Die Prüfung, mit der zu rechnen war
Eine der wichtigsten Schlüsselqualifikationen fürs Bestehen meines Abiturs war ohne Frage der Überblick über die Möglichkeiten, Kurse miteinander zu kombinieren, anrechnen oder streichen zu lassen, sowie die Berechnung all der Noten. Während mir vieles andere – wie zum Beispiel ein Großteil der Fächer selbst – nicht so lag: Das konnte ich. Offenbar besser als manch anderer, denn die Verwunderung war gewaltig, als ich verkündete, als zweites mündliches Prüfungsfach ausgerechnet Mathe zu nehmen. Ich hatte in der schriftlichen Prüfung kurz zuvor einen Notenpunkt erreicht, eine 5- also. Und das war abgesehen von einer Ausnahme auch noch die beste Note, die ich in diesem Fach in der gesamten Oberstufe vorzuweisen hatte.
Aber die Entscheidung für eben diese Prüfung folgte einer witzigerweise geradezu mathematischen Logik. Das Problem war, dass ich in mindestens einem der Fächer, in denen ich bereits schriftlich geprüft wurde, noch eine mündliche Prüfung abzulegen hatte. Viele nutzten das, um ihre Lieblingsfächer, in denen sie beispielsweise nur zehn Punkte bekommen hatten, in die Richtung zu verbessern, die sie eigentlich zu erreichen gedachten.
Die Möglichkeit hätte ich auch gehabt. Meine Abiturprüfung in Deutsch ist mit acht Punkten nicht nur unterdurchschnittlich geblieben, nein sogar meine Lehrerin war der Überzeugung, die Note wäre zu schlecht für meine tatsächliche Leistung gewesen.
Dummerweise aber ist Deutsch ein äußerst unberechenbares Fach gewesen – und ist es wahrscheinlich heute noch. Mal eben ein Gedicht interpretieren kann zwar aus dem Handgelenk gelingen, ich war jedoch immer schon ein Meister darin, genau jene Buzzwords zu vergessen, die Lehrer dann gerne hörten. Und um meine 8 Punkte ernsthaft zu verbessern, wäre ein deutlich zweistelliges Ergebnis notwendig gewesen.
Deutsch gehörte neben Geschichte schon zu den Fächern, die mich aus der Bredouille eines nicht bestandenen Abiturs zu retten vermochten. Eine verhauene Prüfung hätte mich direkt meinen Abschluss kosten können.
Übrig blieb von den mir zur Verfügung stehenden Prüfungsfächern also nur noch … genau: Mathe.
Als Matheversager kann ich ja auf eine lange Ahnenbank zurückblicken, allerdings tue ich das ohne Stolz. Viele sind zwar ähnlich meiner Wenigkeit absolute Loser auf diesem Gebiet, den meisten ist aber gemein, dass sie Mathematik hassten. Das war bei mir nie der Fall. Ich bin stets ein Freund der Logik gewesen und als solcher sicher nicht einmal überdurchschnittlich dämlich. Alleine das Fach Mathe und seine Umsetzung wurden mir im Laufe der Schullaufbahn vergällt. Meine pubertäre Null-Bock-Haltung und meine Faulheit sorgten dann endgültig dafür, dass ich den Anschluss verlor.
Bei aller Selbstkritik schiebe ich einen großen Teil der Schuld aber ab auf einen Mathelehrer, der nicht nur versuchte, so furchteinflößend zu sein, wie Mathelehrer in seiner Generation sicher noch zu sein hatten – nein, er hatte sich vor allem einer dermaßen plumpen Pädagogik verschrieben, dass vor und nach mir alle Jahrgänge stöhnten und jammerten, er möge sein Lehramt bitte an den Nagel hängen. Auf diese teils leisen, teils lauten Hinweise reagierte er mit einer konsequenten Zensur aller Artikel, die jemals in Schulzeitungen über ihn geschrieben wurden. Es kursierten eine Menge Gerüchte und Halbwahrheiten über den Mann mit der Einsteinfrisur, die plausibelste Geschichte war, dass er nur an der Schule lehrte, weil er seinerseits seinen Doktortitel nie erreicht hatte und ihm deswegen eine höhere akademische Laufbahn versagt blieb.
Dass ich als erfolgloser Ex-Schüler verächtlich über ihn schreibe, ist aber tatsächlich nicht mehr als ein Zufall. Die Bewertung seines Unterrichtes war unter allen Schülern desaströs und aus mir unbekannten Gründen wurden Lehrer in den Neunzigern kaum anderweitig kontrolliert.
Sein Konzept bestand im Wesentlichen daraus, wortlos ellenlange Formeln an die Tafel zu schreiben, sich dabei zu verrechnen und nach schnellem Wischen wieder von vorne zu beginnen. Wenn die Schüler – fleißig dabei, mitzuschreiben – Nachfragen hatten, wischte er diese mit halb gespielten, halb realen cholerischen Anfällen beiseite, deren Flüche grob beinhalteten, dass alle so unfassbar unfähig, blöd, doof und eines Studiums niemals würdig seien.
Wenn es um Erklärungen jenseits des Unterrichts ging oder gar in einem seltenen Moment der Mann hinter der dicken Hornbrille zum Vorschein kam, dann zeigte sich durchaus, dass hier ein Menschenfreund am Werk war, der gewillt war, den Kinderlein dieser Generation ein fleißiger Lehrer zu sein. Alleine: Er konnte es nicht.
Im Gegenzug war er nicht gehässig bei der Notenvergabe, er kommentierte sie höchstens so. Null Punkte im Zeugnis gab es nie, in Klausuren nur im schlimmsten Fall – über schlimmste Fälle allerdings vermochte er dann sogar vor der Klasse zu spotten, so deprimiert sie auch ohnehin schon waren.
Ich als aber mindestens schlimmster Fall von allen hab mir damals einfach nichts daraus gemacht und erhaltene Klausuren noch an seinem Tisch zerknüllt und mit einem Lächeln in den Papierkorb geworfen.
Mir war klar, dass ihn dieses Verhalten furchtbar aufregte und kränkte, aber kaum jemand traute sich überhaupt, ihm die Stirn zu bieten und ich hatte nichts zu verlieren. So hatten wir zwei also bereits in der Mittelstufe ein etwas angespanntes Verhältnis.
Und just mit diesem Lehrer hatte ich ein Wiedersehen im Grundkurs der Klasse 12. Es gab an unserer Schule zwei Mathematik-Grundkurse und als bei der Verlesung der Aufteilung sein Name fiel, versuchten alle in den anderen Kurs zu wechseln – was natürlich nicht ging. Ob er das erfahren hatte oder nicht, spielt keine Rolle. Verachtung erntete er dennoch, als er sich am ersten Tag vor uns stellte und beschwor, wir würden schon noch merken, was wir davon hätten, bei ihm den Unterricht zu besuchen.
Soweit ich mich erinnere, bekamen 50% der Teilnehmer des Kurses weniger als 5 Punkte …
Dass ich an meiner Note kaum etwas ändern konnte, würde ich nicht 2 Jahre lang mehr Mathe lernen als alles andere, war mir bewusst und das war eingeplant. Eine Null nach der anderen tröpfelte als Klausur herein, allein im Zeugnis stand immer ein Punkt. Alles andere hätte wohl Fragen aufgeworfen, mit der Zeit war ich mir sogar sicher, dass ich niemals null Punkte bekommen würde. Da ich Mathe oft schwänzte, im Unterricht nur Briefe schrieb, mich nie meldete und die Wertung schriftlich/mündlich ohnehin 80/20 betrug, war das rechnerisch kaum möglich. Wahrscheinlich sprang er da mal eben als der Chemielehrer ein, der er auch war und hat irgendeinen Katalysator für die Noten benutzt.
Sollte ich mit diesem Satz einen Chemiker verwundert haben: Ich hatte diesen Menschen tatsächlich auch als Chemielehrer und habe dadurch im Grunde nicht viel Ahnung davon, was ein Katalysator eigentlich ist. Entschuldigung.
Eine Prüfung in Mathe musste man zum Bestehen des Abiturs ungeachtet der Leistungskurse ablegen und ich tat das für meine Verhältnisse erfolgreich. Wie erwartet konnte ich zwar keine der gestellten Aufgaben ausrechnen, aber just im Jahre meines Abiturs gab es eine Textaufgabe, die eine Definition verschiedener Extremwerte einer Funktion verlangte. Komischerweise waren diese Definitionen in der Formelsammlung enthalten, die man während der Prüfung benutzen durfte. Die Punktzahl der Aufgabe war hoch genug, um mir im Gesamtergebnis den eingangs schon erwähnten einen Notenpunkt zu bescheren. Genau genommen hatte also auch ich etwas zu verlieren bei der mündlichen Prüfung, denn die Ergebnisse wurden ja zusammengefasst. Aber das war mir – wie Mathe insgesamt – völlig egal.
Ich meldete mich zur mündlichen Prüfung, weil das Risiko im Vergleich zu allen anderen Fächern immer noch zu vernachlässigen war. Außerdem hatte ich Besseres zu tun als Mathe. Es gab noch andere Prüfungen und außerdem war die Zeit ums Abi herum eine Zeit nahezu durchgehender Parties.
Von all den dreisten Autoritätsverletzungen in meinem Leben war die Matheprüfung sicher die harmloseste, weil überschaubarste. Ich hatte alle Eventualitäten einkalkuliert und am Ende blieb es eben eine sinnige Option, völlig unvorbereitet mit der Hoffnung auf schnelle null Punkte dort aufzuschlagen.
Jahre zuvor hatte ich mir überlegt, zu diesem Anlass eine Krawatte meines Stiefvaters zu tragen. Eine dunkelblaue Satinkrawatte, bedruckt mit goldenen mathematischen Formeln. Dazu wollte ich freilich verlottert wie sonst auch auftreten, es sollte ein Akzent sein, ein Fünkchen Ironie in der ironiefreien Welt des Abi-Stresses. Am Tag der Prüfung war ich zu faul für Ironie. Ich trug wie so oft eine ausgebeulte und verblichene, bereits gebraucht gekaufte Bundeswehrhose, ein bei genauem Hinschauen von kleinen Löchern zerfressenes T-Shirt, Tennissocken und komplett ramponierte Sneaker. Es war nicht wirklich eine Art Stil, mehr zelebrierte Stillosigkeit oder in meinem Fall ganz konkret das, was gerade nicht in der Wäsche war.
Ein bisschen Lampenfieber machte sich dennoch breit und ich nutzte die Vorbereitungszeit von 20 Minuten auch immerhin zu fast einem Viertel mit Vorbereitung auf die Aufgaben. An diesem Punkt bin ich zu der Erkenntnis gelangt, dass die mir vorgelegte Gleichung eine Variable zu viel enthielt und hab mich geärgert, dass ich keine Zigarette rauchen konnte.
Als ich gerufen wurde, betrat ich das Prüfungszimmer und verkündete, dass ja wohl irgendwas mit der Aufgabe so nicht stimmen könne. Ich hatte tatsächlich die leise Hoffnung, es könne ein Fehler vorliegen, so was kam schließlich hier und da mal vor. Hier scheinbar nicht.
Ich blickte in den schnöden Klassenraum, der ebenso wie jener, in den immer die frischen Fünftklässler gesteckt werden, völlig lächerlicherweise von den gröbsten Schmierereien bereinigt worden war und mein Blick traf auf drei entsetzte Augenpaare.
Zunächst war da das angsterfüllte Gesicht meines Mathelehrers. Es war damals in Baden-Württemberg so, dass jener ein Drittel der Prüfungskommission stellte. Neben seinem zerzausten Erscheinungsbild saß ein viel kleinerer Mensch, ähnlich alt, dafür besser in Schuss. Er jedoch trug statt der wirren Frisur eine Halbglatze und ein sehr biederes Jackett in einem undefinierbaren Braunton. Ich weiß nicht, ob er erstaunt über mein Auftreten war, oder ob ihm bewusst war, dass sein kompletter Kopf kleiner als meine Faust war. Ja, vielleicht hatte er keine Ahnung, dass ich ihn niemals verprügeln würde, auch wenn er mir eine schlechte Note gäbe.
Prüfer Nummer drei sah aus wie ich mir einen Oberstudienrat vorstellte: Schön artig glatt rasiert, mit Krawatte und blauem Samt-Jackett reichlich overdressed und dazu sichtbar ausgestattet mit null Sinn für Humor. Er war es auch, der mir umgehend mitteilte, dass mit der Aufgabe alles in Ordnung wäre.
Das war für mich ok, ich hatte mich da nicht reingesteigert, also verkündete ich kurz:
„Gut, dann kann ich sie wohl nicht lösen.“
Mein nächstes Gefühl angemessen erklären zu können sollte noch ein paar Jahre dauern, denn Fremdscham wurde erst Ende der Nuller-Jahre (ein sehr passendes Wort in diesem Zusammenhang) in der breiten Öffentlichkeit zu einem Begriff. Aber es beschreibt sehr gut, was mich ergriff, als mein Lehrer sich zu Wort meldete.
Für mich war die Sache zu diesem Zeitpunkt ja gelaufen: Sie hatten mir eine einzige Aufgabe gestellt und ich habe sie ohne erkennbaren Anflug von Ahnung nicht lösen können. Null Punkte! Der nächste bitte!
Doch Einstein bebte. Innerlich und äußerlich. Ob er sich nur um mein Abitur sorgte oder eher um den eigenen Ruf, weiß ich nicht. Dass da einer seiner Schüler eine solch blamable Leistung zeigte, war sichtlich zu viel für ihn, nur konnte ich ihm das schwer ersparen.
Er wuselte hektisch zur Tafel, versuchte mir hier und da Hilfestellungen zu geben, betonte völlig übertrieben, dass wir das doch alles im Unterricht besprochen hätten und schraubte die Anforderungen immer weiter herunter.
„Mensch, Sascha! Kann doch ned sein, dass Dir da gar nix einfällt!“
Unter den mitleidigen Blicken der zwei anderen Prüfer begann er nun, mir eine andere Aufgabe zu stellen. Völlig anderes Gebiet, vom Niveau her vielleicht auf Klassenstufe 10.
„Sehen Sie es ein, ich hab keine Ahnung!“
„Aber Sascha, des isch doch hier und dann mit dem, des muss man doch …“
Irgendwann schritten die beiden anderen ein und bezeugten, dass ich ein aussichtsloser Fall bin. Endlich!
Es gab wohl nur einen Klassenkameraden, der härter um null Punkte kämpfen musste. Der tatsächlich Fakten herbeifaseln musste, um nicht den zu einem Durchfallen führenden Kommentar „nicht teilgenommen“ zu kassieren. Jener arme Tropf allerdings hatte seine Prüfung tatsächlich komplett vergessen und wurde eiligst vom Einkaufen herbei telefoniert. Ganz so schlimm war es bei mir nicht. Die Prozedur dauerte ihre zehn bis fünfzehn Minuten, dann aber verließ ich die Schule an diesem Tag sorgenfrei und zufrieden. Entlassen aus der Prüfung wurde ich mit folgendem Satz:
„Herr Bors, ich glaube, Sie waren sich nicht bewusst, dass Sie sich vor einem Prüfungsausschuss des Abiturs befunden haben.“
Das war nicht richtig. Aber eine schlagfertige Antwort bin ich ihm schuldig geblieben. Lediglich vor der Türe, auf dem Weg zurück ins Leben, zurück zu den Freunden, fasste ich die Situation kurz zusammen:
„Leck mich am Arsch, immerhin hab ich mein Abi!“
(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)