Mittwoch ist Spaßtag

Mittwoch ist Spaßtag

Spaß muss ja nicht immer heißen, dass es teuer wird. Manchmal reicht schon die bescheidene Ausstattung eines Drei-Personen-Haushalts. Katzenfutter zum Beispiel. Heute wollten wir unseren Spaßtag mit Katzenfutter begehen. Bewaffnet mit 3 weißen Schürzen machten wir uns auf in die nächste Fußgängerzone und füllten noch zuvor das Katzenfutter in kleine ansehnliche Plastikschüsseln um. Das macht gleich einen ganz anderen Eindruck.

Wir baten die Leute, doch im Interesse der neuen Metzgerei „Katz“ unsere hausgemachte Sülze zu probieren. Achim war alleine dafür zuständig, die Dosen durch die Gegend zu tragen, so viele Leute wollten probieren. Noch erstaunlicher war die Tatsache, dass die billigen Sorten beim Publikum offenbar mehr Anklang fanden als die großen Marken. Ganze 71 % beurteilten dieses Billig-Futter vom Schlecker als „sehr gut“. Besonders reizend war ein älterer Mann, der fragte, ob wir denn auch einen Liefer-Service anbieten würden. Aus Gründen der Humanität verneinten wir. Auch schwer zu erreichen war die Aussage einer Frau, die sich durch den Geschmack an ein Lieblingsgericht aus ihrer Jugend erinnert fühlte, und Unser Kassensturz anschließend ergab, dass uns dieser Tag zu viert 15,55 Euro gekostet hatte. Kino wäre dafür nicht drin gewesen.

Sonntag

Sonntag

Es war an einem Winternachmittag so gegen 15 Uhr. Sonntag.

Ich schlenderte ein wenig durch die Altstadt und mutete es mir zu, die Schaufenster der Konsumtempel zu durchforsten nach Sachen, die ich mir nicht leisten konnte. Nicht, dass ich ein schlechtes Einkommen hätte, aber Abende wie der gestrige sorgen dann dafür, dass das auch komplett raus geht. Es war einer dieser schönen kalten aber klaren Tage, wie sie der Januar leider viel zu selten hervorbringt. Ich geisterte irgendwie in Gedanken versunken durch die Straßen, besichtigte hier ein paar Schuhe, die ich nicht zahlen konnte oder Werbung für die neuen Jahreskarten unseres ortsansässigen Verkehrsunternehmens. Ich musste daran denken, dass meine Karte mich nur ein paar Cent gekostet hat. Das sind im Übrigen Anwendungsgebiete, die den Kauf eines mittelmäßigen Farbdruckers sehr schnell lohnend machen. Aber das nur nebenbei.

Ich atmete zwischen zwei Zigaretten die frische Luft und jeder Atemzug schmerzte ein wenig. Das lag wesentlich mehr an der Kälte der Luft als an meinen Raucherlungen. Minus fünf Grad zeigte das Thermometer am Marktplatz. In diesen Minuten realisierte ich in keinster Weise die Leute, die relativ zahlreich für die Tageszeit durch die Stadt irrten. Vielleicht kam ein Großteil von ihnen ja genauso von irgendeinem Bekannten, der gestern zu einer Party geladen hat. Schwer vorstellbar. Ich hatte das Gefühl, mein Leben zu genießen, jede Sekunde mehr als die vorangegangene. Als mein CD-Player Time von Pink Floyd anspielte, drückte ich den Track weg. Keine depressiven Gedanken! Nicht heute! Die Glocken in meinen Ohren verstummten gerade, als die Marienkirche ihre stündliche Lobpreisung des Herrn begann. Frieden ist nirgendwo.

Als sie auf mich zukam, hing ich noch dem Gedanken nach, im Laufe des Tages meine Wäsche zu waschen und ja nicht zu vergessen, den Wecker zu stellen. Die Nacht würde kurz werden. Wie immer von Sonntag auf Montag. Es war Schnee angekündigt.

Sie musste mich zweimal ansprechen, ehe ich begriff, dass sie es tat. Ich griff aus Reflex nach den Zigaretten in meiner Hosentasche und begann mich zu fragen, wo ich denn jetzt schon wieder mein Feuerzeug versteckt hatte.

„Hey du!“ meinte sie. Sie hatte schulterlanges schwarzes Haar und sah irgendwie interessant aus. Wenn man das so sagen kann. Mein Gehirn suchte nach Schubladen, in die ich diese Anmache einordnen kann. Zigaretten? Marktforschung? Die Zeugen Jehovas? Ich war zu langsam.

„Kommste mal kurz mit?“

„Wohin?“

„Wie heißt du denn?“

„Und du?“

„Ann-Kathrin! Was is jetzt?“

Sie war etwas jünger als ich, achtzehn vielleicht. Irgendwie schien sie verdammt gute Laune zu haben. Vielleicht bin ich ja deshalb mitgegangen.

„Ich hab da ’n Problem mit meinem Einkauf.“

„Einkauf? Am Sonntag?“

„Das isses ja! Weißt du, wo die nächste Tanke is?“

OK, was hatte ich auch erwartet?

„Da musste da hinten links, dann die Straße runter bis zu, warte mal…, nee, am kürzesten isses eigentlich… Weißt du was, ich komm kurz mit, so weit isses wirklich nicht. Wo musst’n danach hin?“

Wenn ich heute darüber nachdenke, ob es irgendeinen Grund gab, weswegen ich das gefragt habe, dann muss ich verneinen. Das spielte aber zunächst auch überhaupt keine Rolle. Sie antwortete nämlich nicht.

„Wo kommste jewesen so spät in der Früh?“

Dieser Satz überraschte mich dann doch. Ich selber hatte ihn mir angewöhnt, zwar nicht bewusst und freiwillig, aber so ist das nun mal mit Angewohnheiten. Diesen Spiegel vorgehalten zu bekommen war nicht schlimm, aber ich hatte das Gefühl, dass ich diese Begegnung so schnell nicht vergessen können würde. Diesen Gedanken zersprengend suchte ich nach irgendwelchen Anhaltspunkten an ihr, die mir mehr über sie verraten könnten, als sie freiwillig von sich preiszugeben gedenkt. Klamotten, Sprechweise, Aussehen allgemein, Schmuck… seltsam, aber nett.

„Hey, weißt’s nicht mehr, oder willstes nicht verraten?“

„Ach so, sorry! Von ’nem Kumpel. Party und so…“

“Und? Gut?”

“Ging so, war ’n paar komische Gestalten am Start, aber nett war’s schon! Äh, wir müssen da auf die andere Seite!“

Die Banalitäten, die ich ihr über den letzten Abend erzählte, sind die Wiederholung nicht wert. Die illuminierte blaue Raute vorne auf der rechten Seite zeigte uns an, dass die Tanke tatsächlich noch dort stand, wo ich sie vermutet hatte. Ich war seit Jahren nicht mehr hier gewesen.

„Nu findste’s wohl alleine, oder?“ grinste ich sie an.

„Nee!“

Dieser Tonfall gefiel mir nicht wirklich. Zumal sie mein Grinsen nicht erwiderte, sondern ziemlich genervt einen Zahn zulegte.

„Hallo? Was hab ich jetzt verbrochen?“

Ich beschleunigte meinen Schritt auch, und sah sie fragend von der Seite an. Sie stoppte erst direkt vor den Zapfsäulen und meinte dann:

„Sorry, war nicht so gemeint! Willst auch noch ’n Bier?“

„Um die Uhrzeit?“

„Is doch egal. Kennste irgend ’nen Platz, wo wir gemütlich trinken können?“

„Du, eigentlich hatte ich vor, heimzugehen…“

„Na komm!“

Eigentlich halte ich es nicht gerade für sinnvoll, mittags um drei schon mit Saufen anzufangen, aber ich kann nicht verleugnen, dass ich durchaus Interesse an einem weiterführenden Gespräch hatte. So oft wird man nun wirklich nicht am helllichten Tag von einem Mädel zur Tanke abgeschleppt und auf ein Bier eingeladen. Also gut. Wir gingen rein, sie nahm gleich zwei Sixer Zäpfle mit und sah mich fragend an als wir wieder draußen standen.

„Wohin?“

„Also wenn Sommer wäre, würde ich den Park bevorzugen, aber jetzt…?“

„Hast du ’ne Jacke an oder sieht das nur so aus?“ fragte sie.

„OK, da lang!“

Zwei alte Frauen schauten uns verständnislos an, wie wir zwei da mit zwei Sixern durch die Stadt schlenderten. Im Park angekommen fläzten wir uns ins Gras, nachdem wir uns vergewissert hatten, dass es trotz der Kälte nicht nass war.

„Auf den schönen Tag!“

„So sei es!“

Nach dem zweiten Bier beschlossen wir, es uns endgültig bequem zu machen, und so lehnte ich mich an die Trauerweide hinter mir und hielt sie im Arm. Ann-Kathrin war hergekommen zu einem kleinen Punk-Konzert am Abend. Ziemlich weite Anreise für eine eher minder begabte Band, wie sie selbst zugab. Ich hatte mir ebenfalls schon überlegt gehabt, hinzugehen, aber aus Mangel an wirklichem Interesse habe ich den Plan vor etwa zwei Wochen wieder verworfen.

„Da läuft noch Musik!“ meinte sie und griff nach meinen Kopfhörern.

Shit, eine halbe Stunde Batterieverschwendung! Ich weiß noch nicht mal, wovon ich die nächsten bezahlen soll…

„Geil, lass mich raten, personenbezogen?“

Ich hörte kurz rein. Launische Shuffle-Funktionen. Eine Geisel der Menschheit, die noch nicht auf Windows angewiesen ist – war klar: „Wish you were here”!

Die Frage danach ist eine von der Sorte, die ich hasse. Zumindest in solchen Situationen. Das ist die Light-Version dieser „Hast du eine Freundin“-Scheiße. Warum ich diese Frage so bescheuert finde? Nun, antwortet man mit „nein“, dann kann man sich sicher sein, dass darauf die Frage „Warum?“ folgt. Selbstverständlich gibt es da ebenso Abwandlungen, aber der Sinn bleibt stets der gleiche. Dann ist man – sofern man das Gespräch nicht einfach abwürgen und ein langes Schweigen provozieren will – gezwungen, alte Beziehungen wieder aufzufrischen indem man davon erzählt, oder aktive Selbstreflexion vor fremdem Publikum betreiben, weswegen man solo ist.

Antwortet man dagegen mit „ja“, dann kann man sich sicher sein, dass der Gegenüber noch schneller das Interesse verliert als es bei dem ewigen „Nein-Gespräch“ der Fall wäre.

Die Wahrscheinlichkeit dem Gegenüber nach dieser Frage noch so sympathisch zu sein wie davor würde ich sehr gering einschätzen. Das ist immer die selbe Problematik: Der einzige Zweck, weswegen sich die Menschen heutzutage unterhalten, scheint der zu sein, potentielle zukünftige Beziehungschancen auszuloten. Egal, ob bewusst oder unbewusst. Ich kann nur sagen, dass diese Erkenntnis das Leben nicht wirklich leichter macht.

„Nicht mehr!“ versuchte ich halbwegs diplomatisch zu antworten.

„Geht das? Lieder erinnern mich immer ewig an Leute…“

Mir ging es natürlich genauso, aber ich hatte nicht die geringste Lust, mein Leben vor ihr auszubreiten. Nach ein paar Bier machte sich bei uns beiden die Müdigkeit breit. Aber ich hatte sie definitiv unterschätzt. Während es mir so langsam unangenehm kalt wurde, und ich feststellte, dass ein Baum nie einen Sessel ersetzen kann, fragte sie, ob ich gelegentlich auch mal rauche.

„Nicht wirklich…“ antwortete ich, „ich hab eigentlich damit aufgehört. Aber… na ja, nicht wirklich! Selten!“

Als sie sich aufrichtete spürte ich den Baum noch mehr in meinem Rücken und mich durchschoss spontan die Befürchtung, dass ich inzwischen einfach alt geworden war. Aus ihrer Tasche zauberte sie eine Schachtel Zigaretten und holte ein sauber holländisch gedrehtes Tütchen hervor.

„Ich denke, dass du dann nichts dagegen hast…“

„Nein, Quatsch! Mach an!“

Mein Rauschzustand war bisher recht harmlos im Vergleich zum gestrigen Abend. Aber natürlich ließ ich mich überreden, dieses „super Gras“ auch mal zu versuchen. Nun, es war wirklich schon eine Weile hergewesen, dass ich das letzte Mal gekifft habe, aber es stellte sich ziemlich genau die Wirkung ein, die ich erwartet hatte. Meine Gedanken verloren sich langsam und ich war so zufrieden mit diesem Tag. Ich glaube, ich hätte in diesem Moment sterben können und es hätte mich nicht interessiert. Wir breiteten uns beide auf dem Rasen aus, genossen unseren immer intensiver werdenden Rausch und freuten uns unseres Lebens. Langsam stellte sich auch der Schnee ein, den sie angekündigt hatten. Wir starrten breit wie Harry in den Himmel, dessen zunehmende schwere Nachtschwärze ein kontrastreiches Bild mit den zahlreich tanzenden Schneeflocken ergab. Es wurde von Minute zu Minute kälter und windiger und so schmiegten wir uns aneinander. Wir trotzten dem Wetter in innigster Umarmung und die Blicke der nur vereinzelt auftauchenden Fußgänger drangen nicht bis zu uns durch.

Wir kannten uns nicht. Ich nehme an, dass wir uns auch gar nicht kennen wollten. Es reichte uns in diesem Moment das gemeinsame Erleben. Ich weiß nicht, weswegen ich mich so schnell zu ihr hingezogen fühlte, aber es war so wie es war.

Wie lange wir uns die Zeit so im Park vertrieben weiß ich jetzt im Nachhinein nicht wirklich einzuschätzen. Vielleicht war es eine Stunde, vielleicht auch zwei. Die Zeit verging zu schnell. Leider zollte der Bierkonsum so langsam seinen Tribut, und unsere traute Zweisamkeit wurde des öfteren von einer Pinkelpause unterbrochen. Als sie sich das dritte Mal – ja, ich nehme an, dass es das dritte Mal war – in die Büsche verzog, schenkte sie mir zuvor noch einen kurzen Kuss und das offenbar nicht ganz grundlos. Sie kam nicht wieder.

Ewig lange habe ich gewartet und mir die Zeit mit Trinken vertrieben. Als dann wirklich nichts mehr da war und mir keine albernen Spielchen mit gefrorenen Grashalmen mehr einfielen, habe ich nachgesehen, ja ich habe mich sogar dazu verleiten lassen, ihren Namen durch den ganzen Park zu rufen. Mich überkam dabei ein komisches Gefühl, und ich dachte mir, dass ich darauf auch nicht freiwillig reagieren würde.

Aber es gibt Zeitpunkte, zu denen man einfach aufgibt, egal wie wichtig es einem ist. Dieser war bei mir relativ schnell erreicht. Ich machte mich auf zur Konzerthalle und verbrachte einen ziemlich netten Abend mit genialer Musik, immer auf der Suche nach Ann-Kathrin. Sie ließ sich nicht blicken. Irgendwann sah ich das ein und genoss das Konzert, das ich noch vor ein paar Stunden nicht besuchen wollte. Vielleicht war das ja der große Gewinn des Tages?

Abschließendes Fazit?

Keins!?

sich treffen

sich treffen

zwei die sich liebten
trafen sich
und die sich hassten
trafen sich
der sich nicht mochte
der traf sich nicht
und der mich traf
der mochte nicht

Umgestaltung!

Umgestaltung!

Ja, manchmal sollte man ins Bett gehen, wenn einen die ersten Anzeichen für den schleichenden Gehirnzellen-Overkill überraschen. Aber leider funktioniert das dann oft nicht so wie man will und man bleibt noch ein wenig…

Doch, der Abend war gut. Eigentlich nur das übliche gemacht: Ein paar Leute getroffen, sich zusammen eine Lokalität ausgesucht und dann dem gemütlichen Umtrunk gefrönt. Dann kam es aber wie es kommen musste.

Jürgen von der Lippe hat das dereinst sehr gelungen beschrieben:

„Du beschließt, nach Hause zu gehen. Unmittelbar nachdem du rausgeflogen bist.“

Vielleicht hätte Juan doch nicht versuchen sollen, die ihm nahegelegte Umgestaltung seines persönlichen Umfeldes direkt am Tisch unserer Stammkneipe zu beginnen…

Es ist nun mal so, dass konservative Gastgeber geringfügige Probleme mit auseinandergestalteten Möbeln haben. Juans künstlerisch wertvolle Komposition „Stuhl im Fenster“ verfehlte ihre provokative Wirkung nicht. Allerdings folgte danach eine Form von Aktionskunst seitens des Wirts, die ich immer noch an meinem Rücken spüren kann. Er nannte es, glaube ich, „ihr haut ab“ oder so ähnlich.

Dann standen wir also auf der Straße, nachts um ein Uhr. Unser Zustand lässt sich mit „dezent alkoholisiert“ sehr treffend umschreiben. Wir beschlossen, es Juan gleichzutun und unsere nähere Umgebung ein wenig nach unseren Vorstellungen umzugestalten. Man sollte nie unterschätzen, was einfache Methoden bewirken können. Die Hauptverkehrsstraße zum Beispiel: Nie war sie wirklich ansehnlich, und vor allem ist nach wie vor einfach zu viel Verkehr. Weiße Sprühdosen (gehören in jeden Haushalt!) und Pylonen von der nächsten Baustelle können hier sehr einfache Abhilfe schaffen. Man braucht mit mehreren Pylonen nicht einmal ein Umleitungsschild, um den Verkehr auf kurzen Strecken komplett umzuleiten. Je eine Dreiergruppe an Ortseinfahrt und –ausfahrt, und so steht die provisorische Straßensperre in einer Minute. Im besten Fall reichen drei Pylonen, mehr sind immer gut. Sie erhöhen die psychologische Wirkung enorm. Denn merke: Baustellen sind immer rechtmäßig! Daran zweifelt der gute alte Otto Normalverkehrsteilnehmer nicht. Während der spärliche Verkehr nun direkt durch unsere kleinen Nebenstraßen floss, hatten wir die Zeit, uns mit der Parkplatznot in unseren Vierteln zu beschäftigen. Es war riskant, aber wir haben es geschafft, ein paar „ganz legale“ – weil eingezeichnete – Parkplätze zu schaffen. Ganz so perfekt wie die übrigen sahen sie nicht aus, dafür gab es jetzt auch extra Parkplätze für Kiffer und Enten. Na gut, ob die Symbole auch wirklich so deutlich zu erkennen waren, weiß ich nicht mit Sicherheit zu sagen. 10 Parkplätze auf der normalerweise ungenutzten Straßenseite sind so entstanden in dieser Nacht, darunter 2 Stück für Reisebusse über 15 Meter Länge. Mann, wir sind so gut! Wir hatten uns eigentlich noch vorgenommen mittels grauer Farbe die bisherige Fahrbahnmarkierung zu entfernen und durch eine, sagen wir mal „interessantere“ zu ersetzen. Aber das Malen auf öffentlichen Straßen ist wirklich nicht ungefährlich. Eigentlich sollte man es auch auf keinen Fall im eigenen Viertel machen. Wir hatten zwei Stunden mit Unterbrechungen gebraucht, um unsere Parkplatzdichte zu erhöhen, und irgendwie hatten wir dann auch keine große Lust mehr auf weitere Malereien. Wenn unsere Farbe noch gereicht hätte, hätten wir vielleicht noch einen Zebrastreifen in Zickzack-Form entworfen, aber da war nix mehr zu machen.

Vor ein paar Jahren kamen die Herren unserer Stadt auf die famose Idee, ein paar Blumenkübel mit Bäumchen an den Straßenrand zu stellen, und diese Heldentat als eine Erhöhung der Lebensqualität zu feiern. Zum einen war es das nicht wirklich, aber es ergaben sich so ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten für uns.

Sehr ansehnlich waren diese dürren Bäumchen nie, also versuchten wir sie verkehrt herum einzusetzen. Wirklich schwer war diese Aktion nicht, aber wir haben festgestellt, dass das Ergebnis auch nicht sonderlich zufriedenstellend war. Die Methode eignet sich dafür ganz besonders, um Karotten-Beete umzugestalten. Das muss man einmal in seinem Leben gesehen haben: Ein umgekehrtes Karotten-Beet!

Aber nun zurück zum Ausgangspunkt: Die Bäume sahen wirklich fürchterlich aus mit ihren Wurzeln gen Himmel. Also wie sollten wir das Bild der Straße wirklich verbessern? Unsere Farbe war ja alle, also sie schwarz-rot anzumalen war nicht mehr drin. Die Blumenkübel selbst waren zu schwer, als dass man sie wirklich hätte bewegen können. Sehr schade im übrigen! Man hätte damit prima den Verkehr noch ein wenig weiter beruhigen können und den Parkplätzen (insbesondere den Kifferparkplätzen vor der Apotheke) ein bisschen mehr Authentizität beikommen lassen…

Wir beließen es beim Kippen der Bäume um etwa fünfundvierzig Grad gen Straße und zogen uns dann langsam zurück. Leider blieb eine Dokumentation dieser Aktion nur Utopie, da unsere einzige Kamera die Aktionskunst des Wirtes nicht überlebt hat.

Aber noch waren wir nicht am Ende! Die Nacht wollte zwar schon langsam weichen, aber die Jahreszeit schenkte uns eine wertvolle Stunde, die wir zu nutzen gedachten. Karl hat in seinen Jugendjahren einige Erfahrungen gesammelt, die uns an diesem Tag sehr nützlich waren. Um es kurz zu machen: Er hat früher Autos aufgebrochen. Diese Kunst zu perfektionieren lag immer schon in meinem Interesse, aber heute war Karl dabei, und er konnte das noch immer ohne große Zerstörungsorgie. Denn Zerstörung (oder gar Diebstahl) lag nicht im entferntesten in unserer Absicht. Wir hatten Leute im Visier, die versuchten, ihr Auto etwas persönlicher zu gestalten, indem sie sich spezielle Sitzbezüge oder Accessoires gönnen. Die interessante Frage – die wir bis heute nicht geklärt haben! – ist: Wie reagieren Autofahrer, wenn man die persönlichen Ausstattungen ihrer Fahrzeuge mit denen des Nachbarn tauscht. Seien es Kuscheltiere auf der Ablage, die plötzlich dem Hut eines Rentners weichen müssen, dunkelblaue Lenkradüberzüge, die sich plötzlich am Lenkrad eines alten Fiat Panda wiederfinden, durchgesessene Sitzbezüge aus alten VWs in neuen BMWs oder Duftbäumchen anstelle von Rosenkränzen. Wir sorgten dafür, dass die paar Autos, die Karl geräuschlos öffnen konnte, danach nicht mehr dieselben waren. Als kleinen Gag am Rande hinterließen wir an jedem elektrischen Fensterheber einen Aufkleber mit dem Hinweis „Außer Betrieb. Bei Benutzung Lebensgefahr!“ Die Kassetten in den Radios ersetzten wir entweder durch bessere Musik (Kastelruhter Spatzen gegen Slime tauschen macht echt Sinn!) oder durch absurde Sachen wie Psychologie-Hörbücher, Naturgeräusche oder eineinhalb Stunden Verkehrsfunk. Letzteres aufzunehmen ist echt eine traurige Arbeit, das soll mal erwähnt werden!

Ich muss daran denken, beim nächsten Mal ein paar „Fahranfänger“-Aufkleber mitzunehmen. Die Radios auszutauschen hätte auch noch Spaß gemacht, das steht außer Frage, aber leider war die Zeit echt zu knapp. Wir klemmten noch ein paar selbstgedruckte Handzettel an ein oder zwei Autos, auf denen folgende Zeilen standen:

Beim Öffnen der Fahrertür durchtrennen sie den roten Draht,

beim Öffnen der Beifahrertür den schwarzen.

Viel Glück!

Die Nacht war zwar dann sehr kurz, aber wir haben in den Folgemonaten in den Nachbargärten etliche Karotten gewendet, Kartoffeln das Tageslicht gezeigt, Kürbissen das unterirdische Leben schmackhaft gemacht und dafür gesorgt, dass in den folgenden Jahren auf den meisten Gräbern unserer Mitbürger Kresse und Kopfsalat wachsen. Das Efeu, dass inzwischen regelmäßig die örtlichen Kriegerdenkmäler überwuchert, wird leider oft zurückgeschnitten, so dass wir noch nicht rausfinden konnten, welche der Sorten am besten geeignet ist um ganze Gartenhäuser verschwinden zu lassen.

Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt!