N‘ bisschen Zivildienst unter Freunden

N‘ bisschen Zivildienst unter Freunden

Nachdem ich den Sommer damit verbracht hatte, plötzlich Klassenkameraden zu vermissen, die mich zuvor nie interessiert hatten …

Moment, das ist ungünstig formuliert. Es muss „Klassenkameradinnen“ heißen!

OK, nachdem ich also so ein bisschen theatralisch vor mich hingelitten und das mit viel Bier auskuriert hatte, begann ich mich auf meinen Zivildienst zu freuen. Die Wehrpflicht befreite mich ein weiteres knappes Jahr davor, mir über mein Leben Gedanken zu machen und war zudem schon perfekt geplant. Nicht von mir natürlich, ich hatte ja wie eingangs erwähnt eher anderes zu tun. Dieses Mal war mir alle Arbeit abgenommen worden.

Es gab die Zeit, da wollte ich wie alle meine Freunde einen möglichst coolen Ziviplatz haben. „Essen auf Rädern“ und Vergleichbares waren heiß begehrt, bedeutete es doch, den ganzen Tag mit dem Auto durch die Gegend zu cruisen und nicht eben viel zu tun. Die, die es bereits hinter sich hatten, erzählten von lässigen Touren, davon wie sie mit demenzkranken alten Menschen zwei Stunden auf der Couch gechillt haben, um die Stunden vollzukriegen oder sich ein Extra-Trinkgeld zu verdienen.

Neben der monatlichen Sofortrente im Lotto eigentlich die beste Möglichkeit, sich seine Brötchen zu verdienen. Auf der anderen Seite bedurften diese Stellen guter Bewerbungen, Anstrengungen und Mühen. Dabei ging es doch ohnehin nur um ein paar Monate.

Als ich dann wirklich begann, mir Gedanken über die Zivistelle zu machen, trat recht schnell meine Mutter auf den Plan. Die hatte bis kurz zuvor in der Verwaltung eines Altersheims ganz in der Nähe gearbeitet und vorgeschlagen, mir einen Posten zu verschaffen. Abgesehen davon, dass ich tatsächlich keine Berührungsängste zu alten Menschen kannte, sollte der Posten auch eine harmlose Hausmeisterstelle ohne viel Kontakt zur Pflege sein. Ein bisschen Rumwerkeln, hier und da mal Zeug durch die Gegend tragen und die Schlüssel für überall in der Tasche haben.

Das Nest war also sozusagen gemacht und ich brauchte mich nur hineinzulegen.

Ein paar Monate später saß ich an einer gemütlichen Feuerstelle im Garten und unterhielt mich mit André. Jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, ist André nicht mehr. Er litt bereits damals im Herbst an einer schweren, unheilbaren Knochenkrankheit, die ihn noch während meiner Dienstzeit in den Rollstuhl bringen sollte. Er war locker zwei Köpfe kleiner als ich, ich hätte ihn tragen können. Stolz wie er war, verzichtete er aber darauf, stützte sich humpelnd nur manchmal ab und saß öfter mit mir an der Feuerstelle. Das Feuer brannte nicht, nur André war Feuer und Flamme. Wir redeten über Wissenschaft und Raumfahrt und trotz des Altersunterschieds war oft unklar, wer hier wem Wissen vermittelte.

Mitten in unser Gespräch platzte plötzlich Anne und zog mich energisch vom eher schüchternen André weg. Sie betatschte und bequasselte mich, bis ich ihre Bitte erhörte und sie bei den Händen nahm. Es brauchte zwei Runden Anlauf, dann verließen ihre Füße den Boden und während ich meine kompletten 150 Kilo der Fliehkraft entgegen schmiss, drehte Anne sich um mich und juchzte, sie könne flieeeeegen.

Nein, ich war nicht wirklich Hausmeister im Altersheim geworden. Bis wenige Wochen vor dem in Deutschland ja dann doch nicht ganz freiwilligen Dienstantritt sah es zwar ganz danach aus, dann jedoch eröffnete mir meine Mutter von einem Tag auf den anderen, dass die Stelle dieses Jahr wohl doch nicht besetzt werden würde.

Einer jener Momente, die mich ein Jahrzehnt später dazu veranlasst hätten, via Twitter fremde Menschen vollzunölen, dass man sich nicht auf fremde Menschen verlassen sollte.

Der Freundeskreis hielt aber, was er versprach und ich hatte pünktlich zum September eine anerkannte Stelle vorzuweisen. Auf einem Abenteuerspielplatz im Hallschlag.

Der Spielplatz selbst war das Schönste, was ich bislang in dieser Richtung gesehen hatte und das „Problemviertel“ Hallschlag war damals bereits recht gezähmt und allenfalls noch bei älteren Stuttgartern wirklich verpönt. Mein Problem hingegen war in erster Linie, dass die Zivildienststelle offiziell der Kirchengemeinde unterstand. Nur pro forma und damit nur für die Soldzahlungen von Interesse, das allerdings vermasselten sie gründlich. Im Alltag nervte der Kreuzritterverein zwar nicht, wirkte bei seinen spärlichen Verbindlichkeiten aber gläubig genug, um meine Auszahlungen auf den Tag des jüngsten Gerichts zu verschieben. Aber auch nur, bis ich mit einem weltlichen Gericht drohte.

Das Maugi war ein auf Karten kaum aufzufindendes, im Stadtteil jedoch wohl bekanntes Idyll direkt zwischen einem Weinberg, einem Steinbruch und der Müllverbrennungsanlage, wo Kinder bis 13 Jahren nachmittags von mehreren Leuten betreut all das tun konnten, was ihnen sonst verwehrt blieb. Hier sollte ich also Zivi sein und ich kann rückblickend sagen, dass ich es sehr gerne war. In der Küche und im Toberaum, in der Fahrradwerkstatt und dem Backhaus, in den selbstgebauten Hütten und im kleinsten Raum des ganzen Geländes (noch nach der Toilette): dem Büro. Ich war die halbe Person im dreieinhalbköpfigen Team, fünf Tage die Woche, acht Stunden täglich und wenn nötig auch mal länger.

Erster Arbeitstag:

Zeitgleich mit und unabhängig von mir trat als Praktikantin eine junge Frau dem Team bei und wir stellten erstaunt fest, dass wir in grauer Vorzeit – genau genommen vier Jahre zuvor – noch Klassenkameraden waren. Sie hatte die Schule lange vor dem Abitur verlassen und ich hatte ein Zeugnis in der Tasche, das ähnliches vermuten ließ. Ein paar Minuten haben wir uns darüber unterhalten, arg viel mehr als ein altes Klassenfoto einte uns aber nicht wirklich.

Mehr Erinnerungen teilte ich indes mit einem der hauptamtlichen Betreuer. Zwar waren auch wir nie Freunde gewesen, aber ich erinnerte mich jetzt, da er vor mir stand, daran wie er Jahre zuvor einen klapprigen VW-Bus gelenkt hat. In diesem Bus lag damals neben mir ein guter Teil der Stuttgarter Antifa bekifft und dementsprechend gut gelaunt auf einem Bett herum, kurz nachdem wir ein paar Nazis ihre Demonstration in Wo-auch-immer versaut hatten.

Die auffällige Frisur hatte er nicht mehr, nein seine Haarpracht war inzwischen einer Quasi-Glatze gewichen, gegen die sein Dreitagebart lang wirkte. Und wie er da so stand, verkündete er mir, ich solle meinen Bruder ins Krankenhaus fahren. Ich hatte mir für den Beginn bessere Scherze der Stammbelegschaft erhofft.

Der Witz war jedoch keiner. Der erste so zu nennende Arbeitsauftrag während meines Zivildienstes war tatsächlich das Verbringen meines Bruders in die Notaufnahme. Stuttgart war eben auch nur ein Dorf wie jede andere Großstadt und so kannte ich nicht nur die halbe offizielle Besetzung meiner Zivistelle aus meiner Vergangenheit, nein, nun leistete auch noch mein Bruder Sozialstunden dort ab und hatte sich prompt kurz nach meiner Ankunft die Sense bei der Gartenarbeit ins eigene Fleisch geschwungen. Ich habe noch heute die Befürchtung, das sah damals so aus, als hätten wir beide eine Verabredung getroffen, um uns vor der Arbeit zu drücken.

Das war natürlich nicht der Fall. Dass ich hier und da mal faul war, lässt sich schlecht bestreiten. Auf dem Spielplatz allerdings ließen sich unangenehme Arbeiten jedoch weniger durch Nichtstun, sondern mehr durch Ausweichen auf andere Gebiete vermeiden. Wenn ich keine Fahrräder in der Werkstatt reparieren wollte, fand sich immer ein Kind zum Basketballspielen. Keine Lust auf Büroarbeit? Egal, irgendwer musste ja auch das Feuer machen, das Backhaus anheizen, mit den Kids Hütten zusammen zimmern. Faul rumliegen war selten eine Alternative.

Wenn mich Freunde – also die wenigen, die niemals im Maugi gearbeitet haben – damals schief angesehen haben und sich fragten, was man denn bitte auf einem Abenteuerspielplatz als Zivi machen würde, dann habe ich mit ein wenig Stolz meist gesagt:

„Naja, zu 50% sind es Hausmeistertätigkeiten. Vielleicht 25% Fahren und Papierkram – und dann kommt noch eine 100%-Pädagogenstelle obenauf.“

Und Hütten bauen, natürlich.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

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