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Kategorie: Humor

Huberts Mutter ist tot

Huberts Mutter ist tot

Als Hubert eines schönen Tages nach Hause kam, fand er seine Mutter eher leblos am Küchentisch vor. Eigentlich wäre das ein Grund gewesen, in Trauer zu verfallen, denn sie hatten sich immer sehr gut verstanden. Dennoch: So ein Gefühl wollte in Hubert nicht aufkommen. Er freute sich nicht darüber, schließlich war es seine Mutter, aber er erkannte doch auch die Möglichkeiten, die sich von nun an für ihn boten. Zuerst machte er von seinen neuen Freiheiten Gebrauch, indem er ihr restliches Essen verputzte, ihren Kopf anhob und ihr ein lautes „Ätsch!“ entgegenschleuderte. Dann füllte er den Teller nach und holte ihre Kamera aus der unteren Schlafzimmerschublade. Er stellte gekonnt die Szene nach, die ihn in Slapstick-Komödien immer am besten gefallen hat: Wenn Tote mit ihrem Kopf in den Suppenteller fallen. Dann setzte er sich vor den Fernseher und sah sich diese Aufnahme etwa fünfundzwanzig Mal an, und erarbeitete ein Konzept, wie man diese kurze Sequenz dramaturgisch noch verfeinern könnte. Während er sich Gedanken über besseres Licht machte, kam ihm in den Sinn, dass er dazu das Gesicht seiner toten Mutter abwischen müsste. Das fand er eklig und verwarf den Gedanken.

Ihm war klar, dass er jemanden informieren musste, und so rief er Heinz an. Heinz war sein bester Freund, er saß in der Schule direkt neben ihm.

Heinz war etwas überrascht, wollte aber gleich vorbeikommen, da er noch nie eine Tote gesehen hatte und das ganze irgendwie unheimlich fand. Hubert erschrak ein wenig, als Heinz dann fünf Minuten später klingelte, weil er irgendwie den Verdacht hatte, dass jemand von der Sache Wind bekommen hätte. Aber Heinz wusste, dass sie nicht lange Spaß an der Sache haben könnten, wenn er jemandem davon erzählt, also ließ er es.

Zuerst machte Hubert sich darüber lustig, dass Heinz das Unheimlich fand. „Das ist meine Mutter. Was ist daran so unheimlich? Ihr habt euch doch bisher auch blendend verstanden, ich weiß gar nicht, was Du hast. Außerdem ist sie in dem Zustand mit Sicherheit nicht mehr gefährlich.“

Alsbald sah Heinz das ein und er half mit, sie ins Wohnzimmer zu tragen. Dort machten sie ein paar Erinnerungsfotos. Mutter mit Heinz. Mutter mit Hubert. Mal auf der Couch, mal im Sessel. Dann entdeckten sie, dass sie sie ja auch verkehrt herum auf die Sitzmöbel positionieren können. Beim ersten Versuch kleckerten sie den Teppich voll mit der Suppe, die der Frau aus den Haaren rann.

„Du,“ fragte Heinz, „woran ist sie denn eigentlich gestorben?“

„Gute Frage, darüber hab ich mir noch gar keine Gedanken gemacht. Vielleicht ist sie erstickt am Essen. Verhungert ist sie definitiv nicht!“

„Oder vergiftet…“ warf Heinz ein.

„Nein, sie hat das Essen selber gekocht, und ich hab auch schon einen Teller gegessen, bevor ich ihren Kopf reingesteckt hab.“

Es ist in der Tat eine erstaunliche Geschichte. Wie stirbt eine kerngesunde 40-Jährige beim Mittagessen ohne Gewalteinwirkung? Hubert und Heinz einigten sich darauf, dass sie sich wohl beim Zurücklehnen das Genick gebrochen hat. Das fanden sie plausibel, und so konnten sie weiter spielen. Karten spielen war gar nicht so einfach. Mutter wollte einfach nicht so recht mischen und ausgeben. Außerdem schummelte sie. Ganz eindeutig. So viele gute Karten konnte man gar nicht bekommen. Also schummelten Heinz und Hubert zurück indem sie sich verbündeten. So konnten sie immerhin die Hälfte aller Spiele gewinnen. Dann einigten sie sich darauf, eine Playmobil-Stadt auf ihr zu errichten. Immerhin gab es ein Kartoffelbergwerk in ihrem Mund. Optimale Vorraussetzungen, um eine Stadt zu gründen. Heinz meinte, damit hätte die Stadt sogar mehr Rohstoffe als die, in der sie Tatsächlich wohnten. Hubert musste zustimmen, dass er noch kein Kartoffelbergwerk in der Stadt gesehen hat. Das faszinierte sie, und so förderten sie Kartoffelstückchen aus ihrem Mund, bis das Vorkommen erschöpft war. Dann brach ein Krieg aus zwischen den Arbeitern der linken und denen der rechten Brust, und irgendwann waren alle tot. Der Ausgang des Spiels schien gut zu passen zu den Umständen. Dann musste Heinz nach Hause, und sie trugen Huberts Mutter zu zweit noch ins Schlafzimmer und legten sie ins Bett. Und zwar so, dass am Kopfende nur die Füße herausschauten. Das sah so lustig aus. Dann verabredeten sie sich für den nächsten Nachmittag und Hubert ging ins Bett.

Sonntag

Sonntag

Eine humoristische Kurzgeschichte über einen Kater, Außerirdische und wie Aspirin die Welt ein zweites Mal verändert

Was ist das schon wieder für ein Morgen? Es ist an solchen Tagen immer schon relativ schwer, sich aus dem Bett zu quälen. Aber Sonntage hasse ich! Na gut, eigentlich nur in genau zwei Fällen: Fall a hat zu tun mit dem unfreiwilligen Gewecktwerden mittels eines Weckers. Das ist meistens deswegen der Fall, weil man mittelbar oder unmittelbar mit dem Verdienen von Geld beschäftigt ist, dass einem dann einen Morgen wie Fall b beschert. Man kann den heutigen Tag durchaus in die Kategorie b einordnen. Übermässiger Genuss alkoholischer Getränke am Vorabend, zuviel Nikotin und sonst so ziemlich jeden Grundsatz gebrochen, den einem vernünftige Ärzte, Psychologen, Freunde und Bioladen-Besitzer auferlegt haben.

Guten Tag allerseits. Mein Name: Tut nichts zur Sache, und irgendwie hasse ich meine Eltern dafür, dass sie mich auch noch „Tut“ nennen mussten, aber das ist eine andere Geschichte. Ich will erzählen von einem fast komplett normalen Tag in meinem Leben. Er sollte die Welt verändern. Welche, das werden wir noch herausfinden. Unangenehmer Morgen, Typ b, da waren wir doch stehengeblieben. Jetzt erinnere ich mich wieder.

Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll!

Ja, das ist mein Leben. Bezeichnenderweise war es das eher. Zumindest gestern Abend. Nun, an Sex kann ich mich zwar nicht erinnern, aber die tiefen Furchen zwischen den Blasen meiner Hände und ein ständiges Brennen im Genitalbereich lassen mich Handcreme auf meine nie geschriebene Einkaufsliste setzen. Die Drogen? Oh Mann, ich sollte noch eine Aspirin nehmen, anders werde ich den Tag kaum überleben, aber das kann auch mit der Musik zusammenhängen. Da wären die drei Dinge, die mein Leben prägen wieder beieinander. Zunächst einmal bleibt mir gar nichts anderes übrig als im Bett zu bleiben. Ich hab gestern meine Playlist an drittklassiger Action nicht ganz geschafft. Ok, was haben wir da? Atomare Bedrohung durch Nordkorea (Mein Kopf kann denen was von ner Bedrohung durch Korea erzählen, alter Schwede!), fehlerhafte Software, die Tochter des Präsidenten wird ermordet, und irrsinnige Astrologen bedrohen die freie Weltordnung. Klingt komisch ist aber so. Auch in Amerika scheint die Hälfte der Polizisten meinen Namen zu tragen. Ich schalte am Ende dann doch ab, und jetzt weiss ich nicht, ob Parker den Präsidenten wirklich zum Grossvater gemacht hat. Verdammt! Aber ich hab Hunger. Auf dem Weg zur Küche habe ich eine kurze Unterredung mit dem Anrufbeantworter. Die Zahl der sich beschwerenden Nachbarn wegen des gestrigen Abends liegt im Monatsmittel, also lösche ich sie. Wo waren die Aspirin? Ich beschliesse, dass eine Kopfschmerztablette prima eine Mahlzeit ersetzen kann, und ich beschliesse, die Menschheit irgendwann einmal an dieser Weisheit teilhaben zu lassen. Aber den Ansatz produktiver Arbeit verschiebe ich auf irgendwann ins nächste Jahrtausend. Seit 5 Jahren etwa macht das auch wieder Sinn. Mein Mitbewohner rennt in panischer Angst durch die Wohnung und sucht seinen Badezusatz. Ich glaube, ihn im Bad gehört zu haben, aber ich sehe nicht nach, könnte ja schon ausgezogen sein. Und wer weiss: Falls Parker die Tochter des Präsidenten nicht gekriegt hat…

Soweit, so ungut. ich versuche mich auf die wichtigen Fragen des Lebens zu konzentrieren, was in meinem Zustand ein erbärmlicher Versuch bleibt. Das einzige, was ich in meiner physischen und psychischen Suboptimalität noch erfasse ist, dass ich aufgrund des erhöhten Konsums gestern Abend keine Zigaretten mehr habe. Während ich mir eine Überdosis Aspirin verabreiche, krame ich in allen Ecken meiner Bude nach dem bisschen Metall, dass leider zu hässlich für Schmuck war, und dem Menschen jetzt offiziell als Zahlugsmittel dient. Ich bin noch am Sinnieren über die Möglichkeit, Aspirin intravenös zu konsumieren, da meldet meine Geldbörse einen Erfolg. Eine Spritze ist aber einfach nicht aufzutreiben, das ist doch unglaublich. Wozu verstecke ich eigentlich immer die Utensilien meiner Freunde?

Ich versuche meinen Kopf zu ignorieren. Erstaunt stelle ich fest, dass mir das in diesem Moment nicht gelingt. Ich bin mir aber sehr sicher, dass sich das in dem Moment ändert, in dem wir der Situation eine Prise des anderen Geschlechts hinzufügen. Na gut, also stolpere ich mit einem Kopf durch die Gegend, der so hohl ist, dass das wiederkehrende Echo des Pochens noch in der Nachbarwohnung als Technoparty durchgehen könnte. Auf dem Weg zum Zigarettenautomaten denke ich noch ein bisschen über den Zusammenhang zwischen Techno und hohlen Köpfen nach, lasse es aber bald wieder bleiben. Wieso gibt es kein Sonntags-Philosophier-Verbot? Die Strassen sind wie leergefegt, kein Wunder, wir haben schliesslich erst 7 Uhr in der Frühe. Die erste Zigarette vor dem Automaten gibt mir dann die Gelegenheit, mich mit der Kirchturmuhr über die Definition von 7 Uhr in der Frühe zu streiten. Etwas geknickt verlasse ich die Szenerie nach 5 Minuten.

Plötzlich steht er vor mir: Klein, grau, gebückter Gang, grosse Augen. Sonntag morgen, kurz nach sieben, total verkatert, und jetzt noch ein Ausserirdischer? Das wird mir zuviel. Er kriegt von mir so einen auf die Nuss, dass er bestimmt nicht mehr mitkriegt, wie ich seinen Heimatplaneten verunglimpfe. Am nächsten Morgen wird im Lokalteil der Presse stehen, dass ein unbekannter Irrer auf offener Strasse nachmittags um viertel nach drei einen Anwalt niedergeschlagen hat mit den Worten „Da wo Du herkommst, ist Oleg ein Held, oder?“

Ich werde den Artikel mit Bestürzung lesen, und froh sein, dass ich nur morgens kurz Zigaretten holen war. Sonst hätte er mich vielleicht auch erwischt.

Bleiben wir aber in der Gegenwart. Die ist mir nämlich anstrengend genug. Meine Auseinandersetzung mit dem Alien hat mich nämlich ziemlich beeinträchtigt, was die Beweglichkeit meiner Finger angeht. Ich beschliesse, die blutenden Wunden (die Biester haben Glasaugen!) zu desinfizieren, und um ganz sicher zu gehen, dass ich mir keine ausserirdischen Bakterien eingefangen habe, desinfiziere ich mich von innen und aussen. Ich fühle mich umgehend besser. Die Kopfschmerzen verschwinden, ich fühle mich wacher, und um meine volle Einsatzkraft zurückzugewinnen, nehme ich auch noch die zweite Flasche zu mir, aber dann halte ich es einfach nicht mehr aus. Ich muss jetzt wissen, ob die Tochter des Präsidenten noch zu haben ist!

Die Navigation durch den Software-Müll, der sich in den gestrigen Abendstunden auf meiner Festplatte angesammelt hat, fällt unter dem Einfluss der Desinfer… Desfirez… Defirbra…, der Ausschaltung der Alienbakterien relativ schwer. Man, komplizierter sind die beknackten Aufträge von diesem Möchtegern-James-Bond auch nicht. Aber was soll man sagen? Die Sau hat sie gekriegt. Und ich hab noch nichtmal Handcreme. Wie eingangs erwähnt: Ich hasse Sonntage!

Mein Mitbewohner fängt langsam an, sich zu wundern, als ich beginne mit blutenden Händen und einer Flasche Schnaps in der Hand das Wohnzimmer zu belagern. Meiner Aufforderung, er solle sich verziehen, es ginge um Belange der Menschheit, kommt er zwar nach, aber ich bin mir sicher, dass er mir nicht glaubt. Ha ha! Selten gab es einen derart missunterschätzten Menschen wie mich. Na gut, vielleicht den ein oder anderen Präsidenten, aber was ich zu tun habe, das ist tausendmal wichtiger. Ich habe meine minimal 995jährige Pause auf ein paar Stunden herabgekürzt. Ich weiss eben, was ich der Menschheit schuldig bin. Meine wissenschaftliche Aufarbeitung der Tatsache, dass eine Tablette eine Mahlzeit ersetzen kann, darf nicht länger warten. Ich bemühe mich mittels Telefon um einige Versuchspersonen, aber in dieser kritischen Phase bereits scheint alles zu scheitern. Keiner will an meinen mehrmonatigen Forschungen teilnehmen. Ich soll den Nobelpreis ganz alleine für mich haben. Die Welt ist eigentlich viel zu gut zu mir. Aber die Wissenschaft erfordert es, Opfer zu bringen. Dennoch: Nichtmal mein Mitbewohner oder sein Badezusatz (doch nicht die Präsidenten-Tochter) erklären sich bereit, für mich das Versuchskanninchen zu spielen. Irgendwie wirkten die beiden richtig …böse! Wie kann man Geschlechtsverkehr so überbewerten, dass man nicht mal mehr für wichtige Experimente damit aufhört. Also muss ich wohl selber beweisen, dass meine Theorie stimmt. Um das Ergebnis nicht zu verfälschen, stelle ich mir erstmal eine Dose Ravioli in die Mikrowelle. Denn: Mit leerem Magen hungert es sich nicht so gut.

Während die Küche hinter mir explodiert, und mich den Rest des Tages von der Versuchung fernhält, doch noch was zu essen, werfe ich mir eine Aspirin ein und desinfiziere mich noch ein bisschen. Die Wirkung ist enorm. Ich spüre förmlich, wie die bösartigen Alien-Bakterien aus mir weichen, und die Erkenntnis, dass ich auch keinen Hunger mehr spüre zwingen mich zu Boden. Da liege ich nun im Wohnzimmer, und schreibe diesen Text und wundere mich, warum irgendjemand den Monitor lila angemalt hat. Ich schicke über ein Dutzend Email-Verteiler meine Forschungsergebnisse in die ganze Welt, und dass Du ihn jetzt liest, füllt mich mit tiefer Freude und ich fühle mich der glücklichen Ohnmacht so nahe…

T. Nichts zur Sache

Müsli

Müsli

Als ich wieder mal an einem kalten Morgen der letzten Woche müdigkeitsgetrübt über meiner Müslischüssel hing, überkam mich auf einmal ein seltsames Gefühl. Nicht, dass es mir morgens um sieben nicht in der Regel so geht, dass man das getrost als normalen Zustand abtun könnte, aber es war ein wenig anders dieses Mal. Ich mache mir mindestens einmal am Tag Gedanken über dieses absurde Leben das wir führen, aber ausgerechnet zur Frühstückszeit? Wer hat den um diese Zeit einen klaren Kopf? Ich jedenfalls nicht.

Dieses komische Gefühl versuchte ich nun ein wenig zu spezifizieren. Ging es mir eigentlich gerade körperlich nicht gut, oder versumpfte meine Psyche noch in den zugegebenermaßen etwas seltsamen Ausuferungen des letzten Abends auf die ich ganz bewusst nicht näher eingehen werde. Das alleine bereitete mir schon dermaßen Kopfzerbrechen, dass ich ernsthaft damit beschäftigt war, den Weg des Löffels von der Schüssel bis zu meinem Mund zu überprüfen. Natürlich nur um eine eher unangenehme Kollision mit meinem Auge zu vermeiden. Abgesehen davon hätte dieser Löffel es auch durchaus fertig bringen können, mich beidäugig zu treffen. Das würde meine Probleme komplizieren. Denn: Wer blind ist, weiß vielleicht, wie man dann sein Müsli isst, ich selbst stellte es mir in diesem seltsamen Moment so schwierig vor wie die außerplanmäßige Landung einer Boing 747 in einem vereisten Hinterhof. Denn wenn sich ein Mensch erst mal daran gewöhnt hat, dass seine Augen bei allen Tätigkeiten folgen und den komplizierten Vorgängen so eine gewisse Sicherheit verleihen, dann kann ein Ausfall derselben durchaus verheerende Folgen haben. So ist der Vergleich mit dem Flugzeug gar nicht soweit hergeholt. Schließlich verlässt sich so ein Pilot jahraus jahrein auf seine automatischen Systeme, die ihm das Starten, Fliegen und nicht zuletzt das Landen nicht nur erleichtern sondern heutzutage beinahe schon abnehmen. Natürlich war das mit dem Hinterhof eine zusätzliche Überzeichnung dieser absurden Vorstellung. Man kann so eine Boing nie in einem Hinterhof landen. Das sage ich besonders für alle Piloten, die mich in Zukunft irgendwohin fliegen. Es lohnt den Versuch nicht! Das sind so einfache physikalische Tatsachen, die sogar ein Laie wie ich verstehen kann. Wenn ich mir nur vorstelle, wie der Hinterhof nach so einem Versuch aussehen mag. Wahrscheinlich so ähnlich wie das letzte Hochhaus, in dem ein Flugzeug gelandet ist.

Nein, zurück: Das mit den Augen wäre wahrlich ungünstig. Ist es nicht erschreckend, dass der einzige Versuch der Natur, unsere Augen vor so etwas zu schützen, ist sie zu schließen. Der Versuch, längerfristige Einschränkung durch eine kurzfristige zu vermeiden. Das Unheil abzuwenden erforderte also meine ganze Konzentration. Zugegeben, sonderlich viel war das in diesem Moment nicht.

Ich stellte aber mit der stetig zunehmenden Routine fest, dass es so kompliziert gar nicht war. Das ist wohl auch so eine Sache, die man nicht verlernt. So etwa wie das Autofahren vielleicht. Wobei?

Nein! Ich wollte ja eigentlich nicht auf den gestrigen Abend eingehen …

Hat irgendein Mensch in dieser Welt schon mal versucht, einige Jahre auf das Essen mit Besteck zu verzichten? Bewusst? Was war das Ergebnis? Kann man es verlernen? Und was zur Hölle mache ich eines fernen Tages, wenn ich dann unter Parkinson leide? Parkinson und blind: Ich würde grausamst verhungern. Nehme ich mal stark an. Aber waren das wirklich die Befürchtungen, die mich zu Beginn meines Frühstücks so erschauern ließen? Ich beginne, mir die wirren Gedanken zu vertreiben, indem ich die Zufuhr zu meinem Mund durch spontane Rosinenbombenabwürfe vornehme, die die Nussatolle erzittern lassen. Ich verfolge die weißen Wogen eine gewisse Zeit, und das scheint meinem Gehirn erstaunlicherweise sehr gut zu bekommen.

Mir kehrt nämlich allmählich ins Gedächtnis zurück, dass mein Mitbewohner mich gestern Abend gewarnt hat, dass die Milch im Kühlschrank schlecht sei.

Von da an plagten mich dann weniger psychische denn physische Probleme …

Umgestaltung!

Umgestaltung!

Ja, manchmal sollte man ins Bett gehen, wenn einen die ersten Anzeichen für den schleichenden Gehirnzellen-Overkill überraschen. Aber leider funktioniert das dann oft nicht so wie man will und man bleibt noch ein wenig…

Doch, der Abend war gut. Eigentlich nur das übliche gemacht: Ein paar Leute getroffen, sich zusammen eine Lokalität ausgesucht und dann dem gemütlichen Umtrunk gefrönt. Dann kam es aber wie es kommen musste.

Jürgen von der Lippe hat das dereinst sehr gelungen beschrieben:

„Du beschließt, nach Hause zu gehen. Unmittelbar nachdem du rausgeflogen bist.“

Vielleicht hätte Juan doch nicht versuchen sollen, die ihm nahegelegte Umgestaltung seines persönlichen Umfeldes direkt am Tisch unserer Stammkneipe zu beginnen…

Es ist nun mal so, dass konservative Gastgeber geringfügige Probleme mit auseinandergestalteten Möbeln haben. Juans künstlerisch wertvolle Komposition „Stuhl im Fenster“ verfehlte ihre provokative Wirkung nicht. Allerdings folgte danach eine Form von Aktionskunst seitens des Wirts, die ich immer noch an meinem Rücken spüren kann. Er nannte es, glaube ich, „ihr haut ab“ oder so ähnlich.

Dann standen wir also auf der Straße, nachts um ein Uhr. Unser Zustand lässt sich mit „dezent alkoholisiert“ sehr treffend umschreiben. Wir beschlossen, es Juan gleichzutun und unsere nähere Umgebung ein wenig nach unseren Vorstellungen umzugestalten. Man sollte nie unterschätzen, was einfache Methoden bewirken können. Die Hauptverkehrsstraße zum Beispiel: Nie war sie wirklich ansehnlich, und vor allem ist nach wie vor einfach zu viel Verkehr. Weiße Sprühdosen (gehören in jeden Haushalt!) und Pylonen von der nächsten Baustelle können hier sehr einfache Abhilfe schaffen. Man braucht mit mehreren Pylonen nicht einmal ein Umleitungsschild, um den Verkehr auf kurzen Strecken komplett umzuleiten. Je eine Dreiergruppe an Ortseinfahrt und –ausfahrt, und so steht die provisorische Straßensperre in einer Minute. Im besten Fall reichen drei Pylonen, mehr sind immer gut. Sie erhöhen die psychologische Wirkung enorm. Denn merke: Baustellen sind immer rechtmäßig! Daran zweifelt der gute alte Otto Normalverkehrsteilnehmer nicht. Während der spärliche Verkehr nun direkt durch unsere kleinen Nebenstraßen floss, hatten wir die Zeit, uns mit der Parkplatznot in unseren Vierteln zu beschäftigen. Es war riskant, aber wir haben es geschafft, ein paar „ganz legale“ – weil eingezeichnete – Parkplätze zu schaffen. Ganz so perfekt wie die übrigen sahen sie nicht aus, dafür gab es jetzt auch extra Parkplätze für Kiffer und Enten. Na gut, ob die Symbole auch wirklich so deutlich zu erkennen waren, weiß ich nicht mit Sicherheit zu sagen. 10 Parkplätze auf der normalerweise ungenutzten Straßenseite sind so entstanden in dieser Nacht, darunter 2 Stück für Reisebusse über 15 Meter Länge. Mann, wir sind so gut! Wir hatten uns eigentlich noch vorgenommen mittels grauer Farbe die bisherige Fahrbahnmarkierung zu entfernen und durch eine, sagen wir mal „interessantere“ zu ersetzen. Aber das Malen auf öffentlichen Straßen ist wirklich nicht ungefährlich. Eigentlich sollte man es auch auf keinen Fall im eigenen Viertel machen. Wir hatten zwei Stunden mit Unterbrechungen gebraucht, um unsere Parkplatzdichte zu erhöhen, und irgendwie hatten wir dann auch keine große Lust mehr auf weitere Malereien. Wenn unsere Farbe noch gereicht hätte, hätten wir vielleicht noch einen Zebrastreifen in Zickzack-Form entworfen, aber da war nix mehr zu machen.

Vor ein paar Jahren kamen die Herren unserer Stadt auf die famose Idee, ein paar Blumenkübel mit Bäumchen an den Straßenrand zu stellen, und diese Heldentat als eine Erhöhung der Lebensqualität zu feiern. Zum einen war es das nicht wirklich, aber es ergaben sich so ganz neue Gestaltungsmöglichkeiten für uns.

Sehr ansehnlich waren diese dürren Bäumchen nie, also versuchten wir sie verkehrt herum einzusetzen. Wirklich schwer war diese Aktion nicht, aber wir haben festgestellt, dass das Ergebnis auch nicht sonderlich zufriedenstellend war. Die Methode eignet sich dafür ganz besonders, um Karotten-Beete umzugestalten. Das muss man einmal in seinem Leben gesehen haben: Ein umgekehrtes Karotten-Beet!

Aber nun zurück zum Ausgangspunkt: Die Bäume sahen wirklich fürchterlich aus mit ihren Wurzeln gen Himmel. Also wie sollten wir das Bild der Straße wirklich verbessern? Unsere Farbe war ja alle, also sie schwarz-rot anzumalen war nicht mehr drin. Die Blumenkübel selbst waren zu schwer, als dass man sie wirklich hätte bewegen können. Sehr schade im übrigen! Man hätte damit prima den Verkehr noch ein wenig weiter beruhigen können und den Parkplätzen (insbesondere den Kifferparkplätzen vor der Apotheke) ein bisschen mehr Authentizität beikommen lassen…

Wir beließen es beim Kippen der Bäume um etwa fünfundvierzig Grad gen Straße und zogen uns dann langsam zurück. Leider blieb eine Dokumentation dieser Aktion nur Utopie, da unsere einzige Kamera die Aktionskunst des Wirtes nicht überlebt hat.

Aber noch waren wir nicht am Ende! Die Nacht wollte zwar schon langsam weichen, aber die Jahreszeit schenkte uns eine wertvolle Stunde, die wir zu nutzen gedachten. Karl hat in seinen Jugendjahren einige Erfahrungen gesammelt, die uns an diesem Tag sehr nützlich waren. Um es kurz zu machen: Er hat früher Autos aufgebrochen. Diese Kunst zu perfektionieren lag immer schon in meinem Interesse, aber heute war Karl dabei, und er konnte das noch immer ohne große Zerstörungsorgie. Denn Zerstörung (oder gar Diebstahl) lag nicht im entferntesten in unserer Absicht. Wir hatten Leute im Visier, die versuchten, ihr Auto etwas persönlicher zu gestalten, indem sie sich spezielle Sitzbezüge oder Accessoires gönnen. Die interessante Frage – die wir bis heute nicht geklärt haben! – ist: Wie reagieren Autofahrer, wenn man die persönlichen Ausstattungen ihrer Fahrzeuge mit denen des Nachbarn tauscht. Seien es Kuscheltiere auf der Ablage, die plötzlich dem Hut eines Rentners weichen müssen, dunkelblaue Lenkradüberzüge, die sich plötzlich am Lenkrad eines alten Fiat Panda wiederfinden, durchgesessene Sitzbezüge aus alten VWs in neuen BMWs oder Duftbäumchen anstelle von Rosenkränzen. Wir sorgten dafür, dass die paar Autos, die Karl geräuschlos öffnen konnte, danach nicht mehr dieselben waren. Als kleinen Gag am Rande hinterließen wir an jedem elektrischen Fensterheber einen Aufkleber mit dem Hinweis „Außer Betrieb. Bei Benutzung Lebensgefahr!“ Die Kassetten in den Radios ersetzten wir entweder durch bessere Musik (Kastelruhter Spatzen gegen Slime tauschen macht echt Sinn!) oder durch absurde Sachen wie Psychologie-Hörbücher, Naturgeräusche oder eineinhalb Stunden Verkehrsfunk. Letzteres aufzunehmen ist echt eine traurige Arbeit, das soll mal erwähnt werden!

Ich muss daran denken, beim nächsten Mal ein paar „Fahranfänger“-Aufkleber mitzunehmen. Die Radios auszutauschen hätte auch noch Spaß gemacht, das steht außer Frage, aber leider war die Zeit echt zu knapp. Wir klemmten noch ein paar selbstgedruckte Handzettel an ein oder zwei Autos, auf denen folgende Zeilen standen:

Beim Öffnen der Fahrertür durchtrennen sie den roten Draht,

beim Öffnen der Beifahrertür den schwarzen.

Viel Glück!

Die Nacht war zwar dann sehr kurz, aber wir haben in den Folgemonaten in den Nachbargärten etliche Karotten gewendet, Kartoffeln das Tageslicht gezeigt, Kürbissen das unterirdische Leben schmackhaft gemacht und dafür gesorgt, dass in den folgenden Jahren auf den meisten Gräbern unserer Mitbürger Kresse und Kopfsalat wachsen. Das Efeu, dass inzwischen regelmäßig die örtlichen Kriegerdenkmäler überwuchert, wird leider oft zurückgeschnitten, so dass wir noch nicht rausfinden konnten, welche der Sorten am besten geeignet ist um ganze Gartenhäuser verschwinden zu lassen.

Der Kreativität sind keine Grenzen gesetzt!