Was mit Menschen

Was mit Menschen

Der Fragebogen war ein gequirlter Haufen Kacke. Ich hatte in meinem kurzen Leben schon eine Menge Fragebögen gesehen, aber dieser hier war das Papier nicht wert, auf dem er gedruckt war. Wir Schüler konnten – eine euphemistische Umschreibung für „wir mussten“ – auf einer Skala von eins bis fünf auswählen, ob wir eher alleine oder im Team arbeiten würden, lieber im Büro oder an der frischen Luft, flexibel oder fest und vor allem natürlich ob wir viel, weniger oder gar nicht mit Menschen zu tun haben wollten.

Überhaupt die Menschen: Ist man ihnen gegenüber „eher offen oder eher verschlossen“, steht man ihrer Kritik „aufgeschlossen gegenüber“ oder lässt man sich ungern in seine Arbeit hineinreden?

Mit einem leicht gequälten Blick beobachtete ich den Dozenten oder Haussklaven, was immer er war. Wahrscheinlich war er einer von denen, die auf den Fragebögen überall angekreuzt hatten, dass sie so voll total auf „die Arbeit mit Menschen“ stehen. Und jetzt stand er hier, versteckte sich ziemlich unbeholfen hinter seiner Brille und wir Menschen waren zweifelsohne das Letzte, was er sich gerade in diesen großen, an einen Hörsaal erinnernden Raum gewünscht hätte. Gut, Sabrina, zwei Reihen vor mir vielleicht. Der konnte man von vorne sicher prima in den Ausschnitt starren und außerdem kreuzte sie sicher „was mit Menschen“ an – so eine Art Lieblingsschülerin mit dicken Titten.

Das war mein erster und einziger Ausflug ins „Berufsinformationszentrum“ (BIZ) in Stuttgart. Während auf der anderen Straßenseite im Amtsgericht lauter Fälle verhandelt wurden, bei denen über das wirkliche Leben entschieden wurde, saßen wir in knuffig gemütlichen Sesseln und taten so, als würden wir den Versprechungen unseres Lehrers glauben, dass wir hier etwas über unsere Neigungen erfahren und somit eventuell einen Anstoß für unsere Berufslaufbahn finden würden.

Genau betrachtet – und zum Betrachten hatte ich an diesem Tag mehr als genug Zeit! – war die Klasse gespalten in drei  Gruppen:

Die erste Gruppe umfasste fast ausschließlich die Mädels aus der Stufe, nicht alle, aber die meisten. Viele von denen waren nur aufs Gymnasium gewechselt, um sich die ganze Pubertät über an ihrer Hoffnung festzuhalten, dass sie am Ende ja wenigstens Tierärztin werden würden. Klar, im Grunde mochten sie nur Hunde, Katzen und Pferde, aber die meisten glaubten auch jetzt mit 18 Jahren noch daran, dass ihnen ihr Traumprinz von Tierdoktor in der Praxis die lästigen Mäuse und alles mit mehr oder weniger als vier Beinen vom Hals halten würde. Und natürlich wollten sie heute, an diesem ach so wichtigen Tag, hören, dass ihre Entscheidung voll dufte sei.

Gruppe zwei war die eigentlich realistischste Gruppe. Die meisten hatten sich irgendwann in den letzten Jahren mehrfach von ihrem Traumberuf getrennt und einen neuen auserkoren, am Ende blieb ihnen die Wahl zwischen etwa drei Studiengängen. Gruppe zwei saß hier, um herauszufinden, ob es nun Kunstgeschichte, Medizin oder Astronomie sein sollte. Für diese Gruppe wurde das gemacht, diese Gruppe würde „erfolgreich“ aus dem BIZ herauslaufen, auf diese Gruppe freute sich der Brillenträger schon den ganzen Tag. Nur: Die Titten hatten die Tierärztinnen und die waren in der Überzahl.

Ich selbst konnte mich zu Gruppe drei zählen: Ich hatte nichts gegen Menschen und wollte dementsprechend nicht gerne mit ihnen arbeiten. Tiere gingen mir am Arsch vorbei, allerdings nicht ansatzweise so sehr wie Arbeit an sich.

Ich hatte noch zweieinhalb Jahre Schule vor mir und war überzeugt davon, dass die Zeit mich sicher irgendwann einmal auf den richtigen Pfad stoßen würde – und diese Zeit bis dahin gedachte ich selbstverständlich zu nutzen.

Ich verließ das BIZ mit dem ungeheuren Verlangen nach einer Zigarette, zerknüllte den Zettel, der mir nach einer computergestützten Auswertung Berufe zwischen Kriegsreporter und Bundeskanzler nahelegte und freute mich, dass an diesem Tag die Nachmittagsstunden ausfielen. Ich verabredete mich mit Earl, denn heute war ein guter Tag, um schon am frühen Nachmittag mit Kiffen anzufangen – das BIZ gab schließlich keine Hausaufgaben.

Um den Jahrtausendwechsel herum seine Schulzeit zu beenden war nicht für alle leicht. Wir wurden eingeschworen auf einen harten Kampf um Arbeit, uns wurde klargemacht, dass wir uns unser Leben lang weiterbilden müssten, um mit der globalen Konkurrenz auch nur ansatzweise fertig zu werden. Und all das wurde uns erzählt von Menschen, die davon eigentlich nicht den Hauch einer Ahnung hatten.

Einer dieser Menschen war mein Vater. Er bemühte sich redlich, mir nicht auf die Nerven zu gehen mit Anforderungen und Erwartungen, dennoch war er es, der mich immer wieder fragte, was ich mit meinem Leben denn nun anzustellen gedenke.

Wenngleich ihm klar war, dass ich nicht wie er die Ausbildung in der Firma absolvieren würde, die mich 50 Jahre später in die Rente entlässt, sorgte er sich ungefähr seit meinem fünfzehnten Lebensjahr darum, was ich als Erwachsener mal tun würde. Während die meisten Kumpels in meinem Alter mit ihren Eltern noch ganz andere Kämpfe auszufechten hatten, war diese Differenz zwischen uns das Einzige, was mich gelegentlich daran störte, noch bei ihm zu wohnen.

Als ich vom BIZ nach Hause kam, trat er aus der Küche und trug gerade seine dritte Tasse heißen Kaffees ins Wohnzimmer, während er mich hoffnungsfroh fragte, wie der Tag gewesen sei.

„Ach, nichts Besonderes.“

„Irgendwelche neuen Ideen?“
„Nee, nicht ernsthaft …“

Er war bereits aus meinem Blickfeld, dennoch spürte ich die leise Enttäuschung seinerseits. Eine Enttäuschung übrigens, die ich nie auslösen wollte.

Dass ich durchs Leben kommen würde, habe ich nie bezweifelt, da tat es weh, den eigenen Vater in seiner Unsicherheit sitzen zu lassen. Er meinte es gut, er wollte mich keineswegs nerven, er verstand es nur nicht.

Wenig später verließ ich die Wohnung wieder und machte mich auf den Weg zu Earl. Noch in der Bahn vergaß ich all die schwierigen Fragen über die Zukunft und nach dem Ankommen zog ich umgehend eine Bong durch, was die letzten Gewissensbisse vertrieb.

Ich hatte lange nicht mehr unter der Woche gekifft, das Gras schickte mich sofort weit weg von der realen Welt. Earl grinste mich ebenso breit an und verkündete, er würde in Zukunft im BIZ Marihuana anbauen. Wir lachten viel und irgendwann schliefen wir ein.

Natürlich hätte kein Außenstehender erwartet, dass Typen wie wir überhaupt unser Abitur schaffen würden.

(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)

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