Von Straßen träumen

Von Straßen träumen

„Eines Tages werdet ihr feststellen …“

Nicht auszuhalten!

Wie wahrscheinlich alle aufgrund von akuter Jugendlichkeit nicht Fluchtberechtigten, die sich jemals seit 1945 in einem deutschen Klassenzimmer aufgehalten haben – und wenn man nur arglos hineingeschlichen ist, um etwas Kreide zu klauen – habe auch ich immer wieder den Satz gehört, dass die Schule „die schönste Zeit des Lebens“ ist. Und dass ich sie mir bestimmt mal zurückwünschen würde.

Und nichts ist verachtenswerter an Lehrern als die Tatsache, dass sie damit Recht haben und sich diesen Spruch trotzdem nicht abgewöhnen. Denn natürlich hatten wir Schüler unsere schwierigeren Zeiten nicht im Kunstunterricht oder während einer der vielen Pausen. Oben Genanntes aber immer dann gesagt zu bekommen, wenn man mal wirklich im Stress war, bewirkte bei mir, dass ich die Schule keineswegs mehr lieb gewann, dafür aber mein zukünftiges Leben umso mehr fürchtete.

So sehr ich natürlich zu schätzen wusste, was mir beigebracht wurde, war der Abschied von der Schule auch ein lang ersehnter Abschied vom institutionalisierten Lernen gewesen. Es hätte tausende Studienfächer in diesem Land gegeben, die mich prinzipiell des Wissens wegen gereizt hätten, aber es war eine unglaubliche Erlösung, ein Leben zu beginnen, das klare Grenzen zwischen der Arbeitszeit und dem Feierabend kannte. Nie wieder wollte ich aufwachen und mir denken:

„Mist, du hättest auch noch ein bisschen mehr lernen sollen!“

Natürlich sind unter diesen Vorgaben alle Ausbildungsideen irgendwie liegen geblieben. Im Grunde gefiel mir der Status Quo, mir gefiel die Zweiteilung meines Lebens in Arbeit und, äh ja: Leben.

Nach, beziehungsweise schon während meines kurzen Ausfluges in die Zeitarbeit in Berlin wurde mir aber klar, dass ich mich vielleicht doch darauf einlassen sollte, für einen guten Job auch mal wieder ein bisschen Lernerei auf mich zu nehmen. Hätte ich gewusst, was auf mich zukommt, hätte ich wohl eher einen Vertrag für einen Posten als Erntehelfer für die Spargelsaison unterschrieben.

Für eine Rückkehr in den Behindertenfahrdienst war es unabdinglich, meinem in Stuttgart schon erworbenen Personenbeförderungsschein die Ortskundeprüfung für Berlin hinzuzufügen. Der Sinn dahinter war schwer erkennbar. Völlig ohne Sinn sollte ich also die knapp 900 km² von Berlin auswendig lernen, um ein paar Schüler morgens vom immergleichen A zum immergleichen B zu bringen? Aber ich war verzweifelt genug, es zu versuchen. Bloß nie wieder Assistant Chief of Pneumo-Blasting sein!

Ich war mir der Absurdität wohl bewusst, in einer Millionenstadt die Ortskundeprüfung abzulegen, in der ich zum einen erst seit einem halben Jahr lebte und zum anderen lehrreiche Stadtbummel mied wie der Teufel das Weihwasser.

Zunächst einmal googelte ich ein bisschen. Das schien mir angenehmer zu sein, als geistig völlig unbewaffnet irgendwelchen Menschen gegenüberzutreten, die Ahnung von der Materie hatten.

Und was das kleine Suchmaschinchen da ausspuckte, war absurd. Ich bin umgehend vom Stuhl gekippt.

OK, nicht wirklich. Aber ich hätte es tun sollen, eine angemessenere Reaktion existiert schlicht nicht. Das, was es zu lernen galt, war unübersichtlich viel. Und doch nur Berlin.

Dass ich die Prüfung brauchte, war Irrsinn. Dieser Irrsinn quadrierte sich durch die Anforderungen, die da gestellt wurden. Zunächst freute ich mich darüber, dass ich nicht das gleiche Pensum zu absolvieren hatte wie ein Taxifahrer. Und bitte mal im Ernst: Wieso hätte ich Taxifahrer werden sollen?

Diese Freude jedoch hielt auch nur kurz. Letztlich musste ich zwar als Krankenwagenfahrer nur eine von zwei Prüfungen ablegen – allerdings die schwerere, die das Wissen der leichteren ohnehin mehr oder minder beinhaltete. Wer sich das ausgedacht hatte, war ganz offensichtlich ein Bürokratie-Genie ersten Ranges.

Mit diesen Informationen bewaffnet, torkelte ich durch die Daten und widerrief meine vorherige Meinung:

Wenn ich schon den Stadtplan einer mir völlig unbekannten Stadt (und ich hatte zu dieser Zeit wirklich erst mühsam gelernt, meinen eigenen Wohnsitz in angemessener Zeit auf einem Stadtplan zu lokalisieren) auswendig lernen sollte, dann doch gleich richtig!

Ja, ich beschloss, gleich die „richtige“ Ortskundeprüfung zu machen – die, mit der man auch taxifahren kann. Und wenn wir schon dabei wären, könnte ich das ja auch gleich ausprobieren.

Natürlich wusste ich über diesen Job so gut wie nichts, aber immerhin hatte ich mich in betrunkenem Zustand schon hier und da mal mit einem Taxifahrer unterhalten. Abgesehen davon, dass sie immer eine gewisse Angst vor mir mit meinen zwei Metern zu haben schienen, kamen sie mir lustig vor. Und hey: Lustig war ich auch!

Frisch motiviert und von meiner Freundin mit einigen einschlägigen Adressen aus der Zeitung versorgt, begann ich meine Suche nach einem potenziellen Ausbilder, nach einer Taxischule. So wie jeder halbwegs denkende Mensch wusste ich, dass das Taxigewerbe grundsätzlich vor Betrügern und Abzockern nur so strotzt und wollte äußerste Vorsicht walten lassen bei meiner Wahl. Entsprechend nervös war ich, als ich dann einige Tage später auf eine am Telefon ausgesprochene Einladung vor der Türe einer Taxischule stand.

Das Haus kam mir schon einmal nicht sonderlich vertrauenerweckend vor, meine Warnglocken schienen also noch intakt zu sein. Das jedoch änderte sich hinter der Tür. Dem liebevollen und harter Arbeit geschuldeten Chaos entsprang ein gut gekleideter Mann um die Fünfzig, der unter Zuhilfenahme eines Rollkragenpullovers jeden Steve-Jobs-Ähnlichkeits-Wettbewerb gewonnenen hätte.

Ungefähr eine halbe Stunde später wusste ich, dass ich hier nicht nur meine Ausbildung zur Ortskundeprüfung machen, sondern anschließend auch arbeiten wollte. Als Taxifahrer.

Der freundliche Mann mit der bedächtigen Sprechweise hatte nämlich ganz gelassen hingenommen, dass ich erst seit einem Jahr in Berlin weilte und mich paradoxerweise mit der Aussage motiviert, dass die Prüfung ohnehin so schwierig sei, dass man sie auch als Berliner nicht einfacher bestehen würde als als Auswärtiger.

Man muss sich das für die Erlangung des „Ortskenntnisnachweises“ in Berlin nötige Wissen ungefähr so umfangreich vorstellen wie ein durchschnittliches sozialwissenschaftliches Studium. Mit dem Unterschied, dass die benötigte Fachliteratur ungleich günstiger ist und von Unkundigen mit banalen Stadtplänen verwechselt werden könnte. Insbesondere, weil meistens „Stadtplan“ draufsteht.

Nach meiner jahrelangen Lernabstinenz war ich trotz des offensichtlich mehr als trockenen Lernstoffes ganz angetan davon, mir Berlin zunächst auf dem Papier zu erarbeiten.

Bevor ich einen Vertrag unterschreiben durfte, erhielt ich aber die Chance, darüber nachzudenken, zu Hause ein paar Übungslektionen zu machen und am folgenden Montag zu einem der Kurse zu kommen.

So betrat ich das immer noch nicht ganz seriös aussehende Haus ein paar Tage später erneut, inzwischen überzeugter als zuvor. Dass ich im Grunde nur wusste, dass ich nichts wusste, war mir bekannt – das Ausmaß meines Unwissens indes prasselte in Form unzähliger Straßennamen bereits nach Minuten auf mich ein.

Und mit mir im Raum saßen augenscheinlich erwachsene Menschen und starrten angestrengt grübelnd in Stadtpläne. In Stadtpläne! Kann man sich nicht ausdenken, sowas!

Plötzlich jedenfalls drehte sich alles um „Objekte“. Das Brandenburger Tor war ein Objekt, der Flughafen Tempelhof bis zu seiner Schließung auch. Ebenso ein paar für mich fragwürdig klingende Dinge wie das Kumpelnest 3000 und die Bar jeder Vernunft. Dass mir eine Menge bevorstand, war wirklich unübersehbar.

Fortan wurde mein Leben wieder zur Schule. Während ich ein bisschen Zeit damit verbrachte, das Arbeitsamt zu vertrösten, bestand der Rest meines Daseins bald aus Objekten, Routen und Stadtplänen. Zu Hause oder im zweimal wöchentlich stattfindenden Kurs brütete ich unentwegt über den kürzesten Verbindungen zwischen verschiedenen Sehenswürdigkeiten, die ich immer noch eher aus dem Fernsehen, denn aus meiner Wirklichkeit kannte. Ich bastelte mir Eselsbrücken für Adressen, prägte mir Routen ein, die man für mehrere Fahrten brauchen konnte und fieberte mit unruhigem Magen den Prüfungen entgegen.

Es ging das Gerücht um, jeder Anwärter würde irgendwann von Zielfahrten und Adressen träumen und bei mir war es in der ersten warmen Nacht 2008 soweit. Nach unruhigem Schlaf erwachte ich und anstatt wie früher mit meiner Morgenlatte herumzuexperimentieren, fragte ich mich, wie ich bitte vom Auguste-Viktoria-Klinikum zum Hauptbahnhof komme. Und spätestens beim Kanzleramt ist ohnehin Schluss mit jeder Erektion.

Mein Lehrer in der Taxischule verstand sich hauptsächlich darauf, uns Angst zu machen vor der schwierigen Prüfung. Ohne dabei jedoch unsympathisch zu sein. Er schwor uns darauf ein, geradezu unanständig genau zu sein. Nicht nur sollten wir uns auf unser Wissen verlassen können, mehr als eingehend warnte er uns zudem vor der Inkompetenz der Prüfer. Ich verstand mich schnell sehr gut mit ihm und wenn er die kürzeste Route zum „größten Volksverblöder seit Goebbels“ wissen wollte, navigierte ich auf dem Stadtplan mehr oder weniger zielsicher zur Axel-Springer-Straße und das Lob für schnelles Lernen blieb nicht aus. Insgesamt war der Kurs eine gemütliche Runde, beileibe besser als das literarische Quartett, nur etwas enger in der Themenauswahl.

Dennoch lag über all der Knuffigkeit stets der Erfolgsdruck. Nicht seitens meiner zukünftigen Arbeitgeber! Es war eher mein Geldbeutel, der immer beharrlicher schrie und mich zur Vollendung des ganzen Theaters zwang. Und war er es nicht, war es der Geldbeutel meines Vaters, der mich nach wie vor und mit immer größerem Einsatz co-finanzierte.

Mein Zimmer wurde nun optisch dominiert von einem großen Stadtplan an der Wand und einzelne Kartenausschnitte zierten verschiedene Möbelstücke. Meine Gedanken verfingen sich in Wegbeschreibungen, die in der Tat jeden Durchschnitts-Berliner überfordert hätten und selbst meine Freundin, hier geboren, musste bald anerkennend gestehen, dass sie wohl künftig mich Zugewanderten nach dem Weg fragen müsste, wenn es mal wichtig wäre.

Manche Routen beherrschte ich perfekt, manche Stadtteile lagen mir indes gar nicht. Die Karteikärtchen mit den Objekten verteilten sich auf verschiedenste Plätze, die alle unterschiedliche Lernfortschritte symbolisierten und für unbedarfte Besucher musste mein Reich aussehen, als würde dort ein Messi mit einem schwer kontrollierbaren Karten-Fetisch wohnen.

Mein Lehrer, der selbst Kartenmaterial zum Lernen herausgab, sah mich irgendwann nur noch selten. Ich verlagerte meine Arbeitsstätte ganz nach Hause, sparte mir damit das Geld für die Fahrkarten und ein paar Stunden Zeit jede Woche.

Im Laufe der Monate errechnete ich irgendwann, dass der Zeitaufwand für das Bestehen der Ortskundeprüfung in Berlin den für mein Abitur um den Faktor 30 übertraf – was aber in Anbetracht der dort erzielten Noten auch eher gegen meine Abiturvorbereitungen sprach.

Natürlich hatte ich dennoch Freizeit, ich schrieb nebenher sehr viel und so lange die väterliche Unterstützung es zuließ, brachten mich auch in dieser intensiven Lernphase einige Berliner Pilsener vom gradlinigen Erfolgsweg ab. Aber ich hatte trotzdem niemals zuvor mehr Zeit in irgendein Projekt investiert.

Und all das, um mich zuletzt von einer trägen Beamtin bei der Agentur für Arbeit annölen zu lassen:

„Ich hab dann auch einen festen Arbeitsplatz und liege ihnen nicht weiter auf der Tasche.“

„Aha, als was denn?“

„Ich bin dann Taxifahrer.“

„Ach je, wollen Sie sich denn ihr ganzes Leben mit solchen Gelegenheitsjobs herumschlagen?“

Aber die gesellschaftliche Ächtung durch meinen Beruf sollte noch auf sich warten lassen. Zunächst einmal musste ich ja die Prüfungen bestehen.

Das aber war ein anderes Kapitel.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

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