Warum unser Bus nie grün war
Getroffen haben wir uns vor der Tür, meistens. Manchmal war Tula aber schon da und hatte aufgeschlossen. Wenn Mulu und ich morgens um kurz nach sieben Uhr einen Kaffee, bzw. eine Cola tranken, waren wir die ersten Gäste überhaupt. Nur gelegentlich grüßte aus dem Eck mit den Spielautomaten ein anderer Stammgast, während er damit beschäftigt war, seine Rente den Maschinen zu schenken und ein Glas Wasser zu trinken.
Dass wir als Gäste selbst die am Vorabend zum Putzen auf die Tische gestellten Stühle herunter nahmen und so unseren kleinen Teil zur Ordnung in der Kneipe beitrugen, gehörte irgendwie dazu. Wir verbrachten hier so viel Zeit, dass sie uns ein zweites Wohnzimmer war. Bei mir hatte es mit sonntäglichem Dartspielen im Alter von 15 Jahren angefangen, Mulu war wahrscheinlich sogar in irgendeinem Hinterzimmer dort zur Welt gekommen. Abendliche Flipperduelle hatten wir hier gegeneinander gespielt, zu Mittag gegessen, in der Frühstückspause über falsche Gehaltsabrechnungen gelacht und eben auch oft genug wie jetzt morgens einen Wachmacher in uns hineingeschüttet.
Und wenn man nicht restalkoholisiert und mit schwerem Schädel irgendwo unter der Bank hervorgekrochen kommt, ist das Aufwachen in einer Gaststätte eigentlich ganz nett. Wir widmeten uns bei ein bisschen Tratsch unseren koffeinhaltigen Getränken und irgendwo ums Eck wartete dann bereits der Yeti auf uns.
Von der tiefen inneren Angst beseelt, Reinhold Messner könnte in seinen alten Tagen aufgrund dieser Äußerung mit der Spitzhacke bewaffnet meine alte Stammkneipe stürmen, möchte ich gleich klarstellen, dass es sich nicht um „den“ Yeti handelte. Der Yeti war auch nicht der Spitzname des Hausherrn oder der Hund eines weiteren Stammgastes, sondern unser Einsatzfahrzeug. Ein alter Mercedes-Benz T1, schon damals fast eine Rarität. Obwohl im Verein längst die ersten Nachfolgemodelle, die Sprinter, langsam in die Jahre kamen, mussten wir unsere Tour mit diesem alten Esel fahren. Die einst schneeweiße Farbe wich mehr und mehr dem Rost, der vorsorglich nie entfernt wurde, da alle vermuteten, er hielte die Reste dieses Autos zusammen.
Der Rost und die inneren Widersprüche. Die Kiste schaffte zwar nur mit Mühe 100 km/h und steuerte sich wie ein betrunkener Vogel Strauß ohne Zügel, besaß aber Recaro-Sportsitze. Optisch entsprach er eher einem Baustellenfahrzeug und vermutlich hatte sich Stefan Heiliger, der Designer dieses Modells, auch nie etwas anderes darunter vorgestellt – schon gar nicht einen Behindertentransporter. Dennoch fuhren wir damit eine der absoluten Top-Touren unseres kleinen Betriebs, denn wir hatten Thorsten an Bord.
Sicher: wo, wenn nicht im Behindertenfahrdienst, sind die Kunden alle gleicher als gleich? Bevorzugungen gab es keine, aber bei Thorsten musste man sich schon bemühen, diesen Grundsatz nicht zu vergessen. Mal abgesehen davon, dass er ein furchtbar netter Kerl war, hatte er auch noch Eltern, die nicht nur reich waren, sondern mit ihrem Geld auch den Verein an allen Ecken und Enden finanzierten.
Über die Summen in den Umschlägen, die wir hier und da mal in die Zentrale brachten, haben wir schon des eigenen Blutdrucks zuliebe keine Mutmaßungen angestellt.
Aber: Verkappter VIP hin oder her – auch wir hatten natürlich mehrere Leute an Bord.
Begonnen hat unsere Tour immer mit einer Fahrt zu Christa. Das Anschmeißen unseres Bremer Transporters war immer mit einem furchteinflößenden Knall verbunden, dem ein heftiger Ruck durchs Fahrzeug folgte. Mit diesem Knall waren dann sowohl Christa als auch alle anderen in fünf Kilometern Entfernung wach. Wenn wir mit lautem Geklapper die enge Einfahrt zu ihrem Heim hochtuckerten und den Yeti in der engen Gasse wendeten, saß Christa bereits rauchend vor der Haustüre und folgte unserem Treiben argwöhnisch. Ihre kurzen grauen Haare hatte sie bei Regen stets unter einem Cape verborgen und ihr Blick verriet jede Sekunde aufs Neue, dass sie dieses nicht freiwillig trug. Ihre permanent nach unten zeigenden Mundwinkel waren ebenso wenig einladend wie die Wollpullis, deren Farben eindeutig das Grundrecht auf körperliche Unversehrtheit verletzten. Als ich sie das erste Mal sah, befürchtete ich, es mit einer gehässigen alten Schachtel zu tun zu haben.
Und ich hatte recht, aber das musste man als Fahrer aushalten. Christa war früher selbständig, den Gerüchten nach war sie Puffmutter in irgendeiner Absteige gewesen. In fortgeschrittenem Alter hatte sie ein Schlaganfall erwischt, von dem sie sich leider nie ganz erholte. Abgesehen von ihrer andauernden Depression und ihrer Wut auf alles und jeden war sie halbseitig gelähmt. Vom körperlichen Grad der Behinderung hat sie damit eigentlich zu den leichten Fällen unter unseren Fahrgästen gehört, dennoch gab es als höchstes Lob von ihr maximal die trocken und mit kratziger Stimme vorgetragene Feststellung, man sei nicht ganz so scheiße wie die anderen.
Um einen Streit war Christa jedenfalls nie verlegen: nichts war so unwichtig, dass sie es nicht noch hätte schlimm finden können. Mal trug man die falschen Klamotten, mal war das Auto zu laut, das Wetter zu mies oder die Stimme zu hoch.
Gut, es gab unsympathischere Menschen: Meine Fallbearbeiterin beim Arbeitsamt, Oskar aus der Sesamstraße oder Hitler zum Beispiel, aber auch bei Christa musste man lange nach Vorzügen suchen – an ihr sah nämlich nicht mal der Oberlippenbart lustig aus und in einer Mülltonne wohnte sie auch nicht. Gut, zum Arbeitsamt hätte sie gepasst.
Mit der Zeit aber lernte ich, dass ihre Humorlosigkeit auch hilfreich war: man konnte ihren Unmut praktischerweise immer auf andere lenken. Wenn sie kritisierte, wie man sie anfasste, musste man bloß sagen, sie solle sich aufs Frühstück freuen und schon war man den Ärger los. Also zumindest insofern, als sie nun damit beschäftigt war, gegen das Essen in ihrer Einrichtung zu wettern. Und sie machte vor nichts halt. Sie hasste sogar grüne Autos.
Christa fiel in die Kategorie der Geher, das heißt, man musste sie umsetzen – vom Rollstuhl auf die Rückbank. Man schob sie im Rolli in den Bus, stellte ihn neben die Rückbank und half ihr mit einem Griff unter die Arme hoch. Sie konnte sich an mehreren Stellen festhalten und in rund 5 Sekunden entfernte man kurz den Rollstuhl und sie konnte sich nach einem halben Schritt nach links (wieder mit Unterstützung) in den Sitz sinken lassen. Das funktionierte tadellos, sie hatte bloß einen Hang zum großen Theater, wenn es soweit war und weigerte sich oft mit der Behauptung, sie könne das nicht.
Aber auf Christas Manipulierbarkeit war eben auch Verlass. Trotz all dem Gequengel stand sie nämlich wie eine Eins und fast von selbst, sobald man androhte, sie bleibe sonst im Rollstuhl sitzen. Zur vorschriftsmäßigen Sicherung ihres fahrbaren Untersatzes hatten wir nämlich durchaus alles dabei, nur konnte sie es auf den Tod nicht ausstehen, im wackeligen Stuhl gefahren zu werden und entwickelte stets von neuem eine lebhafte Panik vor diesem Fahrtverlauf.
Thorsten war das glatte Gegenteil. Im Gegensatz zu Christa konnte er überhaupt nichts selbständig machen, einzig aus ihm dargereichten Strohhälmen trinken. Aber er kannte das Leben nicht anders und war mit seiner Situation offenbar mehr als zufrieden. Man sah ihn selten einmal nicht lachen, er redete ununterbrochen von tollen Dingen, die er erlebte und schaffte es ganz nebenbei, dass man sich als nicht gehandicapter Mensch mal wieder über die kleinen Dinge freute. Er quittierte jeden noch so schlechten Witz mit einem infernalischen Lachen, das einen oft sogar erschreckte. Zudem hatte er eine erfrischend eigene Interpretation von Taktgefühl. So überraschte er mich während meiner ersten Woche zwischen Tür und Angel mit der Frage nach meinem Alter. Ich sagte ihm, ich sei 21 Jahre alt und von ihm kam – nur echt mit einem Lächeln – folgende Aussage dazu:
„Da siehste mal. Ich bin 33 und dabei haben die Ärzte damals gesagt, ich schaffe keine zwei Wochen!“
Man könnte vereinfachend sagen, dass man dem Kerl nie böse sein konnte, selbst wenn man es versuchte. Und der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Sein Vater fiel ihm schon mal wie folgt ins Wort:
„Ach sei Du doch mal ruhig. Vielleicht hättesch Du damals doch glei draufgehe solle, wie der Dokter g’sagt hat. Dann wärsch Du nie so frech g’worde. Obwohl, ganz luschtig bisch ja dann scho.“
Dass in so einem Umfeld falsche Zurückhaltung und überbordende Korrektheit keine Chance hatten, erwähne ich nur der Vollständigkeit halber.
Thorsten musste jeden Morgen mit Hilfe seines Vaters aus dem Bett gehoben, in den Aufzug getragen und zwei Stockwerke tiefer in seinen Rollstuhl gesetzt werden. Ihn mit seinen bald 80 kg Lebendgewicht durch die Gegend zu wuchten, ohne dabei zu grob zu werden, auch wenn er mal wieder vor Lachen verkrampfte, war eine harte Übung. Eine Übung jedoch, die mehr als nur wie üblich durch das Lächeln der Anwesenden entlohnt wurde.
Wie eingangs erwähnt: Die Familie hatte etwas mehr Geld als der Durchschnittsbürger und erst recht als wir Fahrer. Für eine ungelernte Tätigkeit war unser Lohn zwar ganz ansehnlich, die 1000-Euro-Marke auf dem Konto sahen jedoch auch wir bestenfalls von unten. Ich, vorerst als Minijobber eingestellt, sowieso.
Jeden Donnerstag aber steckte Thorstens Vater uns finanziell klammen Fahrern fürstliche 80 Euro zu. Zu hohen Feiertagen oder unseren Geburtstagen gab es bisweilen das Doppelte und in unregelmäßigen Abständen legte er Einkaufsgutscheine eines gehobenen Feinkostladens bei, auch diese gerne mal im dreistelligen Bereich.
Das war vor allem im Vergleich ein verdammt hohes Trinkgeld. Wir hatten viel arme Kundschaft, die meisten bezahlten ihre Fahrten mit Gutscheinen vom Sozialamt. Da war man froh, wenn man einmal die Woche irgendwo zwei Euro zugesteckt bekam. Und die wenigen Leute, die mehr gaben, kannte man mit der Zeit alle. Aber alleine durch die regelmäßigen Beigaben von Thorstens Vater konnte ich es mir Ende 2003 erlauben, von zu Hause auszuziehen – obwohl auf meinem Gehaltszettel weiterhin nur 400 Euro standen.
Und im Gegensatz zu anderen Kunden, die hohes Trinkgeld als Druckmittel verwendeten, um entweder Extras zu bekommen oder vorhandene Unannehmlichkeiten zu entschädigen, war das bei Thorsten nie der Fall. Wir fuhren im schäbigsten Vereinsbus vor, trugen verbeulte Klamotten und mussten hier und da natürlich auch mal Wünsche abschlagen, zur Eile drängen – was einem im Rahmen eines Jobs eben manchmal passiert. All das störte weder Thorsten, noch seine Eltern und das nächste kleine Beutelchen mit Geld war uns trotz ausgefallenem Auto, ausgebliebener Rasur oder aus der Haut fahrender Christa sicher.
Und auch im Auto war Thorsten eine Freude. Er liebte Musik und ging oft auf Konzerte, von denen er dann auch wasserfallartig erzählen musste, bis Christa ihn in seiner Euphorie unterbrach und ihm erklärte, dass das alles – genau! – scheiße sei.
Bis auf wenige Zwischenrufe blieb es aber im Auto meist friedlich.
Die Zeit zwischen den Stopps konnte man als Beifahrer ebenso gut mit Schlafen herumbringen, auf der Tour waren wir nur um Thorsten zu tragen und aus rechtlichen Gründen zu zweit. Das allerdings hat uns die Arbeit sehr erleichtert und war der Einstufung von Thorsten zu verdanken, der als krampfanfällig galt. Offiziell lautete zwar unsere Arbeitsanweisung im Fall der Fälle weiterfahren und Notarzt rufen, inoffiziell hatten wir von Thorstens Mutter Instruktionen zum Setzen einer Notfallspritze mit irgendeinem Zeug bekommen, das wahrscheinlich auf dem Schwarzmarkt hoch begehrt war. Alleine: Es kam nie zu Notfällen. Thorsten war seit etlichen Jahren anfallsfrei und so gestaltete sich der normale Arbeitsalltag doch relativ locker. Also abgesehen von Christas schlechter Laune.
Von der Tour wurde ich irgendwann abgezogen, arbeitete aber weiter im Fahrdienst. So langsam war ich der alte Hase, arbeitete Vollzeit und bekam meine eigene Tour. So wie ich damals quasi von Mulu eingestellt wurde, besorgte ich nun den Leuten um mich herum einen Job. Die meisten wurden hier und da für so genannte Taxi-Touren eingesetzt, Touren die recht kurzfristig von meist einzelnen Kunden bestellt wurden. Solche schob ich auch gerne mal zwischenrein, hauptsächlich blieb ich aber den festen Tagestouren zu unterschiedlichen Einrichtungen treu und hatte es geschafft, auf dem Beifahrersitz neben mir meinen Bruder zu platzieren. Wir waren ein gutes Team mit viel zufriedener Stammkundschaft, das Leben ging eben weiter. So ganz verlassen aber hat mich die Tagesstätte nie.
Jahre später habe ich die Nachricht von Christas Tod betroffen zur Kenntnis genommen, wenngleich es wahrscheinlich besser für alle war. Thorsten habe ich hier und da mal im Rahmen von Taxi-Touren auf Konzerte begleitet, die ich selber besuchen wollte und das letzte Trinkgeld von seinem Vater bekam ich erst kurz vor meinem Umzug nach Berlin. Da hatte ich ihn über ein Jahr nicht mehr gesehen und Thorsten mehr zufällig auf einem Sommerfest getroffen. Er stand da einfach in der Sonne rum, schlürfte einen Apfelsaft und quatschte mich blöd von der Seite an:
„Ey Du da! Greif mal in meine Tasche! Ich hab da was von meim Vadder!“
Neben einer ansehnlichen Geldsumme steckte ein verzierter Zettel aus hochwertigem Briefpapier in dem Umschlag. Er hätte von meinem Umzug erfahren, schrieb er. Er wünsche mir alles erdenklich Gute und er bedanke sich für meinen nimmermüden Einsatz und die wertvolle Hilfe, die ich für die Eltern und Thorsten all die Jahre gewesen sei.
Ein schöner, ein ergreifender Moment. Ein Moment, der mich mehr als viele andere schöne Situationen an die Personenbeförderung gebunden hat. An dem Abend selbst hingegen habe ich mich dazu entschieden, das Geld lieber in eine vorübergehende Fahruntauglichkeit zu investieren und mir erstmal ein Bier geholt.
(Dieser Text war ein Kapitel des eBooks „Papa, ich geh zum Zirkus“ von 2013)