Fahrdienst – eine Einstellungssache
Ich habe es versucht. Ich war der Meinung, dass man sich als Bewerber für einen Job am ehesten an den Chef, das Personalbüro oder eine sonst irgendwie zuständige Stelle wenden sollte.
Diese Anstellung sollte ich so aber nicht bekommen.
Die Wochen nach dem Zivildienst waren recht heitere. Nach dem letzten Sold kam noch die Aussteigerkohle und forderte mich geradezu heraus, zu beweisen, dass auch dieser Betrag endlich war.
Ich verbrachte viele Abende in meiner Stammkneipe, aber trotz zahlreicher Biere war mir klar, dass ich mich zumindest bei Gelegenheit auch zu etwas anderem außer Trinken hinreißen lassen sollte. Dummerweise war mir während meiner Zivildienstzeit doch nicht – wie eigentlich erwartet und vor allem erhofft – die plötzliche Erleuchtung gekommen, was ich mit meinem Leben anstellen könnte. Ich suchte also wieder nur irgend etwas, das mich über die Runden kommen ließ.
Da die Gründung von Facebook gerade erst in Planung war und ich ohnehin noch kein Internet hatte, ergab sich der erste Kontakt zu meinem neuen Job auch in besagter Stammkneipe. Mulu war regelmäßiger Gast dort, allzu viel hatten wir bis dato allerdings nicht miteinander zu tun. Vielmehr trug meine Mutter ihm zu, dass ich einen Job suche, während er ihr erzählte, dass gerade sein Kollege abgesprungen war. Dass für das Dilemma eine recht einfache und naheliegende Lösung existierte, erkannte Mulu glücklicherweise umgehend und quatschte mich eines schönen Abends blöd von der Seite an.
Ich hatte keine Ahnung, was er überhaupt machte, aber das ließ sich durch ein kurzes Gespräch erörtern: Behindertenfahrdienst.
OK. Das war nun einer der Punkte, die mich haben zweifeln lassen. Denn wenn ich ehrlich war, hatte ich meinen Führerschein erst seit einem Jahr und Behinderte hatte ich allenfalls mal im Fernsehen gesehen. Den Umständen entsprechend hab ich aber einfach mal ja gesagt und die Nummer des Fahrdienstleiters entgegengenommen.
Während Mulu mit mir im Verlauf des Abends noch ein paar Bier trank, versuchte ich mich schon einmal mental auf das Vorstellungsgespräch einzustellen, das ich am nächsten Tag führen sollte.
Am Telefon sprang mich eine geradezu unnatürlich fröhliche Stimme an, die ich alsbald wissen ließ, dass ich gewillt war, mich im Sinne des Vereins als Arbeiter nützlich zu machen. Das Gespräch dauerte runde fünf Minuten und endete mit einer ohne große Floskeln vorgebrachten Absage.
Wer jetzt meint, ich wäre mit dem Ergebnis unzufrieden gewesen, der hätte am selben Abend einmal Mulu zuhören müssen. Für seine Tour waren zwei Leute notwendig. Zum Tragen einer der Leute und – wichtiger eigentlich noch – rein rechtlich, um im Falle eines epileptischen Anfalls bei der Kundschaft sowohl einen Helfer als auch einen Fahrer im Auto zu haben.
Der Situation entsprechend angespannt, angenervt und inzwischen auch angetrunken schlug Mulu die Aussagen des Chefs komplett in den Wind und forderte mich auf, einfach am nächsten Morgen mitzukommen. Wir vereinbarten einen Treffpunkt – die Stammkneipe natürlich – und so war ich an einem schönen Frühlingstag im Jahre 2003 plötzlich Beifahrer in einem Behindertenbus. Nicht, dass ich ernsthaft eine Hilfe war, im Wesentlichen bemühte ich mich, den bohrenden Fragen einer renitenten Kundin aus dem Weg zu gehen, die Menschen im Allgemeinen und die unausgebildeten unangemeldeten Beifahrer im selben Auto im Speziellen im Verdacht hatte, ihr nur Ärger machen zu wollen. Des Weiteren versuchte ich einfach, wenigstens ein bisschen weniger untätig zu wirken, als ich es war. Ich glaube, ich habe zum Abschluss einem Kunden den Rollstuhl geschoben. Für zwanzig Meter, vielleicht sogar für dreiundzwanzig. Ebene Strecke. Ohne Feindkontakt. Das war zweifelsohne ein Job, der wie gemacht war für mich!
Das galt es anschließend nur noch dem Fahrdienstleiter klarzumachen.
Ohne weitere Höflichkeiten schleifte Mulu mich hinter sich her ins altehrwürdige Hauptquartier des Vereins und positionierte mich gegenüber einem Grinsen, das zweifellos zu der Stimme am Telefon gehörte.
„So, das hier ist der Sascha, der ist heute mitgefahren auf meiner Tour und ist ab jetzt mein neuer Beifahrer!“
Ich hätte zu diesem Anlass dieselben Fragen wie am Vortag erwartet, die Gegenwehr jedoch war gering. Mir wurde ein Formular zugeschoben, unter Bedauern mitgeteilt, dass es vorerst leider nur eine geringfügige Beschäftigung wäre, aber super, dass ich da wäre, ehrlich, schließlich würden sie ja Leute suchen.
Ich verließ das Büro nach Abschluss der Formalitäten mit einem gewissen Erstaunen, folgte Mulu aber einfach blind und fand mich fünf Minuten später hinter einer großen Cola in unserer Kneipe wieder. Wir verabredeten uns dann zur Nachmittagstour und fortan hatte ich einen Job. Und zwar ziemlich lange.