Die Winterwunderkinder

Die Winterwunderkinder

Wie die meisten Männer tendierte ich in jungen Jahren beim Autofahren zum Extremen. Während meine Altersgenossen aber eher sehr schnelle oder schöne Autos über die Autobahn jagten, fand ich meine Erfüllung in großen Autos und möglichst schwierigen Bedingungen. Die Vereinsbusse durch enge Gassen zu manövrieren bereitete mir mehr Spaß als das Durchtreten des Gaspedals, ich mochte Einparken in enge Lücken mehr als Ampelduelle, vor allem aber liebte ich den Winter mit seinen vereisten Straßen.

Die Tagesstättentour fuhr ich nur noch manchmal als Ersatzmann, ich hatte inzwischen ja eine eigene mit meinem Bruder. Ein gelegentlicher Rollenwechsel zwischen Fahrer und Beifahrer war bei uns nicht vorgesehen, da unsere Chefs seinen Fahrkünsten wesentlich weniger trauten als meinen. Das war aber soweit verständlich, sie hatten wahrscheinlich Bedenken, weil er keinen Führerschein besaß.

An unser beider Motivation hing nun der Tagesablauf mehrerer Familien. Waren wir krank oder verhindert, musste die Tour abgesagt werden – es gab keinen Ersatz. Schon gar keinen, der das Büro hütete, wenn wir um kurz vor 7 Uhr morgens losfuhren. Die Familien mit ihren schwerstbehinderten Angehörigen legten es mehr oder minder in unsere Hand, ob sie einen Tag Auszeit von der aufwändigen Pflege bekamen und der Nachwuchs eine ganztägige Betreuung genoss.

Als ich an jenem Januarmorgen aus dem Fenster sah, wusste ich, dass der Tag ein schöner sein würde. Über Nacht waren über 20 Zentimeter Neuschnee gefallen, unter dem Schnee lag eisige Glätte. Es war abzusehen, dass Gablenberg einmal mehr von der Außenwelt abgeschnitten sein würde. Die Busse mühten sich an solchen Tagen oft vergebens an den umliegenden Bergen ab und gaben irgendwann auf. Viele Menschen zogen schon im Vorfeld die Gardinen zu und logen ihrem Chef vor, sie seien krank.

Um kurz nach 7 Uhr klingelte es und wenig später stand mein Bruder vor mir, den Schnee aus der Mütze schüttelnd, die Füße abtretend und übers ganze Gesicht strahlend.

„Moin Digger! Geiles Wetter, oder?“

Unser schneeweißer Sprinter, der auf den Namen Leo hörte, stand über Nacht unrechtmäßig – schließlich hatten weder mein Bruder noch ich es je fertiggebracht, einem Kunden einen Behindertenausweis zu klauen – auf einem der zwei damals einzigen Behindertenparkplätzen in ganz Gablenberg. Hinter Leo stand ein vergleichsweise altes Wrack aus dem Verein und wartete auf Cora. Selber Arbeitgeber, selbe Tour, selbe Stammkneipe. Personenbeförderung war auch nur ein Dorf.

Die Räder verschwanden tief im Schneematsch, der von den Räumfahrzeugen in den Morgenstunden gegen die parkenden Autos gedrückt worden war.

Wir starteten die Standheizung und überlegten, ob wir der totalen Vereisung der Scheiben dieses Mal mit Eispickeln begegnen sollten. Kurz und schmerzlos versuchten wir, das Auto auf den Minimalststandard in Puncto Verkehrssicherheit zu bringen. Nach mehreren Minuten rann langsam geschmolzener Schnee vom Dach, die Scheiben waren wieder durchsichtig und zu guter Letzt befreiten zwei einstudierte Wischbewegungen die Scheinwerfer von der weißen Last. Ein High-Five unter Brüdern später traf Cora ein. Sie war das komplette Gegenteil von uns zweien. Wir waren hochgewachsen, jung, männlich und von zumindest kräftiger Statur – Cora hatte ihren sechzigsten Geburtstag bevorstehen, war klein und zierlich und ihr war anzusehen, dass sie zu Lebzeiten kein Mensch mehr beim Zigarettenkonsum überholen würde.

Ihr Auto war schnell noch mit befreit, festgefroren stand es dann aber da und bewegte sich keinen Millimeter vorwärts. Verzweifelt auf dem glatten Untergrund Halt suchend, schoben wir den schweren Bus über beinahe kniehohe Schneehaufen von der Parklücke auf die Straße. Diese beispiellose Kraftakt, dieses wunderbare Schauspiel aus Testosteron und Feinstaub, war im Nachhinein noch beeindruckender, da sich herausstellte, dass weniger der Schnee das Problem war als viel mehr die von Cora vergessene Handbremse …

Als wir endlich loskamen, stand die Sonne noch immer nicht am Himmel und die einzige Lichtquelle weit und breit waren die beleuchteten Auslagen eines der unzähligen Bäcker in der Gablenberger Hauptstraße. Wir klappten Leos Spiegel aus und behäbig knirschte sich der schwere Körper aus Stahl in den zäh fließenden Verkehr.

Man muss über den Stuttgarter Verkehr wissen, dass er ab dem ersten Schneefall zwar ausdünnt, jedoch keineswegs harmloser wird. Der durchschnittliche Stuttgarter Autofahrer vermeidet bei Schnee nämlich nicht nur unangemessen hohe Geschwindigkeiten, sondern verharrt panisch bei unter 20 km/h, um in ganz ausweglosen Situationen wie plötzlich auftauchenden Kurven spontan die Kontrolle übers Fahrzeug zu verlieren, in Straßengräben zu rutschen und sich vor dem Rest des Verkehrs zu verstecken.

Jedes einzelne Jahr wird der ersten Schneeflocke mit zahlreichen Unfällen gehuldigt und so getan, als wäre es das erste Mal im Leben, dass man ein Lenkrad sieht. Oder Schnee.

Unsere erste Kundin mussten wir gar nicht anrufen, um unsere kleine Verspätung anzukündigen. Im Gegenteil: Sie rief uns an und fragte verunsichert, ob wir überhaupt kommen würden. Die Zweite ließ uns ebenfalls eher liebe als böse Worte angedeihen und die Dritte bat uns, gar nicht erst zu kommen. Zu viel Stress, all der Schnee und das Chaos. Sie würde ihren Sohn dieses Wetter lieber zu Hause genießen lassen.

Wir hingegen trotzten dem Wetter heroisch. Ich lenkte den Bus gekonnt zwischen den vermeintlich scheintoten und den im Graben versteckten Verkehrsteilnehmern hindurch. Kamen wir wo nicht voran, nutzten wir unsere Schuhe als Schneeschaufeln und verwandelten Rollstühle in Schlitten wie Jesus Wasser in Wein. Während im Umkreis von Schulen ganze Schneeballsalven für ein dumpfes Tamtam an der Karosserie sorgten, fiel mir anderenorts röhrend das ESP ins Wort und half mir dabei, den Wagen in der Spur zu halten. Zweimal nutzten wir die Gelegenheit, um Wildfremden dabei zu helfen, ihr Auto aus dem Schnee zu befreien. Meist war nur ein kleiner Schubser nötig, außerhalb des Vereins war der Einsatzzweck der Handbremse ja meist bekannt.

Von den Kundinnen wurden wir mit Lob und Schokolade überhäuft. Dass wir überhaupt kämen! Die anderen Fahrdienste würden die Touren gleich annullieren, ja nicht einmal anrufen!

Durch den Wegfall unseres dritten Stopps und durch den abebbenden Verkehr hatten wir zudem die vage Hoffnung, mehr oder minder pünktlich am  eigentlichen Ziel anzukommen: einem ziemlich peinlichen anthroposophischen Schuppen im Stuttgarter Osten, bei dem ich immer wieder die Kunden beneidete, die ohnehin nicht ganz knusper waren. Geistige Abwesenheit war bei deren Idee von Pädagogik ganz sicher von Vorteil.

Es schneite noch immer stark, doch Leo trotzte – seinem Namen alle Ehre machend – dem Wetter. Leo hieß nicht ohne Grund so. Er war ein Jahreswagen, ursprünglich im Besitz der Bundeswehr und deswegen nach dem Leopard-2-Panzer benannt. Abgesehen von der zumindest für diese Witterung sehr passenden Tarnfarbe merkte man von seiner Abstammung allerdings nichts. Wobei die Höchstgeschwindigkeit mit der des Leopard 2 eventuell vergleichbar gewesen sein könnte …

Als wir die Sackgasse entlang schlitterten, an deren Ende das Ziel lag, staunten wir nicht schlecht. Die Reifenspuren vor uns dünnten aus und im Hof fanden sich lediglich vereinzelte Fußspuren, die langsam ihre Konturen verloren. Ganz offensichtlich war niemand vor uns hier gewesen. Zumindest nicht motorisiert. Die planmäßige Ankunftszeit war 9:00 Uhr, die leicht nachgehende Uhr bei uns im Cockpit erzählte etwas von 9:05 Uhr. Wir waren pünktlich. 5 Minuten zu spät war ja fast schon zu früh!

Und das konnte man ohne Zweifel sagen. Die Ankunft etlicher Autos verschiedener Fahrdienste sorgte immer für Verzögerungen, außerdem besaß diese Einrichtung den langsamsten Fahrstuhl Europas, der ungefähr eine Person pro Viertelstunde in den ersten Stock transportieren konnte, wo die grob 30 versammelten Leute anschließend zur Morgenandacht irgendwelchen Hokuspokus praktizierten. Nein, dort rechnete man nicht in Minuten.

Im Haus trafen wir auf zwei auch jenseits ihrer Weltanschauung völlig verstörte Typen, die als einzige Anwesende gar nicht damit zurechtkamen, dass an diesem Tag tatsächlich jemand pünktlich kam. Noch dazu vom Fahrdienst. Es hatte schließlich geschneit.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert