder allergisch war und so versuchten wir, die Freizeit ungeachtet der vielen uneingeladenen Insekten fortzuführen. Der erste Tag gestaltete sich extrem schwer. Mir in Erinnerung geblieben ist der kleine Paul, der sein komplettes T-Shirt nassgeheult hatte, als er vor mir stand und über unmenschliche Schmerzen jammerte, die erst nach einer halben Stunde guten Zuredens, viel Eis, viel Gel und irgendwelchen Placebo-Schmerzmitteln ein wenig nachlassen wollten.

Ich habe noch an diesem Nachmittag begonnen, die Wespenstiche zu zählen.

Die größte Herausforderung war ohne jede Frage das Frühstück am nächsten Morgen. In Anbetracht der fliegenden Übermacht gab es keinen Weg, die Sechsbeiner von unserem Essen fernzuhalten. Warf man einen Blick in die Schüsselchen mit Erdbeermarmelade, so sah man zwei Farben: Schwarz und Gelb.

Und so kam es, dass wir anfingen, uns Wespen aufs Brot zu schmieren. Behutsam löffelte man sie mit der Marmelade aus der Schüssel und drängte sie auf dem Brot langsam zur Seite. So panisch wir auch in Anbetracht der Gefahr waren, die von verschluckten Wespen ausging, wurde bereits an diesem Morgen deutlich, dass wir mit den Tierchen irgendwie leben konnten. Man biss vorsichtiger vom Brot ab als sonst, man wollte die Wespen auf dem anderen Ende der Scheibe ja nicht stören – aber man aß.

Meine Strichliste, naheliegenderweise „Stichliste“ genannt, wuchs und wuchs. Zum Ende der Freizeit sollten es über 400 dokumentierte Auseinandersetzungen zwischen Mensch und Wespe sein. Und jeder einzelne war normaler als der zuvor. Obwohl manche Kinder sich geradezu zu Insektenmagneten entwickelten, traf es ausgerechnet einen Mitbetreuer besonders schwer, da er sich auf den ungleichen Kampf mit einer Hornisse einließ, den selbige mit einem Stich in seine Unterlippe schmerzhaft beendete. Seine kurzzeitige Einlieferung ins Krankenhaus war allerdings mehr dem Schock als dem Gift geschuldet und sollte ein Einzelfall bleiben.

Im Verlauf der 10 Tage wuchs unsere Toleranz gegenüber den aufdringlichen Wespen immer mehr, bald beobachteten ganze Gruppen von Kindern und Betreuern fasziniert, wie sich die possierlichen Tierchen damit abmühten, aus unserem zum Abendessen aufgetischten Schinken viel zu große Stücke heraussäbelten und dann beinahe flugunfähig durch die Beladung über den Tisch zu eiern. Am letzten Tag stand Paul wieder vor mir, er berichtete von einem neuen Wespenstich – für meine Liste. Ob er etwas Eis haben möchte, hab ich ihn gefragt. Er schüttelte gelassen den Kopf und meinte überheblich: „Nö!“

Im Durchschnitt wurde jeder von uns während der Freizeit fünfmal von einer Wespe gestochen. Die Rekordhalter hatten mehr als 20 Stiche zu bieten, nur ein paar Wenige blieben ganz verschont.

Ich selbst habe in diesem Sommer nach jahrelanger Pause auch drei Stiche abbekommen. An einen erinnere ich mich besonders gut.

Ich lag mit einer Betreuerin zusammen als Aufpasser unten am Ufer der Rot, um das Baden diverser Kinder zu überwachen. Die jedoch waren überwiegend brav, so unterhielten wir uns entspannt. Thema war mein in dieser Freizeit etwas außer Kontrolle geratenes Gefühlsleben, was eine andere Teamerin betraf. Als ich unachtsam meine Beine zusammenschlug, nötigte ich damit wohl eine Wespe zur Notwehr. Nach dem erschreckten Herumfahren entdeckte ich das arme Tier, wie es zappelnd an meinem Bein hing und ihren Stachel nicht aus meinem Fleisch bekam. Obwohl der Stich schmerzte, tat mir dieses kleine Insekt derart leid, dass ich es nicht etwa an Ort und Stelle erschlagen habe, sondern es mit ein paar kleinen Handgriffen aus seiner misslichen Lage befreit habe.

Die Stichliste müsste noch heute in irgendeinem Regal bei mir verstauben, als Erinnerung an diese zwei Wochen vor vielen Jahren. Als irgendwie schöne Erinnerung allerdings.

Epilog (Papa, ich geh zum Zirkus)

Epilog (Papa, ich geh zum Zirkus)

Drei Jahre nach dem in Bezug auf meinen Job – und insbesondere auf meine Fähigkeit, Erdgas-Zapfsäulen zu bedienen – wichtigen Treffen mit Jürgen, wählte ich adrenalinbelebt und mit schweißnassen Fingern die Telefonnummer meines Vaters.

Eine Woche zuvor hatte ich einen überaus netten und wider Erwarten sogar unterhaltsamen Abend mit einem jungen Journalisten in einer Pizzeria in Berlin-Mitte verbracht und mir auf seine Kosten den Bauch vollgeschlagen. Im Gegenzug berichtete ich ihm ein wenig aus meinem Leben, erzählte ihm von dem, was ich so den lieben langen Tag tat. Inklusive Fotoshooting.

Für eine Nachrichtenagentur wollte er einen Text über mich schreiben. Über mich, Sash, den Autor. Mein Blog gestern-nacht-im-taxi.de hatte inzwischen einige prominente Erwähnungen im Internet aufzuweisen und als erster von vielen interessierte sich eben Daniel von der dapd für den Menschen hinter den Geschichten aus dem Taxi. Mein Weg war zwar weiter offen wie eh und je, doch es bewegte sich was im Land zwischen Niedriglohn und Arsch vom Dienst.

Nach unserem Treffen schrieb Daniel einen wohlwollenden Text über mich und meine Erzählungen. Im Rahmen diverser Artikel-Pakete ging dieser an etliche und nicht nur regionale Zeitungen raus.

Ebenso unerwartet wie plötzlich war es da nun: Das erste Lob von weit jenseits meines Bekannten-, ja sogar Leserkreises. In jugendlichem Leichtsinn das Schreiben stets als Option fürs Berufsleben verneint habend, stand ich plötzlich da und nahm von wildfremden Leuten Lob für meine gute, ja: Arbeit, entgegen.

Und nun, vor Stolz fast platzend, wollte, musste ich meinen Vater vorwarnen, dass auch in den Stuttgarter Nachrichten eventuell über mich zu lesen sein könnte.

Überraschen konnte ich ihn damit jedoch nicht.

Als regelmäßigem Zeitungsleser war ihm natürlich nicht entgangen, dass sich in der aktuellen Ausgabe ein Foto seines Sohnes nebst namentlicher Nennung fand.

Während ich ziemlich beschwingt mit dem Telefon am Ohr durch mein Zimmer tigerte und ihm stolz erzählte, wie gut das alles liefe mit dem Bloggen und dem Taxifahren, fiel auch das ein oder andere Wort darüber, dass ich das mit dem Schreiben nun keinesfalls mehr als bloßes Hobby betrachten könne, sondern mit dem Gedanken spielen würde, mehr, besser und auch bezahlt zu schreiben.

Das Erstaunen am anderen Ende der Leitung war nicht eben klein, aber typisch für uns beide: Die Emotionen kochten auch nicht hoch. Am Ende verabschiedeten wir uns wie immer ausgesprochen sachlich und blieben ebenso wie immer dabei, dass man sich eben melde, wenn etwas Wichtiges anläge. So mancher konnte die Pragmatik unserer Kommunikation nie verstehen, ich kam selbst im engsten Kreise der Familie oft nicht umhin zu erklären, dass wir beide uns dabei einig waren und einfach nicht die Typen für wöchentlichen Kaffeeklatsch ohne wirkliche Neuigkeiten.

Nach dem Auflegen aber stand ich tatsächlich etwas irritiert in meinem Zimmer, das Telefon locker in der linken Hand haltend und aus dem Fenster des Marzahner Plattenbaus auf unser großes Einkaufscenter starrend. Mir wurde bewusst, was ich getan hatte:

Ich hatte meinem Vater gesagt, dass ich nach allen Anläufen und Fehlschlägen – und nach dem letztlich immerhin erfolgten Sprung in eine Vollzeitbeschäftigung – fortan lieber Autor wäre und mir das nötige Geld für die Miete irgendwie halt nebenbei mit Taxifahren verdienen würde. In seinen Ohren musste das wohl ähnlich bescheuert geklungen haben wie:

„Hey Papa, Überraschung: Ich geh zum Zirkus!“

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

Die letzten Meter bis ins Taxi

Die letzten Meter bis ins Taxi

Die schon im vorletzten Kapitel erwähnte und ohne jede Zombie-Maske als scheintot durchgehende Bürokratin bei der Bundesagentur für Arbeit versuchte noch vergeblich, mir meine künftige Arbeit schlecht zu reden, dann ging es für mich schon auf die Zielgerade.

Einen Funkschein sollte man in einem Funktaxi besitzen, die Zentrale sieht es gerne, wenn man nachweisen kann, dass man die Regeln kennt. Zentralen gibt es in Berlin zwei, ich wählte eine nach dem Zufallsprinzip aus und stellte fest, dass dieser Schein der größte Witz seit der Erfindung der Homöopathie war: Zwei Stunden lang wurden Lächerlichkeiten erörtert, die Dreijährige mit Bauklötzen hätten darstellen können. Am Ende gab es einen Test, dessen Schwierigkeitsgrad nochmals gesenkt wurde, indem jegliche Form von Notizen ausdrücklich erlaubt war. Nur zu logisch, denn natürlich sollte niemand abgeschreckt werden, hier den Funkschein zu machen, so lange es noch die konkurrierende Zentrale gab, die ja ebenso auf der Suche nach zahlungskräftigen Taxifahrern war.

Konkurrenz durch gegenseitige geistige Abrüstung: Ein Prinzip, das Schule machen könnte.

Nach diesem und jenem Telefonat, einer zelebrierten Bedenkpause und einer durchwachten Nacht kam dann tatsächlich der Tag, an dem ich endlich Taxifahrer werden sollte.

Ich fuhr hoch aufgeregt zu einer vorher auserwählten S-Bahn-Station, an der mich genau auf der Seite, zu der ich im Eifer des Gefechts nicht rausgelaufen war, bereits unser Firmenschrauber und Autoguru Jürgen erwartete. Wie üblich hatte er sein Lächeln zu Hause in der Garage gelassen, dennoch begrüßte er mich nett und wir warteten auf den Kollegen, der das Auto vorbei bringen sollte.

Nach einer kurzen Verspätung ging es Schlag auf Schlag: Kollege kam, Vorstellungsrunde, Nummern ausgetauscht, fertig.

Schneller als ich erwartet hatte, waren Jürgen und ich wieder alleine. Er öffnete sich die Beifahrertür, wies mir den Fahrersitz zu und drückte mir einen Schlüssel in die Hand. Wir schoben uns beide auf unsere Sitze und nachdem Jürgen kurz über die Unordnung im Handschuhfach geflucht hatte und die Bedienungsanleitung zwischen zig mir noch unbekannten Formularen vorzog, begann er in leicht väterlich anmutendem Tonfall zu sprechen:

„So, also das hier ist die 1925 …“

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)