EKG vom Barett-Schlumpf
Wenn man so will, habe ich während der letzten Schuljahre quasi Landesverrat begangen. Also mal abgesehen davon, dass ich mich der Punk-Szene zugehörig fühlte, mein Vaterland verleugnete und ihm nebenbei etwas unbeholfen mit seiner Ausrottung drohte. Nein, ich hab auch noch die Bundeswehr belogen.
Ja, ich wusste von der Truppe, dass sie ordentliche Hosen in meiner Größe hatte – etwas, das die Bundeswehr von rund 90% der anderen Bekleidungsspezialisten unterschied, darüber hinaus hatte ich mit dem Militär immer meine Schwierigkeiten. Pazifist war ich sicher auch ein wenig, aber den Wehrdienst habe ich wie so viele andere vor allem verweigert, weil ich weder auf Schlammkriechen, noch auf sinnlosen Gehorsam stand.
Geschrieben hab aber natürlich auch ich von den schlimmen Kriegserfahrungen meiner Oma, wenngleich ich ihre Geschichten nie so abscheulich fand wie das, was ich aus Schule und Fernsehen über die dunkelsten Kapitel deutscher Geschichte lernte.
Wie so oft in meinem Leben war ich vor allem trotzig gegenüber Leuten, die mir blöd gekommen waren.
Ich hatte ja schon aus politischen Gründen über eine Totalverweigerung nachgedacht, aber trotz einem gewissen Hang zur sofortigen Mitwirkung an einer Revolution habe ich aus Bequemlichkeit darauf verzichtet.
Katz und Maus zu spielen mit den Feldjägern wäre sicher lustig gewesen – die unangenehmen Nebeneffekte wie das Leben im Untergrund und eventuelle Strafen über die eigentliche Dienstzeit hinaus schienen mir dann aber doch ein zu hoher Einsatz für ein bisschen Unterhaltung zu sein.
Abgesehen vom schönen politischen Statement in Form einer Totalverweigerung sprach sonst nichts dafür. Ich wollte nicht zum Bund, ja! Aber ich konnte mir durchaus vorstellen, Zivildienst zu machen – schon alleine, weil es mir ja ohnehin an brauchbaren Ideen zum weiteren Lebensweg fehlte. Ergo: Normale Verweigerung, ganz ordentlich und nur zu bewerkstelligen durch einen Besuch in der Höhle des Löwen.
So saß ich dann kurz nach meinem achtzehnten Geburtstag auch überpünktlich im Kreiswehrersatzamt und hab mich, wie es für Musterungen bei unwilligen Anwärtern üblich ist, fürchterlich geärgert.
Da war ich extra angerauscht, um dem Laden die kalte Schulter zu zeigen und ihn mit aller gerade noch legalen Verachtung zu strafen und dann war da gar niemand. An der Pforte ließ man mich durch, die Uhr an der Wand zeigte gerade einmal 6:30 Uhr an. Statt nun gleich mit dem albernen und in meinen Augen unnötigen Prozedere zu beginnen, musste ich zunächst einmal warten, bis überhaupt irgendein uniformiertes Heinzelmännchen das Licht im Wartebereich anschaltete. Stumm und ohne Hinweis auf Verzögerungen. Dass mir und den anderen inzwischen angereisten Jünglingen eventuell nach einer Weile langweilig werden könnte, bemerkte dann aber wohl doch jemand.
Also wurde ein weiterer Barett-Schlumpf zu uns entsandt, wieder einer mit einem Faible für stumme Auftritte. Er schaltete nun einen PC im Raum an. Diesem war zwar schon von außen anzusehen, dass man darauf keine vernünftigen Ballerspiele würde zocken können, aber mit sowas Beklopptem wie einer Powerpoint-Präsentation zu den Karrieremöglichkeiten bei der Trachtentruppe hatten selbst wir vier müden Gestalten nicht gerechnet. Also unterhielten wir uns notgedrungen.
Über die Musterung und die Möglichkeiten, dort gleich als untauglich eingestuft zu werden, kursierten damals viele Gerüchte. Auch im Wartezimmer machten sich alsbald die beliebtesten Urban Legends breit. Der Typ, der vor der Musterung zwei Tage nicht geschlafen haben will, tauchte ebenso auf wie der, der bei der Befragung geantwortet haben will, er wolle zum Militär, um endlich mal jemanden umzulegen. Es existierten damals Web-Foren, die einem Medikamente zur Vortäuschung bestimmter Krankheiten empfahlen und tausende Tipps zur garantierten Ausmusterung parat hatten.
Idealerweise hätte ich an der Pforte schon mit „Heil Hitler!“ grüßen sollen oder im Warteraum an die Heizung gekettet nach meiner Mama rufen.
Aber wie gesagt: Mir lag nicht viel daran, den Zivildienst gleich mit zu vermeiden, somit konnte ich gut mit dem Schicksal leben, für tauglich erklärt zu werden. Nicht zum Bund zu müssen reichte mir.
Ehrlich wie ich bin, hab ich dann gleich gesagt, dass ich verweigern will und zum Dank nur das Programm für Hippie-Lutscher absolvieren müssen. Die Frage, ob es eher mich, die Deutschen oder die Bundeswehr sorgen sollte, dass ich mit 50 kg Übergewicht immer noch die zweite Tauglichkeitsstufe erreicht habe, überlasse ich besser den Geschichtsschreibern.
Ich war am Ende exakt so schlau wie zuvor: Ich würde meinen Zivi machen. Positiv hervorzuheben wäre allerdings ein halber Tag schulfrei und außerdem hatte sich endlich mal wer die Mühe gemacht, auszumessen, wie groß ich genau war. Der umherwuselnde Uniformierte, der ein Geodreieck suchen musste, um die nur zwei Meter in die Höhe reichende Messlatte zu verlängern, hat mir den Tag ungemein versüßt.
Die anschließenden ärztlichen Untersuchungen waren Kinderfasching. Selbst der berühmt-berüchtigte EKG (Eier-Kontroll-Griff) war gar nicht so schwierig ohne versehentliche Erektion zu überstehen wie befürchtet, da sie für diese Prozedur nur Ärztinnen ausgewählt hatten, die zumindest vom Alter her noch des Führers höchst eigene Klöten gekannt haben müssten.
Am Ende jedenfalls wurde mir meine Verweigerung bestätigt, außerdem wurde mir bedeutet, dass die Einreichung meiner schriftlichen Begründung noch Zeit hätte, da ich ja ohnehin noch eine ganze Weile die Schulbank drücken würde.
Keine drei Wochen später schien jedoch bei der Bundeswehr der Bedarf an übergewichtigen T2-Lutschern so stark gestiegen zu sein, dass sie auch mich anschrieben und mir damit drohten, mich umgehend einzuziehen, wenn ich nicht baldestmöglich die schriftliche Begründung einreichen würde.
Der im Übrigen selbst ziemlich übellaunige Schrieb ist der Grund, weswegen heute in irgendeinem Bundeswehrarchiv eine Verweigerung herumliegen müsste, die einen Einleitungsteil enthält, der mehr oder minder besagt, dass der Verein ja wohl weder Tassen im Schrank, noch ungeöffnete Rektalöffnungen hätte.
In der Folge besteht der Brief aus zwei recht lieblos zusammengewürfelten, damals sehr bekannten im Internet kursierenden Verweigerungsschreiben, ergänzt um zwei Sätze, wie sehr ich es bedauere, dass ich meinen Opa nie kennenlernen durfte, was zumindest meiner Meinung nach irgendwie indirekt mit seiner Gefangenschaft nach dem Kriegsende 1945 zu tun hatte. Irgendwo musste der Krebs ja hergekommen sein, der ihn anno 1981 dahinscheiden ließ.
Der Brief war mit mittelschweren Grammatikfehlern schief auf ein vergilbtes Blatt gedruckt und eigentlich hab ich nur nicht drübergepinkelt, weil ich befürchtete, sonst eventuell noch einen schreiben zu müssen.
Der Bundeswehr war es auch ohne Körperflüssigkeiten authentisch genug und somit war meine Verweigerung durch.
Diese wirklich auf diese paar Stunden beschränkte Erfahrung mit der Truppe hat definitiv nur weiter dazu beigetragen, dass ich den Bürgern in Uniform niemals auch nur einen Hauch Respekt entgegenbringen konnte.
(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)