Zwischen Kartons und Oldtimern

Zwischen Kartons und Oldtimern

Es gibt einen ganz entscheidenden Faktor, der einem die Arbeit im Niedriglohnsektor verleiden kann. Es ist nicht wirklich die soziale Ächtung, es sind auch nicht die oftmals kruden Arbeitszeiten. Was weder die Chefs noch die meisten Politiker zu erahnen scheinen: Es ist tatsächlich der niedrige Lohn.

Das Leben zwischen WG und Behindertenfahrdienst war für mich eigentlich ganz in Ordnung. Die Arbeit wechselte sich mit Parties ab und von zu viel Stress konnte man auch nicht sprechen. Irgendwann aber holten mich immer wieder die Geldsorgen ein. Ich hab nie gerne Freunde und Verwandte angeschnorrt, aber mit der Zeit musste ich einsehen, dass es zumindest von außen so aussah, als wäre das Teil meines Lebensentwurfes. Ich hatte durchaus Spaß am Herumgurken in der Stadt und eine Menge lustiger Stammkunden, die ich gerne traf. Mehr Arbeit im Fahrdienst wäre für mich wirklich ok gewesen.

Wenn ich nicht gewollt hätte, hätte ich auch nicht gemusst. Mein Hausarzt setzte nicht nur grundsätzlich gerne einen verstört-besorgten Gesichtsausdruck auf, weil er immer wenn ich bei ihm vorstellig wurde, das Schlimmste zu befürchten schien. Krebs, hohen Blutdruck, Stress gar? Er hatte auch keine Probleme damit, einen mal eben wegen eines Schlafdefizits oder eines eingewachsenen Fußnagels zwei Tage krankzuschreiben. Dass ich das nicht über Gebühr ausgenutzt habe, gehört zu meinen ansonsten überschaubaren Referenzen auf dem Arbeitsmarkt.

Nein, ich konnte nicht mehr arbeiten. Ich hatte meine Touren morgens, mittags und abends und gelegentlich noch eine Taxitour dazwischen. Doch obwohl ich vor 7 Uhr aus dem Haus ging und selten vor 18 Uhr Feierabend machte, brachte ich es durch die unbezahlten Pausen zwischen den Fahrten oft kaum auf sieben anrechenbare Stunden pro Tag.

Ich hatte also viel Freizeit, wenig Geld und war nicht grundsätzlich der Idee abgeneigt, ein wenig Eigenleistung zu zeigen, um in diesen Bereichen eine gewisse Umverteilung zugunsten meines Geldbeutels herbeizuführen.

Also fragte ich beim Erstbesten einfach nach. Eine Kundin von uns entstammte einer Familie, die eine Umzugsspedition besaß. Ein alteingesessenes Familienunternehmen im Stuttgarter Westen, das überregional für seine Fahrzeuge bekannt war. Statt hochgerüsteter moderner Trucks unterhielt die Familie nämlich gleich ein ganzes Arsenal an aufwändig gepflegten Oldtimern, wirklich schön anzusehende Fahrzeuge, die überall für anerkennendes Kopfnicken sorgten, wo sie auftauchten.

Und ich – ich hatte es sowieso total raus! Ich war prädestiniert für den Job. Wir sind ja alle ständig umgezogen. Ich war nun bald Mitte zwanzig und mein kompletter Freundeskreis war gerade in der Phase, entweder die heimatliche Brutstätte hässlicher Pubertätsdiskussionen (a.k.a. Elternhaus) zu verlassen oder aber von einer WG zur nächsten zu tingeln, immer in der Hoffnung, dort in irgendeiner Form besser klarzukommen. Wohnungen waren kein Platz um sich niederzulassen, sondern Mittel zum Zweck und Ausdruck der Persönlichkeit. Die einen zogen um, weil sie lieber eine Bio-Veganer-WG gründen wollten, andere wurden aus ihrer linken Bude gemobbt, weil sie plötzlich reaktionäres Pack wie die Grünen wählten und manche suchten einfach eine Wohnung mit mehr Licht, weil das den Ertrag der Hanfpflanzen erheblich zu verbessern vermochte.

Und wen rief man an, wenn mal wieder ein Umzug ins Haus stand? Klar: den großen Dicken, der auch vor Klavieren und vollgestopften Plattenkisten nicht zurückschreckte. Und dieser dicke Töffel mit den starken Armen war nunmal ich. Schon im zarten Alter von 23 hätte ich nicht mehr zählen können, wie viele Kilometer meines Lebens ich mit einem Umzugskarton in der Hand zurückgelegt hatte, ich war zweifelsohne mehr als nur geeignet fürs Schleppen. Aber ich war 23, ich war naiv.

Als Aushilfe haben sie mich gerne genommen, eine wirkliche Belastung fürs Budget war ich bei einem Tagessatz von 50 € auch nicht. Ich machte daraufhin aber die Erfahrung, dass es einen Unterschied gibt zwischen schnell und leicht verdientem Geld.

Gegen das, was ich dort an den paar Tagen geschleppt habe, blieb alles Bisherige zurück. Eine voll gestellte 5-Zimmer-Wohnung? Drei Stunden mit drei Männern! Knallharte Planung, knallharte Arbeit und eine Kippenpause gab es erst, wenn die Bude leer war. Ich stellte schnell fest, dass der entscheidende Dreh- und Angelpunkt bei diesem Job das Training war, das ich letzten Endes eben doch nicht hatte. Bereits nach dem ersten Arbeitstag kam ich in einem Zustand nach Hause, bei dem getrost darüber diskutiert werden darf, ob die Grenze zum Ableben bereits überschritten war. Zitternd, keuchend, durchnässt und mit den schlimmsten Rückenschmerzen seit der Erfindung des Bandscheibenvorfalls gesegnet, bin ich nach rund neun Stunden Arbeit und einer auf Autopilot durchgeführten Heimfahrt einfach nur umgefallen und erst zehn Stunden später wieder erwacht.

Es blieb dennoch nicht bei dem einmaligen Ausflug. Ich hatte das Geld so nötig, dass ich all das auch nach den ersten Erfahrungen noch mehrmals in Kauf nahm. Und abgesehen davon, dass ich mich heute damit brüsten kann, auch mal körperlich gearbeitet zu haben, habe ich tatsächlich auch einiges gelernt. Ein paar weise Ratschläge zum richtigen, etwas rückenschonenderen, Tragen habe ich nie vergessen, ebenso ist die Beladung von Umzugswagen inzwischen die Tetris-Variante, bei der ich den höchsten Highscore halte.

Die Jungs aus dem Unternehmen waren beeindruckend. Durchschnittlich doppelt so alt und halb so groß wie ich, haben die Umzüge weggerockt, dass mir die Spucke weg blieb. Ein leicht mit einem Serienkiller zu verwechselnder 50-jähriger hatte eine Kondition, die ich in seiner Altersklasse nie mehr gesehen habe und erwies sich zudem als absoluter Meister in der Demontage und Wiedererrichtung jeglicher Möbel. Vom Ikea-Regal bis zum aus einem Baum geschnitzten antiken Sekretär vermochte er alles in perfekt passende Teile zu zerlegen und in Windeseile wieder aufzubauen. Ein gerade der Hauptschule entsprungener Lehrling gab bereitwillig zu, dass er nicht unbedingt viel in der Birne habe, die harte Arbeit ihn allerdings von anderem, insbesondere illegalen Blödsinn abhielte und er sie einfach als bezahltes Fitnessstudio betrachte. Nach dieser sicher zutreffenden Aussage hat er mir meine Ladung abgenommen und ist nunmehr mit zwei schweren Bücherkisten bewaffnet eine ewige Treppe in den fünften Stock vor mir her gerannt, stets zwei Stufen auf einmal nehmend.

Obwohl der Chef die Truppe aus etwa acht Leuten jeden Tag aufs Neue bunt zusammen würfelte, je nach Auftrag eben, arbeiteten die Teams enger zusammen als Batman und Robin und setzten in meinen Augen jede zweite Minute neue Maßstäbe für effizientes Arbeiten.

Ich habe nie eine befriedigende Antwort erhalten, was die Kunden so ein Umzug kostete, die Firma war aber sicher nie die billigste am Ort. Dafür hat sie – mit Ausnahme der dicklichen Aushilfe ohne Kondition im Jahr 2004 – immer beste Arbeit abgeliefert. Ich habe kein Teil zerbrechen sehen bei meinen Einsätzen dort, kein Möbelstück kollidierte mit einem Türrahmen oder gar der Dame des Hauses und jeder Zeitplan wurde eingehalten, weil er perfekt berechnet war – auf der für Laien kaum zu ermessenden Grundlage vom geschätzten Volumen der Umzugsmasse. Ich war mir sicher, die würden abends in der Kneipe nicht über die knapp bekleidete Bedienung scherzen, sondern mal eben abschätzen wie viele Meter Platz sie in ihrem Wagen für das komplette Inventar bräuchten.

Man rannte pausenlos Treppen auf und ab, hangelte sich mit Schrankwänden durch enge Altbau-Treppenhäuser und traf am Ende auch noch auf Intelligenzkatastrophen, die einem dieses Leben zusätzlich schwermachten.

Ein recht lieb dreinblickender Mann erklärte mir stolz, er hätte seine komplette Plattensammlung in drei große Kartons gepackt, damit sie nicht so viel Platz wegnähme. Er könne sie nun zwar nicht mehr anheben, aber deswegen hätte er uns ja geholt.

Ein nicht einmal Trinkgeld oder sonstige Nettigkeiten austeilendes Milchbubigesicht mit Glatze und offensichtlicher geistiger Schieflage erklärte uns, er ziehe sich jetzt erst einmal zum Schlafen in sein Zimmer zurück und war nur schwer davon zu überzeugen, dass wir sein noch komplett eingerichtetes Zimmer nur schwer in drei Stunden in der neuen Wohnung aufbauen könnten, so lange er sich nicht von Bettdecken und Kuscheltieren trennen würde.

Aber ja, am Ende hatten selbst die Jungs fürs Grobe ein gutes Händchen für schwierige Fälle und alle haben ihren Umzug bekommen.

Für mich blieb das Ganze am Ende nur ein kurzes Zwischenspiel. Fünf Arbeitstage habe ich das Spiel der harten Jungs gespielt, ein paar Hunnis inklusive Trinkgeld eingesackt und dann doch baldestmöglich das Weite gesucht. Bei allem Respekt für die Arbeit und aller Wertschätzung für die Kollegen war mir klar, dass Geld zwar etwas Schönes ist, ich aber beim besten Willen nicht auch noch Umzüge von Fremden brauchen konnte.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

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