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Kategorie: Prosa

Langer Heimweg

Langer Heimweg

Das Leben kann so schön sein. Das ist es bekanntermaßen nicht immer, aber manche einzelne Tage sorgen dafür, dass man sich einbildet, dass das eigene Leben ein Erfolg war – ganz gleich, wie auch immer man in so einem Falle das Wort Erfolg definiert.

Diesen Abend hatte ich mir mit ein paar meiner besten Freunde vertrieben und wir haben eigentlich nichts gemacht, weswegen der Durchschnittsbürger das zu einem schönen Tag erklären würde. Nein, ich habe an diesem Abend einige sehr tiefgehende Gespräche geführt, und dabei festgestellt, dass einige Leute, die ich bisher nicht zu den intelligentesten gezählt habe, doch einiges auf dem Kasten haben. Vielleicht freute ich mich ja sogar für sie. Ich weiß das nicht mehr so genau zuzuordnen! Es war einfach schön zu sehen, dass nicht alle Leute sich den auch heute noch stark ausgeprägten Konventionen der bürgerlichen Mehrheit beugen wollten und ihnen auf ihrem Wege Paroli boten. Es ist immer schön zu erkennen, dass sich auch andere Leute ihre Freiheit nehmen. Nicht immer bin ich mit ihnen einer Meinung, aber irgendwie bewundere ich doch jeden Ansatz, sich aus dieser so unpersönlichen Umklammerung zu lösen.

Der letzte Bus war lange schon gefahren, als ich beschließe, mich auf den Heimweg zu machen. Keine Chance mehr, mich heute noch mal ernsthaft aufzuraffen! Ich bin tot. Nicht der Drogen wegen – es war ein eher harmloser Abend, der nicht der Gehirnzellen-Vernichtung geopfert worden war.

Ich verabschiede mich von diesen und jenen Leuten, von den einen mit mehr und den anderen mit weniger Lust. Aber gut, eigentlich ist das Leben zu kurz um sich über solche Kleinigkeiten ernsthaft aufzuregen. Ich werfe im Davongehen einen letzten Blick auf Andrés Haus, dem Ort an dem wir den Abend verbracht haben. Jetzt im Halbdunkel könnte es als Spukschloss in drittklassigen Horrorfilmen durchgehen. Störend nur die Tatsache, dass es nicht freisteht, sondern eingebettet ist in eine kleine Vorstadtsiedlung. Ich vermute, dass es noch vor den beiden Weltkriegen erbaut worden war und male mir aus, was für Leute wohl während der Kriegszeit hier gewohnt haben. War dieses Haus vielleicht eine Keimzelle des Widerstandes gewesen? Oder haben sich hier hochrangige Nazis herumgetrieben? Vermutlich war dieses Haus während dieser Jahre aber genauso unbedeutend, wie es heute ist. Ein paar Feste einer einfachen bürgerlichen Familie mögen hier stattgefunden haben, aber mit Sicherheit weder konspirative Treffen noch große Bälle. André bewohnt das Haus mit seiner Familie zusammen, seinen Eltern und seiner Großmutter. Das obere Stockwerk war vor Jahren schon zu seinem Reich erklärt worden, und durch den separaten Aufgang und die üppig begrünte Dachterrasse ist dieses Reich gut geeignet zum entspannen. Ich habe seine Eltern bisher nur einmal gesehen. Ich hatte damals den Eindruck, als seien sie irgendwie während der Zeit der Hippie-Bewegung hängen geblieben. Ich bin mir sicher, dass sie die selben Drogen konsumierten wie ihr Sohn. Vielleicht bauen sie ja auch gemeinsam an. Eigentlich egal, aber der Garten am Südhang wäre sicher nicht ungeeignet dafür.

„Vielleicht sollte ich ihn mal darauf ansprechen…“, denke ich mir so, als ich auf die Hauptstraße zulaufe. Die Schwärze der Nacht um dieses alte Viertel weicht dem schummrig gelb-orangenen Licht der Straßenlaternen. Zu dieser Stunde wirkt das ungewohnt grell, was sich aber auch auf meine sich langsam einschleichende Müdigkeit zurückführen lässt.

Manchmal lasse ich mich dazu verleiten, darüber nachzudenken, was die Menschen, die des Tags über so gestresst durch die Innenstadt eilen zu dieser schönen Tageszeit wohl dort machen, wo ich sie jetzt nicht sehe. Aber ich vermisse sie nicht.

„Wir lassen euch den Tag und nehmen uns die Nacht!“ Ich würde diesen Tausch beizeiten eingehen. Die ganze Hektik des Tages lässt von mir ab, wenn ich zwei Stunden in der Nacht durch die Stadt laufe. Im Gegensatz zum Schulweg oder dem Weg zur Arbeit ist das immer ein sehr bewusstes Laufen. Durch die fremdbestimmte Festlegung des restlichen Lebens auf die Tagseite wirken vertraute Orte in der Dunkelheit oft surreal oder zumindest fremd.

Es dauert etwa drei Minuten, bis mich der erste Wagen überholt. Ein silbergrauer VW Passat. Es ist ein gestresster Geschäftsmann, der gerade die weite Fahrt von Norddeutschland hierher hinter sich gebracht hat, und zu Hause heimlich ins Bett schleichen wird, im Versuch seine Frau nicht aufzuwecken. Natürlich ist sie die ganze Nacht wachgelegen und hat sich geärgert, dass das schon das dritte Mal diese Woche war, und beide wissen sie noch nicht, dass sie in 4 Jahren etwa geschieden sein werden, und dass auch diese Nacht, als er mich auf dem Weg in die Innenstadt hätte sehen können einen kleinen Anteil am Ausgang der Geschichte hat.

Der Bordstein senkt sich beinahe unmerklich, als ich das Friedhofstor passiere. Meistens laufe ich durch den Friedhof, aber an diesem Abend genieße ich die helle Beleuchtung und verwende die Bank vor dem Friedhof nur, um mir noch eine Tüte zu drehen, die mir den Heimweg noch ein wenig versüßen wird. Aus dem Augenwinkel bemerke ich den grün-weißen Wagen, der an mir vorüberfährt, ohne dass die Beamten mich gesehen hätten. Die Bank befindet sich zwar direkt an der Hauptstraße, ist jedoch durch eine Tanne in beinahe totale Finsternis getaucht. Meine Vorliebe für schwarze Kleidung hat mich hier schon manche Male vor einer nächtlichen Kontrolle bewahrt. Wenn ich die Cops herannahen sehe, verweile ich zumeist ein wenig hier im Schatten. Eine alte Angewohnheit, die aus der Zeit herrührte, als ich noch in dem Alter war, in dem die Eltern verständigt werden, wenn die „Kinder“ zu nachtschlafender Zeit auf der Straße aufgegriffen werden.

Aber gut, meine Eltern hatten eigentlich seit jeher eine größere Abneigung gegen Polizisten, die sie spät aus dem Bett holten als gegen lange abendliche Spaziergänge meinerseits.

Die nur sehr vereinzelt auftauchenden Autos stören mich aber nun wirklich nicht beim Rauchen. Einige tiefe Züge später kriecht die Entspannung durch alle meine Glieder. Der weitere Verlauf der Straße ist geprägt durch fünfstöckige Mehrfamilenhäuser. Die Gitter vor den Schaufenstern verraten mir genug über die Angst der Ladenbesitzer in dieser auf Stammkunden angewiesenen Gegend. Die Jalousien einiger kleiner Geschäfte sind mit Tags versehen. Nicht gerade sehr ansehnlich. Ein paar Prolls nutzen die Tageszeit, um mit ihren getunten VW’s ein Rennen zu fahren. Als die Ampel auf Kirschgrün schaltet, rasen sie an mir vorbei und der Luftstoß haucht mir ein wenig mehr Leben ein. Ich denke unwillkürlich an die Cops, auf die sie zweifelsohne treffen werden. Murphys Law.

Nun ist es an der Zeit, die Straßenseite zu wechseln, um noch einen nächtlichen Zwischenbesuch bei Matze zu machen. Ich bin froh, dass sie die Tanke inzwischen auch nachts öffnen. Hier in der Ecke der Stadt ist so wenig los, dass ich mich des öfteren frage, ob sich das lohnt. Matze ist sicher froh. Noch zudem haben wir beide kriminelle Energie genug, um bei unseren Einkäufen beide zu profitieren. Er hat mir mal gezeigt, wie leicht sich das System so einer Tankstelle umgehen lässt. Um fünf Bier, zwei Schachteln Zigaretten und Zehn Euro reicher verlasse ich nach einer halben Stunde das Gelände. Danke Shell!

Die nächsten vier Häuserblocks ziehen dann eher verschwommen an mir vorbei. Ich realisiere kaum etwas, was sich regt. Hier und da ein paar durch die Dunkelheit hastende Personen, vielleicht ein, zwei Spanner hinter irgendwelchen Bäumen. Die Nacht, sie senkt ihre Schatten, und so kommt hervor, wer das Licht scheut.

Als der Wagen anhält, entsorge ich mein restliches Gras vorsorglich im Gebüsch.

„Allgemeine Personenkontrolle! Haben sie einen Ausweis dabei?“

„Nein, den hab ich meinem Schwager mütterlicherseits geliehen, der kann sonst nicht nach England einreisen! Natürlich!“

„Sehr komisch! Her damit!“

Es ist unglaublich, wie unübersichtlich mein aufgeräumter Geldbeutel mir vorkommt. Zwei ganze Minuten dauerte es, bis ich eines von zwei Dokumenten als Personalausweis identifizieren kann. Noch bevor ich ihn aushändige frage ich gespielt beiläufig: „Ach übrigens: Haben sie denn ihre Dienstnummern dabei?“

„Des goaht dich an Scheißdreck an! Her mit dem Ausweis!“

„Das wiederrum geht sie einen Scheißdreck an. Gleichwohl weise ich sie darauf hin, dass ich sie lediglich rezitiert habe… und ihnen meinen Ausweis nicht aushändigen werde, solange ich ihre Dienstnummern nicht in Erfahrung gebracht habe.“

Ein riskanter Versuch. Nachts mutterseelenalleine mit zwei ungemütlichen Gesetzeshütern – das kann in die Hose gehen. Aber was Recht ist, ist Recht, auch während der Nachtschicht. Es kommt wie es kommen musste: Nackt bis auf die Unterhose hocke ich eine Dreiviertelstunde später in einem grün-weißen Wagen unter der Androhung körperlicher Gewalt. Mein Ass im Ärmel ist die psychologische Verunsicherung, der die beiden etwas einfältig wirkenden Beamten nichts entgegenzusetzen haben. Nicht nur, dass ich drohe, das publik zu machen: Ich behaupte auch unablässig, Drogen zu besitzen, dass sie sie nur so nie finden würden. Mir ist längst klar, dass diese beiden Löffel das irgendwann für einen schlechten Scherz halten würden.

Es muss gegen drei Uhr dreißig etwa gewesen sein, als sie mich laufen ließen und sich wahrscheinlich aufmachten, einen Ausländer zu belästigen, der der deutschen Sprache nicht so mächtig ist. Als der Wagen um die Ecke biegt, werfe ich mich in die Büsche, und hole meine Drogen …

Zwei Bier später stehe ich auf der Brücke. Der Vorfall mit der Polizei hat mich wieder ein bisschen wachgerüttelt, und ich habe eigentlich zu viel Energie um hier zu verweilen. Dennoch ist der Fluß wie viele andere Plätze nachts am schönsten. Die Lampen, die die Wege zu beiden Seiten säumen, sorgen für ständig variierende Reflektionen auf der Wasseroberfläche. 200 Meter entfernt flackert eine dieser Lampen. Gemächlich schiebt sich ein Lastenkahn lautlos durch die Wassermassen und hinterlässt symmetrische Verwirbelungen, die sich nach Kollision mit dem Ufer selbst kreuzen. Ein wenig sehnsüchtig starre ich stromabwärts, ungefähr dorthin, wo sich der Fluss 574 Kilometer weiter mit dem Meer vereinigt. Jedes Mal, wenn ich hier eine Weile innehalte, tragen mich meine Füße die nächste Zeit selbstständig, während ich in Gedanken immer noch am Wasser bin. Das hilft mir dann, die Trostlosigkeit der Industriegebiete zu ertragen, die sich am Fluß entlangschlängeln wie Parasiten auf den Schuppen schillernder Tiefseefische.

Doch ehe ich mich versehe, wuchern überall wieder Leuchtreklame-Schilder und die Straße erwacht zu neuem Leben. Hier an der U-Bahn-Haltestelle könnte ich auf den ersten Zug warten, wie einige der verfrorenen Gestalten, die die Bahnsteige säumen. Doch von hier sind es noch fünfzehn Minuten Weg, und die Bahn erwarte ich ebenso erst zu ungefähr dieser Zeit hier an der Haltestelle. Ein paar Obdachlose erfreuen sich an ein paar Euro, die ich ihnen zugestehe. Ich hätte ihnen gleich mein letztes Bier geben können, das weiß ich auch. Als sie am nächsten Morgen an der Imbisstube im Bahnhofsgebäude eine Flasche Wodka dafür erstehen, wissen sie freilich nicht mal mehr, wie ich aussehe, aber diese Gleichgültigkeit teile ich mit ihnen. Auch ich würde am nächsten Morgen nicht mehr wissen, wem genau ich nun das Geld gegeben hatte. Gerade an der Kirche vorbei klingelt mein Handy. Dass es 5 Uhr ist, fällt mir jetzt erst wirklich auf. Tamara! Ich habe keine Ahnung, was sie will, und – zugegegeben – ein wenig sauer bin ich, dass sie mich um die Zeit anruft. Noch fünf Minuten Fußweg.

Ich hab mich in letzter Zeit häufig mit ihr ausgequatscht, und ich habe kein Interesse daran, das jetzt zu Hause zu tun. Ich lasse mich in unserem kleinen Park ins Gras fallen, ungeachtet der Tatsache, dass es nass und kalt ist. Sie entschuldigt sich für den Anruf, erzählt mir von einigen Frechheiten, die ihr Freund sich mal wieder geleistet hatte und sie betont, wie schön sie es findet, dass ich selbst zu dieser Zeit noch ein offenes Ohr für sie hätte und dann entschuldigt sie sich wieder. Das ganze wiederholte sich ein paar Mal. Nicht, dass es mir egal wäre, was sie erzählt, aber das ganze Gezeter mit ihrem Freund hielt ich nun schon ein paar Monate aus und überhaupt bin ich in Gedanken am Fluß und bei den Cops.

Ich trinke mein letztes Bier und zünde mir eine Zigarette an, während sie am anderen Ende heult, wie ungerecht die Welt sei und die erste U-Bahn an mir vorbeifährt. Diesmal versuche ich gar nicht, sie von einer Trennung zu überzeugen. Dazu bin ich zu müde. Mir ist ohnehin klar, dass es ganz egal ist, was ich sagen würde. Sonst wäre ich dem auch nicht so gleichgültig gegenüber. Sie will eine Stimme hören, die ihr bestätigt, dass sie nicht alleine schuld ist an all dem Ärger, der ihr zur Zeit widerfährt, und das ist in dem Fall meine.

Nachdem ich ausgetrunken habe, habe ich auch ein ziemlich dringendes Bedürfnis, nun doch noch irgendwann meine eigenen vier Wände zu erreichen und mich schlafen zu legen. Ich beende das Gespräch eher diplomatisch nüchtern als wirklich freundschaftlich. Dann laufe ich zügigen Schrittes die verbleibenden 300 Meter und schließe die Haustür auf.

Als ich die nassen Klamotten von mir pelle, blendet mich einer der ersten Sonnenstrahlen des neu erwachenden Tages. Ich ziehe die Vorhänge zu und falle in mein kühles Bett. Als ich mir die Decke bis über die Schultern ziehe, streift mich dieses wohlige Gefühl, nach ewiger Verzögerung endlich Ruhe zu finden. Ich denke über den Tag, insbesondere aber die Nacht nach, bevor ich einschlafe. Fünfeinhalb Stunden Heimweg.

Um halb elf ruft Tamara an. Sie entschuldigt sich.

Müsli

Müsli

Als ich wieder mal an einem kalten Morgen der letzten Woche müdigkeitsgetrübt über meiner Müslischüssel hing, überkam mich auf einmal ein seltsames Gefühl. Nicht, dass es mir morgens um sieben nicht in der Regel so geht, dass man das getrost als normalen Zustand abtun könnte, aber es war ein wenig anders dieses Mal. Ich mache mir mindestens einmal am Tag Gedanken über dieses absurde Leben das wir führen, aber ausgerechnet zur Frühstückszeit? Wer hat den um diese Zeit einen klaren Kopf? Ich jedenfalls nicht.

Dieses komische Gefühl versuchte ich nun ein wenig zu spezifizieren. Ging es mir eigentlich gerade körperlich nicht gut, oder versumpfte meine Psyche noch in den zugegebenermaßen etwas seltsamen Ausuferungen des letzten Abends auf die ich ganz bewusst nicht näher eingehen werde. Das alleine bereitete mir schon dermaßen Kopfzerbrechen, dass ich ernsthaft damit beschäftigt war, den Weg des Löffels von der Schüssel bis zu meinem Mund zu überprüfen. Natürlich nur um eine eher unangenehme Kollision mit meinem Auge zu vermeiden. Abgesehen davon hätte dieser Löffel es auch durchaus fertig bringen können, mich beidäugig zu treffen. Das würde meine Probleme komplizieren. Denn: Wer blind ist, weiß vielleicht, wie man dann sein Müsli isst, ich selbst stellte es mir in diesem seltsamen Moment so schwierig vor wie die außerplanmäßige Landung einer Boing 747 in einem vereisten Hinterhof. Denn wenn sich ein Mensch erst mal daran gewöhnt hat, dass seine Augen bei allen Tätigkeiten folgen und den komplizierten Vorgängen so eine gewisse Sicherheit verleihen, dann kann ein Ausfall derselben durchaus verheerende Folgen haben. So ist der Vergleich mit dem Flugzeug gar nicht soweit hergeholt. Schließlich verlässt sich so ein Pilot jahraus jahrein auf seine automatischen Systeme, die ihm das Starten, Fliegen und nicht zuletzt das Landen nicht nur erleichtern sondern heutzutage beinahe schon abnehmen. Natürlich war das mit dem Hinterhof eine zusätzliche Überzeichnung dieser absurden Vorstellung. Man kann so eine Boing nie in einem Hinterhof landen. Das sage ich besonders für alle Piloten, die mich in Zukunft irgendwohin fliegen. Es lohnt den Versuch nicht! Das sind so einfache physikalische Tatsachen, die sogar ein Laie wie ich verstehen kann. Wenn ich mir nur vorstelle, wie der Hinterhof nach so einem Versuch aussehen mag. Wahrscheinlich so ähnlich wie das letzte Hochhaus, in dem ein Flugzeug gelandet ist.

Nein, zurück: Das mit den Augen wäre wahrlich ungünstig. Ist es nicht erschreckend, dass der einzige Versuch der Natur, unsere Augen vor so etwas zu schützen, ist sie zu schließen. Der Versuch, längerfristige Einschränkung durch eine kurzfristige zu vermeiden. Das Unheil abzuwenden erforderte also meine ganze Konzentration. Zugegeben, sonderlich viel war das in diesem Moment nicht.

Ich stellte aber mit der stetig zunehmenden Routine fest, dass es so kompliziert gar nicht war. Das ist wohl auch so eine Sache, die man nicht verlernt. So etwa wie das Autofahren vielleicht. Wobei?

Nein! Ich wollte ja eigentlich nicht auf den gestrigen Abend eingehen …

Hat irgendein Mensch in dieser Welt schon mal versucht, einige Jahre auf das Essen mit Besteck zu verzichten? Bewusst? Was war das Ergebnis? Kann man es verlernen? Und was zur Hölle mache ich eines fernen Tages, wenn ich dann unter Parkinson leide? Parkinson und blind: Ich würde grausamst verhungern. Nehme ich mal stark an. Aber waren das wirklich die Befürchtungen, die mich zu Beginn meines Frühstücks so erschauern ließen? Ich beginne, mir die wirren Gedanken zu vertreiben, indem ich die Zufuhr zu meinem Mund durch spontane Rosinenbombenabwürfe vornehme, die die Nussatolle erzittern lassen. Ich verfolge die weißen Wogen eine gewisse Zeit, und das scheint meinem Gehirn erstaunlicherweise sehr gut zu bekommen.

Mir kehrt nämlich allmählich ins Gedächtnis zurück, dass mein Mitbewohner mich gestern Abend gewarnt hat, dass die Milch im Kühlschrank schlecht sei.

Von da an plagten mich dann weniger psychische denn physische Probleme …

Der beschissenste Tag meines Lebens

Der beschissenste Tag meines Lebens

Es ist ja wirklich nicht so, dass es in meinem Leben nicht genug beschissene Tage gab. Genau so wie es auch viele schöne Tage gab. Und oft ist es nicht leicht, sich für einen Tag zu entscheiden, wenn man von Superlativen redet. Was war denn der wichtigste Tag in meinem Leben? Der lustigste? Der schönste? All das kann ich nicht beantworten, aber ich weiß so verdammt genau, welches mit Abstand der beschissenste Tag meines bisherigen Lebens war.

Das war der 15. Dezember vor zwei Jahren. Wie immer, wenn es um die Superlative im Leben von Männern geht, drehte es sich um eine Frau. Das ist wirklich immer so gewesen. In den dümmsten Fällen handelt es sich bei solchen Geschichten um die Vorgesetzte. In meinem Fall trifft das nicht zu. Dem Arbeitsleben konnte ich mich bisher soweit verweigern, dass Vorgesetzte zumindest nie eine gewichtige Rolle in meiner Lebensplanung spielten. Also war Ina nicht meine Vorgesetzte, und auch sonst kannte ich sie bis zwei Wochen vor dem 15. Dezember nicht. Zwar hatte ich sie davor schon einmal gesehen, aber wie das immer so ist, erinnern sich alle möglichen Leute an mich, nur ich mich nicht an sie. Das hat des öfteren zu kuriosen Kennenlern-Szenarien geführt. Ernesto und ich hatten an jenem ersten Dezemberwochenende, das erstaunlich mild war, einen sehr seltsamen Auftrag erhalten. Seine Familie plante die Überführung eines Schreibtisches in den Norden Deutschlands. Es handelte sich um ein Erbstück, dass zu einer Tante von Ernesto Mutter gebracht werden sollte. Ein eigens dafür gemieteter Vito sollte uns genügend Raum verschaffen, das edle Stück sicher in den Norden der Republik, genauer: nach Hamburg zu transportieren. Meine Führerschein-Prüfung hatte ich erst noch vor mir, und das war genau der Punkt, wo Ina ins Spiel kam. Es drehte sich um eine Fahrt über’s Wochenende, ca. 650 Kilometer hin und das gleiche noch mal zurück. Da wollte Ernesto als Sicherheit einen Ersatzfahrer dabei haben, da so lange Strecken doch die Gefahr einer Übermüdung mit sich bringen. Am Morgen jenes Samstages wartete ich erst eine Stunde darauf, dass Ernesto mich endlich abholt. Das verzögerte sich, weil Ina ihren Zug verpasst hatte. Als ich dann erfuhr, dass unser Lieferwagen keine zweite Sitzreihe hat, beschlich mich ein ungutes Gefühl. Ich kannte die Vordersitze des Vito nur zu gut, seit ich in einem vollbesetzten Fahrzeug dieser Klasse mit dem kompletten Geschichte-LK einen Ausflug nach Frankfurt gemacht habe. In mir spürte ich das taube Gefühl meiner Beine emporkriechen, das sich nach längerer Zeit in der Enge einstellte, und das mir schon so manchen Ausflug versaut hatte. So blieb uns engerer Kontakt während der Fahrt nicht erspart. Die Kilometer bis Hamburg verflogen nur so, und ich kann mich an kaum etwas während der Fahrt erinnern. Nur, dass Ina sehr seltsame Ansichten von der Welt hatte und ich mir des öfteren die Frage stellte, warum die Fahrt eigentlich nötig sei. Der Schreibtisch war weder besonders wertvoll, noch so sperrig, dass er den Transport in einem gemieteten Lieferwagen gerechtfertigt hätte. Dazu kam, dass die Verpflegung von Ernestos Mutter so umfangreich war, dass damit die Wirtschaftlichkeit des Transports stark in Frage gestellt werden konnte. Aber nun gut, so war es halt, und wir hatten gute Laune.

Der Empfang oben glich dem zurückkehrender Soldaten aus fernen Ländern. Wir wurden beinahe wie Helden verehrt, und gezwungen, gleich noch mal das Doppelte einer normalen Tagesration zu verschlingen. Dann folgte der gemütliche Teil. Mit dem Onkel von Ernestos Mutter verbrachte ich den Abend bis 1 Uhr im Wohnzimmer ihres Hauses und philosophierte über Gott und die Welt. Es war bisher das einzige Mal, dass sich ein Gastgeber, der mich noch nicht mal kannte, dafür entschuldigt hat, dass er leider nur noch in der Lage war, Dosenbier zu kaufen. Das freilich änderte nichts an der Tatsache, dass ich an diesem Abend nach 9 oder 10 Bier relativ besoffen ins Bett ging, um mich noch vier Stunden zu erholen, da wir morgens noch den Hamburger Fischmarkt besuchen wollten. Unsere Flucht vor dem geplanten Frühstück gelang nicht, und so wurde unser Ausflug um gute 2 Stunden verzögert. Inzwischen beschlich mich schon so langsam das Gefühl, dass es mir nicht so ganz recht war, dass Ina ausgerechnet in Ernestos Bett schlief. Dem maß ich aber noch keinerlei Bedeutung bei, da ich durchaus in der Lage bin, eine gewisse Eifersucht an den Tag zu legen, wenn es um Beziehungen geht. Meine Konfusion in Bezug auf mein Verhältnis zu Ina war nun so langsam auf ihrem Höhepunkt angelangt. Ihre Einstellung zur Welt, und der Meinung, dass sich in jedem Molekül des Planeten ein Fünkchen Liebe finden ließe, war mir schlicht und ergreifend zu naiv und zu überzogen. Ich hatte mir seit der Pubertät mühsam ein Weltbild aufgebaut, dass versuchte, Hass zu verklären, aber im Laufe der Zeit habe ich erkennen müssen, dass dieser Hass in uns allen vorhanden ist, und dass auch das seine Richtigkeit haben könnte. Und jetzt sitzt eine Frau neben mir, die 2 Jahre älter ist, und in meinen Augen ein so schöngefärbtes Weltbild hat, das in seiner klaren Abgrenzung der Verhältnisse und der Kräftigkeit der Farben ein Bild von Mondrian hätte sein können.

Andererseits mochte ich sie. Und erstaunlicherweise mochte ich sie gerade wegen ihrer Einstellung zum Leben, ihrer unverbrauchten Utopien wegen. Und die Liebe die sie in allem sah, war nicht nur das Verlangen, dass sie nach diesem Gefühl hatte, es war wie die Projektion der Liebe, die sie mit sich trug, auf alles andere in der Welt. Ich konnte sie ihrer Einstellung wegen nicht angreifen. Nicht nur, dass es mir wehgetan hätte, sie so zu verletzen, ich erkannte auch, dass die Wahrheit manchmal im Auge des Betrachters liegen kann. Um es kurz zu machen: Ich hatte mich verliebt. So wurde die störende Enge im Bus auf der Rückfahrt zu einem Segen. Ernesto wollte sich beweisen, dass er diese Fahrt alleine machen kann, und wir zwei hatten kein Interesse daran, ihn davon abzubringen. Aneinandergekuschelt ließen wir Deutschland passieren, die Ödnis der Autobahn, der Wechsel zwischen eintöniger Bepflanzung und hässlichen Lärmschutzwänden ging einfach an uns vorbei, das Glas durchsichtig und distanzierend zugleich. Nichts, was diese Idylle im Cockpit hätte zerreißen können. Während sie sich zum Schlafen in meinen Schoß sinken ließ, wärmte ich mein Herz und meine Finger durch das stetige Streicheln ihres Oberschenkels. War froh, ihren ruhigen und gleichmäßigen Atem zu spüren, und zu erahnen, dass ihr Puls gleich dem meinen auf ein Niveau gesunken war, der unter normalen Umständen zu Nahtod-Erlebnissen führt. Wie wichtig mir Ina aber wirklich ist, merkte ich erst, als Ernesto sie auf einem Rastplatz unsanft weckte, und dies mich aus meinen Träumen riss, mehr noch als sie aus ihren.

Der Rest der Fahrt verging viel zu schnell, und die Tatsache, dass jeder von uns am Ende mit 500 Mark bedacht wurde, nährte das Gefühl, so etwas könne nur einzigartig sein.

Der Abschied von Ina auf unbestimmte Zeit war natürlich schwer. Wie sollte es auch anders sein. Mir wurde plötzlich bewusst, dass ich sie vor 48 Stunden de facto noch nicht kannte, und ich den Kontakt nur über Ernesto halten könnte, da sie seine Studienkollegin war. Die kommende Woche verbrachte ich damit, meine Gefühle zu sortieren, und mir irgendwelche Hirngespinste zu kreieren, wie ich sie denn wohl das nächste Mal wiedersehen würde, und was ich ihr sagen würde. Ernestos Mutter sagte mal, dass Männer nie aus der Pubertät herauskommen würden. Diese Woche war ein Beweis dafür. Erst dann gelang es mir, wenigstens Ernesto zu erklären, was ich für Ina empfinde. Wie immer schaffte er es, die Situation schönzufärben, in dem er sagte, dass ganz gleich was draus wird, schon alleine das Gefühl des Verliebtseins es wert wäre, und dass er schon auch finden würde, dass sie einen Versuch wert wäre. Ich konnte ihm in keinster Art und Weise widersprechen, nahm dankbar ihre Telefonnummer entgegen, und erlag bereits am folgenden Abend der Versuchung, sie anzurufen, um sie zu fragen, ob wir denn nicht was gemeinsames unternehmen könnten. Natürlich hatte sie keine Zeit. Sie versprach, sich zu melden, und so war ich wieder ein Weilchen mehr oder weniger glücklich mit meiner Situation, und Ernesto war noch zudem ein wenig neidisch. Ich hatte mit ihm ausgemacht, er solle mir Neuigkeiten, die sich aus seinen Gesprächen mit ihr ergeben am Samstag mitteilen. Da schmissen ein paar Leute aus der Schule, Marc und co. ein Konzert, und das war somit der Tag, an dem man mir meine Laune nicht so leicht versauen könne. Es würde der 15. Dezember sein.

An jenem 15. Dezember erwachte ich irgendwann am späten Vormittag bei meinem Bruder, und irgendwie hatte ich die Geschichte mit Ernesto fast vergessen, glaubte nicht an schlechte Nachrichten, und beschloss, das Konzert heute abend so richtig zu genießen. Mal wieder Pogo mit höchstens 10 Leuten, eigentlich niemand, den man nicht kennt, und nebenbei eine neue CD mit den Jungs aufnehmen, deren Qualität die der alten ein wenig übersteigen sollte. Na also! Gegen Mittag rief mich Ernesto an, mein Bruder war gerade außer Haus, um irgend einen Scheiß zu erledigen. Essen einkaufen vielleicht, oder Alk für meine Mutter, keine Ahnung. Ernesto und ich unterhielten uns über den Abend, das Konzert, und dass er leider nicht kommen könne, weil der Kunstverein bei ihm draußen ein Fest veranstaltet, bei dem er eingeplant war, wo ich aber wegen einiger Theatergeschichten im Sommer, bei denen ich ehrenamtlich geholfen hatte, gerne später noch vorbeikommen könnte. Ich verneinte lachend, weil das Konzert eh ewig gehen, und ich danach sicher mit den Jungs noch einen saufen gehen würde. Alles bestens, wir könnten uns ja die nächsten Tage mal sehen. „Ina hat im Übrigen einen neuen Freund“ erwähnte er am Telefon beinahe so beiläufig, als hoffe er, dass ich es überhören könne. Wie hätte ich? Meine spontane Reaktion war ruhig, Ernesto sollte mir sogar später noch sagen, dass er es gar nicht fassen konnte, mit welcher Gemütsruhe ich solche Nachrichten hinnehmen könne. Ich verabschiedete mich noch freundlichst, legte das Telefon beiseite und schlug mit meiner rechten Faust gegen die Wand. Einmal. Zweimal. Immer wieder. Mich überkam ein Gefühl der Ohnmacht. Ich wollte mir Schmerzen zufügen, ohne mich zu verletzen, ich konnte es nicht. Die Hand nahm den Aufprall auf die Wand hin, sie schmerzte nicht, sie federte zurück, bereitete sich auf den nächsten Schlag vor, es geschah nichts. Mir war zum Heulen zumute. Ich konnte in diesem Moment nicht. Keine Träne war bereit, mir den klaren Blick auf den Stand der Dinge zu trüben, nichts passierte. Die Geräusche von der Straße verstummten langsam in meinen Ohren, ich hörte nichts außer dem dumpfen Aufprall meines Handrückens auf die kalte Wand. Nach einer Minute beschloss ich, mein Heil in der Flucht zu suchen. Ich wollte nicht hier sein, wenn mein Bruder in seinem Alltagstrott hereinstürmte, und mir erzählte, welche Getränke er wo gekauft hatte, wollte keine „Was ist denn mit dir los?“-Fragen meiner Mutter beantworten müssen. Ich wollte nur noch Ablenkung. Marc hatte mir schon angeboten, in der Kneipe beim Aufbauen zu helfen, sie wären schon ab mittags um 14 Uhr da, wenn ich wollte…

Ja, ich wollte. Ich wollte schwere Boxen aus dem Auto auf die Bühne wuchten, meinen Körper schinden, um meine Gedanken abzutöten. Aber ich nahm auch einen Briefblock mit, da ich wusste, dass ich jemandem schreiben musste. Irgendjemand musste einfach wissen, wie es mir geht. Ich würde an Bine schreiben, die hat mich bisher noch nie hängen lassen, wenn es um solche Sachen ging. Ihr konnte ich immer alles erzählen. Aber zuerst würden die Jungs meine Hilfe brauchen können.

Als ich an der Kneipe, in der sie spielen wollten ankam, war niemand da, es war geschlossen, und es war bitterkalt. Das fiel mir erst hier beim Warten vor der geschlossenen Türe auf. -10°C. Die Temperatur war in den letzten beiden Wochen rapide gesunken, bei mir erst im Laufe der letzten halben Stunde. Dafür umso rapider. Nach etwa 20 Minuten war noch immer niemand da, und so beschloss ich, mich zu jenem Spielplatz zu bewegen, der es in dem Stadtteil, in dem ich groß geworden bin, geschafft hat, von mir nicht entdeckt zu werden. Vielleicht ist er erst spät gebaut worden. Mein Vater hatte mir vor ein paar wenigen Jahren von seiner Existenz berichtet, da es dort Tischtennisplatten gab, und wir zu der Zeit recht gerne spielten. Der Spielplatz lag in einem der zahllosen Hinterhöfe des Stadtteils, umgeben von fünf- bis sechsstöckigen Gebäuden aus dunkelroten Backsteinen. An diesem kalten Wintermorgen wirkte die warme Farbe der Häuser kühler auf mich als die zahllosen Betonklötze der Innenstadt. Ich setzte mich auf eine Bank, die so kalt war, dass mein Hintern drauf und dran war, darauf festzufrieren. Ich hatte nur eine Sommerjacke dabei, aber ich trotzte der Kälte. Schmerzen! Ohne Handschuhe glitt der Kuli, ein Werbegeschenk einer großen Dienstleistungsgesellschaft, über das Papier, füllte die kleinen Karos des Blattes mit Buchstaben, Wörtern, Sinn und Wärme. Meine gesamte Körperwärme wurde Teil dieses Briefes, den ich nie abschicken sollte. Nach rund einer Dreiviertelstunde ging ich noch mal zur Kneipe, und suchte die Jungs. Wie ausgestorben. Irgendwann beschloss ich, dass ich nun schon aus gesundheitlichen Gründen wieder die warme Wohnung aufsuchen sollte.

Mein Bruder war inzwischen wieder da und vertrieb sich die Zeit mit sinnlosen Ballerspielen, deren Gewalttätigkeit nicht auch nur einen Ansatz meiner Aggressionen abzubauen in der Lage gewesen wäre. Ich war immerhin in der Lage so viel Schwachsinn wie immer von mir zu geben und niemand wusste von meinen Gefühlen. Ich weiß nicht, ob ich da bereit gewesen wäre, sie jemandem zu offenbaren außer Bine. Nachdem ich meine Hände wieder spüren konnte, wusste ich, dass ich weiterschreiben musste. Zudem wartete vielleicht die Crew meiner Rettung im Kneiple, ich musste wieder raus.

So war das eben. Wieder war niemand aufzufinden, so langsam drehte ich hohl. Ich schrieb wieder gut eine Stunde, der Nachmittag schritt voran, und die Zeit war doch wie eingefroren. Wieder zu Hause eingekehrt, waren bereits Moritz und Ernst anwesend, die vorhatten, das Konzert mit mir und meinem Bruder zu besuchen. Der beiläufige Kommentar seitens Ernst, ob ich irgendwie schlechte Laune hätte, wäre beinahe mit einer Straftat vergolten worden. Auf dem Weg zur Kneipe, voller Unbehagen, ob das Konzert stattfinden würde, trafen wir dann Isa. Leicht angeheitert berichtet sie uns freudestrahlend, dass das Konzi im Clubraum und nicht im Kneiple stattfinden würde. All meine Versuche, meinen Geist mittels körperlicher Ertüchtigung zum Schweigen zu bringen, hätten funktionieren können, wenn Marc mir die richtige Auskunft gegeben hätte. Das war ja nicht zum Aushalten! Doch es sollte noch schlimmer kommen. Die Fahrt Richtung Clubraum schwieg Ernst wohlweislich über meine Laune, und als wir endlich da waren, erhellte sie sich ob der Hoffnung, ihn beim Pogen so richtig in Grund und Boden zu hämmern. Dass sich das Konzert ein wenig verschob, weil die Bandmitglieder noch den Weihnachtsmarkt nutzten, um sich ein wenig Mut anzutrinken, war eigentlich nicht weiter beunruhigend, und so versuchte ich meinen Frust zu ertränken. Ich habe es nie verstanden, wenn Leute ihren Frust und ihren Kummer mit Alkohol zu bekämpfen versuchen, eigentlich kann ich es immer noch nicht, aber in solchen Fällen kann er Leuten wie mir helfen, ein bisschen runter zu kommen, oder einfach die Verarbeitung der Geschehnisse fördern, indem er dafür sorgt, dass ich mich eher ausheulen kann, als ich es ohne tun würde.

9 Beck’s, dann war der Vorrat alle. Während meiner alokoholgestützten Talfahrt an diesem Abend traf die Band ein, und das Konzert begann. Klar war mir nach Pogo, aber die Hemmungen zu Beginn waren stärker als der Frust, außerdem will das letzte Bier erst mal leergetrunken sein…

…please stop praying now, ’cause it’s useless, and it doesn’t make any sense…” eure Worte zum Troste! Klar rockten die Jungs, klar waren wir geil auf Party, doch wir warteten drei Lieder. Wie der Zufall es aber will, waren das drei Lieder zu lange. Als Ernst, mein Bruder und ich beschlossen, uns auf die Tanzfläche zu begeben, und die Sau aus uns rauszulassen, spielte mir der Lauf der Dinge erneut einen bitterbösen Streich. Rechts vor der Bühne klappte ein Mädchen zusammen, und war mehr oder weniger bewusstlos. Diese Szene, durch meinen stetig steigenden Alkoholpegel surreal anmutend, gab dem Abend die letzte entscheidende Wendung.

Das Konzert wurde abgebrochen, die Stimmung sank von euphorisch auf gedrückt, und verfiel dann fast ein wenig ins panische. Wie ein Schatten meiner selbst wandelte ich durch die Räume, den Hof, während andere erste Hilfe leisteten, Isa trösteten, den Notarzt verständigten. Auf der Terrasse fand ich einen schluchzenden Marc vor, der völlig aufgelöst den Lauf der Welt beschimpfte, und sich trotzig allen Beschönerungsversuchen widersetzte. Dass ausgerechnet ich versuchte, ihn aufzumuntern, indem ich sagte, dass alles wieder gut würde, grenzt nicht nur an Ironie, sondern ist Zynismus der übelsten Sorte.

Das Leben ist hart, aber ungerecht. Dieser Satz beschreibt hervorragend diesen Abend. Bald kümmerten sich bessere Freunde um Marc, und uns blieb die Ratlosigkeit, die Enttäuschung, und mir mein Frust. Nach dem Abtransport des Mädels war sehr bald klar, dass das Konzert verschoben werden würde auf unbestimmt, und die Heimreise das einzig Sinnvolle war. Meine Gefühle fuhren auf der Fahrt Achterbahn. Da war der Schmerz, der Auslöser all meines Stresses war, die Wut über den versauten Tag, die Besorgnis um ein Mädchen, das ich nicht kannte, das Mitleid mit Marc, und nicht zuletzt die Einjahres-Familienpackung Selbstmitleid, die ausnahmsweise umsonst war.

Auf dem Weg zur Feier mit Ernesto, die mir als einziger Ausweg in Sicht schien, verunstaltete ich den Brief an Bine mit sinnlosen Kritzeleien, die hauptsächlich Tod und Gewalt zum Thema hatten. Ich hatte einfach keine Kraft mehr, den Tag noch mit irgendwelchem Optimismus anzugehen. Die U-Bahn glitt aus der Stadt, während mein tragbarer CD-Player der Welt bewies, mit welch brachialer Wucht Gitarrenriffs die Nacht zerreißen können, wie hämmernde Beats Tage zerteilen in zigtausend einzelne Takte, wie martialisch Gesang sein konnte, wenn es Menschen schlecht geht. Und wehe, es hätte mich jemand darauf angesprochen, ob es nötig sei, das Teil so laut aufzudrehen…

Nicht mal Ernesto gegenüber konnte ich so offen sein. Ich brachte es nicht übers Herz, meine Gefühle so offen zu zeigen. Männer weinen nicht. Pah, dummes Geschwätz. Natürlich weinen wir. Würde mich nicht mal wundern, wenn wir es öfter täten als Frauen. In der Theorie verabscheute ich diese sexistisch vorbelasteten Klischees von starken Männern und schwachen Frauen, aber selbst einem Freund in die Arme zu fallen und mich auszuheulen fiel mir schwer. An diesem Abend wollte ich nur noch ins Bett – oder irgend etwas vollkommen nutzloses tun. Mir viel nix nutzloseres ein, als mich einfach weiter zu besaufen. Und Hunger hatte ich. Einfach Hunger. Hatte ich heute schon was gegessen? Ich glaube nicht. Und dann neun Bier? Ich bin doch verrückt. Das zehnte Bier war der Garant für die morgendlichen Kopfschmerzen. Es gab nur Hofbräu. An so einem Tag auch noch schlechtes Bier zu trinken, war entweder die logische Konsequenz aus den vorhergegangenen Ereignissen, die Perfektionierung der Selbstkasteiung, oder aber einfach nur ein Beweis dafür, dass dieser Tag nicht gut enden kann. Bei mir traf beides zu. Den Hunger stillte ich mit einer Pizza für fünf Mark in einer durchschnittlichen Döner-Bude, für die wir auch noch einen Umweg in Kauf nahmen. Während ich den Weg nutzte, meiner Hand, die Schläge so verdammt teilnahmslos hinnimmt, weitere Schmerzen durch diverse Hauswände und Verkehrsschilder zuzufügen, stellte sich nun auch körperlich das Gefühl ein, dass mich seelisch den ganzen Nachmittag und Abend durch begleitet hatte. Mir war zum Kotzen. Dem verlieh ich Nachdruck, als ich die soeben verschlungene Pizza dem städtischen Abwasser zuführte, und mich nach kurzer Abendhygiene dem Bette zuwand, und wie in so vielen Nächten einfach nur beschissen schlief. Und Ina? Ich hab sie bisher nicht mal wiedergesehen …

Mittwoch ist Spaßtag

Mittwoch ist Spaßtag

Spaß muss ja nicht immer heißen, dass es teuer wird. Manchmal reicht schon die bescheidene Ausstattung eines Drei-Personen-Haushalts. Katzenfutter zum Beispiel. Heute wollten wir unseren Spaßtag mit Katzenfutter begehen. Bewaffnet mit 3 weißen Schürzen machten wir uns auf in die nächste Fußgängerzone und füllten noch zuvor das Katzenfutter in kleine ansehnliche Plastikschüsseln um. Das macht gleich einen ganz anderen Eindruck.

Wir baten die Leute, doch im Interesse der neuen Metzgerei „Katz“ unsere hausgemachte Sülze zu probieren. Achim war alleine dafür zuständig, die Dosen durch die Gegend zu tragen, so viele Leute wollten probieren. Noch erstaunlicher war die Tatsache, dass die billigen Sorten beim Publikum offenbar mehr Anklang fanden als die großen Marken. Ganze 71 % beurteilten dieses Billig-Futter vom Schlecker als „sehr gut“. Besonders reizend war ein älterer Mann, der fragte, ob wir denn auch einen Liefer-Service anbieten würden. Aus Gründen der Humanität verneinten wir. Auch schwer zu erreichen war die Aussage einer Frau, die sich durch den Geschmack an ein Lieblingsgericht aus ihrer Jugend erinnert fühlte, und Unser Kassensturz anschließend ergab, dass uns dieser Tag zu viert 15,55 Euro gekostet hatte. Kino wäre dafür nicht drin gewesen.

Sonntag

Sonntag

Es war an einem Winternachmittag so gegen 15 Uhr. Sonntag.

Ich schlenderte ein wenig durch die Altstadt und mutete es mir zu, die Schaufenster der Konsumtempel zu durchforsten nach Sachen, die ich mir nicht leisten konnte. Nicht, dass ich ein schlechtes Einkommen hätte, aber Abende wie der gestrige sorgen dann dafür, dass das auch komplett raus geht. Es war einer dieser schönen kalten aber klaren Tage, wie sie der Januar leider viel zu selten hervorbringt. Ich geisterte irgendwie in Gedanken versunken durch die Straßen, besichtigte hier ein paar Schuhe, die ich nicht zahlen konnte oder Werbung für die neuen Jahreskarten unseres ortsansässigen Verkehrsunternehmens. Ich musste daran denken, dass meine Karte mich nur ein paar Cent gekostet hat. Das sind im Übrigen Anwendungsgebiete, die den Kauf eines mittelmäßigen Farbdruckers sehr schnell lohnend machen. Aber das nur nebenbei.

Ich atmete zwischen zwei Zigaretten die frische Luft und jeder Atemzug schmerzte ein wenig. Das lag wesentlich mehr an der Kälte der Luft als an meinen Raucherlungen. Minus fünf Grad zeigte das Thermometer am Marktplatz. In diesen Minuten realisierte ich in keinster Weise die Leute, die relativ zahlreich für die Tageszeit durch die Stadt irrten. Vielleicht kam ein Großteil von ihnen ja genauso von irgendeinem Bekannten, der gestern zu einer Party geladen hat. Schwer vorstellbar. Ich hatte das Gefühl, mein Leben zu genießen, jede Sekunde mehr als die vorangegangene. Als mein CD-Player Time von Pink Floyd anspielte, drückte ich den Track weg. Keine depressiven Gedanken! Nicht heute! Die Glocken in meinen Ohren verstummten gerade, als die Marienkirche ihre stündliche Lobpreisung des Herrn begann. Frieden ist nirgendwo.

Als sie auf mich zukam, hing ich noch dem Gedanken nach, im Laufe des Tages meine Wäsche zu waschen und ja nicht zu vergessen, den Wecker zu stellen. Die Nacht würde kurz werden. Wie immer von Sonntag auf Montag. Es war Schnee angekündigt.

Sie musste mich zweimal ansprechen, ehe ich begriff, dass sie es tat. Ich griff aus Reflex nach den Zigaretten in meiner Hosentasche und begann mich zu fragen, wo ich denn jetzt schon wieder mein Feuerzeug versteckt hatte.

„Hey du!“ meinte sie. Sie hatte schulterlanges schwarzes Haar und sah irgendwie interessant aus. Wenn man das so sagen kann. Mein Gehirn suchte nach Schubladen, in die ich diese Anmache einordnen kann. Zigaretten? Marktforschung? Die Zeugen Jehovas? Ich war zu langsam.

„Kommste mal kurz mit?“

„Wohin?“

„Wie heißt du denn?“

„Und du?“

„Ann-Kathrin! Was is jetzt?“

Sie war etwas jünger als ich, achtzehn vielleicht. Irgendwie schien sie verdammt gute Laune zu haben. Vielleicht bin ich ja deshalb mitgegangen.

„Ich hab da ’n Problem mit meinem Einkauf.“

„Einkauf? Am Sonntag?“

„Das isses ja! Weißt du, wo die nächste Tanke is?“

OK, was hatte ich auch erwartet?

„Da musste da hinten links, dann die Straße runter bis zu, warte mal…, nee, am kürzesten isses eigentlich… Weißt du was, ich komm kurz mit, so weit isses wirklich nicht. Wo musst’n danach hin?“

Wenn ich heute darüber nachdenke, ob es irgendeinen Grund gab, weswegen ich das gefragt habe, dann muss ich verneinen. Das spielte aber zunächst auch überhaupt keine Rolle. Sie antwortete nämlich nicht.

„Wo kommste jewesen so spät in der Früh?“

Dieser Satz überraschte mich dann doch. Ich selber hatte ihn mir angewöhnt, zwar nicht bewusst und freiwillig, aber so ist das nun mal mit Angewohnheiten. Diesen Spiegel vorgehalten zu bekommen war nicht schlimm, aber ich hatte das Gefühl, dass ich diese Begegnung so schnell nicht vergessen können würde. Diesen Gedanken zersprengend suchte ich nach irgendwelchen Anhaltspunkten an ihr, die mir mehr über sie verraten könnten, als sie freiwillig von sich preiszugeben gedenkt. Klamotten, Sprechweise, Aussehen allgemein, Schmuck… seltsam, aber nett.

„Hey, weißt’s nicht mehr, oder willstes nicht verraten?“

„Ach so, sorry! Von ’nem Kumpel. Party und so…“

“Und? Gut?”

“Ging so, war ’n paar komische Gestalten am Start, aber nett war’s schon! Äh, wir müssen da auf die andere Seite!“

Die Banalitäten, die ich ihr über den letzten Abend erzählte, sind die Wiederholung nicht wert. Die illuminierte blaue Raute vorne auf der rechten Seite zeigte uns an, dass die Tanke tatsächlich noch dort stand, wo ich sie vermutet hatte. Ich war seit Jahren nicht mehr hier gewesen.

„Nu findste’s wohl alleine, oder?“ grinste ich sie an.

„Nee!“

Dieser Tonfall gefiel mir nicht wirklich. Zumal sie mein Grinsen nicht erwiderte, sondern ziemlich genervt einen Zahn zulegte.

„Hallo? Was hab ich jetzt verbrochen?“

Ich beschleunigte meinen Schritt auch, und sah sie fragend von der Seite an. Sie stoppte erst direkt vor den Zapfsäulen und meinte dann:

„Sorry, war nicht so gemeint! Willst auch noch ’n Bier?“

„Um die Uhrzeit?“

„Is doch egal. Kennste irgend ’nen Platz, wo wir gemütlich trinken können?“

„Du, eigentlich hatte ich vor, heimzugehen…“

„Na komm!“

Eigentlich halte ich es nicht gerade für sinnvoll, mittags um drei schon mit Saufen anzufangen, aber ich kann nicht verleugnen, dass ich durchaus Interesse an einem weiterführenden Gespräch hatte. So oft wird man nun wirklich nicht am helllichten Tag von einem Mädel zur Tanke abgeschleppt und auf ein Bier eingeladen. Also gut. Wir gingen rein, sie nahm gleich zwei Sixer Zäpfle mit und sah mich fragend an als wir wieder draußen standen.

„Wohin?“

„Also wenn Sommer wäre, würde ich den Park bevorzugen, aber jetzt…?“

„Hast du ’ne Jacke an oder sieht das nur so aus?“ fragte sie.

„OK, da lang!“

Zwei alte Frauen schauten uns verständnislos an, wie wir zwei da mit zwei Sixern durch die Stadt schlenderten. Im Park angekommen fläzten wir uns ins Gras, nachdem wir uns vergewissert hatten, dass es trotz der Kälte nicht nass war.

„Auf den schönen Tag!“

„So sei es!“

Nach dem zweiten Bier beschlossen wir, es uns endgültig bequem zu machen, und so lehnte ich mich an die Trauerweide hinter mir und hielt sie im Arm. Ann-Kathrin war hergekommen zu einem kleinen Punk-Konzert am Abend. Ziemlich weite Anreise für eine eher minder begabte Band, wie sie selbst zugab. Ich hatte mir ebenfalls schon überlegt gehabt, hinzugehen, aber aus Mangel an wirklichem Interesse habe ich den Plan vor etwa zwei Wochen wieder verworfen.

„Da läuft noch Musik!“ meinte sie und griff nach meinen Kopfhörern.

Shit, eine halbe Stunde Batterieverschwendung! Ich weiß noch nicht mal, wovon ich die nächsten bezahlen soll…

„Geil, lass mich raten, personenbezogen?“

Ich hörte kurz rein. Launische Shuffle-Funktionen. Eine Geisel der Menschheit, die noch nicht auf Windows angewiesen ist – war klar: „Wish you were here”!

Die Frage danach ist eine von der Sorte, die ich hasse. Zumindest in solchen Situationen. Das ist die Light-Version dieser „Hast du eine Freundin“-Scheiße. Warum ich diese Frage so bescheuert finde? Nun, antwortet man mit „nein“, dann kann man sich sicher sein, dass darauf die Frage „Warum?“ folgt. Selbstverständlich gibt es da ebenso Abwandlungen, aber der Sinn bleibt stets der gleiche. Dann ist man – sofern man das Gespräch nicht einfach abwürgen und ein langes Schweigen provozieren will – gezwungen, alte Beziehungen wieder aufzufrischen indem man davon erzählt, oder aktive Selbstreflexion vor fremdem Publikum betreiben, weswegen man solo ist.

Antwortet man dagegen mit „ja“, dann kann man sich sicher sein, dass der Gegenüber noch schneller das Interesse verliert als es bei dem ewigen „Nein-Gespräch“ der Fall wäre.

Die Wahrscheinlichkeit dem Gegenüber nach dieser Frage noch so sympathisch zu sein wie davor würde ich sehr gering einschätzen. Das ist immer die selbe Problematik: Der einzige Zweck, weswegen sich die Menschen heutzutage unterhalten, scheint der zu sein, potentielle zukünftige Beziehungschancen auszuloten. Egal, ob bewusst oder unbewusst. Ich kann nur sagen, dass diese Erkenntnis das Leben nicht wirklich leichter macht.

„Nicht mehr!“ versuchte ich halbwegs diplomatisch zu antworten.

„Geht das? Lieder erinnern mich immer ewig an Leute…“

Mir ging es natürlich genauso, aber ich hatte nicht die geringste Lust, mein Leben vor ihr auszubreiten. Nach ein paar Bier machte sich bei uns beiden die Müdigkeit breit. Aber ich hatte sie definitiv unterschätzt. Während es mir so langsam unangenehm kalt wurde, und ich feststellte, dass ein Baum nie einen Sessel ersetzen kann, fragte sie, ob ich gelegentlich auch mal rauche.

„Nicht wirklich…“ antwortete ich, „ich hab eigentlich damit aufgehört. Aber… na ja, nicht wirklich! Selten!“

Als sie sich aufrichtete spürte ich den Baum noch mehr in meinem Rücken und mich durchschoss spontan die Befürchtung, dass ich inzwischen einfach alt geworden war. Aus ihrer Tasche zauberte sie eine Schachtel Zigaretten und holte ein sauber holländisch gedrehtes Tütchen hervor.

„Ich denke, dass du dann nichts dagegen hast…“

„Nein, Quatsch! Mach an!“

Mein Rauschzustand war bisher recht harmlos im Vergleich zum gestrigen Abend. Aber natürlich ließ ich mich überreden, dieses „super Gras“ auch mal zu versuchen. Nun, es war wirklich schon eine Weile hergewesen, dass ich das letzte Mal gekifft habe, aber es stellte sich ziemlich genau die Wirkung ein, die ich erwartet hatte. Meine Gedanken verloren sich langsam und ich war so zufrieden mit diesem Tag. Ich glaube, ich hätte in diesem Moment sterben können und es hätte mich nicht interessiert. Wir breiteten uns beide auf dem Rasen aus, genossen unseren immer intensiver werdenden Rausch und freuten uns unseres Lebens. Langsam stellte sich auch der Schnee ein, den sie angekündigt hatten. Wir starrten breit wie Harry in den Himmel, dessen zunehmende schwere Nachtschwärze ein kontrastreiches Bild mit den zahlreich tanzenden Schneeflocken ergab. Es wurde von Minute zu Minute kälter und windiger und so schmiegten wir uns aneinander. Wir trotzten dem Wetter in innigster Umarmung und die Blicke der nur vereinzelt auftauchenden Fußgänger drangen nicht bis zu uns durch.

Wir kannten uns nicht. Ich nehme an, dass wir uns auch gar nicht kennen wollten. Es reichte uns in diesem Moment das gemeinsame Erleben. Ich weiß nicht, weswegen ich mich so schnell zu ihr hingezogen fühlte, aber es war so wie es war.

Wie lange wir uns die Zeit so im Park vertrieben weiß ich jetzt im Nachhinein nicht wirklich einzuschätzen. Vielleicht war es eine Stunde, vielleicht auch zwei. Die Zeit verging zu schnell. Leider zollte der Bierkonsum so langsam seinen Tribut, und unsere traute Zweisamkeit wurde des öfteren von einer Pinkelpause unterbrochen. Als sie sich das dritte Mal – ja, ich nehme an, dass es das dritte Mal war – in die Büsche verzog, schenkte sie mir zuvor noch einen kurzen Kuss und das offenbar nicht ganz grundlos. Sie kam nicht wieder.

Ewig lange habe ich gewartet und mir die Zeit mit Trinken vertrieben. Als dann wirklich nichts mehr da war und mir keine albernen Spielchen mit gefrorenen Grashalmen mehr einfielen, habe ich nachgesehen, ja ich habe mich sogar dazu verleiten lassen, ihren Namen durch den ganzen Park zu rufen. Mich überkam dabei ein komisches Gefühl, und ich dachte mir, dass ich darauf auch nicht freiwillig reagieren würde.

Aber es gibt Zeitpunkte, zu denen man einfach aufgibt, egal wie wichtig es einem ist. Dieser war bei mir relativ schnell erreicht. Ich machte mich auf zur Konzerthalle und verbrachte einen ziemlich netten Abend mit genialer Musik, immer auf der Suche nach Ann-Kathrin. Sie ließ sich nicht blicken. Irgendwann sah ich das ein und genoss das Konzert, das ich noch vor ein paar Stunden nicht besuchen wollte. Vielleicht war das ja der große Gewinn des Tages?

Abschließendes Fazit?

Keins!?