Der Traum vom Busfahren
Die Jahre bei unserem kleinen Behindertenfahrdienst zogen ins Land und nebenbei probte ich mit meiner nicht gerade einfachen WG das erste Mal ein selbstbestimmtes und halbwegs selbständiges Leben. So dauerhaft die Finanzprobleme auch waren, irgendwie fehlten stets die Zeit und die Lust, die ich gebraucht hätte, um mich nach einer anderen Arbeitsstelle umzusehen.
Dass ich beim Verein nicht alt werden wollte, galt zwar als ausgemacht, aber ich verlegte das Planen für ein neues Leben stets auf den nächsten Tag, den nächsten Monat oder gegebenenfalls gleich aufs nachfolgende Jahr. Dennoch hat es die Idee nicht einmal auf die Liste mit den guten Vorsätzen zu Silvester gebracht.
Hinter der Fassade der scheinbaren Gleichgültigkeit dachte ich natürlich trotzdem immer mal wieder darüber nach, mit was ich in zehn Jahren mein Geld verdienen wollte. An die Arbeit als Fahrer hatte ich mich seit 2003 nicht nur gewöhnt, ich hatte sogar für mich beschlossen, dass ein Beruf in dieser Sparte das Sinnvollste für mich wäre. Und irgendwann habe ich mit dem Gedanken geliebäugelt, Reisebusfahrer zu werden. An der Idee gefiel mir so ziemlich alles. Vom größeren Auto übers bessere Gehalt bis hin zur vielseitigeren Kundschaft war die Überlegung nur so durchtränkt von Verbesserungen im Gegensatz zum Status Quo.
Frohen Mutes klickte ich mich durchs Internet und immer wieder blieb ich an einer nicht unbedeutenden Zahl hängen: Zehntausend! Zehntausend Euro sollte man für den Erwerb des Busführerscheins mindestens einplanen. Gut, zehntausend Euro als Zukunftsinvestition erschienen mir ein fairer Preis zu sein, aber das lässt sich sicher auch über die fünfundzwanzig Milliarden Dollar fürs Apollo-Programm der NASA sagen. Bezahlen konnte ich das eine genauso wenig wie das andere.
Der Silberstreif am Horizont, nicht von einer Rakete herrührend, bestand im alternativen Weg: Eine Ausbildung zum Busfahrer zu machen. War ich schon bei den Aussichten auf den Job gelegentlich in Ekstase geraten, ging es nun völlig mit mir durch. Nach meinen Erkundigungen bei den Stuttgarter Straßenbahnen SSB, dem in der näheren Umgebung einzigen Unternehmen, das etwas Derartiges anbot, saß ich immer wieder grinsend in meinem Sessel und freute mich des Lebens. Die SSB wollte nicht nur den Führerschein kostenlos rausrücken – nein, die Ausbildung sollte mit rund 1500 Euro monatlich auch noch äußerst angemessen bezahlt werden. Im Gegenzug ein paar Jahre in einer Firma bleiben zu müssen, schien mir ebenfalls halbwegs fair, zumal das dort zu erreichende Gehalt mit einer Zwei an erster Stelle jenseits meiner bis dato recht kleinen Vorstellungskraft lag.
So bereitete ich mich vor und schrieb eine Bewerbung. Also Quatsch: Ich schrieb DIE Bewerbung! Nebenbei plante ich mit Sven, wie wir im Falle einer Auflösung der WG die große Wohnung zu zweit halten und ausbauen könnten mit der vielen Kohle. Die Zukunft stand in diesen Tagen ganz weit offen und selbst mein Vater konnte dem Gedanken etwas abgewinnen. Nicht, dass er den Job toll gefunden hätte, aber das Wort Ausbildung hatte bei ihm schon immer für eine gewisse Beruhigung gesorgt.
Ich hab die Gunst der Stunde genutzt und ihn um etwas Geld für Bewerbungsmaterialien, Klamotten und solche Dinge angeschnorrt. Mit den üblichen Kleinigkeiten wie unbezahlten Kneipenrechnungen, Dispozinsen und WG-Schulden waren das 500 Euro, deren kommentarlose Überweisung seitens meines alten Herrn auf einen gewissen Optimismus schließen ließen. Oder auf Resignation, ich hab ihn bis heute nicht danach gefragt.
Trotz aller Horrorstories über massenhaft versendete Bewerbungen lag eines Tages die Zusage zu einem Gespräch von der SSB im Briefkasten. Mein Leben verlief genau wie immer: Ich manövrierte mich in einen Wust an Problemen, aber wenn es wirklich spitz auf knapp stand, dann ging immer irgendwas. Entweder bestand ich die eine wichtige Prüfung, bekam den einen wichtigen Hunni von irgendwoher oder eben eine positive Antwort auf die einzige Bewerbung in vielen Jahren. Das klappte immer irgendwie und in schlechten Zeiten tröstete ich mich damit, dass ich ganz offensichtlich unsterblich war und das schon alles werden würde.
Am Tag der Tage stand ich rasiert und gekämmt im einzigen noch tragbaren Hemd – die Kleidersuche gestaltete sich schwierig und außerdem war das Geld meines Vaters plötzlich aufgebraucht – vor dem Werksgelände. Wie immer überpünktlich, also knapp eine Stunde zu früh. Sicher ist sicher, auch wenn man das Schicksal auf seiner Seite hat. Ich frühstückte in einer Bäckerei unweit der Firma und traf kurz vor Beginn der Show am Tor ein. Ich fand mich wieder in einer Mischung aus Männern, die jegliche Klischees über Busfahrer sprengten. Besonders hervorzuheben wäre Khalid, ein offensichtlicher Vorzeige-Student mit tiefbrauner Haut, der das Wort „Integrationsmusterbeispiel“ wahrscheinlich mit Begeisterung in jedes Formular schrieb. Das andere Ende der Fahnenstange bildete Manfred, ein schon etwas verlebt wirkender Mittfünfziger, dessen Schnauzbart über dem speckigen Hemd mit Bierplauze zuckte, während er darüber sinnierte, dass die beim Arbeitsamt jetzt ja wohl völlig den Verstand verloren hätten, wenn sie ihm einen Job mit Menschen in der näheren Reichweite andrehen wollten.
Wir waren also ein illusteres Trüppchen und jeder von uns dachte mehr oder weniger über alle anderen: „Na, sowas wie Dich stellen die hier ja eh nicht ein!“
Wir waren also, kurz gesagt, optimistisch.
Die SSB hatte uns einen kompletten Tag eingeräumt, unsere Fähigkeiten unter Beweis zu stellen. Den Anfang bildete ein Einzelgespräch, dann folgte einer dieser Konzentrationstests, bei denen man unter Zeitdruck falsche Buchstaben aus Reihen herausstreichen musste. Der besonders gespannt erwartete Video-Test erwies sich als eher schnöde Fragerunde zu Situationen mit Fahrgästen, die auf Videokassette präsentiert wurden. Wahrscheinlich, weil es modern wirken sollte. Im Jahr 2005.
Wir mussten einen Deutschtest absolvieren, in Gruppenarbeit ein Event planen und Rechenaufgaben lösen. Unter Einbezug der Tatsache, dass sie bereits einen sehr ausführlichen Bewerbungsbogen, ein Führungszeugnis und die Highscoreliste aus Flensburg vorliegen hatten, wirkte das Ganze jedenfalls eher, als ob sie Personal für die mittlere Führungsebene im Verteidigungsministerium rekrutieren wollten.
Von diesem Tag wirklich mitgenommen habe ich allerdings die Eindrücke vom Fahrersitz des Busses. Denn – Bewerber haben ja unbegrenzt Zeit – natürlich stand auch noch eine runde Stunde Fahrpraxis auf dem Programm.
Mit einem betriebseigenen Fahrlehrer wurde zumindest mal grob überprüft, ob man mit den Dimensionen eines handelsüblichen Busses zurecht kam. Eine Aufgabe, die ihre Spannung daraus bezog, dass der Fahrlehrer in diesem Fall keine eigenen Pedale hatte und die Gurke sich für einen lediglich an Kleintransporter gewöhnten Autofahrer fuhr wie ein halbseitig gekentertes Luftkissenboot.
Ob ich mich am Steuer für einen Anfänger gut gemacht habe, habe ich nie erfahren. Es gab Lob und Tadel seitens des Fahrlehrers und wie man vielleicht bereits erahnen kann, war es der einzige und damit auch letzte Tag, an dem ich bislang einen Bus steuern durfte.
Im Laufe der Zeit zeigte sich, dass unsere bunte Truppe nur eine von mehreren war, insgesamt suchten sie aus über 800 Bewerbern fünf Leute. Unter diesen fünfen befand ich mich letztlich nicht.
Der Tag endete für alle Bewerber mit dem inzwischen zur Verballhornung verkommenen Spruch „Wir melden uns.“, letztlich noch pervertiert durch die Aufforderung, es unbedingt zu unterlassen, Kontakt zu suchen und Fragen zu stellen, sollte die Antwort negativ sein. Die Regeln waren klar: Wer einen großen Umschlag bekommt, findet darin eine Ablehnung und erhält die eingesandten Unterlagen zurück, die Glücklichen mit den kleinen Briefen dürften sich auf ein weitergehendes Verfahren, insbesondere eine betriebsärztliche Untersuchung, freuen.
Als ich nach einer – immerhin humanen – Zeit den großen Umschlag aus dem WG-Briefkasten fischte, schnürte sich mir wie jedem noch nicht in Resignation verfallenen Bewerber der Hals zu.
Die vor kurzem so offene Zukunft war plötzlich wieder klein und eng und überschaubar. Die anstehenden Rechnungen hätte ich ohnehin mit meinem vorhandenen Geld bezahlen müssen, allein es fehlte der Silberstreif, die Aussicht auf Besserung, auf das so greifbar erschienene andere Leben.
Aber nicht nur, dass ich mit diesem Schritt wahrscheinlich nicht zu meinem späteren Job gefunden hätte: Ich habe mir mit dem Scheitern an dieser Hürde auch eine echt stressige Zeit erspart. Die mir an diesem Tag vorgestellten Schichtpläne hätte ich ohne weiteres akzeptiert und mich sicher – jenseits der geheuchelten Begeisterung während des Gesprächs – auch damit arrangiert. Tatsächlich aber war an dieser Stelle weit weniger Positives, als ich selbst mir zugestehen wollte.
Meine Arbeitszeiten wären kaum rational erklärbar gewesen, die Pläne im Fahrdienstbüro schienen ausnahmslos eher von betrunkenen Affen ausgewürfelt worden zu sein. Aber alles mit Segen des Betriebsrates und gerade noch an der Grenze der Legalität, in der Praxis wahrscheinlich hier und da auch mal darüber hinaus.
Die Bewerbung, ja die ganze Idee, Busfahrer zu werden, war auf meinem Weg eher der berüchtigte Treppenwitz der Geschichte. Ein schöner und unterhaltsamer Witz, vor allem aber einer, der mit Hoffnungen und Visionen meinerseits überstrapaziert wurde. Am Ende blieb es ein Witz – mit der Pointe, dass ich auch schon mal einen Bus gelenkt habe. Wir haben wohl alle schon bessere gehört.
(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)