Amtliche Arbeit für 18,62
Im Sommer 2000 sollte ich dann lernen, was Arbeit ist. Ich vermute zumindest, dass das die amüsierten und geheimen Gedanken meines Vaters waren, der es zu schätzen wusste, dass auch ich faule Socke mir meinen neuen Computer nur mit harter Arbeit leisten konnte. Endlich würde ich dem Ernst des Lebens wenigstens mal ins Auge sehen, wissen was ein fieser Chef bedeutet und mal mein eigenes Geld statt seines aus dem Fenster werfen …
Vor bezahlter Arbeit hatte ich mich bis dahin ziemlich erfolgreich drücken können. Genau genommen erinnere ich mich nur an einen einzigen Tag und an diesem Tag hatte ich mit meinem Freund und Klassenkameraden Paul in Stuttgart-West ein paar Werbeflyer verteilt. Die entbehrungsreichen Stunden trieben uns von Tür zu Tür, von Klingel zu Klingel und schon nach drei Stunden konnten wir nicht mehr. Wir japsten und schnappten nach Luft, denn es war im Kopf nicht auszuhalten, was für bekloppte Nachnamen die Menschen hierzulande hatten! Auf die Idee, so eine Arbeit dauerhaft zu machen, wären wir beide aber nicht im Traum gekommen.
Den Rest meiner dennoch sorgenfreien 18 Lebensjahre lebte ich von Taschengeld und regelmäßigen Finanzspritzen meiner Oma.
Dieser Sommer sollte allerdings wegen des bevorstehenden Computer-Kaufs ein besonderer Sommer werden. Während jedes Stückchen Hardware, jedes neue Teil, das ich unbedingt auch brauchte, die Rechnung umfangreicher werden ließ, hatte ich zur Finanzierung des Ganzen einen guten Tipp von Jörg bekommen. Er arbeitete seit einiger Zeit beim Landesgewerbeamt und war mit seinem Job mehr als zufrieden. Man könnte zusammenfassend sagen, dass er den lieben langen Tag nicht viel mehr machte als anwesend zu sein. Dafür gab es allerdings ein stattliches Gehalt.
Natürlich lehnte ich schon den Gedanken an etwas derart Anstrengendes, wie irgendwo herumzusitzen, wo ich nicht herumsitzen wollte, erstmal grundsätzlich ab. Ferien sind immer schon Ferien gewesen!
Aber irgendwann nach dem x-ten Durchblättern einer der vielen Fachzeitschriften, die ich inzwischen las – als hätte ich schon einen Computer – fasste ich mir ein Herz und rief den Personalchef im Haus der Wirtschaft an, wo das Landesgewerbeamt residierte. Der Mensch am anderen Ende der Leitung bestätigte mir, dass sie Leute suchen und lud mich zu einer Art Vorstellungsgespräch ein. Ich suchte zwar lediglich einen Aushilfsjob für die Sommerferien, die nun an den Tag gelegte Lockerheit überraschte aber auch mich:
Zunächst wurde mir in einem besenkammergroßen Büro umgehend mitgeteilt, dass es keinen Job mehr im Sicherheitsdienst gäbe. Aber, so ließ mich der freundliche Herr mit dem Schnauzbart wissen, wenn ich Lust hätte, könne ich ja im August die Aushilfe in der Logistik übernehmen.
Ein paar Floskeln und Unterschriften mit gegenseitigem Grinsen später verließ ich die Bude also mit einem Termin zum Arbeitsbeginn und beeilte mich, da ich zu Hause unbedingt noch nachschlagen wollte, was Logistik nun eigentlich genau bedeutet, bevor ich meiner Umwelt mit vor Stolz geschwellter Brust erzählen konnte, dass ich einen Job gefunden hatte.
Überpünktlich und nervös fand ich mich dann einige Wochen später an der Zufahrt für Lieferanten am beeindruckenden Gebäude wieder. Was mich genau erwarten würde, wusste ich noch immer nicht so recht. Aber für 18,62 DM in der Stunde war ich bereit, mir alles anzutun.
Kurz darauf stolperte ich, nachdem ich langsam und vorsichtig in der Ladezone der LKW-Einfahrt einen Eingang gesucht hatte, in eine recht lebhafte Truppe von Leuten, die in einem mittelgroßen Zimmer umherwuselten. Die Wände dieses Raumes waren mit hohen Paketregalen voll gestellt, nur zur Rechten standen zwei seltsam zueinander ausgerichtete Schreibtische. Mir wurde nahegelegt, mich doch an den einen davon zu setzen. Wow! Ein eigener Schreibtisch! Ein erstklassiger Einstieg ins Arbeitsleben!
Die bisher am Telefon des anderen Schreibtischs gestikulierende Frau sollte offenbar meine Chefin sein. Das jedenfalls sagte sie mir, nachdem sie ihr schmales Gesicht von den gröbsten Sorgenfalten befreit hatte. Sie schüttelte mir lange die Hand, wobei mir auffiel, dass wir beide etwa die selbe Größe hatten, so lange ich sitzen blieb. Die Kollegen, teils richtige Brecher für die groben Aufgaben, teils zierliche Beamte im Bürodienst, eilten mit ihrem Frühstück zwischen den Zähnen durch den Raum, offenbar um hier und da schon Dinge zu erledigen, die zwar zeitintensiv waren, aber nicht so wichtig, dass man ein Brötchen deswegen alleine lassen müsste.
Trotz all dem Gezappel um diverse Lieferungen schaffte die Chefin es, mir mitzuteilen, dass ich von nun an die Hauspost auszutragen hatte.
Auch wenn ich es mir nicht anmerken ließ, verfinsterte sich meine Laune deutlich. Ich hatte davon geträumt, in diesem Laden meine Zeit abzusitzen, so hatte Jörg es versprochen! Stattdessen nun also die Hauspost. Ich als Briefträger, wahrscheinlich mit der Extra-Befugnis für die ganz schweren Pakete! Das Haus der Wirtschaft war immerhin ein gewaltiges und monumentales Bauwerk mit weit mehr Stockwerken als ich mir zu durchwandern vorstellen konnte: vier!
Doch mein ruhiges Verharren in ängstlicher Apathie sollte sich auszahlen. Die Hauspost im Landesgewerbeamt auszutragen war nämlich ein Job, der vielleicht den Anspruch erheben konnte, der albernste auf diesem Planeten zu sein – bis irgendwann jemand Sportvereinsmaskottchen erfunden hat.
Denn ich musste genau genommen nur zweimal täglich die Briefe im Haus verteilen. Aber nicht etwa jede Sendung einzeln zu den Leuten ins Büro bringen, sondern lediglich im Postraum des jeweiligen Stockwerks das entsprechende Fach füllen.
Diese Posträume waren leicht auffindbar und befanden sich unweit des Fahrstuhls. Zudem erhielt ich im Falle einer schwereren Sendung ein kleines Wägelchen, das ich hinter mir herziehen konnte, um ja nicht unter der Belastung während der etwa zehn Minuten Arbeitszeit zusammenzubrechen.
Unter schwere Sendungen fiel ungefähr alles, was nicht unzerknittert in einen Briefumschlag passte und ich sollte lernen, dass enormer Wert darauf gelegt wurde, dass ich in einem solchen Fall auch tatsächlich den Wagen nahm.
Wenn es ganz hart kam, musste auch noch Post in die Zweitfiliale gebracht werden. Diese Zweitfiliale allerdings war nur 150 Meter entfernt und über einen ebenen Fußweg zu erreichen. Die einzige Straße konnte bequem an einem Zebrastreifen überquert werden, bei dem ich mir inzwischen sicher bin, dass er genau dieser Postlieferungen wegen angelegt worden war.
Dieses Unterfangen sollte also meine Hauptaufgabe sein. Einmal um 9 Uhr, einmal um 13 Uhr. Dem Aufgabenprofil entsprechend handelte es sich um eine Vollzeitstelle mit Arbeitszeiten von 7.00 – 15.30 Uhr, acht Stunden täglich plus Pause. Für fast 150 Mark am Tag. Seitdem lächele ich immer mildtätig, wenn mir die Presse etwas von staatlichen Haushaltslöchern erzählt, schließlich wurde auch diese meine Stelle aus Steuergeldern finanziert.
Zumindest meiner direkten Vorgesetzten konnte man keine Vorwürfe machen, sie klärte mich auch umgehend auf, wie sich solch ein Irrsinn einbürgern konnte:
Der August war der Monat mit den wenigsten Anforderungen im Haus. Der August war der Monat, in dem keine öffentliche Ausstellung stattfand. Der August war der Monat, in dem die meisten Leute Urlaub machten und sich die Arbeit in der Logistikabteilung mindestens halbierte. Und – völlig logisch – der August war der einzige Monat, in dem eine Aushilfe vorgesehen bzw. von der Finanzabteilung genehmigt war.
Es kann wohl davon ausgegangen werden, dass die Planer des Landesgewerbeamtes gleichermaßen für die Drehbücher von Monty-Python-Filmen zuständig waren und es irgendwann einmal eine Verwechslung gegeben hätte, die im Nachhinein zu peinlich war, um sie zu korrigieren …
Natürlich konnte ich im Laufe des Monats auch noch ein paar andere Dinge tun, aber im Allgemeinen blieb es dabei, dass ich als Aushilfe eigentlich nichts wirklich Wichtiges machen durfte und die Zeit im Büro vertrödelte.
Pünktlich da sein musste ich trotz allem, das wurde mir unmissverständlich klargemacht. Aber an jedem einzelnen Tag stiefelte ich herein, erkundigte mich nach Arbeit und bekam als Antwort:
„Jetzt erstmal Frühstück. Willste die Bild?“
Da ich schon damals nicht sonderlich gerne erfundene Geschichten aus der Bild-Zeitung las, begann ich, mir eigene Zeitschriften und Bücher mitzubringen. Die wöchentliche Ausgabe des Spiegels sehnte ich herbei, gereicht hat sie letztlich immer nur für einen bis maximal anderthalb Arbeitstage. Noch schlimmer waren zweitklassige Machwerke wie Focus und Stern, aber bei der anhaltenden Langeweile begann ich irgendwann alles zu lesen, so lange es nur irgendwie Input und Ablenkung bot.
An einem dieser ewig langen Tage brachte Focus einen IQ-Test, den ich während der Arbeit und zwischen gelegentlichen Kollegengesprächen mit einem Ergebnis von 140 Punkten abschloss, was, wenngleich ich mich für nicht dämlich halte, einiges über die Betriebsamkeit in diesem immerhin schön kühlen Büro aussagen dürfte.
Die angenehmsten Tage waren die, an denen mich meine Chefin verlieh. Einen Tag lang konnte ich die Poststelle unsicher machen und dort Briefe wiegen. Es handelte sich zwar auch hier nur um völlig unspektakuläre Werbepost, dennoch war es eine schöne Abwechslung, mal nicht nur Brötchen zu kauen und Anrufer zu vertrösten. Nach einer halben Schicht an der Waage bekam ich zudem die Anweisung, die hauseigene Frankiermaschine bei ihrer Arbeit zu überwachen. Mir spukte ein wenig jugendlicher Leichtsinn durch den Kopf in Anbetracht der Tatsache, dass mir jemand eine Maschine anvertraute, die gefährlich genug war, um einen Not-Aus-Knopf zu besitzen, ausgelebt habe ich meine Fantasien aber nicht. Ich hatte abgesehen von der Zusammenarbeit mit neuen Gesichtern endlich mal das Gefühl, etwas halbwegs Sinniges zu tun. Im Büro der Chefin bestand die oberste Anweisung an mich immer darin, nichts alleine zu tun. Die Kartons aus dem oberen Regalfach runter holen? „Frag Manfred!“ Manfred war zwar 30 Jahre älter und zwei Köpfe kleiner, aber er kannte sich nun mal rein offiziell am besten mit Kartons aus.
Wenn jemand anruft? „Sag einfach, dass die Chefin gleich zurück kommt!“ Völlig egal, ob jemand bloß wissen wollte, ob am nächsten Morgen um 11 Uhr jemand da sei, um eine Sendung entgegenzunehmen. Ich hätte ja gerne gesagt: „Ja, ich! Verdammt, ich bin immer da und weiß nicht mal warum!“ Aber nein: „Warten Sie einen Moment. Die Chefin ist gleich wieder da.“
Unter diesen Umständen empfand ich es sogar als angenehm, mal kurz weg beordert zu werden, um eine Tonne Papier in die dafür vorgesehenen Regale zu stapeln.
Ich habe mehr gelesen, als ich es in den vorangegangenen Jahren auf dem Gymnasium getan hatte und im August 2000 jeden Werktag damit begonnen, mir beim Bäcker an der U-Bahn zwei Tomaten-Mozzarella-Brötchen zu holen, um sie anschließend im Büro über gemütliche anderthalb Stunden verteilt zu essen.
Ich war froh, als sich der Monat dem Ende näherte, auch wenn ich all die Tage mit sehr netten Kollegen in einer angenehmen Atmosphäre verbringen durfte.
Nein, was Arbeit wirklich ist, habe ich in dieser Zeit nicht gelernt. Ich habe nur gelernt, wie der Staat Geld zum Fenster hinauswirft und wie man es schafft, auf einem völlig unnötigen Posten die Füße stillzuhalten, um sein Geld zu bekommen. Und ich habe gelernt, dass ich ganz sicher keinen Bürojob machen will, der nichts außer dreifach potenzierter Langeweile beinhaltet. Vielleicht ist dieser Monat, dieser Job, so gesehen wichtiger für mich gewesen, als ich mir damals eingestehen wollte. Einen Mehrwert fürs Landesgewerbeamt hatte meine Arbeit kaum, ich dagegen habe mir damit einen beträchtlichen Teil meines ersten Computers finanziert. Den Rest gab es wie üblich von Oma.
Und immerhin: Auf diesem Computer begann ich zu tippen und Teile davon werkelten noch im Gehäuse, als ich mit Bloggen und damit öffentlich zu schreiben begann. Auf der Suche nach versöhnlichen Worten könnte man es also als Kulturförderung abtun.
(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)