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Kategorie: Prosa

Was mit Menschen

Was mit Menschen

Der Fragebogen war ein gequirlter Haufen Kacke. Ich hatte in meinem kurzen Leben schon eine Menge Fragebögen gesehen, aber dieser hier war das Papier nicht wert, auf dem er gedruckt war. Wir Schüler konnten – eine euphemistische Umschreibung für „wir mussten“ – auf einer Skala von eins bis fünf auswählen, ob wir eher alleine oder im Team arbeiten würden, lieber im Büro oder an der frischen Luft, flexibel oder fest und vor allem natürlich ob wir viel, weniger oder gar nicht mit Menschen zu tun haben wollten.

Überhaupt die Menschen: Ist man ihnen gegenüber „eher offen oder eher verschlossen“, steht man ihrer Kritik „aufgeschlossen gegenüber“ oder lässt man sich ungern in seine Arbeit hineinreden?

Mit einem leicht gequälten Blick beobachtete ich den Dozenten oder Haussklaven, was immer er war. Wahrscheinlich war er einer von denen, die auf den Fragebögen überall angekreuzt hatten, dass sie so voll total auf „die Arbeit mit Menschen“ stehen. Und jetzt stand er hier, versteckte sich ziemlich unbeholfen hinter seiner Brille und wir Menschen waren zweifelsohne das Letzte, was er sich gerade in diesen großen, an einen Hörsaal erinnernden Raum gewünscht hätte. Gut, Sabrina, zwei Reihen vor mir vielleicht. Der konnte man von vorne sicher prima in den Ausschnitt starren und außerdem kreuzte sie sicher „was mit Menschen“ an – so eine Art Lieblingsschülerin mit dicken Titten.

Das war mein erster und einziger Ausflug ins „Berufsinformationszentrum“ (BIZ) in Stuttgart. Während auf der anderen Straßenseite im Amtsgericht lauter Fälle verhandelt wurden, bei denen über das wirkliche Leben entschieden wurde, saßen wir in knuffig gemütlichen Sesseln und taten so, als würden wir den Versprechungen unseres Lehrers glauben, dass wir hier etwas über unsere Neigungen erfahren und somit eventuell einen Anstoß für unsere Berufslaufbahn finden würden.

Genau betrachtet – und zum Betrachten hatte ich an diesem Tag mehr als genug Zeit! – war die Klasse gespalten in drei  Gruppen:

Die erste Gruppe umfasste fast ausschließlich die Mädels aus der Stufe, nicht alle, aber die meisten. Viele von denen waren nur aufs Gymnasium gewechselt, um sich die ganze Pubertät über an ihrer Hoffnung festzuhalten, dass sie am Ende ja wenigstens Tierärztin werden würden. Klar, im Grunde mochten sie nur Hunde, Katzen und Pferde, aber die meisten glaubten auch jetzt mit 18 Jahren noch daran, dass ihnen ihr Traumprinz von Tierdoktor in der Praxis die lästigen Mäuse und alles mit mehr oder weniger als vier Beinen vom Hals halten würde. Und natürlich wollten sie heute, an diesem ach so wichtigen Tag, hören, dass ihre Entscheidung voll dufte sei.

Gruppe zwei war die eigentlich realistischste Gruppe. Die meisten hatten sich irgendwann in den letzten Jahren mehrfach von ihrem Traumberuf getrennt und einen neuen auserkoren, am Ende blieb ihnen die Wahl zwischen etwa drei Studiengängen. Gruppe zwei saß hier, um herauszufinden, ob es nun Kunstgeschichte, Medizin oder Astronomie sein sollte. Für diese Gruppe wurde das gemacht, diese Gruppe würde „erfolgreich“ aus dem BIZ herauslaufen, auf diese Gruppe freute sich der Brillenträger schon den ganzen Tag. Nur: Die Titten hatten die Tierärztinnen und die waren in der Überzahl.

Ich selbst konnte mich zu Gruppe drei zählen: Ich hatte nichts gegen Menschen und wollte dementsprechend nicht gerne mit ihnen arbeiten. Tiere gingen mir am Arsch vorbei, allerdings nicht ansatzweise so sehr wie Arbeit an sich.

Ich hatte noch zweieinhalb Jahre Schule vor mir und war überzeugt davon, dass die Zeit mich sicher irgendwann einmal auf den richtigen Pfad stoßen würde – und diese Zeit bis dahin gedachte ich selbstverständlich zu nutzen.

Ich verließ das BIZ mit dem ungeheuren Verlangen nach einer Zigarette, zerknüllte den Zettel, der mir nach einer computergestützten Auswertung Berufe zwischen Kriegsreporter und Bundeskanzler nahelegte und freute mich, dass an diesem Tag die Nachmittagsstunden ausfielen. Ich verabredete mich mit Earl, denn heute war ein guter Tag, um schon am frühen Nachmittag mit Kiffen anzufangen – das BIZ gab schließlich keine Hausaufgaben.

Um den Jahrtausendwechsel herum seine Schulzeit zu beenden war nicht für alle leicht. Wir wurden eingeschworen auf einen harten Kampf um Arbeit, uns wurde klargemacht, dass wir uns unser Leben lang weiterbilden müssten, um mit der globalen Konkurrenz auch nur ansatzweise fertig zu werden. Und all das wurde uns erzählt von Menschen, die davon eigentlich nicht den Hauch einer Ahnung hatten.

Einer dieser Menschen war mein Vater. Er bemühte sich redlich, mir nicht auf die Nerven zu gehen mit Anforderungen und Erwartungen, dennoch war er es, der mich immer wieder fragte, was ich mit meinem Leben denn nun anzustellen gedenke.

Wenngleich ihm klar war, dass ich nicht wie er die Ausbildung in der Firma absolvieren würde, die mich 50 Jahre später in die Rente entlässt, sorgte er sich ungefähr seit meinem fünfzehnten Lebensjahr darum, was ich als Erwachsener mal tun würde. Während die meisten Kumpels in meinem Alter mit ihren Eltern noch ganz andere Kämpfe auszufechten hatten, war diese Differenz zwischen uns das Einzige, was mich gelegentlich daran störte, noch bei ihm zu wohnen.

Als ich vom BIZ nach Hause kam, trat er aus der Küche und trug gerade seine dritte Tasse heißen Kaffees ins Wohnzimmer, während er mich hoffnungsfroh fragte, wie der Tag gewesen sei.

„Ach, nichts Besonderes.“

„Irgendwelche neuen Ideen?“
„Nee, nicht ernsthaft …“

Er war bereits aus meinem Blickfeld, dennoch spürte ich die leise Enttäuschung seinerseits. Eine Enttäuschung übrigens, die ich nie auslösen wollte.

Dass ich durchs Leben kommen würde, habe ich nie bezweifelt, da tat es weh, den eigenen Vater in seiner Unsicherheit sitzen zu lassen. Er meinte es gut, er wollte mich keineswegs nerven, er verstand es nur nicht.

Wenig später verließ ich die Wohnung wieder und machte mich auf den Weg zu Earl. Noch in der Bahn vergaß ich all die schwierigen Fragen über die Zukunft und nach dem Ankommen zog ich umgehend eine Bong durch, was die letzten Gewissensbisse vertrieb.

Ich hatte lange nicht mehr unter der Woche gekifft, das Gras schickte mich sofort weit weg von der realen Welt. Earl grinste mich ebenso breit an und verkündete, er würde in Zukunft im BIZ Marihuana anbauen. Wir lachten viel und irgendwann schliefen wir ein.

Natürlich hätte kein Außenstehender erwartet, dass Typen wie wir überhaupt unser Abitur schaffen würden.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

O Vienna!

O Vienna!

Im Juni 2004 landete ich in Wien, wenngleich Auslandsaufenthalte bei mir immer spärlich gesäht waren und Flugreisen noch spärlicher. Das alleine hätte die Sache dennoch nicht spannend gemacht. Der Flug von Stuttgart nach Wien ist selbst für Phobiker nicht lang genug, um ausgereifte Panik zu entwickeln und ich hatte ja nicht einmal das vor.

Der dreitägige Ausflug nach Wien gehörte zu diesen typischen Treffen des „Arbeitskreis Freizeiten“ (AKF) des Kreisjugendrings: Keiner von uns konnte ernsthaft sagen, ob nun mehr gefeiert oder mehr gearbeitet wurde. Ich habe aus all diesen Treffen zwischen Mettelberg und eben Wien eine Menge mitgenommen, ich habe selten so viel und intensiv gelernt wie dort – aber auch selten größere Mengen Alkoholika vernichtet oder mehr Unfug angestellt als an den zahllosen Wochenenden, die ganz hochoffiziell der pädagogischen Fortbildung dienten.

Was wir in Wien nebst obligatorischer Stadtbesichtigung genau gemacht haben, kann ich beim besten Willen nicht mehr sagen, aber es ging um irgendwelche grundlegenden Freizeitkonzepte. Und ums Feiern, wie gesagt.

Unsere Truppe bestand aus rund 20 Leuten, die sich mehr oder weniger gut kannten, meist aber schon entweder solche Treffen zusammen hatten, oder aber schon gemeinsam auf Kinder losgelassen wurden.

An den Vormittagen wurde hart gearbeitet und auf den Touren durch die Stadt sogen wir die nur entfernt ans Deutsche erinnernde Kultur wissbegierig in uns auf. Wir stellten erstaunt fest, dass man eine Spezi schon mal in zwei getrennten Flaschen erhält und die Eiskugeln bei Hundertwasser ums Eck auch mal würfelförmig sein können. Wir bestiegen Türme, fotografierten wie blöde irgendwelche Gemäuer, staunten über dies und das und aßen die berühmten, riesigen, ansonsten aber todlangweiligen Schnitzel beim Figlmüller.

Mit den Unterkünften am Stadtrand war es nicht so weit her. Die Verpflegung war mies und wegen der gerade mal 1,90 Meter langen Betten hatten Dirk, Guido und ich unsere Matratzen gleich am ersten Abend auf den Boden geworfen um dort zu nächtigen. Zugegeben: Unter uns dreien war ich mit 2,03 Metern Größe noch der Kleinste, das erklärt vielleicht ein wenig die Radikalität, mit der wir das angegegangen sind.

Unsere Abreise sollte in den frühen Morgenstunden erfolgen, weswegen am letzten Abend die komplette Zimmerbesetzung inklusive mir beschloss, bereits am Vortag auszuchecken, die Reisekasse damit empfindlich zu entlasten und die Nacht in der Stadt zu verbringen. Unser Gepäck verblieb im Hotel und wurde vom Rest der Truppe betreut und morgens mitgebracht. Party bis zum Morgengrauen war angesagt, ein Unterfangen, das nicht allzu schwer umsetzbar schien.

Die Gruppendynamik tendierte immer mehr in Richtung Clubnacht – mir lag das zu diesem Zeitpunkt gar nicht. Ich hatte die Leute gerne, mit denen ich unterwegs war, aber nach drei Tagen machte sich in mir eine gewisse Müdigkeit breit. Das gleichermaßen geniale wie auch auf Dauer schwierige an den AKF-Besetzungen war die Vielfalt der Teilnehmer.

Ich weiß nicht mehr, woran es genau gelegen hat, aber als wir im Laufe des Abends ein Lokal verließen, habe ich mich von der Gruppe losgesagt. Ich hatte keine Lust auf überteuerte Getränke, auf elektronische Musik, oberflächliche Unterhaltungen. Im Zweifelsfall war mir Alleinsein lieber. Darauf lief es tatsächlich hinaus. Niemand sonst wollte sich für Kneipe statt Club entscheiden, niemand wollte reden, alle wollten sie die eine, ultimative und beste Nacht in Wien.

Ich für meinen Teil habe genau das bekommen. Nur auf etwas andere Art und Weise.

Die Nacht war klar und warm, einen wirklichen Plan hatte ich nicht. Besonders herzlich verabschiedet worden bin ich von den Mädels, bei denen ich mir am wenigsten sicher war, ob sie nicht vielleicht froh darüber waren, dass ich als Spielverderber das Weite gesucht habe. Dabei war und bin ich bei der Abendgestaltung im Vergleich zu meinem eigentlichen Geschmack und meinen eigentlichen Vorlieben immer ausgesprochen tolerant und kooperationsfähig. Aber mit gerade noch 30 Euro in der Reisekasse und null Verständnis, warum das in einer guten Nacht nicht für einen Vollrausch reichen sollte, war an einen Club nicht zu denken.

So schlenderte ich mutterseelenallein an eine Tankstelle am Schwedenplatz, besorgte mir mehrere Dosen Beck’s für 1,85 Euro. Das beflügelte erst recht meine Vorstellung davon, was ich im Club wohl gezahlt hätte.

Die Dosen in einer dieser unzureichenden Tankstellen-Plastik-Tüten verstaut, setzte ich mich irgendwo am Rande des ausgedehnten Areals des Platzes auf eine Parkbank und starrte in die Nacht. Ich genoss zwar den Wind, hab aber von meiner Umwelt so wenig mitbekommen, dass mir erst jetzt – Jahre später – bei meiner Recherche klar wurde, dass der Platz am Wasser liegt.

Es war noch in den Abendstunden, als der erste Bügel sich ins Weißblech bohrte und ich genüßlich das prickelnde Bier in mich hineinschüttete.

Dass der Schwedenplatz nachts vielleicht nicht die beliebteste Touristenattraktion sein könnte, wurde mir klar, als sich ein etwas schräger Typ in meine Nähe setzte und mich fragte, ob ich etwas Gras kaufen möchte.

Um diese Zeit etwa kamen zufällig drei Leute aus meiner Gruppe vorbeigelaufen und haben mir gezeigt, weswegen ich mit meiner Entscheidung richtig lag. Jochen sah mich an, blickte auf mein Dosenbier und stieß fassungslos hervor:

„Des is‘ nich dein Ernst jetzt!?“

Angel drehte sich gleich ganz weg, was in Anbetracht der Tatsache, dass sie ein überaus attraktives und nettes Mädel war, mit dem ich gerne die Nacht auch auf diesem Platz verbracht hätte, etwas weh getan hat – aber so war es.

Die beiden und irgendjemand drittes versuchten mich noch kurz mit Einladungen zu ein zwei Drinks zu überreden, waren aber offensichtlich nicht wirklich traurig, dass ich abgelehnt habe.

Ironischerweise hat ihnen ausgerechnet der versiffte Typ neben mir mit seinem Joint und seinen verdreckten Skater-Hosen den Weg zu ihrem Club gezeigt.

In den folgenden Stunden bin ich mit dem Typen ins Gespräch gekommen, über ihn, mich, Wien, das Leben. Er bot mir an, mit ihm eine Tüte zu rauchen und wir verbrachten eine recht heitere Zeit dort. Zwischendurch amüsierte unsere bierselige Beisammenkunft das Auftreten einer Gruppe junger Punks. Die Gespräche wurden ein wenig politischer, das Bier floss schneller und irgendwann haben wir unsere Finanzen gecheckt und sind an der Tanke Nachschub holen gegangen.

Natürlich haben wir uns in fast nichts von einer der üblichen Ansammlung von obdachlosen Trinkern unterschieden, auf die Idee, dass ich Tourist sein könnte, wäre niemand gekommen, der nicht ein paar Worte mit mir gewechselt hat.

Aber es sah schlimmer aus, als es war. Ich hab zwar bis zur Morgendämmerung neun große Bier vernichtet, der großzügige Zeitrahmen unserer Diskutiererei sorgte indes dafür, dass unsere Zurechnungsfähigkeit zu jedem Zeitpunkt zumindest den Umständen entsprechend gegeben war. Aber zugegeben: Die Umstände waren auch seltsam.

In tiefster Dunkelheit gesellte sich irgendwann ein paranoider Verschwörungstheoretiker zu uns, erzählte uns eine Viertelstunde lang etwas von geheimen CIA-Basen in Wien und erklärte uns, warum es absolut nützlich sei, immer eine Auto-Antenne bei sich zu tragen. Eine selbstgepflückte Auto-Antenne, versteht sich.

Glücklicherweise war er nur ein vorübergehendes Phänomen. Die Nacht wurde dunkler, die Temperaturen sanken, dennoch breitete sich eine geradezu gemütliche Stimmung über dem Schwedenplatz aus, in der selbst ich und mein quasseliger Nachtbegleiter irgendwann ruhig dasaßen und wortlos unseren Gerstensaft tranken.

Die Nacht hielt viele schöne Momente, Lichtblicke im Alltag und Einblicke in Kurioses bereit, abgesehen von meiner sich anschleichenden Müdigkeit gab es keinen Grund, mit der Dämmerung den heraneilenden Tag zu begrüßen. Zu fasziniert beobachteten wir die unterschiedlichsten Menschen. Einsame Typen, die durch die Dunkelheit schlichen, Pärchen, die ihre Schritte beschleunigten, wenn sie uns sahen und hier und da einen in Mülltonnen wühlenden Obdachlosen, der von uns gar nichts mitbekam.

Da ich aber keinesfalls den Bus zum Flughafen verpassen wollte, bin ich mehr als überpünktlich und leicht alkoholisiert zur gar nicht weit entfernt liegenden Bushaltestelle gewackelt. Mein Begleiter über die letzten Stunden war inzwischen auch irgendwo verschwunden, unsere Verabschiedung war herzlich, aber kurz.

Die Suche nach dem richtigen Bus sollte sich noch zu einer Herausforderung entwickeln, und der sich abzeichnende Sonnenaufgang half mir nicht wirklich dabei. Ich entdeckte den richtigen Haltepunkte nach einem ziemlich umfassenden Studium diverser Pläne irgendwo noch hinter einer Hausecke. Das Warten auf die anderen wurde irgendwann unheimlich, da keiner kam.

Und ganz abgesehen von meinem ramponierten Zustand nach einer Nacht auf der Straße war ich ohne Geld und Gepäck nicht gerade ausgestattet für eine alternative Heimreise oder eine weitere Nacht in der österreichischen Hauptstadt.

Als ich kurz vor der Abfahrt naheliegenderweise panisch ums Eck getorkelt bin, hab ich dann gesehen, dass alle – die ganze Gruppe! – treudoof an der falschen Haltestelle warteten.

Genau genommen ist dies also nicht nur die Geschichte von einem Menschen, der eine Nacht in einer fremden Stadt auf der Straße am Trinken war. Es ist auch die Geschichte von einem Menschen, der weil – oder obwohl – er losgelöst von seiner Gruppe eine Nacht auf der Straße am Trinken war, dafür gesorgt hat, dass all die anständigen Leute gut und rechtzeitig zum Flughafen gekommen sind.

Am Airport lag ich eine halbe Stunde müde auf einer Bank herum und träumte von umherstreifenden Irren, die einem die Auto-Antennen klauen, um uns vor der CIA zu beschützen, als Steffi mich zögerlich fragte, ob ich wirklich die ganze Nacht alleine da draußen gewesen wäre.

„Nein!“, alleine sei ich keineswegs gewesen, sagte ich. Und ich erzählte von den Punks und dem Spinner und auch meinem Freund für eine Nacht.

„Ganz schön gefährlich!“ befand Steffi. Im Nachhinein habe ich erfahren, dass Angel im Club fast der Geldbeutel geklaut wurde und einer von den Jungs nur mühsam einer Schlägerei entgehen konnte. Außerdem war die Polizei wegen einer Messerstecherei vor Ort. Das erklärt vielleicht, weswegen ich diese Einstellung nie geteilt habe …

Nachtfahrt

Nachtfahrt

In dem Moment, in dem ich den Schlüssel drehe, fällt sie von mir ab, die Fahrt. Ein älteres Ehepaar, ständig nörgelnd. Nicht müde werdend zu erzählen, wie schlimm es sei, ihre Rentenkürzung betreffe sie massiv, sei unfair, wo sie doch für diese rote Regierung jahrzehntelang geschuftet hätten. Und jetzt dieser Rückflug. Eine halbe Stunde Verspätung wegen so eines lächerlichen Gewitters. Damals, da konnten die Piloten noch fliegen. Und bei den letzten 3 Urlaubsreisen dieses Jahr hat sich auch noch keiner so angestellt. Und ich sollte auch mal besser was richtiges lernen. Ist doch kein Leben, die ganze Nacht besoffene Türken fahren. Sind ja nicht alle so nett wie sie. 19,80 €, machste Zwanzichfuffzich für’n Kaffee!

Die beiden vorderen Fenster gleiten hinunter, das auf der Fahrerseite hakt ein wenig und gibt klappernde Geräusche von sich. Die Nacht kriecht mit wohlmeinenden 20 Grad ins Fahrzeuginnere, die letzten Parfumwolken ziehen in die Biesdorfer Dunkelheit. Der Wind trägt den frischen Duft von Kiefernadeln in meine Lungen, Auszeit von Zigarettenrauch und Smog. Die Wipfel der Nadelbäume schwanken hin und her, wirken auf eine komische Art bedrohlich und sind doch so viel friedlicher als manch menschliche Unzulänglichkeit in den Häusern hinter ihnen.

Der Kies knirscht unter den Reifen, als ich das Fahrzeug mit zweimaligem Zurücksetzen auf dem engen Weg wende. Es ist relativ ruhig, die Geräusche der Stadt werden mich erst ein paar Kilometer weiter wieder umfangen. Von fern dröhnt monoton der inzwischen überschaubare Verkehr der B1. Ein paar Kieselsteinchen springen über ihre Artgenossen, als der Motor nach dem Einkuppeln die Kraft an die Räder übergibt und meine hellelfenbeinfarbene Festung sich vom Untergrund abdrückt. Anderthalb Tonnen Metall fliegen durch die Einfamilienhaussiedlung, mit zunehmender Geschwindigkeit werden die Geräusche gleichmäßiger, gefühlt leiser.

Zwischen Daumen, Mittel- und Zeigefinger spüre ich die Rillen des gummiummantelten Volume-Reglers, und während das Licht der ersten Straßenlaternen nach und nach das Cockpit meines Taxis flutet, genieße ich die bei so unbelebter Straße freie Hand und sorge dafür, dass die ersten Gitarrenklänge von …and justice for all feinfühlig eingefadet werden.

Da das Autoradio qualitativ nicht gerade State-of-the-Art ist und zudem bei meiner zunehmend beschleunigten Fahrt Richtung Innenstadt genügend Nebengeräusche einen angemessen andächtigen Musikgenuß verbieten, stört mich an dieser Stelle auch nicht die oftmals bemängelte Drumlastigkeit des Albums. Genau in diesem Moment, merke ich, ist die Nacht am tiefsten, der Tag also am Nächsten. Eine gelblich fahl leuchtende Laterne nach der anderen wirft ihren Schein auf mich, um anschließend im Rückspiegel zu verschwinden. Lautlos.

Mit dem bisherigen Umsatz zufrieden erlaube ich mir, die Aufmerksamkeit auf die Straße und die Musik, nicht auf den Gehsteig zu konzentrieren. Am linken Ellenbogen fröstelt mich etwas ob des Fahrtwindes, keinen Gedanken daran verschwendend, dass es wahrscheinlich ziemlich prollig aussehen muss, wie ich den Arm aus dem Fenster hängen lasse. Völlig entspannt lasse ich zu, dass ich den Kopf zur Musik bewege und nur eine einzige Anspannung in diesem Moment hält mich gefangen: Ich versuche, das Vorbeirauschen der Straßenlaternen nicht mit den Drums von Lars Ulrich zu synchronisieren. Relaxt sein ist ok, Führerscheinverlust eher nicht.

Als ich kurz hinter der Rhinstraße herangewunken werde, war ich erst runde 2 Minuten unterwegs. Es gibt sie, diese Momente, die so angenehm sind, dass ich mir erlaube, Musik als Zeitmesser zu verwenden. Und da der Gesang bei …and justice for all erst bei 2:10 einsetzt…

Ich unterbreche die getragene Stimmung professionell. Binnen Sekunden summt der Elektromotor die Scheibe des Beifahrerfensters nach oben, die Musik ist unhörbar leise, und der einzige noch vernehmbare Beat ist das leise Klacken des Blinkers, als ich das Auto vorsichtig nach Rechts steuere.

Ich beobachte ein ums andere Mal Kollegen beim Heranfahren an einen Kunden und ich habe eine gewisse Hoffnung, dass ich meine Seriosität mit dem Fahrstil schon bei dieser ersten Kontaktaufnahme unterstreichen kann. Kein Reifenquietschen, kein hektisches und apruptes Ausscheren aus dem fließenden Verkehr, ein dezentes Halten mit der Fahrertür auf Höhe des Kunden. Aller verkehrsbedingter Stress, so er gegeben ist, bleibt beim ersten Kundenkontakt im Auto. Und so treibt mich ein nur leichter Lenkeinschlag, vergleichbar mit einem Spurwechsel auf der Autobahn, sanft an meine potenzielle Kundin heran.

Eine junge Frau, scheinbar auch gutaussehend. Es ist dunkel an der Stelle, an der sie steht. Ich belustige mich mit ruhigem Gesichtsausdruck über die immer wieder auftretende Unsicherheit bei nächtlichen Fahrgästen, ob sie vorne oder hinten einsteigen sollen. Hinten. Wie fast alle. Ich drehe mich zur Begrüßung um, schenke ihr ein charmantes Lächeln. Sie ist jünger als ich und ich finde sie ziemlich hübsch. Das passiert mir allerdings öfter. Hat wahrscheinlich hormonelle Gründe.

Ihre Kleidung ist sauber, schlägt keine Falten, passt sich ihrem Körper perfekt an, aber ihre zerzausten Haare wirken unordentlich, unpassend. Als sie mir ihre Adresse in Kreuzberg nennt, hebt sie ihren Kopf, und ihrem Gesicht ist anzusehen, dass sie geweint hat. Tränen und insbesondere Versuche, die Tränen zu verwischen, haben Spuren hinterlassen im Make-up. Es war sowieso zu viel, wenn man mich fragen würde. Aber ich bin Taxifahrer, mich fragt man nicht.

Die Tachonadel schnellt, nur unterbrochen durch 3 schnelle Schaltpausen auf knapp 60 hoch. Auf der Lichtenberger Brücke erwischt uns die Helligkeit der nächtlichen Stadt recht plötzlich. Im Rückspiegel sehe ich ihr Gesicht nur schemenhaft, sehe wie ihre Augen  zwischen der Scheibe und ihren dunklen Haaren unablässig Gegenstände am Fahrbahnrand fokussieren, ihnen folgen, sie verlieren und die nächsten anvisieren. Der Inbegriff der Traurigkeit. Auf makabere Weise dennoch schön.

„War ein langer Tag, oder?“

Manchmal frage ich mich, wieso ich in solchen Momenten das Gespräch suche. Egal, wer mich im Auto begleitet, ich werde aller Voraussicht nach immer der flüchtigste Kontakt dieses Tages bleiben. Die intimen Momente im Taxi sind rar gesät, und kaum etwas ist unbefriedigender als Smalltalk, wenn klar ist, dass er nicht ausreicht.

„Ja.“

Es braucht nur ein geringes Maß an Vorsicht, um zu wissen, dass man in solchen Situationen keine Fragen ohne Ausweichmöglichkeit stellt. Die Fahrten, bei denen ich Menschen nach ihrem Ärger befragt habe, sind zahllos. Doch feuchte Augen sind meist zu müde, sich zu verteidigen.
Die Zeit verfliegt nur so, und während ich mich beizeiten in ihrem Blick nach draußen verliere, hätte ich beinahe den Blitzer vergessen, der die Frankfurter Allee davor bewahrt, nachts als Autobahn wahrgenommen zu werden. An der Möllendorffstr. torkeln die ersten Betrunkenen über den Fußgängerüberweg und ich nehme den Typen zur Kenntnis, der beim Pinkeln an ein Verkehrsschild angelehnt, langsam vom Schlaf übermannt wird.

„Wissen sie, mein Freund hat gerade Schluss gemacht…“

schluchzt es leise aus dem Fond.

„…Entschuldigung.“

„Sie brauchen sich für gar nichts entschuldigen. Taschentuch?“

Die rhytmisch blinkenden Lichter, die Flugzeuge davon abhalten sollen, den Fernsehturm zu rammen, spiegeln sich in allerlei Fenstern, die wir nach und nach passieren. Bis zum U-Bahnhof Samariterstraße sind schon zwei Taschentücher verbraucht, und wenngleich ihr Trost noch einige Zeit entfernt liegt, weiss ich zumindest jetzt schon, dass ich sie nicht nachher unter dem Sitz finden werde. Tränen lügen nicht ist nicht nur ein beschissenes Lied, sondern zumindest in der Hinsicht richtig, als ich noch nie von weinenden Menschen zu betrügen oder verärgern versucht wurde.

„Wissen sie, da zieht der Arsch mit dieser Schlampe ab und schreibt mir ’ne SMS, dass es vorbei ist. Warum sind Männer immer so blöd?“

„Ach, wenn ich die Frage beantworten könnte, dann würde ich nicht dazugehören. Und befangen bin ich so oder so. Ich schätze, ich werde ihnen keine Hilfe sein können.“

Lächeln. Lächeln! Na also!

„Brauchen sie noch ein Taschentuch?“

„Ja, danke. Kannst auch du zu mir sagen!“

Am Frankfurter Tor quetsche ich mich noch als letzter bei der grünen Ampel durch und biege links in die Warschauer Straße ab. Am rechten Straßenrand im Halbdunkel rennt ein hilfloser Typ seiner Angebeteten hinterher, die hochnäsig von dannen zieht. Ich blicke kurz in den Innenspiegel und bemerke, dass die Straßenszene ihre Wirkung nicht verfehlt. Als wir die wartenden Betrunkenen vor der Dönerbude, den müden Obdachlosen an der Nachtapotheke, die Skater auf dem Grünstreifen und die von der Polizei angehaltenen Prolls mit ihrem getunten Auto hinter uns gelassen haben und auf den grünen Startschuss zur Überquerung der Oberbaumbrücke warten, ist die Laune auf der Rückbank bereits wesentlich besser. Im Wesentlichen dazu beigetragen habe ich nur durch gelegentliche Einstreuung der Wortfetzen „Ja“, „Das stimmt.“, „Überleg dir das nochmal!“ und „Morgen ist auch noch ein Tag. Soll sogar recht sonnig werden.“

Der Verkehr ist dichter geworden, die Taxen mit den Fahrgästen fürs Watergate stauen sich bereits bis auf die Brücke.

„Wirf einen Blick hier runter. So scheiße ist die Nacht nicht. Behalt lieber den Ausblick in Erinnerung. Versuchen! Vielleicht klappt’s ja!“

Und noch ein Lächeln…

Als wir knappe 2 Minuten später bei ihr vor der Haustüre stehen, sind die Tränen zumindest vorerst wieder trocken. Wir haben noch ein paar Sätze übers Taxifahren verloren, und zwangsläufig kommt sie, die Frage:

„Sag mal, ist es nicht mies, Samstag Nachts arbeiten zu müssen?“

Generalprobe, ob es was gebracht hat…

„Wer sagt denn, dass ich muss? Und wer von uns beiden hatte heute die miesere Nacht? Ich bin zufrieden, keine Sorge!“

Vorletztes Lächeln. Bingo!

„Also dann…“

„Ja, also dann… ähm… danke!“

„Nichts zu danken. Ich bin nur der Fahrer, schon vergessen?“

Und das Letzte… dann verschwindet sie unsteten Schrittes im Durchgang zu ihrem Haus. Ich sehe ihr nach, mache mir einen Moment lang Gedanken darüber, ob sie jetzt gleich weint, wenn sie bemerkt, dass sie den Schlüsselanhänger von ihm geschenkt bekommen hat, oder erst wenn sie in einer halben Stunde im Bett liegt.

Ich sehe mich um, die Straße ist menschenleer. Ich öffne das Beifahrerfenster mit einem Knopfdruck, und drehe den Schlüssel. Der Volume-Regler bewegt sich wie von selbst wieder in die richtige Position. Dieses Mal eine Prise HipHop. Warum nicht? Vielleicht ist das was ich heut Nacht gesehen hab, das was wirklich ist. Beweis mir, dass es nicht so ist! Ich hab die Grenze zwischen Traum und Realität diesmal nicht vermisst…

An der Ecke sitzt ein Typ in meinem Alter. Er sieht im Dunkel nur die hellelfenbeinfarbene Kiste, sieht das Dachschild aufleuchten als das Taxameter auf frei umschaltet, überlegt zu winken, lässt es aber sein. Er ist viel zu betrunken. Er denkt sich, dass er den Scheißjob ja auch nicht machen würde. Jetzt, wo es gerade so schön ist. All das sehe ich ihm an. Aber die Nacht ist zu dunkel, als dass er mein Lächeln sehen könnte.

Und ich beschließe ausnahmsweise, die letzte Fahrt noch nicht abzuschütteln…

(Dieser Text war eine ausnahmsweise fiktive Geschichte in meinem Blog gestern-nacht-im-taxi.de)

Huberts Mutter ist tot

Huberts Mutter ist tot

Als Hubert eines schönen Tages nach Hause kam, fand er seine Mutter eher leblos am Küchentisch vor. Eigentlich wäre das ein Grund gewesen, in Trauer zu verfallen, denn sie hatten sich immer sehr gut verstanden. Dennoch: So ein Gefühl wollte in Hubert nicht aufkommen. Er freute sich nicht darüber, schließlich war es seine Mutter, aber er erkannte doch auch die Möglichkeiten, die sich von nun an für ihn boten. Zuerst machte er von seinen neuen Freiheiten Gebrauch, indem er ihr restliches Essen verputzte, ihren Kopf anhob und ihr ein lautes „Ätsch!“ entgegenschleuderte. Dann füllte er den Teller nach und holte ihre Kamera aus der unteren Schlafzimmerschublade. Er stellte gekonnt die Szene nach, die ihn in Slapstick-Komödien immer am besten gefallen hat: Wenn Tote mit ihrem Kopf in den Suppenteller fallen. Dann setzte er sich vor den Fernseher und sah sich diese Aufnahme etwa fünfundzwanzig Mal an, und erarbeitete ein Konzept, wie man diese kurze Sequenz dramaturgisch noch verfeinern könnte. Während er sich Gedanken über besseres Licht machte, kam ihm in den Sinn, dass er dazu das Gesicht seiner toten Mutter abwischen müsste. Das fand er eklig und verwarf den Gedanken.

Ihm war klar, dass er jemanden informieren musste, und so rief er Heinz an. Heinz war sein bester Freund, er saß in der Schule direkt neben ihm.

Heinz war etwas überrascht, wollte aber gleich vorbeikommen, da er noch nie eine Tote gesehen hatte und das ganze irgendwie unheimlich fand. Hubert erschrak ein wenig, als Heinz dann fünf Minuten später klingelte, weil er irgendwie den Verdacht hatte, dass jemand von der Sache Wind bekommen hätte. Aber Heinz wusste, dass sie nicht lange Spaß an der Sache haben könnten, wenn er jemandem davon erzählt, also ließ er es.

Zuerst machte Hubert sich darüber lustig, dass Heinz das Unheimlich fand. „Das ist meine Mutter. Was ist daran so unheimlich? Ihr habt euch doch bisher auch blendend verstanden, ich weiß gar nicht, was Du hast. Außerdem ist sie in dem Zustand mit Sicherheit nicht mehr gefährlich.“

Alsbald sah Heinz das ein und er half mit, sie ins Wohnzimmer zu tragen. Dort machten sie ein paar Erinnerungsfotos. Mutter mit Heinz. Mutter mit Hubert. Mal auf der Couch, mal im Sessel. Dann entdeckten sie, dass sie sie ja auch verkehrt herum auf die Sitzmöbel positionieren können. Beim ersten Versuch kleckerten sie den Teppich voll mit der Suppe, die der Frau aus den Haaren rann.

„Du,“ fragte Heinz, „woran ist sie denn eigentlich gestorben?“

„Gute Frage, darüber hab ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Vielleicht ist sie erstickt am Essen. Verhungert ist sie definitiv nicht!“

„Oder vergiftet…“ warf Heinz ein.

„Nein, sie hat das Essen selber gekocht, und ich hab auch schon einen Teller gegessen, bevor ich ihren Kopf reingesteckt hab.“

Es ist in der Tat eine erstaunliche Geschichte. Wie stirbt eine kerngesunde 40-Jährige beim Mittagessen ohne Gewalteinwirkung? Hubert und Heinz einigten sich darauf, dass sie sich wohl beim Zurücklehnen das Genick gebrochen hat. Das fanden sie plausibel, und so konnten sie weiter spielen. Karten spielen war gar nicht so einfach. Mutter wollte einfach nicht so recht mischen und ausgeben. Außerdem schummelte sie. Ganz eindeutig. So viele gute Karten konnte man gar nicht bekommen. Also schummelten Heinz und Hubert zurück indem sie sich verbündeten. So konnten sie immerhin die Hälfte aller Spiele gewinnen. Dann einigten sie sich darauf, eine Playmobil-Stadt auf ihr zu errichten. Immerhin gab es ein Kartoffelbergwerk in ihrem Mund. Optimale Vorraussetzungen, um eine Stadt zu gründen. Heinz meinte, damit hätte die Stadt sogar mehr Rohstoffe als die, in der sie Tatsächlich wohnten. Hubert musste zustimmen, dass er noch kein Kartoffelbergwerk in der Stadt gesehen hat. Das faszinierte sie, und so förderten sie Kartoffelstückchen aus ihrem Mund, bis das Vorkommen erschöpft war. Dann brach ein Krieg aus zwischen den Arbeitern der linken und denen der rechten Brust, und irgendwann waren alle tot. Der Ausgang des Spiels schien gut zu passen zu den Umständen. Dann musste Heinz nach Hause, und sie trugen Huberts Mutter zu zweit noch ins Schlafzimmer und legten sie ins Bett. Und zwar so, dass am Kopfende nur die Füße herausschauten. Das sah so lustig aus. Dann verabredeten sie sich für den nächsten Nachmittag und Hubert ging ins Bett.

Sonntag

Sonntag

Eine humoristische Kurzgeschichte über einen Kater, Außerirdische und wie Aspirin die Welt ein zweites Mal verändert

Was ist das schon wieder für ein Morgen? Es ist an solchen Tagen immer schon relativ schwer, sich aus dem Bett zu quälen. Aber Sonntage hasse ich! Na gut, eigentlich nur in genau zwei Fällen: Fall a hat zu tun mit dem unfreiwilligen Gewecktwerden mittels eines Weckers. Das ist meistens deswegen der Fall, weil man mittelbar oder unmittelbar mit dem Verdienen von Geld beschäftigt ist, dass einem dann einen Morgen wie Fall b beschert. Man kann den heutigen Tag durchaus in die Kategorie b einordnen. Übermässiger Genuss alkoholischer Getränke am Vorabend, zuviel Nikotin und sonst so ziemlich jeden Grundsatz gebrochen, den einem vernünftige Ärzte, Psychologen, Freunde und Bioladen-Besitzer auferlegt haben.

Guten Tag allerseits. Mein Name: Tut nichts zur Sache, und irgendwie hasse ich meine Eltern dafür, dass sie mich auch noch „Tut“ nennen mussten, aber das ist eine andere Geschichte. Ich will erzählen von einem fast komplett normalen Tag in meinem Leben. Er sollte die Welt verändern. Welche, das werden wir noch herausfinden. Unangenehmer Morgen, Typ b, da waren wir doch stehengeblieben. Jetzt erinnere ich mich wieder.

Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll!

Ja, das ist mein Leben. Bezeichnenderweise war es das eher. Zumindest gestern Abend. Nun, an Sex kann ich mich zwar nicht erinnern, aber die tiefen Furchen zwischen den Blasen meiner Hände und ein ständiges Brennen im Genitalbereich lassen mich Handcreme auf meine nie geschriebene Einkaufsliste setzen. Die Drogen? Oh Mann, ich sollte noch eine Aspirin nehmen, anders werde ich den Tag kaum überleben, aber das kann auch mit der Musik zusammenhängen. Da wären die drei Dinge, die mein Leben prägen wieder beieinander. Zunächst einmal bleibt mir gar nichts anderes übrig als im Bett zu bleiben. Ich hab gestern meine Playlist an drittklassiger Action nicht ganz geschafft. Ok, was haben wir da? Atomare Bedrohung durch Nordkorea (Mein Kopf kann denen was von ner Bedrohung durch Korea erzählen, alter Schwede!), fehlerhafte Software, die Tochter des Präsidenten wird ermordet, und irrsinnige Astrologen bedrohen die freie Weltordnung. Klingt komisch ist aber so. Auch in Amerika scheint die Hälfte der Polizisten meinen Namen zu tragen. Ich schalte am Ende dann doch ab, und jetzt weiss ich nicht, ob Parker den Präsidenten wirklich zum Grossvater gemacht hat. Verdammt! Aber ich hab Hunger. Auf dem Weg zur Küche habe ich eine kurze Unterredung mit dem Anrufbeantworter. Die Zahl der sich beschwerenden Nachbarn wegen des gestrigen Abends liegt im Monatsmittel, also lösche ich sie. Wo waren die Aspirin? Ich beschliesse, dass eine Kopfschmerztablette prima eine Mahlzeit ersetzen kann, und ich beschliesse, die Menschheit irgendwann einmal an dieser Weisheit teilhaben zu lassen. Aber den Ansatz produktiver Arbeit verschiebe ich auf irgendwann ins nächste Jahrtausend. Seit 5 Jahren etwa macht das auch wieder Sinn. Mein Mitbewohner rennt in panischer Angst durch die Wohnung und sucht seinen Badezusatz. Ich glaube, ihn im Bad gehört zu haben, aber ich sehe nicht nach, könnte ja schon ausgezogen sein. Und wer weiss: Falls Parker die Tochter des Präsidenten nicht gekriegt hat…

Soweit, so ungut. ich versuche mich auf die wichtigen Fragen des Lebens zu konzentrieren, was in meinem Zustand ein erbärmlicher Versuch bleibt. Das einzige, was ich in meiner physischen und psychischen Suboptimalität noch erfasse ist, dass ich aufgrund des erhöhten Konsums gestern Abend keine Zigaretten mehr habe. Während ich mir eine Überdosis Aspirin verabreiche, krame ich in allen Ecken meiner Bude nach dem bisschen Metall, dass leider zu hässlich für Schmuck war, und dem Menschen jetzt offiziell als Zahlugsmittel dient. Ich bin noch am Sinnieren über die Möglichkeit, Aspirin intravenös zu konsumieren, da meldet meine Geldbörse einen Erfolg. Eine Spritze ist aber einfach nicht aufzutreiben, das ist doch unglaublich. Wozu verstecke ich eigentlich immer die Utensilien meiner Freunde?

Ich versuche meinen Kopf zu ignorieren. Erstaunt stelle ich fest, dass mir das in diesem Moment nicht gelingt. Ich bin mir aber sehr sicher, dass sich das in dem Moment ändert, in dem wir der Situation eine Prise des anderen Geschlechts hinzufügen. Na gut, also stolpere ich mit einem Kopf durch die Gegend, der so hohl ist, dass das wiederkehrende Echo des Pochens noch in der Nachbarwohnung als Technoparty durchgehen könnte. Auf dem Weg zum Zigarettenautomaten denke ich noch ein bisschen über den Zusammenhang zwischen Techno und hohlen Köpfen nach, lasse es aber bald wieder bleiben. Wieso gibt es kein Sonntags-Philosophier-Verbot? Die Strassen sind wie leergefegt, kein Wunder, wir haben schliesslich erst 7 Uhr in der Frühe. Die erste Zigarette vor dem Automaten gibt mir dann die Gelegenheit, mich mit der Kirchturmuhr über die Definition von 7 Uhr in der Frühe zu streiten. Etwas geknickt verlasse ich die Szenerie nach 5 Minuten.

Plötzlich steht er vor mir: Klein, grau, gebückter Gang, grosse Augen. Sonntag morgen, kurz nach sieben, total verkatert, und jetzt noch ein Ausserirdischer? Das wird mir zuviel. Er kriegt von mir so einen auf die Nuss, dass er bestimmt nicht mehr mitkriegt, wie ich seinen Heimatplaneten verunglimpfe. Am nächsten Morgen wird im Lokalteil der Presse stehen, dass ein unbekannter Irrer auf offener Strasse nachmittags um viertel nach drei einen Anwalt niedergeschlagen hat mit den Worten „Da wo Du herkommst, ist Oleg ein Held, oder?“

Ich werde den Artikel mit Bestürzung lesen, und froh sein, dass ich nur morgens kurz Zigaretten holen war. Sonst hätte er mich vielleicht auch erwischt.

Bleiben wir aber in der Gegenwart. Die ist mir nämlich anstrengend genug. Meine Auseinandersetzung mit dem Alien hat mich nämlich ziemlich beeinträchtigt, was die Beweglichkeit meiner Finger angeht. Ich beschliesse, die blutenden Wunden (die Biester haben Glasaugen!) zu desinfizieren, und um ganz sicher zu gehen, dass ich mir keine ausserirdischen Bakterien eingefangen habe, desinfiziere ich mich von innen und aussen. Ich fühle mich umgehend besser. Die Kopfschmerzen verschwinden, ich fühle mich wacher, und um meine volle Einsatzkraft zurückzugewinnen, nehme ich auch noch die zweite Flasche zu mir, aber dann halte ich es einfach nicht mehr aus. Ich muss jetzt wissen, ob die Tochter des Präsidenten noch zu haben ist!

Die Navigation durch den Software-Müll, der sich in den gestrigen Abendstunden auf meiner Festplatte angesammelt hat, fällt unter dem Einfluss der Desinfer… Desfirez… Defirbra…, der Ausschaltung der Alienbakterien relativ schwer. Man, komplizierter sind die beknackten Aufträge von diesem Möchtegern-James-Bond auch nicht. Aber was soll man sagen? Die Sau hat sie gekriegt. Und ich hab noch nichtmal Handcreme. Wie eingangs erwähnt: Ich hasse Sonntage!

Mein Mitbewohner fängt langsam an, sich zu wundern, als ich beginne mit blutenden Händen und einer Flasche Schnaps in der Hand das Wohnzimmer zu belagern. Meiner Aufforderung, er solle sich verziehen, es ginge um Belange der Menschheit, kommt er zwar nach, aber ich bin mir sicher, dass er mir nicht glaubt. Ha ha! Selten gab es einen derart missunterschätzten Menschen wie mich. Na gut, vielleicht den ein oder anderen Präsidenten, aber was ich zu tun habe, das ist tausendmal wichtiger. Ich habe meine minimal 995jährige Pause auf ein paar Stunden herabgekürzt. Ich weiss eben, was ich der Menschheit schuldig bin. Meine wissenschaftliche Aufarbeitung der Tatsache, dass eine Tablette eine Mahlzeit ersetzen kann, darf nicht länger warten. Ich bemühe mich mittels Telefon um einige Versuchspersonen, aber in dieser kritischen Phase bereits scheint alles zu scheitern. Keiner will an meinen mehrmonatigen Forschungen teilnehmen. Ich soll den Nobelpreis ganz alleine für mich haben. Die Welt ist eigentlich viel zu gut zu mir. Aber die Wissenschaft erfordert es, Opfer zu bringen. Dennoch: Nichtmal mein Mitbewohner oder sein Badezusatz (doch nicht die Präsidenten-Tochter) erklären sich bereit, für mich das Versuchskanninchen zu spielen. Irgendwie wirkten die beiden richtig …böse! Wie kann man Geschlechtsverkehr so überbewerten, dass man nicht mal mehr für wichtige Experimente damit aufhört. Also muss ich wohl selber beweisen, dass meine Theorie stimmt. Um das Ergebnis nicht zu verfälschen, stelle ich mir erstmal eine Dose Ravioli in die Mikrowelle. Denn: Mit leerem Magen hungert es sich nicht so gut.

Während die Küche hinter mir explodiert, und mich den Rest des Tages von der Versuchung fernhält, doch noch was zu essen, werfe ich mir eine Aspirin ein und desinfiziere mich noch ein bisschen. Die Wirkung ist enorm. Ich spüre förmlich, wie die bösartigen Alien-Bakterien aus mir weichen, und die Erkenntnis, dass ich auch keinen Hunger mehr spüre zwingen mich zu Boden. Da liege ich nun im Wohnzimmer, und schreibe diesen Text und wundere mich, warum irgendjemand den Monitor lila angemalt hat. Ich schicke über ein Dutzend Email-Verteiler meine Forschungsergebnisse in die ganze Welt, und dass Du ihn jetzt liest, füllt mich mit tiefer Freude und ich fühle mich der glücklichen Ohnmacht so nahe…

T. Nichts zur Sache